Brustschmerzen

An den Wänden des Wartezimmers hingen ein paar Blumenbilder. Nichts außergewöhnliches, nur das, was man erwartet, wenn man dort sitzt und vor sich hinstarrt. Auf dem Glastisch vor mir lagen die Zeitschriften eingepackt in eine Schutzhülle aus Papier. Die Titelseiten sind anscheinend so wertvoll, dass man sie extra schützen muss. Vielleicht dient dieser Schutz aber auch uns wartenden Patienten, damit uns die Entscheidung überlassen bleibt, ob wir den Blödsinn sehen wollen oder nicht. Ich weiß gar nicht, warum ich den Plural beim Wort Patient wählte, denn ich saß allein in dem Raum. Die Rezeption war außerhalb, aber immerhin stand die Tür dazwischen offen. Alle anderen Räume waren durch weiße Türen mit Plastikgriffen verschlossen. Hier saß ich also und wartete eine Weile. Ich kann nicht sagen, wie lang es war, aber ich starrte träumend vor mich hin und wurde wie aus dem Nichts von der Frau an der Rezeption aus meinem Traum gerissen, ich dürfte nun zum Doktor.

„Nun, was fehlt uns denn?“, fragte er mich und ich sah ihn verwundert an. Er lachte los und entschuldigte sich, aber er brachte diese Floskel von Zeit zu Zeit an, um zu schauen, wie die Leute darauf reagierten. Er war wohl doch nicht ganz alte Schule, dachte ich mir und fühlte mich erleichtert. Es ist eben nie verkehrt, ein Gespräch mit einem Witz zu beginnen. „Also, Herr Fröhlich, dann legen Sie mal los“, gab er von sich. „Können Sie mir mein Herz herausnehmen? Ich habe es bereits verloren und verschenkt. Zerrissen wurde es mir auch, aber dennoch spüre ich es immer wieder schwer schlagen“, erklärte ich. „Knöpfen Sie mal Ihr Hemd auf“, schlug er vor und hörte mich ab. „Das klingt recht dumpf. Mir scheint, sie haben es mehrfach verschlossen, so dass es nur schwer zu öffnen ist. Ich will Ihnen da keine Hoffnung machen, aber ich befürchte, damit müssen Sie leben.“ „Und wie lang?“ „Nun, vermutlich bis ans Ende Ihres Lebens, aber vielleicht knacken Sie oder eine andere Person das ein oder andere Schloss.“ „Aber wenn es so offen dar liegt, ist das nicht gefährlich?“ „Durchaus, durchaus. Aber worum sorgen Sie sich, eben noch wollten Sie, dass ich es entferne.“ „Ja, das stimmt schon, aber so ein Eingriff wäre doch bei weitem nicht so schmerzhaft, wie ein offenes Herz, denke ich. Ich kenne das ja von einem abgerissenen Fingernagel…“ „Es bleibt ja Ihnen überlassen, ob Sie es nun öffnen wollen oder nicht. Aber glauben Sie mir, es lohnt sich“, sagte der Arzt und erhob sich. Er schrieb noch etwas auf einen Zettel und drückte ihn mir in die Hand: „Geben Sie den vorn an der Rezeption ab. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag“ „Okay, vielen Dank. Glaub ich.“

Ich verließ das Behandlungszimmer und stand direkt vor der Rezeption. Die Frau dahinter war beschäftigt. Mein Blick ging nach rechts in das Wartezimmer, es war leer. Draußen vor dem Fenster stand ein alter Baum und seine braun-roten Blätter wehten leicht im Wind. „Ja, bitte?“, kam es von der Frau hinter dem Tresen. „Hier, das ist für Sie.“ Sie nahm den Zettel und las ihn, ich träumte vor mich hin. Sie riss mich sofort wieder aus dem Traum: „Sehr gern komme ich.“ Ich blickte Sie verwundert an. „Wohin kommen Sie?“, fragte ich. „Na ins Café heut Abend um 6 Uhr. Und bitte, da sollten wir dann lieber Du zu uns sagen.“ Sie gab mir den Zettel zurück und ich verließ die Praxis.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

27 Kommentare zu „Brustschmerzen“

  1. Hihi, beim Wort Brustschmerzen hatte ich kurz selbst Brustschmerzen 😀 (Kardiophobie^^)
    Aber die Geschichte gefällt mir sehr! Wenn das so ginge, ach, das wäre ein Traum! Aber eben nur eine Geschichte. 😉
    Leider braucht es mehr um ein Herz wieder zu öffnen, obwohl es ja eigentlich gar nichts braucht. 😉 Schöne Logik, schöner Stoff zum Nachdenken. 🙂

    Liebe Grüße!

    1. Vielen Dank und geheilt ist der Kerl in der Geschichte ja nicht gleich. Ist ja auch nicht so, wenn du dir Arznei holst, die muss ja auch erst einmal wirken. Und ob die Krankheit dann geheilt ist…wer weiß 😉
      Es freut mich, dass es dir gefällt.
      Liebe Grüße.

  2. Das ist alles ein einziges Risiko.
    Herz offen. Herz verschlossen, mehrfach. Herz weg. Hmm …. 😉 Aber der Doktor ist nicht blöd. Rausnehmen erscheint auch mir nicht als die beste Lösung. Die Frage ist, ob wir warten sollten, bis jemand anders den Schlüssel zum Herzen findet oder ob wir einfach selber nach dem Schlüssel suchen gehen …. blöd ist, dass man manchmal viel durchwühlen muss und dann kostet es auch noch Mut und und und …
    Hmm … ob so’n Rezept vom Arzt wirkich helfen täte?? Ich weiß ja nicht. 😉
    Schmunzelnde Grüße!!

    1. Das Rezept ist doch nur ein erstes Mittelchen. Die helfen doch eh nie so wirklich, aber man fühlt sich besser damit 😉

      Ob man selbst sucht oder suchen lässt…wer weiß…ich schmunzle zurück 🙂

      1. Stimmt. Haste Recht. Irgendwie wirkt das ein wenig und vielleicht hilft es, erste Schichten zu lockern. 😉 und das ist positiv.
        Und am Ende, glaube ich trotzdem, sucht man immer selbst. Aber manchmal bekommt man unerwartet Hilfe. LG

      1. Das Herz ist ein Muskel. Wenn du dir einen anderen Muskel verletzt, schonst du ihn doch auch erst mal. Ich habe das Gefühl, der Doktor verschreibt einen Marathon bei Muskelfaserriss.

      2. Interessant, wie du das liest. Ich habe schon lange keine Beziehung gehabt und daher war für mich klar, dass es nicht darum geht von der einen zur nächsten zu hopsen. Ich kann nur anhand der Einträge in deinem Blog vermuten, dass du es deswegen ganz anders liest, eben mit schnellem Wechsel zwischen Personen.

      3. Nö, das meinte ich gar nicht. Manche Verletzung sitzt einfach tiefer (bei mir geht ja gar nix tief, die häufig wechselnden Personen lass ich ja gar nicht an mein Herz, das gibt nicht mal Kratzer), und dann dauert es einfach bis es heilt. Und bis man es wieder voll belasten kann. Ganz unabhängig davon, wie lange es her ist.

  3. Tolle Worte, Ben! Ich denke, das Herz merkt, wenn es Zeit ist sich zu öffnen und lässt dann Stück für Stück mehr Tiefe zu, was nicht heißt, dass dies ein einfacher, kurzer und schmerzfreier Prozess ist.

  4. Sehr berührende Worte, die tief ins Herz gehen und tief sitzen und schwer, eigentlich in Worte zu fassen sind, aber du hast sie gut getroffen. Sie wecken den Schmerz und aber auch das andere Gefühl wieder aufweckt, das tief, sehr tief schlummert und nicht raus will, ja Gefühle werden gedeckt in beiden Seiten. Danke für die schönen Gedanken.

    1. Hallo und vielen Dank für deine Worte. Ich denke, wir alle kennen dieses Gefühl und kennen diese Momente, in denen wir uns fragen, warum unser Herz so verschlossen ist und ob es jemals wieder offen sein wird. Und dann plötzlich passiert es doch wieder. Es trifft voll ins Herz… ich wünsche dir ein schönes Wochenende,
      Ben

      1. Immer wieder gerne. 😉

        Ja auch wenn die Frage geklärt ist, warum wir unser Herz verschlossen haben, wird zwar manches anders gelebt, aber die Angst wieder einen riss zu bekommen, kann nur einer kitten der den selben riss erlebt hat und gemeinsam kittet…..

        Danke dir auch ein schönes Wochenende Ben 😚

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