Durchdrehen

Ein Waschsalon, das ist doch eigentlich ein hochsozialer Punkt. Man geht hin und hat nur die Wäsche im Sinn, doch dann trifft man Menschen aus aller Herren Länder (übrigens darf mir jemand gern erklären, was es mit dieser Redensart auf sich hat) und erfreut sich an den Gesprächen mit Ihnen. Draußen blicken die Menschen durch die großen Scheiben hinein, hinter denen es selbst im Winter angenehm warm ist. So stellte ich mir das immer vor und zu einem Teil stimmt das auch. Es sind große Fenster und drinnen ist es feucht-warm. Die Menschen kommen auch von überall her, aber sie reden nicht. Nein, hier ist es eher wie im Fahrstuhl oder im Wartezimmer. Hier herrscht Stille. Warum eigentlich. Warum schaut einen niemand an, warum nicht mal ein Nicken, um mich willkommen zu heißen? Der Raum ist voll von Menschen. Alle warten und alle schweigen. Sie blicken zu Boden und manch einer mag frustriert sein, weil keine Maschine frei ist…wer weiß.

Meine wird gerade fertig und ich lade das Zeug in einen Korb, um es zum Trockner zu bugsieren. Kaum habe ich der Maschine den Rücken zugekehrt, hechtet ein Mann hin und wirft sein Zeug hinein. Ich schaue zurück, doch er registriert meinen Blick nicht. Sehr schade. Wir hätten eine schöne Palette an Hautfarben, würden wir uns nebeneinanderstellen. Aber jeder wurschtelt mit seiner Wäsche rum. Das hab ich mir irgendwie anders vorgestellt. Irgendwie belebter. Lebendiger eben. Ein Kind wäre hier großartig, das würde die Stille zerreißen. Es wäre laut und warum auch nicht, so wirklich leise ist es zwischen den Waschmaschinen und den Trocknern eh nicht.

Neulich Abend saß eine Studentin an einem Tisch in der Mitte. Sie lernte. Das fand ich dann doch irgendwie schön. Sie hatte sich wohl überlegt, was sie mit all der Stille von den Menschen anfangen könnte.

Ich gebe das nasse Zeug in den Trockner, füttere ihn mit Geld und werfe ihn an. Dann gehe ich zur Eingangstür, öffne sie und werfe einen letzten Blick in den Raum. Nur ein Blick und ich verabschiede mich lauthals. Nein, meine Stimme bleibt auch stumm, während ich mich in die Nacht verabschiede.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

7 Kommentare zu „Durchdrehen“

  1. Ehrlich gesagt, ich mag ja sowas. Ich bin vor langer Zeit auch mal eine ganze Weile regelmäßg in den Waschsalon gegangen. Ich habe das meistens sehr genossen. Wäsche rein, auf einem Tisch in der Ecke sitzen, sinnieren, lesen oder gar nichts tun, die anderen beobachten, schweigen. Diese Vakuum-Räume, in denen man einfach sein kann und nichts muss, in denen die Zeit ein paar Momente still steht, wo man fremd sein darf und ruhig sein kann. Ich habe sogar das ein oder andere Gespräch mit anderen Wartenden damals geführt, zufällige Begegnungen, eine halbe Stunde geteilte Zeit. War schön irgendwie. Aber nicht ’nötig‘, weißt du, was ich meine? Ich war da auch gern einfach nur so. Und konnte denken, träumen oder beobachten.

    1. Ja, absolut. Ich mag das auch. Mir war gerade eben nach einem eher dunklen Blick. Ich genieße selbst die ruhigen Momente viel zu sehr, um sie zu verurteilen. Und der „Held“ in dieser Geschichte schweigt ja ebenso 😉

  2. Ben, Du schreibst mir aus der Seele. Ich liebe Deinen Blog und ich glaube, dass wir da sehr beisammen sind! Solche Momente erlebt jeder Mal und will das kommunizieren, kann es in dem Moment aber nicht….

    1. Vielen Dank, jetzt fehlen mir die Worte…ich freue mich, gerade weil ich deine Worte immer als Ansporn für mich sehe. Du schreibst klar und detailliert, was ich meist nur erahne. Danke sehr.

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