Hänsel und Gretel – eine Frage der Perspektive

Es waren einmal die Geschwister Hänsel und Gretel, welche im Haus ihrer Eltern lebten. Mutter und Vater schufteten jeden Tag schwer, damit es den Kindern gut ging, doch es reichte einfach nicht. Wie sehr genossen es die Eltern mit den Kindern in den Wald zu gehen, welche diese Ausflüge hassten und sich stattdessen nur zu gern einen Spaß daraus machten, wegzulaufen und die sorgenden Eltern zu erschrecken. An einem Tag aber wurde Hänsel das Spiel zu langweilig, er schlug Gretel vor, tiefer in den Wald zu laufen. Die Rufe der Eltern verhallten und die Kinder fanden einige Stunden später das Haus einer alten Dame.

Die Frau, welche dort lebte, hatte Kuchen und Kekse gebacken und sie vor dem Haus zum Abkühlen verteilt. Die Kinder sahen die Süßigkeiten und naschten ohne zu fragen davon. Als sie hörten, dass die Alte aus ihrem Haus kam, versteckten sie sich und lachten darüber, als die Frau fragte, wer wohl an ihrem Gebäck geknabbert hätte. Sie flüsterten, dass es der Wind, das himmlische Kind, gewesen sei und erschreckten sie darauf lauthals. Der alten Frau fuhr es bis ins Mark, doch sie war so herzensgut, dass sie beide Kinder ins Haus bat und fragte, warum sie denn alle Süßigkeiten angeknabbert hätten. Die Kinder logen, dass sie keine Eltern mehr hätten und seit Tagen durch den Wald irrten. Die gute Frau bot den Kindern an, dass sie bei ihr bleiben dürften. Diese willigten ein und ließen sich gut bekochen. Eines Tages tat der alten Frau der Rücken weh und sie bat Gretel, ihr den Ofen anzuzünden. Diese jedoch hatte keine Lust darauf und tat so, als wüsste sie nicht, wie das funktionieren würde. Sie ließ es sich von der guten Frau zeigen, welche sie dabei in den Ofen schubste und ihn von außen verriegelte. Der Ofen hatte bereits Feuer gefangen und die Frau verbrannte jämmerlich. Hänsel und Gretel wussten, dass dieser Spaß zu weit gegangen war und sie dafür Ärger bekommen würden. Sie wollten sich aus dem Staub machen, jedoch nicht, ohne all das Hab und Gut der Frau mitzunehmen.

Zu Hause wartete der Vater. Seine Frau war vor Sorge gestorben und so war er umso glücklicher, als die beiden Kinder plötzlich vor ihm standen. Er fragte nicht, wo sie gewesen seien und warum sie so gut genährt waren. Sie gingen müde ins Bett und der Vater schlief seit langer Zeit wieder friedlich ein. Am nächsten Morgen wurde er von einem lauten Klopfen an seiner Haustür geweckt. Es stand ein Polizist davor, welcher ihn zu einer alten Frau und ihrem abgebrannten Haus im Wald befragte. Der Mann hatte keine Ahnung, dann schickte der Polizist den Mann in ein anderes Zimmer und befragte die Kinder. Diese erzählten ihm eine ganz eigene Geschichte. Die Eltern hätten sie ausgesetzt und eine alte Hexe hätte sie gefangen genommen. In Notwehr hätten sie sie in den Ofen geschubst.

Einige Zeit später fand ein angehender Jurist namens Grimm die kindliche Aussage und schrieb sie für die Nachwelt auf.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

6 Kommentare zu „Hänsel und Gretel – eine Frage der Perspektive“

  1. Was für ein phantastischer Perspektivwechsel, lieber Ben! Die märchenaffinen Synapsen beginnen gleich an zu tanzen: Rotkäppchen, deren Wunsch nach einen süßen Kuschelhund unerfüllt blieb, Rapunzel, die auf dubiose Haarverlängerungsangebote einging oder die arme Jungfer zart, die eigentlich Frauen liebte und deswegen alle Männer verspottete…

    Vielen lieben Dank für diese Gedankenankrawummserey, Deine Käthe, herzlich grüßend.

    1. Ich denke, dass es uns am einfachsten fällt, solch ein Märchen aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Im wahren Leben ist es umso wichtiger, aber scheinbar auch umso schwerer. Ich lese aber gern auch eine Langform einer deiner Märchen-Perspektivwechsel 😉

      1. Ja leider, lieber Ben. Und mich deucht, immer weniger Menschen versuchen wenigstens, sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen. Wie fühlt es sich an, angepöbelt, ignoriert oder belästigt zu werden…

        Die Idee der Andersmärchen, ich hüte mal ein Samenkörnchen in mir drin. Danke dafür und überhaupt, liebe Grüße, die Deine.

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