Sprachlos

Vielleicht hätte man mir¬¬ früher helfen können, wenn man es früher erkannt hätte. Das sind Aussagen von Ärzten, die sich wohl ganz gern selbst trösten möchten, weil sie nicht verstehen, dass auch sie nicht für jedes Problem eine Lösung kennen und dass es zwischen gesund und tot noch andere Zustände gibt, die man als Mensch durchlebt.
Früher erkennen, das wäre wohl damals mit zwölf gewesen, als ich zuhause saß und merkte, dass etwas anders war. Als ich sprechen wollte und es auch tat, nur die Worte andere waren, als jene, die ich nutzen wollte. Ich ging damals zu meinem guten Freund, der ein paar Häuser weiter wohnte und nicht zu einem Arzt. Ich stand merkwürdig brabbelnd vor seiner Tür. Er lachte nicht eine Sekunde. Vielleicht erkannte er an meiner Mimik, dass etwas gewaltig nicht stimmte oder an der Geschwindigkeit, in der ich Wörter in ungeordneter und sinnloser Reihenfolge sprach. Er schlug mir damals vor, die Fahrräder zu nehmen und zum nahegelegenen See zu fahren. Wir ließen die Beine ins Wasser baumeln. Ich schwieg und er mit mir. Irgendwann ging ich zaghaft mit dem Reden an und auch wenn es immer wieder ein paar falsche Wörter in meine Sätze schafften, so fand ich meine Sprache an jenem Sommertag wieder und hatte den Schock schnell verdaut.
Es war wie ein Albtraum, den ich überwunden hatte und an den ich mich lange Zeit nicht mehr erinnerte, bis es weitere zwölf Jahre später begann, dass mir immer wieder die Worte nicht einfallen wollten. Ich fand es nicht besorgniserregend, denn da geht es vielen Menschen so, aber ich erinnerte mich an jenen Nachmittag, wenn ich hin und wieder ein falsches Wort in den Satz einbaute. Mir war in den Momenten nicht einmal die korrekte Bedeutung bewusst, das unterschied sich zu dem Tag am See. Kaum merklich nahmen diese Aussetzer zu, aber mir kam es nicht merkwürdig vor, wie es bei solch schleichenden Veränderungen immer ist. Man merkt erst spät, dass es früher einmal anders war. Zudem war es ja auch immer ganz lustig, wenn solch ein Fehler passierte und über mich selbst lache ich doch am liebsten.
Vor einer Woche habe ich meinen 36. Geburtstag gefeiert und es passierte wie damals. Die Worte waren komplett verkehrt. Auch eine Reihenfolge gab es nicht. Prädikat, Subjekt, Objekt, nichts ist sicher. Es ist ganz eigenartig, denn ich spreche und erst während ich spreche und das Wort langsam wieder durch mein Ohr in meinen Kopf findet, merke ich die Fehler. Ich will sie korrigieren, doch dafür ist es zu spät. Die aufkommende Panik versuche ich mit Ruhe zu verdrängen und lasse mir all die Zeit, die nötig ist, um jedes Wort zu setzen und dennoch passieren mir Fehler.
Der Arzt kann mir keine Hoffnung machen und ich tue, was ich in den letzten Tagen nur zu gern mache: ich schweige. Mein Augenlid zuckt ein wenig, aber eine Träne wird sich nicht auf meiner Wange finden, darauf habe ich keine Lust und es hilft mir nicht. Ich werde die Welt von nun an anders beschreiben müssen. Vielleicht mit Farben auf einer Leinwand, da war ich noch nie sonderlich begabt drin, aber bei all den Jahren, die mir noch bleiben, habe ich genügend Zeit zu einem Meisterkünstler zu werden.
Wenn ich meine eigene Sprache vermisse, dann gehe ich ganz gern an belebte Plätze. Ich habe eine Freundin, die mich dabei begleitet. Ich warte eine Weile und lausche dem ungeordneten Gebrabbel der Masse. Ich beginne mit meiner Freundin zu reden, sie steht da und lauscht mir. Wobei ich glaube, dass sie mittlerweile gar nicht mehr hinhört, sondern nur die Züge meines Gesichts liest. Schön dabei ist, dass ich in dem Moment alles sagen kann, was mir auf der Seele liegt, wenngleich ich fürchte, dass es eines Tages so sein wird, wie im Kino, wenn man dem Sitznachbarn etwas recht laut erzählt und dann peinlich berührt stoppt, weil die sonst so lauten Geräusche des Kino abrupt verstummen und nur man selbst vom gesamten Saal gehört wird.

DIE gibt es nicht

Ganz starke Worte, für die ich mich bedanken möchte.

ellasblickwinkel

Ich bin Frau. Ich bin Tochter eines Arabers und einer Migrantin aus dem europ. Ausland. Ich bin Opfer sexueller Gewalt.

Es gab in meinem Leben Missbrauch, sexuelle und körperliche Gewalt. Das letzte was ich tue ist, das an Kultur, Nationalität, Geschlecht oder Religion festzumachen.

Arschloch ist Arschloch, unabhängig von Herkunft, Glaube, Geschlecht, Aussehen, Nation und politischer Einstellung.

Ich weiß wie es ist, von mehreren Männern gleichzeitig vergewaltigt zu werden, darunter der eigene Ex-Freund. Ich weiß wie es ist, vom Partner mehrmals vergewaltig, sexuell misshandelt, verfolgt, geschlagen und bedroht zu werden.

Trotz dieser negativen Erfahrung habe ich mich nie vom männlichen Geschlecht abgewandt. Dafür gibt es zu viele positive Gegenbeispiele in meinem Leben. Die Mehrheit der Männer sind keine triebgesteuerten, notgeilen Wesen, die ihren Frust an Frauen auslassen. Nicht jeder Mann ist ein potentieller Vergewaltiger. Nicht jede Frau ist eine potentielle Vergewaltigerin. Weil es DIE nicht gibt.

Ich weiß um das…

Ursprünglichen Post anzeigen 732 weitere Wörter

Unterschiede

Ich weiß gar nicht, ob dir bewusst war, wie sehr ich es liebte, wenn du mich in den Wald begleitetest. Es war die einzige Zeit, in der ich dir die Welt erklären konnte. Meine Welt zumindest. So oft saß ich neben dir und lauschte den Gesprächen zwischen dir und deinen Freundinnen und Bekannten und so sehr ich es auch versuchte, ich konnte den Anschluss nicht finden. Ich kam mir wie ein Schuljunge vor, der Vokabeln lernt, wenn ich versuchte, eure Themen zu verstehen und mich heimlich informierte. Im Wald aber, da schwiegst du und hörtest mir gespannt zu, wenn ich über Spuren und die Früchte der Natur sprach. Bis zu unserem ersten Spaziergang durch den Wald hatte ich das Gefühl, dass ich dir niemals das Wasser reichen können würde, aber erst da wurde mir bewusst, dass wir uns in unserem jeweils eigen Kosmos bestens auskannten und es liebten, einander zuzuhören und dadurch ein wenig in diese Welt eintauchen zu können. So unterschiedlich waren wir denn gar nicht, du warst ebenso eine Expertin in deinem Gebiet, wie ich in dem meinigen, das wurde mir leider erst spät bewusst, als wir die eine Welt, die nur die unsere war, zerstörten. Unüberwindbar schienen unsere Unterschiede und dabei waren da nur Gemeinsamkeiten, wenn wir einander wortlos in die Augen sahen und wussten, dass alles gut war. Nur hatten wir uns in den Streitereien nicht einmal schweigend in die Augen gesehen.