Wo die Welt noch in Ordnung ist (1)

Kennt ihr diese Orte, die einen betrüben? Orte, die nachdenklich machen, weil sie zerfallen sind und kaum jemand sie bewohnt? So einen Ort fand ich, als ich mich mal wieder auf meinen inneren Kompass verließ und statt der Autobahn dieses kleine Kaff ansteuerte, welches früher mal ein gemütliches Touristendörfchen an der See gewesen sein mag, doch mittlerweile nur noch heruntergekommene und baufällige Häuser aufwies. Ein alter Mann blickte mich verkniffen an, er trug einen Blaumann und ein T-Shirt, welches womöglich mal weiß gewesen sein mag. Ich hielt an, um ihn nach dem Weg zu fragen: „Guten Tag, ich habe mich verfahren. Wie komme ich am schnellsten zur Autobahn?“, fragte ich ihn, doch er drehte sich nur wortlos um und ging über die Garageneinfahrt wieder in sein Haus. Ich blieb einen Moment an die Tür meines Autos gelehnt stehen und horchte in die Stille dieses Dorfes. Es war unheimlich ruhig. Ja, wirklich unheimlich. Ich schloss die Augen, um die Geräusche besser wahrzunehmen, doch statt einer inneren Ruhe stellte sich nur eine Paranoia ein, welche mir in den Kopf hämmerte, dass ich vermutlich gerade aus allen Häusern heraus angestarrt wurde und so setzte ich mich wieder in mein Auto und drehte den Autoschlüssel im Zündschloss herum. Das Brummen des Motors hatte mir noch nie so gut gefallen, wie in diesem Augenblick und ich folgte der Straße. Nach gut drei Kilometern fand ich einen verlassenen Freizeitpark. Es gab hier ein zerfallenes Riesenrad und ein paar kleine Häuschen. Diese Zuflucht lag direkt am Meer und nachdem ich meinen Wagen abgestellt hatte, zog es mich als erstes zum Steg hin, der noch immer ins Meer hinauszeigte. Er war aus Beton, seine Beine jedoch zeigten die rötlichen Rostspuren vom Metall. Endlich ein Geräusch, welches ich genießen konnte und so sog ich die frische Luft ein, um meine Nase und meine Lunge von dem ganzen Dreck zu reinigen, den ich tagtäglich einatme. Ich setzte mich ganz vorn an den Steg und schloss meine Augen. Dieses Mal mit dem Gefühl von Freiheit und Frieden. Ich legte mich auf den Rücken, während meine Beine vorn über dem Steg hingen. Das Gefühl für Zeit ging mir verloren, bis ich vom Knirschen der Kieselsteine geweckt wurde. Jemand näherte sich.

13 unter tausend

Stellt dir vor, du bist unterwegs und du hast zwölf Freunde dabei. Ihr geht zu der Party, von der man euch mit leuchtenden Augen erzählt hat. Als ihr ankommt, merkt ihr, dass bereits tausend Leute da sind, die feiern. Der Türsteher lässt euch rein, aber er untersucht euch gründlich und zeigt euch die Ecke, in der ihr euch größtenteils aufhalten solltet.
Stell dir vor, einer von den tausend Leuten erklärt euch, dass ihr hier nicht mehr reinpasst. Tausend plus dreizehn sind zu viel.
Stell dir vor dieser eine Typ zerschmeißt das Fenster in deiner Ecke und demoliert die Wand. Er meint, du würdest die Party zerstören.
Stell dir vor, der Türsteher kümmert sich nicht um den einen Kerl, welcher pöbelt und auch nicht um die gröhlenden Leute hinter ihm, die dem Kerl zustimmen und ermutigen.
Wer zerstört jetzt eigentlich diese sonst so friedliche Feier?

Immer schön einfach

Es ist schon über ein Jahrzehnt her, da sprachen Politiker von Verdrossenheit. Sie suchten die Schuld bei sich und fanden eine Erklärung, die mir damals nicht schmeckte, mittlerweile weiß ich weshalb.

Man hätte Sachverhalte nicht gut genug erklärt, sondern kompliziert diskutiert und deshalb würden immer weniger Menschen zur Wahl gehen. Das war damals die Ansicht und dementsprechend müsste man sich darin üben, Sachverhalte einfach darzulegen. Die kurzfristige und einfache Lösung wurde gesucht und der Weitblick vergessen.
Die Frage ist doch, ob Politik komplizierter geworden ist und deshalb simplifiziert werden muss? Ich bezweifelte es damals und ich tue es noch heute. Interessant ist doch viel eher, dass man gleichzeitig auf die Idee kam, Sozialkunde und Geschichte zusammenzulegen. Ein Lehrer, der Geschichte unterrichtet, soll auch Sozialkunde unterrichten. Dieses eine Fach, welches sich der politische Bildung annimmt, darf verkommen. Denn das Resultat aus dieser Idee ist, dass nicht ein politikbegeisterter Mensch ein Fach unterrichtet, von dem es ganz nebenbei mehr als eine Stunde in der Woche bräuchte, sondern eben ein geschichtsbegeisterter, welcher über einen schnellen Weg zu einem Soziologieabschluss kommt. Soziologie als Drittfach auf Lehramt ist eine unheimlich leichter Abschluss und kein eigenständiges Studium, welches zum Denken anregen würde.

Man hatte also bemerkt, dass den jungen Menschen das Interesse an Politik verloren ging. Statt in der Schule ein Fach zu fördern, welches das Verstehen für die Prozesse im Parlament und in der Gesellschaft vermitteln kann, lässt man es lieber verkümmern. Stattdessen vereinfacht man Politik lieber. Und wundert sich, warum die Menschen plötzlich jenen hinterherlaufen, die keine Lösungen kennen, sondern nur Probleme benennen, die zu lösen wären, von denen aber behauptet wird, dass wir sie nicht schaffen könnten.

Denkfehler

Der größte Denkfehler von uns ist doch der, dass wir der Meinung sind, es besser zu wissen und besser zu machen, als die große Masse. Vielleicht hilft es ja, wenn wir begreifen, dass wir in diesem Fehlurteil vereint sind.

Die Fähigkeit einen Konsens zu finden zeichnet uns Menschen aus, dafür bedarf es keiner besonderen Begabung, einzig eine fundierte Meinung und die Fähigkeit einander zuzuhören, braucht es dafür. Wenn man jedoch davon überzeugt ist, dass man selbst vollkommen im Recht ist und die oder der Gegenüber somit im Unrecht, dann ist das keine Basis, um gemeinsam ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen.

Vertrauen scheint mir dabei die Grundlage zu sein. Vertrauen in eine ebenso weitsichtige Bereitschaft zum Zuhören und zum Revidieren der eigenen Gedanken beim Gegenüber. Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, dass ich einem Menschen begegnet bin, der nicht über solche Eigenschaften verfügt hätte. Die Bereitschaft war dann eher fragwürdig, aber ich gelange auch meist erst nach einer gewissen Zeit zu Erkenntnissen. Während ich manche Kritik frühzeitig abzublocken scheine, arbeitet diese weiterhin in mir weiter und wird durch meinen Kopf wie durch Kuhmägen geknetet und widergekäut, bis ich selbst zu einer neuen Ansicht gelange oder die Kritik als ungerechtfertigt abtue.

Entdecke ich einen Denkfehler bei einer anderen Person und kann diesen Fehler auch nach längerem Überdenken nicht anders bewerten, so versuche ich die Person da abzuholen, wo sie steht und sie nicht direkt mit dem Fehler zu konfrontieren. Ich merke auch, dass man solch einen Denkfehler gern überspitzt und jene Überspitzung dem Menschen vorwirft. Wie könnte dieser Mensch anders als mit Ablehnung darauf reagieren?

Ein Mensch handelt ständig und wird sich dabei immer anders verhalten, als es ein anderer Mensch für richtig hält. Das ist nicht schlimm, sondern ein Teil unseres Individualismus. Ich bin der Meinung, dass das eigene Handeln immer dem Wohl der Umwelt dienen sollte, wobei Umwelt alle Lebewesen einschließt. Ich weiß nicht, wie viele Menschen mir in diesen Gedanken zustimmen, aber ich glaube doch, dass die meisten Menschen ebenso denken. Nun stellt sich mir nur die Frage, warum es dann so viele unsinnige Diskussionen gibt, in denen zwei vollkommen verschiedene Welten aufeinandertreffen. Ist das unsere Inkonsequenz zwischen Ideal und Realität?

Die Erinnerung

Ein Augenblick nur ist es, der das schöne Gefühl des Abends wegwischt. Ich bin allein auf dem Fahrrad unterwegs und komme von Freunden, die ich unangekündigt besuchte. Es ist jedes Mal, als würde ich heimkommen. Auf dem Rückweg zu mir überquere ich die alte, holprige Steinbrücke und erblicke zwei Frauen. Die rechte von ihnen nehme ich kaum wahr, denn all meine Aufmerksamkeit liegt auf der Person neben ihr. Die Frisur, die Figur und der Gang, sie lösen die Erinnerung an diese seit Jahren vergangene Liebe aus. Ich radle an ihr vorbei und wage es nicht, den Kopf zu drehen. Ich habe Angst, dass sie es sein könnte. Ich habe Angst, ihren Blick zu sehen. Angst davor, dass ich kein freundlich-lächelndes Gesicht erhasche, sondern eines, das mich verständnislos anblickt und mich verwünscht. Noch zweihundert Meter rolle ich weiter, dann bremse ich und krame das Handy hervor. Was auf dem Display passiert, interessiert mich nicht. Ich denke nach und trete mir in den Hintern, und wende. Zurück zur Brücke; es fehlt jede Spur von ihr und zu viele Gassen führen in zu viele Nebengassen. Ich fahre alle ab und doch bleibt einzig die Erinnerung.