Das Gute im Menschen

Gestern hatte ich einen Auftritt mit einigen anderen Leuten. Wir waren eine von 90 Bühnen weltweit, auf denen sich Improvisationstheaterspieler zusammenfanden und mit dem Spiel Spenden sammelten. Die Spenden gingen an drei Projekte, mit denen Geflüchtete medizinische Versorgung erhalten bzw. über Musik eine universelle Sprache finden, mit der sie kommunizieren und verarbeiten können. Es war schön zu sehen, dass in den Theatersaal kein Zuschauer mehr passte und dass die Zuschauer bereit waren, diese Projekte direkt zu unterstützen. Wer heute Abend die Zahlen von den Wahlen mitbekommt, der mag sich ärgern und sich fragen, was mit den Leuten nicht stimmt. Eine Antwort darauf kann ich nicht geben, aber ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die ihre Menschlichkeit und Nächstenliebe bei weitem nicht verloren haben.

Der ganz normale Wahnsinn

Vor ein paar Jahren brauchte ich für die Anmeldung zum Staatsexamen eine beglaubigte Kopie meiner Geburtsurkunde. Dumm wie ich bin, ging ich hier vor Ort aufs Amt, natürlich ohne vorher einen Termin zu machen. Als ich dann irgendwann mein Anliegen vortragen durfte, wurde mir mitgeteilt, dass solch eine Urkunde bzw. eine Kopie davon nur in der Behörde meiner Geburtsstadt ausgestellt werden würde. Ich war tatsächlich davon ausgegangen, dass die Behörden miteinander arbeiten würden. So ging ich nach Hause und dumm wie ich bin rief ich dort an, um es mir schicken zu lassen, denn die Frist für die Abgabe war nicht weit entfernt und das Geld für die Heimreise war eigentlich nicht vorhanden. Am Telefon dann kam die Ernüchterung, ich dürfte das nur persönlich dort abholen. Solch eine Unterlage wird nicht per Post verschickt. Es leuchtete mir ein und ich machte mich wenige Tage später auf den knapp 500km langen Heimweg. Zum Amt ging ich mit meinem Vater, er hatte selbst etwas in der Stadt zu tun und so kreuzten wir gemeinsam in der Behörde auf. Ich erinnere mich nicht, nur ein Wort von mir gegeben zu haben, stattdessen hatte mein Vater mit einer Dame gesprochen. Keine drei Minuten später wurde ihm ein Briefumschlag mit meiner Geburtsurkunde überreicht und wir gingen wieder. Meinen Personalausweis oder irgendein anderes Identifikationspapier habe ich nie vorgezeigt, ebenso wenig tat es mein Vater. Er kannte die Dame.

Am Samstag finden in vielen Städten Improvisationsshows statt, welche Spenden für Flüchtende sammeln. Ich werde für eine Szene verantwortlich sein und möchte sie mit dieser kurzen Geschichte beginnen, die unter der Frage steht: „Was ist für dich Heimat.“

Ein Lächeln

Ein Lächeln verbraucht keine Energie…so wollte ich den Eintrag eigentlich beginnen, aber dann wird mir vermutlich jemand erklären, dass das nicht stimmt, weil so ein Lächeln einige Gesichtsmuskeln in Anspruch nimmt.

Ein Lächeln gibt allerdings eine ganze Menge Energie, weit mehr, als man hineinstecken muss. Bei all den Themen und Gesprächen, die so um uns herum stattfinden, vergesse ich das manches Mal. Nur gut, dass ich Herr Froehlich bin und mich somit selbst ein wenig ermahnen kann. In diesem Sinne wünsche ich einen schönen Montag.

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Wo die Welt noch in Ordnung ist (2)

Das Geräusch war unangenehm nah. Ich riss meine Augen auf und blickte wieder einmal in ein unfreundlich dreinblickendes Gesicht, welches auf mich herabschaute. „Was willst du hier?“, entfuhr es dem Gesicht und ich fühlte mich schutzlos. „Nichts“, erwiderte ich. Das unfreundliche Gesicht schien über diese Antwort zu grübeln, blickte mich jedoch weiterhin fest an, was mich umso mehr verunsicherte, je länger es andauerte, weshalb ich meinen Kopf ein wenig zur Seite legte und mich aufsetzte. Den Typen hinter mir zu wissen, machte die Situation nicht besser und ich drehte mich um. Er blickte mich weiterhin an. Ich sah in dem Moment, dass er einen Stock in der Hand hielt, der wohl nicht ganz zufällig die Form eines Baseballschlägers aufwies, was mein Gefühl der Angst nicht gerade verringerte. Aus einem Impuls heraus stand ich auf und stellte fest, dass dieser Typ einen Kopf kleiner war als ich. Zwar war der Prügel nicht verschwunden, aber unsere Größenverhältnisse gaben mir ein wenig mehr Selbstbewusstsein. Zudem hatte er genügend Zeit gehabt, mir mit dem Ding eines zu verpassen, also wenn er es bis jetzt nicht getan hatte, würde er es wohl auch nicht mehr tun, dachte ich mir und erklärte mich: „Ich suche hier nichts, außer dem Gefühl von Frieden.“ Die Sache mit dem Frieden schien ihn ein weiteres Mal zum Nachdenken anzuregen, seine Miene veränderte sich jedoch kaum, bis es plötzlich aus ihm herausbrach: „Ha, Frieden ist wohl das einzige, was du hier am Ende der Welt finden wirst, aber immerhin.“ Er ließ den Stock sinken und grinste über beide Backen. „Ich heiße Falk“, stellte er sich vor. „Hallo, Ben“, vollendete ich die Vorstellung und schloss die Frage an: „Wo kommst du her?“ Er zeigte mit dem Stock in Richtung der Straße, von der ich gekommen war. „Da kann man leben?“, fragte ich ihn ungläubig, denn sein Äußeres war ganz anders als jenes Dorf. Er hatte einen Sidecut und die übrigen Haare in rosa und lila gefärbt. Seine Jeans war zerrissen und auch das Flanellhemd hatte schon bessere Tage gesehen, aber er sah nach Leben aus, ganz im Gegensatz zu jenem Dorf. Er grinste mich nur an und nickte: „Doch doch, man kann da leben. Nunja, zumindest schlafen und essen.“ „Und wo lebst du dann?“ Er atmete tief ein und schien zu überlegen. „Weißt du, ich besuche gerade meine Großeltern. Zwangsweise zwei Wochen lang. Meine Mutter hatte mich satt.“ „Aha“, sagte ich und ahnte, dass da noch eine ganz andere Geschichte dazugehörte, die man keinem Menschen erzählt, den man eben erst kennengelernt hat. Bevor eine unangenehme Stille aufkommen konnte, fragte ich ihn: „Magst du was essen? Ich hab ein großartiges Menü in knapp 30 Minuten zubereitet, ich brauche nur meinen kleinen Gaskocher aus dem Auto.“ „Fleisch?“, entgegnete er. „Nö, nur Reis, rote Linsen, Kokosmilch, Zwiebeln und Curry.“ Er schien mit der Antwort zufrieden und nickte leicht mit dem Kopf.