Im Wandel der Zeit

Ist es nicht verwunderlich, woran man merkt, dass man sich verändert und auf irgendeine Weise sogar reif wird? Ich weiß nicht, ob es wirklich ein Beweis für Reife ist, aber mein Geschmack hat sich definitiv verändert. Früher musste alles perfekt sein. Ein T-Shirt mit einem Loch gab es in meiner Kommode nicht. Keine Ahnung, ob ich die vorher weggeworfen hatte oder wie ich das geschafft hatte.

Kurz nachdem ich die Schule verlassen hatte, war es das erste Mal, dass ich es anders handhabte. Ich hatte ein schwarzes Longsleeve, welches nach unzähligen Wäschen eher grau als schwarz war, aber es saß noch immer großartig und ich fühlte mich rundum wohl darin. Irgendwann bemerkte ich, dass die Nähte unter den Achseln wohl nicht sonderlich gut genäht waren, denn man konnte dort direkt bis auf meine Haut schauen. Ich nähte die Löcher zu, aber da ich nie Näher oder Schneider werden wollte, waren meine Fähigkeiten eher bescheiden und so rissen diese Stellen wieder auf. Ich kann nicht mal sagen, warum das passierte, denn meine Arme füllten diesen Teil nie vollkommen aus. Schlussendlich warf ich das Longsleeve weg.

Es vergingen einige Jahre, und es war wieder ein Longsleeve. Der Stoff war dünner und es war in einem Blau, das mich an ausgewaschene Jeans erinnerte. Da ich auch zu jener Zeit meine Klamotten nicht ausfüllte, trug ich einen Gürtel in der Hose. Das Longsleeve wurde dann zwischen der Gürtelschnalle und einer Waschmaschine, die ich für einen Freund drei Stockwerke hinaufschleppte, aufgerieben. Und da war es wieder, das Loch im Longsleeve. Im ersten Moment war ich sauer. Klar, ein geliebtes Kleidungsstück wurde schändlich behandelt und stellt seine Verletzung offen zu Schau. Das Longsleeve verschwand eine Zeitlang im Schrank, bis ich es irgendwann einfach wieder anziehen musste und mich rundum wohl darin fühlte. Irgendwer meinte sogar zu mir: „Hey, da ist ein Loch in deinem Shirt.“ Ich mag solche Kommentare ganz besonders, weil ich damit nichts anzufangen weiß, außer ihnen mit Ironie zu begegnen. Das Loch störte mich nicht, ganz im Gegenteil, es war wie ein Alleinstellungsmerkmal.

Nun zerstöre ich meine Klamotten nicht absichtlich, das ist ein Trend, der mir nicht einleuchten will, gerade wenn ich die aufgeschnittenen Kniestellen an neuen Jeans sehe, aber das ist wohl Ausdruck einer Gesellschaft, die sich für den Wert einer Kinokarte ein T-Shirt kaufen kann und es auch tut. Diese absichtliche Zerstörung finde ich lächerlich. Hingegen finde ich Macken an Lieblingskleidern interessant. Sie geben einen kleinen Teil der Haut preis. Es ist eine Person, die sich trotz der Makel in ihren Klamotten wohlfühlt. Ich kann über den Stoff streichen und an dieser einen Stelle sie direkt berühren und spüren, ob ihr gerade kalt ist. Ein direkter Kontakt in einer verpackten und zugeknöpften Gesellschaft.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

12 Kommentare zu „Im Wandel der Zeit“

  1. Die absichtliche Zerstörung fand ich auch schon immer lächerlich, aber wenn denn mal ein Loch in der Jeans ist, dann lasse ich es auch, bis die Jeans ganz durch ist … das war schon in den Neunzehnhundertachtzigern so und ist es auch noch heute. Ich find es schon witzig gerade die Jugend in den Klamotten zu sehen, die ich vor 30 Jahren trug und irgendwie hat sich dann doch wenig an meinem „Stil“ verändert … ob ich hängen geblieben bin? Lachende Grüsse
    Ulli

    1. Es gibt eine absichtliche Zerstörung, die ich nachvollziehen kann, nämlich wenn man aus einer langen Hose eine kurze macht. Würde ich wohl so machen, wenn man mir eine Röhrenjeans schenkt und ich sie nicht weiter- oder zurückgeben könnte. 😉

      Und an etwas hängen zu bleiben bedeutet doch einfach nur, dass man sich wohl fühlt, so hoffe ich es zumindest. 😀

  2. Ich trage zwar selbst keine schadhaften Kleidungsstücke (weder selbst- noch fremdbeschädigt), aber deine Argumentation ist sympathisch!
    Es gibt jedoch ein paar Stücke, die schon viele Jahre mit mir verbracht haben, und wir mögen uns immer noch. 🙂

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