Ruhe oder Rausch?

Viele Ideen für Texte kamen mir früher, wenn ich betrunken vom Feiern kam. Mir half dieser Zustand vermutlich offen über Dinge zu schreiben, über die ich nüchtern gar nicht erst nachdenken wollte. Eine Weile glaubte ich, dass es mir immer wieder eine Hilfe sein würde, gerade weil der trinkende Autor keine so seltene Person in der Realität ist. Es scheint hilfreich zu sein, aber es ist nicht nötig oder gar ein Zaubermittel, welches wundervolle Texte entlockt.

Ein weitaus effektiveres Mittel ist für mich das Fasten geworden. Eines vorweg: Ich faste nicht im herkömmlichen Sinne, wenngleich ich das bereits für die Zukunft geplant habe. Mein Fasten besteht darin, mich nicht so stark vom Alltag zu ernähren und mich mehr zurückzuziehen. Es kam zu dieser Erkenntnis vor einigen Jahren, als ich ins Krankenhaus musste. Die ersten paar Tage starre ich nur an die weiße Decke. Mein Zimmernachbar fragte mich, ob ich nicht lieber fernsehen wollte, dabei sei ich viel ferner oder viel weiter in jenen Tagen, als ich es in den früheren Jahren vor der Glotze tat. Innerhalb weniger Tage konnte ich eine Beziehung lösen, die ich in den vielen Wochen davor als etwas ansah, dass ich erhalten und niemals verlieren dürfte, dabei tat ich mir damit nur weh.

Ich begann in dieser Zeit der inneren Ruhe meinen ersten langen Text zu schreiben fing an zu mir selbst zu finden. Mir wurde klar, was ich wollte. So etwas wie Selbstverwirklichung ist doch erst dann möglich, wenn man weiß, was man wirklich will. Mir scheint es manchmal so, als würden die Menschen Selbstverwirklichung damit gleichsetzen, dass man finanziell unabhängig ist und hin und wieder großartige Reisen übernimmt, die man mit jedem „Freund“ auf Facebook teilen muss, damit man sich an den Likes berauschen kann. Nutzen wir das Reisen wirklich, um unseren Horizont zu erweitern und um ein Leben kennenzulernen, das unserem fremd ist?

Als ich meinen letzten Urlaub plante, gab es die Möglichkeit auf eine recht einsame Insel zu reisen und eine Hütte ohne Strom und warmes Wasser zu beziehen. Ich habe mir geschworen, dass ich das noch machen werde. Wenn ich Bekannten davon erzählte, kam sehr oft die gleiche Reaktion: „Was? Das könnte ich nicht.“ Es gibt eine Angst vor der Einsamkeit und dem In-sich-kehren, welche ich nicht verstehen kann. Was ist so schlimm daran, bei sich selbst zu sein? Ist es wahnsinnig, sich den eigenen Gedanken zu stellen? Ist es gar verrückt, sich selbst zu akzeptieren, weil man zuvor womöglich lang mit sich ins Gericht gehen musste?

Ich erinnere mich gern zurück an meine Zeit damals im Krankenhaus. Wie ich von einem unzufriedenen Menschen, der Ziele verfolgte, die nicht seine waren, zu einer Person wurde, die für eine Weile Ruhe und Zufriedenheit fand. Interessant dabei ist, dass ich mich selbst wieder ablenken ließ. Dass ich mir selbst wieder einreden ließ, ein Leben sei nur dann etwas wert, wenn ich beruflich erfolgreich sei und eine Frau an meiner Seite hätte. Erfolgreich kann ich nur sein, wenn ich meinen wirklichen Wünschen mit Vehemenz nachgehe. Um diese zu finden oder zu verwirklichen, brauche ich keinen Rausch.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

17 Kommentare zu „Ruhe oder Rausch?“

    1. Ich habe im Krankenhaus natürlich auch gelesen, aber einen weitaus größeren Teil brachte ich gerade in den ersten Tagen damit zu, in Ruhe an die Decke zu starren. 🙂

      1. In KH habe ich bisher immer weniger als gedacht/geplant gelesen.
        Schön interessant, wie sich Ruhemomenterkenntnisse auch wieder verwaschen. Finde ich gut, dass du bewusst etwas damit machst.

      2. Ich hatte viel Zeit im KH und nichts zu tun. Diese Zeit habe ich „genutzt“ 🙂 tatsächlich fällt es mir schwer, mir selbst immer wieder solche Ruhephasen zu geben. Zu oft gibt es die schnelle Ablenkung durch Handy, Freunde usw. Mein Leben muss ich zwei teilen, denn auf Freunde oder auch einen Rausch möchte ich nicht verzichten. Daher das Fasten. 🙂

  1. Ich glaube tatsächlich, dass es die Angst ist, warum sich so viele Menschen nicht vorstellen können für eine Weile nur mit sich allein zu sein. Ich kenne solch ungläubigen Reaktionen, wenn ich von meinen Visionssuchen erzähle oder von meinen Trampreisen als junge Frau, na ja Frau, ich war 15, als ich das erste Mal losfuhr … Ein kleines bisschen aber kann ich diese Ängste nachvollziehen, mir erging es nämlich so, als ich mich auf Therapie einliess, wovor ich mich sehr lange drückte. Sich selbst ohne wenn und aber ins Gesicht zu schauen ist eine grosse Herausforderung und Bereicherung.
    Danke Ben, in deinem Artikel steckt noch so viel mehr drin, aber ich lasse es mal bei diesem bewenden.

    herzliche Sonntagmorgengrüsse
    Ulli

    1. Guten Morgen Ulli,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich muss gestehen, dass ich mit 15 niemals getrampt wär (hab ich dann einmal innerhalb Berlins gemacht, um zur Love Parade zu kommen). Da kann ich die Angst eher nachvollziehen, aber da merke ich natürlich, wie subjektiv Angst ist. Was sind das für Visionssuchen? Ist das eine Art Meditation? Was machst du dabei genau?
      Sonntägliche Grüße noch aus dem Bett zurück 🙂
      Ben

  2. Lieber Ben,

    das ist ein sehr interessanter, komplexer und persönlicher Blogeintrag, den du oben eingestellt hast. In einigem habe ich mich selbst wiedererkannt, anderes ist mir fremd. Einen meiner – für mich – besten Texte habe ich in betrunkenem Zustand geschrieben, aber ich würde daraus keine allgemeingültige Formel ableiten wollen. Ich glaube allerdings, dass man die besten Text in Situationen schreibt, in denen mal entweder tottraurig und verbittert oder aber euphorisch glücklich und voll von positivem Adrenalin ist. In extremen Gefühlslagen gelingen Autoren nach meiner Erfahrung die berührendsten, emotionalsten Texte, weil man das Gefühlschaos im eigenen Inneren unbewusst durch die Tasten (sofern man direkt am Rechner schreibt) auf das imaginäre Papier fliessen lässt. Oder empfindest und schreibst du anders?

    Herzlich-nordische Grüße,
    S.

    1. Huhu,
      tiefe Emotionen können durchaus zu einem Schreibflash führen. Dennoch brauche ich diese Ruhe, in der ich mich durch keinerlei Ablenkung beeinflussen lasse, um jene Werte und Worte zu finden, die mich wirklich beschäftigen. Jene, die wirklich wichtig für mich sind. Ich weiß nicht, ob ich die erkenne, wenn ich euphorisch oder zutiefst betrübt bin.
      Warme südliche Grüße,
      Ben

      1. Menschen schreiben sicherlich aus den unterschiedlichsten Gründen. Dieses klassische „von der Seele schreiben“ kenne ich z.B. genauso, wie das Schreiben, das daraus resultiert, dass man andere an seinem Glück teilhaben lassen möchte.
        Wenn ich eine Textidee habe, die mich so fasziniert, dass ich sie aufschreiben möchte, dann kann ich das in nahezu jeder möglichen Umgebung und SItuation tun.
        Dieser Wunsch nach Ruhe, den du in deinem Blogeintrag erwähnst, kann ich nachvollziehen. Ruhe oder besser Stille kann etwas Wundrvolles sein, aber auch etwas sehr Bedrückendes – je nachdem …

        Nordisch-herzliche Grüße zurück von
        S.

    1. Vielen Dank für die Einladung, das werde ich mitmachen. Für dieses Jahr habe ich mir jedoch eine eigene Wanderung geplant mit einem guten Freund, der ebenso gern schweigt, wie ich es tue. Vielleicht aber werde ich diese Wanderung ganz allein machen müssen. Das weiß ich noch nicht. Dein Text liest sich, als wäre dieser Zwischenraum etwas bedrohliches. So habe ich ihn nie empfunden, aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr kann ich dem zustimmen. Warum sonst lege ich jetzt nicht einfach den Laptop weg?

      1. Für mich ist es weniger bedrohlich als herausfordernd, weil es Energie erfordert, sich auf sich selbst einzulassen. Das macht vielen Angst.

        Oh, du wanderst auch?
        Wo wandert ihr lang?

  3. Schön, wenn man selbst zu dieser Einsicht kommt. Jeder muss für sich selbst den optimalen Ansatz finden. Dazu muss das Umfeld passen. Es nützt nichts wenn man in einer Umgebung von prassenden Menschen bescheiden lebt bzw es kostet viel Kraft. Genauso umgekehrt.

    Die völlige Einsamkeit wäre nichts für mich. Das Wandern finde ich allerdings sehr entspannend. Da kann ich tagsüber die Einsamkeit genießen. Abends schätze ich aber jemand um das Erlebte zu teilen.

    1. Eine dauerhafte, völlige Einsamkeit wäre auch für mich nur sehr schwer zu ertragen. Ich hatte neulich das Angebot, auf eine sizilianische Insel zu reisen, auf der 105 Menschen leben. Da hätte ich meine eigene Hütte gehabt und wenn die mir irgendwann zu nervig geworden wäre, hätte ich geschaut, was die Menschen der Insel so treiben. 🙂 So darf das Leben durchaus sein. Für eine Weile zumindest. Ein guter Hinweis ist es, den du da gibst, dass man sich auch nicht vollkommen aus dem Umfeld entwurzeln kann.

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