Diese Jugendlichen…

In der letzten Zeit hörte ich häufiger die Aussage, dass die Jugend von heute nichts kann, weil sie schon fürs Pupsen gelobt wurde. Ich hätte da mal eine Frage an jene, die das auch so sehen. Welche Altersgruppe genau soll das sein? Ist das jetzt jene Generation, die für den Verbleib Großbritanniens in der EU stimmte oder stimmen wollte (und aufgrund des zu niedrigen Alters nicht durfte)? Ist es jene Generation, die nach euch kam? Wer genau hat denn dann diese Generation geprägt und verhätschelt, doch nicht etwa eure (also auch meine) Generation oder?

Die Jugendlichen sind wie schon immer ein Spiegel. Sie sind ein Spiegel für eine Gesellschaft, in der man sich selbst nah steht und das eigene Wohl den höchsten Wert hat. Eine Gesellschaft, die gegen „die da oben“ wettert, während man selbst nur fähig ist, alle vier Jahre ein Kreuz zu setzen und damit seine Pflicht an der Demokratie erfüllt zu haben glaubt. Es tut mir leid es so sagen zu müssen, aber mir kommt es so vor, als würden die meisten Leute heutzutage glauben, dass ihr Pups nicht stinkt und das erinnert mich doch sehr an den Vorwurf, die Kinder würden für ihre heiße Abluft gelobt werden. Eigenlob allerdings stinkt, das haben wir doch alle gelernt. Pups. Aus. Ende.

Segregation

Ich habe mich in den letzten Wochen ganz absichtlich von den Nachrichten ferngehalten und blickte neulich ganz überrascht drein, als es um ein Erdbeben in Italien ging. So ganz verschont bleibt man also dennoch nicht und so kam auch immer wieder das so genannte Burka-Verbot ins Gespräch. Mir war es schon immer vollkommen egal, wer was wo und wie trägt und so bleibt das auch. Mir wurde aber plötzlich äußerst bewusst, was die ganze Diskussion überhaupt soll, also welchen Zweck sie erfüllt. Es geht dabei gar nicht unbedingt um ein Gesetz. Das Gerede führte zumindest bei mir dazu, dass mir Frauen mit Kopftuch plötzlich auffielen. Das ging mir früher nicht so und das liegt auch nicht daran, dass plötzlich mehr Frauen in dieser Stadt mit einem Kopftuch unterwegs wären, auch wenn manch einer diesen Schluss wohl zieht. Nein, es ist einfach nur meine Wahrnehmung. Man hat mit all dem Gerede meine Wahrnehmung verändert. Wie sollen wir so zusammenkommen?

Verschwommen

Die Straße und all die Menschen auf ihr verschwinden aus dem Fokus, wenn die Gedanken und Erinnerungen die Hoheit über das Sein gewinnen. Es ist keine Melancholie, sondern es sind lustvolle Gedanken, die durch den Kopf jagen. Ein Gesicht, ein Lächeln, eine Berührung. All das sind kleine Explosionen und Gedankensplitter in meinem Kopf. Bis plötzlich ein Mensch mich aus diesem Traum reißt. Man möchte mir etwas verkaufen oder mich zu etwas verpflichten, was weiß ich. Wann habe ich meine Zustimmung gegeben, dass mich Unbekannte aus meiner Traumwelt reißen dürfen? Sie dürfen es nicht. Sie sollen mir meine Ruhe lassen und den Versuch an meine Moral zu appellieren, den sollten gerade sie unterlassen. Wer handelt denn hier gerade unmoralisch und verletzt meine Grenzen? Noch einige Minuten bin ich verärgert. Dann zwinge ich mich zur Ruhe und lasse die Welt wieder verschwimmen.

Wie beendet man eine Diskussion

Es gibt den Moment, da bemerkt man, dass eine Diskussion oder ein Streit vorbei ist, weil die Argumente fehlen und vermutlich, weil einem bewusst wird, dass man selbst womöglich falsch liegt, aber wie geht man damit um? Ich möchte ein wenig auf die drei Möglichkeiten eingehen, die mir einfielen:

Möglichkeit 1 – Gegenangriff:
Neulich stand ich an der Kasse und während ich wartete, wurde mir bewusst, dass ich noch eine Flasche Wasser mitnehmen wollte. Ich verließ meinen Platz, holte die Flasche und war keine zehn Sekunden später wieder zurück. Der Kerl, der sein Zeug hinter meinem auf das Band gelegt hatte, hatte sich so weit ausgebreitet, dass ich nur schwer an ihm vorbeikam. Er war mir unangenehm und so peilte ich die kleine Lücke zwischen Band und seiner Sporttasche an, während er in die Gegenrichtung blickte und schlüpfte hindurch, jedoch nicht ohne seine Tasche leicht mit meinem Jackett zu streifen. Für mich war die Situation damit vorüber, aber nach drei Sekunden blaffte es hinter mir „Spast“ aus seinem Mund. Ich begegnete ihm mit Humor und schüchterte ihn durch Wortgewandtheit und Körpergröße ein. Normalerweise hätte ich zuvor gefragt oder mich danach entschuldigt. Aber in diesem Fall erschien mir ein Gegenangriff als einzige Option. Die Hürde mich zu entschuldigen lag zu hoch. Mich ärgerte dieser Mensch jedoch noch den ganzen Tag, ebenso wie die Frage, warum ich nicht einfach darum gebeten hatte, dass er mich durchlässt.

Möglichkeit 2 – Verstreuung:
Als ich letztens nach Hause kam, saß die Tochter einer Bewohnerin unseres Hauses auf der Treppe. Sie wollte die letzten Stufen nicht selbst erklimmen. Nun saß sie da und ihre Mutter hatte ihr klargemacht, dass es nun an ihr läge, in die Wohnung und ins Bett zu kommen. Während die Kleine so dasaß, der ich wohl niemals böse sein werde, machte sie ihre Beine lang und lehnte am Geländer, so dass sie fast schon komplett auf der Stufe lag. Ich fragte sie, ob ich ihr eine Decke und Kissen bringen sollte. Sie blickte mich wortlos durch die hölzernen Stäbe des Geländers an. Ihre Mutter, welche ein Stockwerk über mir stand, stimmte mit ein. Wir würden die nötigen Dinge fürs Übernachten zu ihr bringen und erklärten zugleich, wie nervig es sei, dass ständig Leute in der Nacht im Treppenhaus das Licht anschalteten und über sie drübersteigen würden. Die Liebe verstand, dass wir alberten, aber sie war abgelenkt von ihren kraftlosen Beinen. So stand sie auf und nahm die letzten Stufen, natürlich nicht, ohne auf die Anstrengungen hinzuweisen. Die Verstreuung war noch nicht ganz geglückt, aber ihre Mutter und ich hatten ihr die Möglichkeit gegeben, den Streit zu umgehen und die Niederlage nicht eingestehen zu müssen, indem wir das Thema abgleiten ließen.

Möglichkeit 3 – Rückzug:
Jeder von uns kennt die alten Filme in denen Schlachten geführt wurden und die Kampfsituation kippte. Wir fragten uns, warum der Kommandant nicht den Rückzug anordnete und somit die letzten seiner Soldaten rettete. Vielleicht lag es daran, dass er es noch nicht begriffen hatte. Vielleicht aber auch daran, dass er auf ein Wunder hoffte. Oder es lag daran, dass er Angst davor hatte, wie sein Gegner diesen Rückzug behandeln würde. Vielleicht ließe der Gegner die Soldaten laufen. Aber was, wenn nicht? Was, wenn er sie hinterrücks erschlüge und erschösse? Der Rückzug fällt deswegen so schwer, weil wir nie wissen, ob auf unsere entschuldigende Einsicht das Verständnis des Gegenübers trifft. Gerade bei einem hitzig geführten Streit möchte man nicht beim Eingeständnis der eigenen Niederlage vom Anderen fertiggemacht werden. Dieser Schritt erscheint mir der schwierigste. Er kann leichter gemacht werden, wenn man auf die Verstreuung zurückgreift, aber da müssen beide Seiten mitspielen. Dieser Schritt kann jedoch der Gewinnbringendste sein. Eine Diskussion, die man selbst damit beendet, dass man den eigenen Fehler eingesteht, kann einen zwar für einen Moment schwach erscheinen lassen, sie zeigt dem Gegenüber, dass man fähig ist, umzudenken. Es wird klar, dass eine Diskussion lohnt, denn es gibt kein Beharren auf dem eigenen Standpunkt. Nach solch einem Ende ärgern sich beide Parteien nicht, sondern haben die Chance, versöhnlich zusammen zu kommen.

Wir haben bei jeder Diskussion diese Möglichkeiten und vielleicht fallen euch auch weitere ein. Jedes Mal können wir uns neu entscheiden, welchen Weg wir wählen und warum dieser besser ist. Wichtig erscheint mir dabei zu sein, dass man abwägt. Wir müssen uns selbst klarmachen, dass unsere Streitkultur es ist, die weitreichende Auswirkungen hat. Natürlich möchte man Recht haben und gewinnen. Aber zu welchem Preis? Wenn ich sehe, dass ich gewinne, dann kann ich meinem Gegenüber die Verstreuung anbieten. Ich kann natürlich auch weiter auf ihn einreden. Eine Diskussion wird immer von mindestens zwei Parteien geführt. Beide sollten schauen, dass sie sich danach noch menschlich begegnen können. Ich möchte nicht fertig gemacht werden, wenn ich verliere, also sollte ich auch niemanden fertig machen, wenn ich gewinne und soweit möglich einen versöhnlichen Ausgang anbieten.

p.s.
mir fiel noch eine vierte Möglichkeit ein – Vertagung: Einen Streit zu verschieben ist der Verstreuung recht nah, bietet jedoch an, dass sich die Beteiligten in Ruhe Gedanken machen und in einem anderen Gemütszustand das Gespräch wieder aufnehmen. Das ist oftmals sehr sinnvoll, wird aber nur selten praktiziert. Warum eigentlich?

Das Geschenk

Vor einigen Jahren bezog ich eine neue Wohnung und als ich durch die Räume schritt, trat ich versehentlich auf gefaltetes, buntes Papier. Es hatte vermutlich der Vormieter beim Ausziehen liegen gelassen und so warf ich es weg. Ich genoss das Leben in meinen vier Wänden und nach einigen Jahren besuchte mich ein guter Freund. Er war mir so vertraut, dass er damals, als ich die Wohnung besichtigte ihn gebeten hatte, mit mir jene Räume anzuschauen, wenngleich es für ihn eine weite Anreise ausmachte. Als er nach all den Jahren wieder in der Wohnung stand, sah er mich lächelnd an und fragte aus dem Nichts heraus: „Und?“ Seine Augen glänzten und sein ganzer Körper war gespannt. „Was und?“, erwiderte ich und verstand nicht. „Ach komm, erzähl schon. Was hast du mit deinen Wünschen gemacht?“, fragte er und ich beteuerte mehrmals, dass ich nicht wüsste, worüber er spräche. Plötzlich wandelte sich sein Gesicht. Die ganze Spannung fiel von ihm ab und er schien um Jahre gealtert zu sein. Ja, sein gesamter Körper schien erschlafft. Dann erklärte er sich: „Ich habe dir damals ein Geschenk in der Wohnung hinterlassen. Es war ein kleines Kästchen aus weicher Pappe. Das musst du doch gesehen haben.“ Ich erinnerte mich nicht und überlegte. Immer weiter ging ich in meinen Gedanken zurück und dann blitzte es in meinem Kopf auf. Das Papier, welches ich meinem Vormieter zugeschrieben hatte, es war ein Geschenk an mich, welches ich achtlos weggeworfen hatte. „Was war es denn, was du mir geschenkt hattest?“, fragte ich meinen Freund und er schien zu enttäuscht, um eine Antwort geben zu können. Er nahm sich viel Zeit: „Nun, es waren drei Wünsche.“ „Wie meinst du das: Drei Wünsche?“ „Genau so, wie ich es sage: Drei Wünsche. Egal was.“ „So etwas kann man doch nicht verschenken. Waren das Gutscheine oder wie?“ „Nein, es waren drei Wünsche“, sagte er gereizt ob meiner Unfähigkeit ihn zu verstehen und er ergänzte: „Was auch immer du dir gewünscht hättest, es wäre gewesen, aber du hast es verkommen lassen.“ „Alles?“, fragte ich ungläubig. „Ja. Stell dir vor, du hättest Dinge bewegen können nur durch die Kraft deines Willens. Du hättest Menschen heilen können, ohne nach der rechten Arznei suchen zu müssen. Oder du hättest körperlos reisen können, wohin auch immer dir der Sinn gestanden hätte. Wären das nicht drei wundervolle Wünsche gewesen?“ „Das wären sie, aber das ist doch nur Phantasterei, was du mir da erzählst“, erklärte ich in tiefster Weigerung, ihm zu glauben und dann fand ich endlich eine Antwort, um mich aus der Defensive zu befreien: „Dann mache mir das Geschenk doch bitte noch einmal. Dieses Mal werde ich achtsam sein.“ Er schüttelte nur den Kopf: „Ich wünschte, ich könnte das. Ich wünschte es so sehr. Aber diese Geschenke bildeten sich über tausende Jahre. Sie wurden erbracht von zahllosen Kindern und Ältesten. Die kann ich nicht einfach wieder so hervorzaubern. Diese Erkenntnisse sind weggewischt. Einfach verschwunden.“ Ich wollte meinen Freund trösten und mir fiel kein besserer Weg ein, als es über meinen Unglauben zu tun: „Aber woher weißt du, ob das mit den Wünschen wirklich geklappt hätte?“ Seine Augen blickten mich mit einer Leere an, die mir tief ins Mark ging und er sprach: „Ich weiß es nicht. Ich werde es auch nicht mehr erfahren können. Vielleicht gab es niemals diese Wünsche und all ihre Erkenntnisse. Vielleicht waren das alles nur urvölkische Spinnereien. Aber was wenn es nicht so war? Was, wenn all das Wissen, welches wir mit unserem Glauben an die Wissenschaft nicht mehr begreifen und erklären können, doch vorhanden war? Wir sind leider viel zu gut darin, unseren Blick auf das Wesentliche zu verlieren und das zu vernichten, welches so viele Geheimnisse und Wunder bereithält. Es ist egal, wie oft wir uns danach zu entschuldigen versuchen: Was verloren ist, ist verloren. Vielleicht werden wir irgendwann wieder zu diesem Punkt finden, wenn unser Geist weit genug dafür ist, zu akzeptieren, dass es zu einer Gleichung mehr als eine Lösung gibt. Bis dahin werden wir uns streiten und zerstören und vergessen.“