Wie beendet man eine Diskussion

Es gibt den Moment, da bemerkt man, dass eine Diskussion oder ein Streit vorbei ist, weil die Argumente fehlen und vermutlich, weil einem bewusst wird, dass man selbst womöglich falsch liegt, aber wie geht man damit um? Ich möchte ein wenig auf die drei Möglichkeiten eingehen, die mir einfielen:

Möglichkeit 1 – Gegenangriff:
Neulich stand ich an der Kasse und während ich wartete, wurde mir bewusst, dass ich noch eine Flasche Wasser mitnehmen wollte. Ich verließ meinen Platz, holte die Flasche und war keine zehn Sekunden später wieder zurück. Der Kerl, der sein Zeug hinter meinem auf das Band gelegt hatte, hatte sich so weit ausgebreitet, dass ich nur schwer an ihm vorbeikam. Er war mir unangenehm und so peilte ich die kleine Lücke zwischen Band und seiner Sporttasche an, während er in die Gegenrichtung blickte und schlüpfte hindurch, jedoch nicht ohne seine Tasche leicht mit meinem Jackett zu streifen. Für mich war die Situation damit vorüber, aber nach drei Sekunden blaffte es hinter mir „Spast“ aus seinem Mund. Ich begegnete ihm mit Humor und schüchterte ihn durch Wortgewandtheit und Körpergröße ein. Normalerweise hätte ich zuvor gefragt oder mich danach entschuldigt. Aber in diesem Fall erschien mir ein Gegenangriff als einzige Option. Die Hürde mich zu entschuldigen lag zu hoch. Mich ärgerte dieser Mensch jedoch noch den ganzen Tag, ebenso wie die Frage, warum ich nicht einfach darum gebeten hatte, dass er mich durchlässt.

Möglichkeit 2 – Verstreuung:
Als ich letztens nach Hause kam, saß die Tochter einer Bewohnerin unseres Hauses auf der Treppe. Sie wollte die letzten Stufen nicht selbst erklimmen. Nun saß sie da und ihre Mutter hatte ihr klargemacht, dass es nun an ihr läge, in die Wohnung und ins Bett zu kommen. Während die Kleine so dasaß, der ich wohl niemals böse sein werde, machte sie ihre Beine lang und lehnte am Geländer, so dass sie fast schon komplett auf der Stufe lag. Ich fragte sie, ob ich ihr eine Decke und Kissen bringen sollte. Sie blickte mich wortlos durch die hölzernen Stäbe des Geländers an. Ihre Mutter, welche ein Stockwerk über mir stand, stimmte mit ein. Wir würden die nötigen Dinge fürs Übernachten zu ihr bringen und erklärten zugleich, wie nervig es sei, dass ständig Leute in der Nacht im Treppenhaus das Licht anschalteten und über sie drübersteigen würden. Die Liebe verstand, dass wir alberten, aber sie war abgelenkt von ihren kraftlosen Beinen. So stand sie auf und nahm die letzten Stufen, natürlich nicht, ohne auf die Anstrengungen hinzuweisen. Die Verstreuung war noch nicht ganz geglückt, aber ihre Mutter und ich hatten ihr die Möglichkeit gegeben, den Streit zu umgehen und die Niederlage nicht eingestehen zu müssen, indem wir das Thema abgleiten ließen.

Möglichkeit 3 – Rückzug:
Jeder von uns kennt die alten Filme in denen Schlachten geführt wurden und die Kampfsituation kippte. Wir fragten uns, warum der Kommandant nicht den Rückzug anordnete und somit die letzten seiner Soldaten rettete. Vielleicht lag es daran, dass er es noch nicht begriffen hatte. Vielleicht aber auch daran, dass er auf ein Wunder hoffte. Oder es lag daran, dass er Angst davor hatte, wie sein Gegner diesen Rückzug behandeln würde. Vielleicht ließe der Gegner die Soldaten laufen. Aber was, wenn nicht? Was, wenn er sie hinterrücks erschlüge und erschösse? Der Rückzug fällt deswegen so schwer, weil wir nie wissen, ob auf unsere entschuldigende Einsicht das Verständnis des Gegenübers trifft. Gerade bei einem hitzig geführten Streit möchte man nicht beim Eingeständnis der eigenen Niederlage vom Anderen fertiggemacht werden. Dieser Schritt erscheint mir der schwierigste. Er kann leichter gemacht werden, wenn man auf die Verstreuung zurückgreift, aber da müssen beide Seiten mitspielen. Dieser Schritt kann jedoch der Gewinnbringendste sein. Eine Diskussion, die man selbst damit beendet, dass man den eigenen Fehler eingesteht, kann einen zwar für einen Moment schwach erscheinen lassen, sie zeigt dem Gegenüber, dass man fähig ist, umzudenken. Es wird klar, dass eine Diskussion lohnt, denn es gibt kein Beharren auf dem eigenen Standpunkt. Nach solch einem Ende ärgern sich beide Parteien nicht, sondern haben die Chance, versöhnlich zusammen zu kommen.

Wir haben bei jeder Diskussion diese Möglichkeiten und vielleicht fallen euch auch weitere ein. Jedes Mal können wir uns neu entscheiden, welchen Weg wir wählen und warum dieser besser ist. Wichtig erscheint mir dabei zu sein, dass man abwägt. Wir müssen uns selbst klarmachen, dass unsere Streitkultur es ist, die weitreichende Auswirkungen hat. Natürlich möchte man Recht haben und gewinnen. Aber zu welchem Preis? Wenn ich sehe, dass ich gewinne, dann kann ich meinem Gegenüber die Verstreuung anbieten. Ich kann natürlich auch weiter auf ihn einreden. Eine Diskussion wird immer von mindestens zwei Parteien geführt. Beide sollten schauen, dass sie sich danach noch menschlich begegnen können. Ich möchte nicht fertig gemacht werden, wenn ich verliere, also sollte ich auch niemanden fertig machen, wenn ich gewinne und soweit möglich einen versöhnlichen Ausgang anbieten.

p.s.
mir fiel noch eine vierte Möglichkeit ein – Vertagung: Einen Streit zu verschieben ist der Verstreuung recht nah, bietet jedoch an, dass sich die Beteiligten in Ruhe Gedanken machen und in einem anderen Gemütszustand das Gespräch wieder aufnehmen. Das ist oftmals sehr sinnvoll, wird aber nur selten praktiziert. Warum eigentlich?

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

24 Kommentare zu „Wie beendet man eine Diskussion“

      1. Durchaus richtig. Manchmal ist ein frühzeitiger Rückzug der einzig sinnvolle Weg für einen selbst. Ob es im Allgemeinen die richtige Strategie ist, darüber lässt sich natürlich streiten 😉

  1. Feine Gedanken – ich gestehe, dass ich darüber noch nie wirklich so differenziert nachgedacht habe.

    (Ich glaube, ich bin nicht so gut im Streiten, vermeide es nach Möglichkeit. In der Regel geht es ja um Macht und um Rechthaben, worauf ich nicht scharf bin, mich reut die Energie für Streit, so dass ich meistens schon vorher auf Umgehungsstraßen einspure.)

    1. Ich bin früher Streitereien auch lieber aus dem Weg gegangen. Mittlerweile gerate ich aber immer mal wieder in solche Situationen. Zudem gibt es manchmal Gründe, die einen Streit unvermeidbar machen.

  2. Wenn ein Streit entsteht, sage ich meistens „Ich will nicht streiten.“ Und dann streite ich nicht. (Aber das ist ja ein bisschen anders als bei einer Diskussion…)

      1. Ich habe festgestellt, dass die meisten Streitereien, in die ich steuern würde, eigentlich keinen Austausch benötigen, sondern auf blöden Kleinigkeiten beruhen. Und dann hilft ein „Ich will nicht streiten“ durchaus. 🙂

  3. Sehr schön beschrieben, v.a. für Jemand, der nie „gelernt“ hat zu streiten, was zur Folge hat, dass ich entweder in Tränen ausbreche oder zu schreien beginne, beides nicht vorteilhaft in einer Diskussion,…

    1. Ah okay. Jetzt verstehe ich. 🙂 ja, das klingt in der Tat recht schwierig für eine Diskussion. Vielleicht hilft dann doch eher das „Ich will nicht streiten“, welches stefanini vorschlug.

      1. Sorry, dass ich hier wild herum kritzel, aber ich bin neu hier und kenn mich noch nicht so gut aus. Ja, mit dem Motto habe ich mich lang durchs Leben geschummelt, aber mit 2 kleinen Kindern und deren dominantem Vater täglich konfrontiert, ist das manchmal schwer,…

      2. Glaube ich sofort. Die Streiterein bei Kindern sind vorprogrammiert, sehe ich ja bei meiner Mitbewohnerin immer wieder und verstehe, dass die Konflikte manchmal einfach entstehen. Wenn dann noch eine oder mehrere anstrengende Persönlichkeiten hinzukommen, wirds schwierig. Und keine Sorge, du darfst hier so viel und so oft schreiben, wie es dir in den Sinn kommt. Ich beschwere mich schon, wenn es nicht passt. 🙂

      3. Übrigens: wenn wir streiten und die Kinder uns mahnen: nicht streiten! Sagen wir aus der Pistole geschossen: wir streiten nicht, wir diskutieren 😳

  4. Gestern habe ich noch mit meinem Vater darüber geredet, warum wir uns so oft streiten. Und er meinte, wir müssten alle in der Familie lernen, WIE man streitet. Du hast es sehr gut aufgeschlüsselt, jetzt muss ich es noch lernen, in der Situation richtig anzuwenden.

    Und mir gefällt übrigens deine Ausdrucksweise sehr, da klingt alles nicht so platt, sondern gut überlegt 🙂
    Viel zu wenige können noch richtig formulieren, was sie sagen wollen.

    1. Streiten oder diskutieren scheint ganz allgemein Nachholbedarf zu haben, da nehme ich mich auch gar nicht raus, denn manchmal kann ich mich schon sehr kindisch verhalten dabei 😉
      Vielen Dank für dein Lob, ich hatte in letzter Zeit das Gefühl, mich eher platt auszudrücken, da ist es schön, wenn man das Gegenteil gesagt bekommt. 🙂 Ich hatte einige gute Lehrer und mir fällt auf, dass mein Aufbau von sich aus schon recht abgerundet ist. Das hat man mir offensichtlich oft genug eingetrichtert 😀

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