Zwischen den Sternen

Wie genau kam ich hierher? Es war kein leichter Weg und ich bin ihn nicht des Geldes wegen gegangen, zumal man nicht reich wird, wenn man sich in eine Rakete setzt und darauf wartet, dass der Treibstoff schneller verbrennt, als man es sich vorstellen kann. Also warum habe ich damals diesen Weg eingeschlagen, der mir keine Millionen beschert und mich auch nicht zu meiner Frau und meinen Kindern heimkommen lässt, so wie die anderen Menschen, die jeden Tag zur gleichen Zeit aufstehen, acht Stunden zur Arbeit gehen und am Abend das frische Brot mit ihren Liebsten teilen? Vielleicht ist es der Moment, bei dem eine Beschleunigung meinen Körper durchfährt, von der jeder Rennfahrer nur zu träumen wagt, weil sie nicht zu kontrollieren ist.

Ich muss gestehen, der Start ist gar nicht so prickelnd. Während du gen Himmel blickst und er dir immer näherkommt, prügelt eine unsichtbare Kraft auf die Eingeweide ein und ich möchte mich dabei nur übergeben, aber das ist gar nicht möglich, denn auch dagegen drückt jene Kraft ohne Unterlass. Bei meinem ersten Start war ich mir sicher, dass die gesamte Rakete auseinandersprengen würde. Ich hatte eine Heidenangst und stellte erst in der Schwerelosigkeit fest, dass das alles richtig so war.

Es ist auch nicht so, dass ich im Weltall nichts Besseres zu tun hätte, als mir rund um die Uhr die Erde anzuschauen. Der Alltag ist eher gehetzt, weil man neben all den Aufgaben mit der Technik noch zahlreiche Experimente zu erledigen hat. Deswegen schickt man uns hier hoch. Die Erkenntnisse daraus, wie eine Pflanze außerhalb der Schwerkraft wächst, soll uns weiterbringen und daran zweifle ich nicht. Aber für mich ist es Alltagsgeschehen und dazu gehört die schwierige Eigenheit der Schwerelosigkeit, die die Arbeit aber nicht von der Schwere löst, sondern sie ganz im Gegenteil umso anstrengender macht. Jeder Griff muss fester sein, denn Gegenstände können nicht nur nach unten wegrutschen, sie können auch in jede andere Richtung entgleiten. Wer das Staubsaugen auf der Erde hasst, bekommt hier ein ganz neues Verhältnis dazu, wenn es überlebenswichtig wird, schwebende Wasserkugeln zu fangen, bevor sie an elektrischen Anlagen zerplatzen und einen Kurzschluss produzieren, der sich auf die gesamte Station auswirken kann. Eine kaputte Toilette wird hier oben zu einem riesigen Problem, weil man nicht mal eben nach draußen in die Büsche gehen kann, sondern sich die sprichwörtliche Scheiße direkt stapelt. Es wird wohl noch so seine Zeit brauchen, bis wir große Felder hier draußen bewirtschaften und wir uns für den Dünger glücklich schätzen werden, aber man darf ja träumen.

Neben all den täglichen Aufgaben und auch Problemen gibt es jene Momente der absoluten Ruhe. Nie habe ich eine solche Ruhe erlebt wie die in der vollkommenen Dunkelheit. Als Kind lebte ich mit meinen Eltern auf einem Dorf fernab größerer Städte und mir kamen damals die Nächte schon ruhig vor, aber hier oben kann die Ruhe dich fast erdrücken, so gewaltig ist sie. Ich stelle mir dann gern vor, dass es mir als Ungeborenes ebenso ging. Ich schaukelte in der Schwerelosigkeit und auch wenn da draußen etwas war, ich kannte es nicht. Es war insofern sicherlich anders, weil ich damals von Wärme und Liebe umgeben war, daran zweifle ich nicht und auch wenn ich damals keine Worte dafür kannte, so war mir das Gefühl wohl stärker bewusst, als ich es jetzt mit all meinen Worten definieren könnte.

Das ist dann der Moment der mich all die Beschwerlichkeiten ertragen lässt. Hier oben zu schweben und die Erde dort unten zu sehen. Ich sehe keine Grenze und auch nicht die Probleme, die dort unten so viel leichter zu lösen sind, weil so viele Menschen sie angehen könnten, während wir hier oben nur hochspezialisiert sind und für manche Aufgaben ein Werkzeug benötigen, welches nicht an Bord ist und welches wir auch nicht mit unserer Hände Arbeit erschaffen könnten. Da unten ärgert mich kein ausgelaufener Kaffee auf meiner Küchenplatte, weil ich ihn einfach wegwischen kann. Das Leben ist so gut zu uns, wir erkennen es nur nicht, weil wir zu nah dran sind.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

3 Kommentare zu „Zwischen den Sternen“

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