Drehverschluss

Ich kniete vor der Flasche Rotwein. Sie hatte einen Verschluss aus Kork und alles was ich zum Öffnen fand, war der silberner Abklatsch eines Schweizer Taschenmessers. Es war das Werbegeschenk der Firma, in der meine Mutter arbeitete. Ich nickte dem silbernen Griff zu: „Glück auf!“

Der Korken ließ sich wunderbar leicht herausziehen, da musste ich schon ganz anders kämpfen, nachdem ich früher von all den Drehverschlüssen verweichlicht worden war. Okay, der Drehverschluss war nur die Spitze des Eisbergs eines Menschen, der in einer Gesellschaft lebt, die keinen Finger mehr rühren möchte, aber sich über Schmerzen des Körpers beschwert, der keinen Muskel mehr trainieren muss, außer jenen im Daumen.

„Deutschland schafft sich ab“, meinte Sarrazin, aber in Wahrheit schafft sich eine bequem gewordene Gesellschaft ab, die sich auf einen Porno einen abwichst und denkt, damit Sport betrieben zu haben. Machen wir uns nichts vor: Wir vergessen unsere Körper natürlich zu bewegen. Wir laufen zumeist in bequemen Schuhen und tragen Klamotten, die unseren Wärmehaushalt regulieren. Und würden wir dies nicht tun, so hielten wir uns noch immer in geheizten oder gekühlten Räumen auf.

Unser Menschsein hat sich gewandelt von einem Wesen, das sich viel bewegt und sich den äußeren Einflüssen aussetzt zu einem Wesen, das allein vor seinem Bildschirm sitzt oder liegt und darauf starrt. Wir schaffen uns nicht durch die Menschen ab, die zu uns kommen. Wir schaffen uns dadurch ab, dass wir nicht mehr leben. Wir könnten jeden Tag mit Menschen verbringen, die uns mögen und die wir mögen-. Stattdessen suchen wir auf einem Bildschirm in unserer Hand nach einem Gesicht, das uns gefällt und erregt – mit dem wir vögeln wollen.

Den Wein habe ich geöffnet bekommen und in ein passendes Glas gegossen. Sein Wert sollte nicht nach seinem Verschluss bestimmt werden, aber dieser war seinen Korken wert.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

12 Kommentare zu „Drehverschluss“

      1. Ich hoffe doch, dass ein Fünkchen Realität in meinen Texten steckt und so düster die Momentaufnahme erscheint, sie hat zum Glück nicht auf Dauer bestand und die Menschheit ist fähig, sich zu ändern.

    1. Stimmt. Ich war gestern mit mir selbst nicht ganz glücklich und nach abrechnenden Texten über mich, musste dann noch diese Abrechnung über die Gesellschaft her. Hin und wieder muss auch mal gepoltert werden und mir gefällt dieser Polterer besser als Sarrazins 😉

  1. Diese Künstlichkeit könnte ich nicht besser beschreiben. Ob die Menschheit sich so selbst abschafft, langsam aber stetig? Gut möglich. Meine Version/Option bei der menschlichen Sichselbstabschaffung geht ja vom Aussterben aus. Von Sichnichtmehrfortpflanzenkönnen. Du lieferst da ein paar plausible Gründe dafür.
    Cheers!

    1. Sehe ich auch so. Roboterpuppen für Sex, virtual reality mit den VR Brillen bei denen man „live“ in ego-Sicht bei den verdrigten Hardcore pornos dabei wichsen kann, immer mehr Singles etc. Einzig die muslimischen Zuwanderer lernen jetzt erst wie in unserer westlichen kapitalistischen Gesellschaft Sex überall als Konsumgut statt als Privatsphäre und schöne Intimität gehandhabt wird. Für sie ist das neu und fast abschreckend, da sie sehr privat und familienfokussiert leben. Das wurde hier fast verlernt dank Konsumsucht (Sex toys, porno, alkohol, – was bei denen verboten ist aber grad in Saudi Arabien/Emirates/Qatar extremst zunimmt wegen dem US Einfluss!)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s