Stillstand

„Was ist das für ein merkwürdiger Knubbel an deiner Brust?“ Es war eine sehr intime Frage, die mir aber schon so oft gestellt wurde, dass ich sie sonst mit aller Selbstverständlichkeit erzählte. Dieses Mal war es ein wenig anders, denn die Frage kam von Sunny, der Frau neben mir im Bett. Wir kannten uns kaum und waren uns doch schon vertraut. Ich erklärte ihr: „Das ist ein Herzschrittmacher.“ und weil ich dabei schmunzelte, lachte sie darüber und sah mich dann doch ein wenig ernster an. „Es ist wirklich das, was ich sagte. Mein Herz setzt manchmal einfach aus“, erzählte ich ihr und sie nickte. Sie fragte: „Seit wann hast du diese Aussetzer?“. Ich musste ihr gestehen, dass ich es nicht mehr genau wusste.
Ich hatte mir früher immer mal wieder Verletzungen zugezogen, weil ich stürzte, aber weil ich ein Kind war, hatte das niemand hinterfragt. Der Arzt hatte mich ganz liebevoll den Träumer genannt, auch weil sein Sohn mit mir in die gleiche Klasse ging und er von diesem wusste, dass ich dort hin und wieder mal einschlief. Die hatten keine Ahnung, dass ich nicht schlief, sondern ich einen kurzen Stillstand meines Herzens hatte. So oft kam es auch gar nicht vor. Eines Tages, als dieser Arzt bei uns im Dorf mal im Urlaub war, fuhr ich mit meinem besten Freund auf dem Fahrrad um die Wette. Mein Herz hatte dann mal wieder eine Pause eingelegt und ich lag kurz danach auf dem Asphalt. Den Unfall hatte ich nicht mitbekommen, aber das Blut, welches von meiner Stirn auf mein T-Shirt tropfte blieb mir auf ewig in Erinnerung. Ich war also bei einem anderen Arzt und der fragte mich, ob ich das häufiger hätte, dass ich mich an längere Momente nicht erinnern konnte. Er hatte den richtigen Riecher und kurz darauf hatte ich meine erste OP und bekam dieses sechseckige Teil unter die Haut meiner Brust. Es ist nur die Batterie, die ich alle paar Jahre wechseln lassen muss, aber seither kennt mein Leben keine Aussetzer mehr. Ich hatte Glück gehabt, dass ich beim Schwimmen nie ertrunken bin oder dass ich irgendwann mal beim Autofahren nicht solch einen Totalausfall gehabt hätte. Seit jenem Tag war ich nicht mehr der Träumer. Ich war seither der Typ, den man fragte, was das da auf der Brust sei. Der Typ mit dem Herzschrittmacher.
Sunny sah mich lange an, legte ihren Kopf auf meine Brust und hörte meinem Herz beim Schlagen zu. Sie tippte den Rhythmus mit ihrem Finger auf meinem Bauch mit und ich fühlte mich wohl in dem Moment. Jetzt durften mir die Augen zufallen. Jetzt war ich gern der Träumer.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

15 Kommentare zu „Stillstand“

  1. Sehr eindrucksvoll, mit Menschlichkeit, die man beim Lesen spürt, geschrieben…
    Mein Onkel Bernd hat auch einen Herzschrittmacher, Helmut Schmidt hatte einen. Diese Geräte sind gar nicht so selten.
    Liebe Morgengrüße vom Lu

    1. Guten Morgen Lu, vielen Dank. Ich selbst verdanke auch der modernen Medizin, dass ich überhaupt noch sein darf und so sehr ich mich manchmal frage, was da so an Unsinn gemacht wird, bin ich doch froh, dass sie so viele Leben rettet.

      Ich wünsche dir einen schönen Tag und danke dir für deinen Besuch und deinen Kommentar.

  2. Was für ein wundervoller, berührender Text … Ich war beim Lesen voll drin in der Situation und bin ergriffen. Und wie schön, dass du diese Zeilen hier eingestellt hast, und ich sie lesen durfte. Danke dafür. Ich wünsche dir von Herzen schöne und erholsame Feiertage.

      1. Hallo zurück. Ich hoffe, das ist kein einmaliger Schreibausflug von dir, denn das wäre wirklich sehr schade.

        Ich danke dir, Moody … Für mich wirst du immer Moody bleiben, … ich hoffe, du findest das nicht schlimm. Es ist wertschätzend gemeint.

        Ich wünsche dir ebenfalls ruhige und erholsame Weihnachtsfeiertage und alles Glück dieser Welt. Pass auf dich auf.

    1. Hallo und vielen Dank, ich hatte die Seite seit April wegen des DSGVO-Gedöns offline und habe auch nur wenig geschrieben, aber ich habe mich aufgerappelt und so manch neue Geschichte pocht schon ans Hintertürchen meines Kopfes.

      Vielen Dank, dass du weiterhin hier liest und ich wünsche dir ebenso wundervolle Feiertage bei möglichst wenig Schietwetter 😉

      1. Dann freue ich mich auf viele schöne Geschichten von dir.
        Das Schietwetter ist wieder mal passend zur Wintersonnenwende schon da. Ätzend. Es ist warm gewordenen und es regnet. Wahrscheinlich kommt dann auch noch Sturm dazu, damit es richtig gemütlich wird. 😉

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