Wahnsinn

„Die Leute sind wahnsinnig geworden und sie benennen diesen Zustand >normal<“, meinte Bastian. Und ich nickte ihm zu und er ergänzte: „Also zum Beispiel fahren die jeden Tag den gleichen Weg zur Arbeit und es kommt ihnen nicht merkwürdig vor.“ „Ja, daran kann ich auch nichts wahnsinniges finden“, erklärte ich mich in dem Wissen, dass ich selbst jeden Tag zur Arbeit fuhr. „Warum fährst du nicht mal einen anderen Weg oder du fährst einfach weiter. Glaube mir, das wirst du merkwürdig finden.

Ich fand die Idee nicht merkwürdig und ich beschloss es einfach mal zu machen, damit ich Bastian sagen konnte, dass es nicht stimmen würde. Wie so oft vergaß ich schon am nächsten Morgen mein Vorhaben und einige Wochen fuhr ich jeden Tag denselben Weg auf die Arbeit.

Eines Morgens aber war ich früher wach geworden. Es war so ein Morgen mit goldenem Sonnenschein und als ich auf der Straße unterwegs war, merkte ich, dass ich eine Stunde zu früh dran war. Und ich erinnerte mich, dass ich mal anders fahren wollte, doch ich war schon auf der üblichen Route. Ich könnte ja einfach an der Arbeit vorbeifahren. Einfach nur so. Ich hielt wie üblich beim Bäcker und stieg wieder ins Auto. Ich fuhr zur Arbeit und sagte mir, dass ich die Ruhe allein im Büro und die Effizienz, die diese Ruhe mit sich bringt, nutzen müsste. Bastian hatte Recht, ich war wahnsinnig geworden und ich wurde mir dessen langsam bewusst.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

11 Kommentare zu „Wahnsinn“

    1. Vielen Dank, ich arbeite gerade an einem längeren Text, der sich mit diesem Wahnsinn auseinandersetzt. Das ist ein kleiner Auszug. Aber ja, der alltägliche Wahnsinn, der den Menschen gar nicht bewusst ist. Arbeiten wir mal daran, es ihnen wieder bewusst zu machen. Es braucht mehr „Rumtreiber“ und „Lebenskünstler“ und „Verrückte“ in dieser Welt, sonst braucht es uns Menschen und unser Leben gar nicht mehr. Es braucht keinen Krieg und keinen Kampf. Wir müssen nur endlich wieder beginnen zu leben. 🙂

      1. Stimmt. Ich bin gespannt auf den längeren Text oder wohl besser Ausschnitte desselben in deinem Blog.

        Ich spüre in der Gesellschaft die wachsende Angst vor dem Fremden (nicht nur im Sinne von fremden Nationen), eher auch vor dem Unfassbaren, dem Unkontrollierbaren, dem Grenzwertigen. Manchhmal frage ich mich, wie genau diese Ängste so großflächlich gefüttert werden/worden sind und von wem (Eigendynamik oder ‚mit System‘). Dass Ängste lebenswichtig sind, ist ja nur das eine, aber wie groß sie werden und warum sie aber so groß werden konnten, das andere. Wie viel hat das alles damit zu tun, dass die Menschheit sich so vermehrt hat?

        Der (Alltags-)Wahnsinn, die Ver-Rücktheit, die Madness sind so Themen, über die ich auch immer wieder nachdenke (grad lese ich das Buch, von A. K. Benjamin, einem britischen Neurologen, Into Madness, das ich demnächst besprechen werde und das über das Thema ebenfalls nachdenkt … Sehr spannend.

        Go on!

      2. Den längeren Text werde ich nicht in den Blog schreiben, aber so kleine Einblicke ganz sicher.

        Ich werde deine Gedanken mal mit meinen mischen, das Thema Angst reizt mich schon länger 🙂

      3. Es ist schön ,,Rumtreiber“ und „Lebenskünstler“ und „Verrückte“ zu haben, aber wirklich Kontakt zu denen hat ein arbeitender Robotermensch nicht in seinem Hamsterrad. Wann denn auch? Er sitzt allein im teuren Auto, Versicherung, Benzin, Steuer, Stau. Die anderen „leben“ – vor sich hin. Und Respekt kriegen sie auch nicht, auch wenn es Künstler sind, oder FREIGEISTER gar. Sie werden als Nichtsnutz, Schmarotzer, Hängengeblieben tituliert. Leben aber bei Weitem offener, weiter und höher als das maschinelle Humankapital. Trostlos und angepasst, bequem und geformt, geblendet und stumm. So geht die Welt den Bach hinunter.

      4. Der Robotermensch hat diesen Kontakt in der Tat nicht mehr. Er merkt zwar, dass etwas nicht stimmt, aber das lässt sich durch die richtige Berieselung oder durch das aufgeregte Warten auf die neueste Bestellung bestens verdrängen…ich sehe die Welt aber noch nicht am Abgrund und denke, dass man sich mit Freunden sein eigenes kleines Paradies schaffen muss.

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