Ein Katzensprung

Es war wieder einer von diesen Tagen, die sich schier endlos in die Länge zogen. Mir war die Lust vergangen. Irgendwas arbeitete in mir und ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen. Ich wollte mein Leben genießen, ich wollte meine Freiheit genießen. Stattdessen fühlte ich mich verletzt, es kam mir vor, als hätte man mich weggestoßen. Freundschaften zerbrechen manchmal. Ich beschloss, ein wenig zu spazieren. Das Auf und Ab meiner Füße würde mir wieder Halt geben. Die Sonne knallte mir auf den Körper und ich kämpfte nicht dagegen an. Ich nahm die Schwere auf und setzte einen Schritt vor den anderen. Immer weiter. Es gab kein Ziel, höchstens ein Inneres. So lief ich eine kleine Ewigkeit und kam wieder bei mir an. Nichts hatte sich in mir getan. Bevor ich die Haustür erreichte, kreuzte eine kleine Katze meinen Weg. Ich begab mich in die Hocke und sie sprang mir auf den Schoß. Als Katze ist das einfacher, dachte ich mir. Niemand misstraut dir, man akzeptiert und liebt dich einfach für das, was du bist. Merkwürdig, dass wir Menschen uns immer mit Regeln aufladen, die uns einschränken und betrüben. Ich kraulte das süße Wesen und irgendwann sprang sie von mir herunter und zog weiter. Ich mochte sie und es war schön, ihre Freiheit bewundern zu dürfen.

Die Wette

Es kommt mir manchmal so vor, als betrachten wir unser Leben wie eine Wette darauf, wer am längsten durchhält. Die Freiheit, die wir durch spontan ausgeführte Wünsche erlangen könnten, schränken wir ein, weil wir doch an Morgen und an Übermorgen und an alle Morgen danach denken müssen. Welch verrückte Idiotie, wo es doch kein anderes Leben als das im Jetzt gibt. Das vergangene Leben ist nur eine Erinnerung und oftmals nur eine Fantasie. Die Zukunft, die ist noch gar nichts. Also ab jetzt!

Die Masse

Ich habe Angst vor Menschenmassen. Es ist kein Dauerzustand, aber wenn ich in die Stadt gehe und die menschenüberfüllte Brücke überqueren muss, beginnt mein Puls zu steigen und ich bin froh, wenn ich dieses Gewirr hinter mir gelassen habe.

Wenn ich feiern gehe und die Menge anfängt zu schubsen und springen, versuche ich mich herauszuwinden, denn ich fühle nicht, dass sie mich schützen würden. Und wenn sie betrunken über ihre Witze lachen, fliehe ich, denn diese Witze sind selten lustig.

Wenn die Masse ein Individuum verurteilt, weil sie jesusgleiches Verhalten erwarten und dabei gar nicht merken, dass sie den ersten Stein werfen. Aber sie werfen den ersten Stein und sie werfen so lange weiter, bis ihr Opfer blutend am Boden liegt und sich nicht mehr regt.

Ich habe Angst vor Menschenmengen, weil sie mich in ihrer Art bedrängen.

Ich habe Angst vor Menschenmassen, weil sie ihre Opfer endlostief hassen.

Verloren

Ich fühlte mich wie ein Verlierer. Ich war gescheitert und das Leben hing an mir wie eine Klette. Warum ich nicht einfach gehen konnte, wollte mir nicht einleuchten. Zu ängstlich für den Suizid und zu lebensmüde, um mich aufzurappeln. Ich mochte den Tag nicht und als das Telefon klingelte, stand ich nur widerwillig auf. Auf dem Display stand die Nummer meiner Oma. Ich wollte nicht telefonieren, aber ich wollte sie nicht umsonst angerufen haben lassen. Sie grüßte mich und fragte mich, ob ich sie mal wieder besuchen wollen würde. Ich erklärte ihr, dass es gerade nicht so passte. Vom Geld her und auch sonst gerade nicht. „Aber dir hat doch das Meer immer so gutgetan“, sagte sie und die Erinnerung überkam mich, wie ich als kleiner Junge mit einer Lungenkrankheit kaum atmen konnte, bis ich einige Wochen ans Meer zu ihr fuhr. Ich versprach ihr, dass ich es mir überlegen würde. Wir sprachen noch über dieses und jenes, aber in meinem Kopf erinnerte ich mich, wie ich damals dachte, sterben zu müssen und dann war ich einfach vollkommen geheilt. Mir kam in den Sinn, wie ich viele Jahre später eine sehr seltene Hautkrankheit erlitten hatte, die mich auch nur um ein Haar hat überleben lassen. Und meine Geburt war eh pures Glück. So schnell wie ich auf die Welt kam (einen Monat zu früh) wollte ich auch wieder verschwinden. Als ich es dann geschafft hatte, meinten die Ärzte, dass ich wohl nicht zu besonders viel zu gebrauchen sei. Meine Oma und ich beendeten das Telefonat und ich sann nach: Ich war ein Gewinner. Ich war auf dieser verdammten Welt. Ich war das erste Spermium und ich war noch immer da. Man sagte mir, ich könne nichts und ich wäre ihnen fast auf den Leim gegangen und hätte es geglaubt. Jetzt erkannte ich den Fehler, ich war zu einer ganzen Menge zu gebrauchen. Mir kam ein Lächeln über die Lippen. Ich suchte nach einer günstigen Verbindung zu meiner Oma, fand eine in drei Wochen und buchte diese. Dann nahm ich mir das Telefon und rief sie wieder an.

Glühend

Die glimmende Kohle faszinierte mich. In der Nacht war die kühle Luft vom Meer hergezogen und wir hatten uns um das Lagerfeuer versammelt. Sie hatten sich nacheinander in die Zelte verzogen. Es dämmerte bereits und ich war als einziger wach geblieben, so als hätte ich das Feuer bewacht. Die Zelte standen ein wenig entfernt und es kam mir vor, als wäre ich mit dem Strand und dem Meer allein. Eingewickelt in eine warme Decke erwartete ich die Sonne. Hin und wieder stocherte ich in der Glut umher und sah dabei zu, wie das Rot kurzzeitig ein wenig größer wurde, um dann doch wieder schwarz-weiß ummantelt zu werden. Frieden kommt einem nie besonders groß vor, wenn man das Glück hat, gerade darin zu verweilen.

Unsere Gruppe war den letzten Tag lang gewandert und hier hatten wir unser Lager für die Nacht aufgeschlagen. Direkt darauf waren wir ins Meer gerannt und ließen uns von den Wellen die Strapazen des Tages wegspülen. Danach aßen wir und sangen am Lagerfeuer. Anfangs traute ich mich nicht den Mund aufzumachen. Dann summte ich mit, und schlussendlich ließ ich locker und trat in den Gesang mit ein. Die Welt fühlte sich unendlich leicht an. Wir hatten hier unser kleines Paradies und ich wünschte mir, dass ich dieses Gefühl auf ewig in mir bewahren und jederzeit darauf zurückgreifen könnte.

Der Anfang

Der Tag war lang, heiß und anstrengend gewesen. Die ewiggleichen Fragen der Kundschaft hatten mich genervt, ebenso wie deren Undankbarkeit. Wir litten alle in der Hitze.

In meinem Zimmer angekommen und warf ich mir ein Handtuch um den Hals, um den Schweiß aufzufangen, der mir nach der Fahrt mit dem Fahrrad ganz selbstverständlich aus den Poren kam. Ich setzte mich, klappte meinen Laptop auf und suchte nach irgendetwas, das mir diese Welt erzählen wollen würde. Aber da kam nichts. Also klappte ich das Ding wieder zu und spürte, wie mich eine Müdigkeit und Schwere überkam, der ich mich auf meinem Bett hingab.

Ich schlief nur einen Moment. Den Traum konnte ich beim Erwachen nicht festhalten, weil ich als erstes meinen Kopf gedreht hatte. Der Schweiß klebte feucht an mir und ich beschloss aufzustehen und mich wieder auf mein Rad zu setzen. Und so rollte ich in Richtung des Flusses. Die Welt zog eigenartig an mir vorbei, als würde ich gar nicht in ihr sein. Alles glitt an mir vorüber und es faszinierte mich nicht. Es betrübte und es erheiterte mich nicht. Keine Wut und keine Angst keimte auf. Ich war in meiner Blase und radelte ein wenig am Fluss entlang. Ich machte kehrt und fuhr wieder heim.

Zuhause angekommen überkam mich der Durst und ich griff mir eine geöffnete Flasche aus dem Kühlschrank und trank sie in einem Zug aus. Meine Mitbewohnerin Lina kam herein und fragte mich: „Alles okay?“ Ich nickte: „Ja.“ Sie stellte in einem fragenden Ton fest: „Du hast gerade den Wein auf ex getrunken.“ „Ja, der war so wunderbar kühl“, entgegnete ich und stellte fest, wie süßlich er geschmeckt hatte. Ich räumte ein wenig in der Küche auf und plötzlich vernahm ich einige unklare Worte von Lina und fragte: „Ähm was?“ „Du hast wirklich nicht zugehört?“, fragte sie erheitert. Ich war einfach nicht da und es fühlte sich gut an. Es war eine Zufriedenheit, die ich da in mir spürte und die ich mir nicht rauben ließ. Sie verstand mich und ließ mich allein.

Ich begann die Küche zu putzen und fragte mich, wie ich in diesen Zustand gekommen war. War es, weil ich direkt vom Traum aufs Rad gestiegen bin? War mein Kopf noch in der Traumwelt geblieben, während mein Körper durch die Realität schritt? Der Zustand genügte mir. Mein Leben hatte die Schwere verloren, aber auch den Wert. Ich hätte direkt sterben können und es wäre in Ordnung gewesen. Mir wurde das Leben egal und ich hätte morden können, ohne mich von der Moral nerven zu lassen. Mir kam es vor, als könnte ich eine Wahrheit erkennen, die mir sonst durch Filter verschlossen blieb. Es war ein herrliches Gefühl. So viel Gott und so viel Buddha hatte ich gar zu erleben erwartet. Ich ging glücklich in mein Zimmer und begann zu schreiben.