Haarige Angelegenheiten

Ich hatte mich an die Gesetze gehalten und wurde doch bestraft. In manche Situationen gerät man einfach – da kann man nichts gegen machen. Ich war in der sechsten Klasse und meine Mutter schnitt mir bis dahin immer die Haare. Ich vertraute ihr, obgleich sie mir einmal ins Ohr geschnitten hatte. Sie hat das bis heute nicht vergessen können, während es für mich eine Erinnerung ohne Emotion ist. Ich denke, dass es nicht so tief ins Fleisch ging, denn es gibt weder eine Narbe noch sonst ein Anzeichen jener Wunde. Mein Vertrauen hatte sie deswegen nicht verloren. Vielleicht auch weil ich wusste, dass dieser Schnitt ihr mehr weh getan hatte, als mir. Womöglich hatte sie die Schmerzen verspürt, die ich hätte spüren müssen, wer weiß. Auf jeden Fall war es ihre Sache, mir die Haare zu schneiden, denn damit fühlte ich mich wohl. Wenn ich mir die Fotos früherer Tage so anschaue, hat sie es schon ganz gut gemacht. Ich fühlte mich nie schön mit diesen hässlichen Brillen, die ich trug und da war der Haarschnitt eh egal. Oder eben auch nicht. Meine Frisur wurde von meiner Mutter gemacht und das war gut so.

Nun ergab es sich, dass sie auf einer Dienstreise war und meine Haare dennoch geschnitten werden sollten. Da mein Vater ein pragmatischer Mensch ist, nahm er die Sache in die Hand. Vermutlich wusste er, dass er mit Kamm und Schere nichts Gescheites zustande bringen würde und so nutze er den Haartrimmer. Ich denke, dass er das ganz praktisch fand: Es würde schnell gehen, sauber aussehen und für die nächsten Wochen wäre es mit dem Haarschneiden vom Tisch. Er ließ den Trimmer lärmen und ich sah auf dem Boden, wie sich Haarbüschel häuften. Schon erstaunlich, wie viele Haare das dann sind, wenn man sie zu einem Haufen kehrt. Beim Blick in den Spiegel erschrak ich. Das war nicht ich, den ich da anblickte. Ich weinte, denn ich wusste, dass es keinen Ausweg aus der Situation gab. Die Haare waren ab.

Am nächsten Tag ging ich zur Schule. Es war kühl am Kopf und ich behielt meine Kapuze auf, um ihn zu wärmen. In der Schule angekommen, setzte ich die Kapuze nicht ab. Die ersten zwei Stunden vergingen und nichts geschah. Die Hofpause überstand ich und auch in den folgenden zwei Stunden störte sich niemand an meiner Kopfbedeckung, die mir so viel Sicherheit gab. Es gab Mittagessen und wir versammelten uns im Esszimmer. Es gab bei uns keine Kantine, dafür war die Schule viel zu klein. Ich aß mein Essen und redete mit meinem besten Freund. Der ganze Raum war im typischen Lärm, der entsteht, wenn Kinder essen und dabei ein wenig reden. Der Lärm wurde jedoch von einem Moment auf den nächsten durch eisige Stille ersetzt, als mich eine Lehrerin ermahnte, meine Kapuze beim Essen abzusetzen: „Du setzt die Kapuze ab oder du darfst nicht essen!“, forderte sie. Nun war diese Lehrerin nie für mich verantwortlich gewesen, aber sie war niemandem unbekannt. Sie war streng und man hatte Angst vor ihr. Ich hatte sowieso Angst. Das hatte ich eigentlich immer, aber bei ihr nochmal mehr. Ich war nie ein Rebell gewesen und ich widersprach auch nie, sondern tat immer wie mir geheißen. So auch in diesem Moment: Ich schob meinen Teller von mir weg und erfüllte damit die gegebene Anweisung. Es hätte damit gut sein müssen, dachte ich mir. Immerhin hieß es in den Werbematerialien der Schule immer, dass man hier angstfrei lernen könne. Nun ja, zumindest durfte ich nicht angstfrei essen. Denn es war mit dem Wegschieben des Essens nicht getan. Das würde die Autorität der Lehrerin untergraben. Dass sie das aufgrund ihrer schwammigen Aussage selbst zu verantworten hatte, war ihr vermutlich gar nicht bewusst. Sie hatte wohl schon vergessen, dass sie sagte: „Du setzt die Kapuze ab oder du darfst nicht essen.“ Ich war mir keiner Schuld bewusst. Aber sie forderte mich wieder auf, die Kapuze abzunehmen. Mir standen Tränen in den Augen, denn ich wollte diese Scham nicht. Ich wollte nicht im Mittelpunkt dieser Situation sein und ich wollte meinen fast kahlen Kopf nicht präsentieren. Aber schlussendlich tat ich, wie mir befohlen wurde. Die Lehrerin schwieg und die Tage und Jahre vergingen.

Ich habe diese Situation nicht vergessen und ich ärgere mich darüber. Mich ärgert, dass ich nicht gegen die Lehrerin angekämpft habe. Im schlimmsten Fall wären wir zum Rektor gegangen. Ein gutherziger Mann mit großem Bauch. Er hätte mir natürlich erklärt, dass es diese Regel gäbe und dass er verstehen würde, wenn ich mich für die Frisur schäme, obgleich er dafür gar keinen Grund sehe, weil ich damit auch schön aussehen würde. Und danach hätte er sich zu zweit mit der Lehrerin unterhalten und sie gefragt, was mit ihr eigentlich nicht stimmen würde, einen jungen Schüler so vorführen zu wollen.

Ich musste irgendwann jene Kapuze absetzen, das war unvermeidlich, ich hätte nicht über Wochen so rumlaufen können. Ich bin auch nicht betrübt darüber, dass man mir in einer gewissen Weise Leid zufügte, indem man zuerst die Haare abrasierte und mich dann später dafür in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte und mich dort leiden ließ. Ich denke, dass ich daran gewachsen bin. Aber ich hätte noch weiterwachsen können. Ich hätte aufstehen können und mich gegen eine falsche Behandlung wehren müssen, damit sie nach mir womöglich nicht nochmal jemanden traf. Ich komme heute manchmal in Situationen, in denen ich auch die Wahl habe, ob ich sitzen bleibe oder aufstehe. Ich muss eigentlich nie für mich aufstehen und ich hoffe, dass ich gelernt habe immer für Andere aufzustehen.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

4 Kommentare zu „Haarige Angelegenheiten“

  1. Wachsen wir nicht immer an den Fehlern, die wir machen und an den Aufgaben, die uns schwerfallen, weh tun, uns große Überwindung kosten?
    Anders gesagt: Wir können Licht nicht wertschätzen, wenn wir Dunkelheit nicht erfahren haben.

    Was bedeutet: „und ich hoffe, dass ich gelernt habe für Andere aufzustehen.“ Du zweifelst? – Tust du es oder nicht?

    1. Ich denke, dass wir an den Fehlern und unserem Schicksal wachsen. Allerdings bin ich auch vorsichtig mit dieser Aussage geworden, weil ich daran eben auch zerbrechen können und weil ich so viele Menschen kennengelernt habe, die Schicksale mit sich rumschleppen, von denen ich wünschte, dass sie diese nicht hätten erfahren müssen.

      Meine Zweifel beziehen sich auf Situationen, in denen man erst nachträglich merkt, dass man nicht gehandelt hat oder nicht einmal das mitbekommt. Ich las gerade für ein Seminar eine Beobachtung einer Busfahrt in Amerika in den 60ern, bei denen es eine lange Auseinandersetzung zwischen dem Busfahrer und zwei schwarzen Mitfahrern geht. Keiner in dem Bus hat sich während des Vorfalls eingemischt. Schlussendlich führte die Polizei die zwei Menschen ab. Ausgrenzungen und Ausübung von Druck aufgrund einer Eigenschaft passiert ständig und meine Hoffnung ist, dass ich es erkenne und auch tatsächlich aufstehe. Ich weiß, dass ich mittlerweile schon einige Male aufgestanden bin, aber genügt das? Vielleicht ist das eher die Frage für das Ende des Textes.

  2. Na ja, ich finde es schon ziemlich schikanös von dieser Lehrerin.

    (Ich erinnere mich gerade an ein Erlebnis im Musikunterricht, als uns die Lehrerin als 13- oder 14-Jährige einen Volkstanz tanzen lassen wollte. Und ich, damals des Tanzens unfähig und voller Hemmungen, hätte vortanzen müssen, dazu mit dem unbeliebtesten Jungen der Klasse, der wie ich zwei linke Füße hatte. Ich habe mich verweigert und wurde danach von allen tagelang gemieden und gemobbt.)

    Warum tun Lehrpersonen so etwas?

    Für andere kämpfen oder aufstehen ist mir immer leichter gefallen als für mich.

    Ob es genügt? Wer kann das schon beurteilen oder wissen? (Letztlich bist du die einzige Instanz, dies zu beantworten.)

    1. Warum Lehrpersonen so handeln, erklärt sich an der Machtstruktur, die in der Schule als gesetzt gilt. Es müssen alle folgen, sonst könnte Chaos herrschen. Und im Endeffekt könnte man damit etwas zu Tage fördern, das bisher nicht erkannt wurde. Es war für meine Schule tatsächlich so eine Sache, dass mich jene Lehrerin so „vorführte“, ich habe daran aber keinen Schaden genommen und will daher auch nicht auf der Verhaltensweise jener Lehrerin rumreiten.

      Ich musste das Kämpfen erst lernen, aber in der Tat fällt es mir auch leichter, für andere zu kämpfen, weshalb ich mich durchaus glücklich schätze, selten für mich kämpfen zu müssen.

      Ich denke, dass man immer mehr tun kann, als man es tut (außer man opfert sich auf). Ich merke, dass ich mir sehr klar meine Aufgabengebiete aussuche und dabei darauf achte, anderen zu helfen. Das ist dann dennoch etwas anderes, ob man in einem Moment wach ist und aufsteht oder ob man organisiert gegen Ungerechtigkeiten vorgeht.

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