Sitzgefühl

Es war kalt geworden und allein der Gedanke, die Wohnung zu verlassen, löste Unbehagen aus. Manches lässt sich einfach nicht ändern und so nahm ich die beige Wolljacke und machte mich auf den Weg zur Arbeit. Immerhin gönnte ich mir die Fahrt mit der Bahn, da das Fahrrad gerade in Reparatur war und konnte so weiterhin die Wärme genießen. Es ist schon ein Unsinn, dass man ständig diese Wärme um sich erzeugt, wo man sie doch selbst auch erzeugen würde, wenn man sich nur ein wenig bewegte. Aber ich setzte mich stattdessen auf einen Sitz. Er war nicht ganz fest und so hob er sich ein wenig an, wenn ich mich nach links lehnte, was ich nur zu gern tat, um meinen Arm gegens Fenster zu legen und meinen Kopf damit zu stützen. Dieser Sitz nervte mich. Es musste doch möglich sein, dass der an seinem Platz bleiben würde. Ich verlagerte das Gewicht meiner Hüfte und hoffte, dass der Sitz sich dadurch wieder in die Ebene bringen würde, aber der blieb weiterhin auf der rechten Seite in der Luft hängen. Ein Graus war es, doch ich wollte auch nicht aufstehen. Wer steht schon während der Fahrt auf und wechselt den Sitzplatz? Und überhaupt war es recht voll in der Bahn. Also blieb ich sitzen bzw. ich kippelte. Ja, irgendwie war das ja wie das Kippeln in der Schule, nur dass ich hier nicht umfallen konnte oder etwa doch?

Ich weiß gar nicht, warum man jemals damit aufgehört hatte, mit dem Stuhl zu Kippeln. Klar, es gab da immer die Geschichte von dem Jungen, der sich dabei ein Loch in den Kopf geschlagen hatte, weil es ihn nach hinten geworfen hatte und er mit dem Kopf aufgekommen sei. Jeder an er Schule kannte die Erzählung, aber keiner wusste von dem Jungen, noch in welchem Klassenzimmer es passiert sein soll. Da wäre ja einiges an Blut auf dem Boden gewesen. Nun ja, die Geschichte schien gewirkt zu haben. Oder man kippelt nicht, wegen der Bürostühle, deren Rückenlehne nachgibt. Aber dennoch war das damals was anderes. Das Kippeln war die eine akrobatische Betätigung während des Unterrichts, die man überhaupt irgendwie machen konnte. Nicht erlaubt, aber solange man auf den Rücken der Person vor der Tafel sah, kein Problem. Was man da als Kind für eine Grundübung fürs Gleichgewicht hatte. Eigentlich hätte das sogar verpflichtend sein müssen. Stattdessen sollte man irgendwie gerade auf diesem Stuhl sitzen. Die Sitzfläche war hölzern, aber kalt. Ich hasste es, wenn ich mich im Winter auf den kalten Stuhl setzen musste. Aber immerhin waren die Füße schön leise, ich erinnere mich nicht, dass die jemals laut gekratzt hätten.

Der Sitz in der Bahn war gepolstert und er gab trotz seines Fehlers keinen Ton von sich. Ich wippte noch ein wenig auf ihm her, bevor mich die Haltestelle wieder ins Kalte verlangte. Wird Zeit mal wieder zu Kippeln, zur Not mit Helm.