Die Macht abgeben

Was ist es, das uns die Macht über uns selbst abgeben lässt. Die Bewertung des eigenen Selbst überlassen wir uns selbst und doch ertappe auch ich mich hin und wieder dabei, dass es mich trifft, wenn jemand mich darauf hinweist, dass ich nicht das Gewicht habe, welches ich aus der Sicht jenes Menschen haben sollte. Es trifft und verletzt mich, obgleich ich weiß, dass es nichts auszusetzen gibt an dem, wie ich bin. Warum also gebe ich diese eigene Macht ab und überlasse sie einer anderen Stimme als der meinigen, damit sie über mein Wohlergehen entscheidet?

Warum ist die Meinung anderer Menschen uns wichtig? Liegt es daran, dass wir unser Selbstbild aus der Reflexion (bzw. aus der angenommenen Reflexion) Anderer beziehen?

Sich selbst unter Wert zu verkaufen und gleichzeitig sich selbst zu hoch zu heben. Mir scheint, dass diese Ambivalenz vielen Menschen innewohnt. Eine Art manische Depression des Selbstwerts.

Eine Erkenntnis allerdings habe ich bei all den umherschwirrenden Fragen: Mir fehlt das Laufen. Ein Muskelfaserriss zwingt mich dazu, die Beine hochzulegen und es tut mir nicht gut. Wir Menschen sind die geborenen Läufer. Wir sind nicht fürs Sitzen, fürs Schlendern, ja nicht einmal fürs Gehen gemacht, sondern für das Laufen. Ich kann nicht auf Dauer verweilen. Ich muss los.

4 Kommentare zu „Die Macht abgeben

  1. Bis auf die letzten Sätze unterschreibe ich deine Gedanken und erkenne mich i. ihnen wieder. Klasse Denkfutter!

    Das mit dem Fürs-Laufen-geschaffen-Sein wirft natürlich Fragen auf wie: Alle oder eher manche so manche so? Weil eine Gesellschaft ja schon immer unterschiedliche Talente und Fähigkeiten hervorbrachte um überleben zu können. Ich bin – beispielsweise – eher so die Wandernde denn die Laufende.

    Ein sehr feiner Text.

    Gute Besserung!

    1. Guten Morgen,

      Wandern würde bei mir tatsächlich ins Laufen mit hineinfallen. Ich habe den letzten Part schlecht geschrieben. Natürlich sind wir auch fürs Sitzen, Gehen usw. geschaffen, sonst würden wir das nicht machen. Ich bin der Meinung, dass wir dafür gemacht sind, weite Strecken zurück zu legen. Und da gibt es die Läufer, denen es gar nicht schnell genug gehen kann, die einsam vorwegliefen und jene, die ihnen ruhig wandernd als Gruppe folgten. Jene, die schleppen mussten, die sich kümmerten und die die Läufer dann für ihr Tempo lobten, wenn man sich wieder traf.

      Du hast vollkommen Recht: Unsere Gesellschafft fußt (welch ein Wortspiel) auf den unterschiedlichen Talenten und Fähigkeiten (ich zitiere dich mal). Die Läufer allein würden nicht lang überleben, nur als Gemeinschaft. Vielen Dank für die Erinnerung.

      Liebe Grüße zurück!

  2. George Herbert Mead würde dir wohl schmunzelnd kommentieren, dass wir nicht bloß unser Selbstbild, sondern unser gesamtes Selbst (Self), als die Summe der Teile des I (Ich) und Me (ICH/ Mich) aus der angenommenen Reflexion des Anderen und der Gesamtheit der Anderen aufbauen. Erst werden, weil andere sind. Aber ich glaube die Frage, die deinem Text inne wohnt lässt sich eher über verinnerlichte Glaubenssätze erklären. Und über andere, die auch einfach mal nichts sagen, nichts kommentieren könnten. Aber Stille scheint in diesem Kulturkreis negativ konnotiert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s