Phantomanziehung

Es ist spannend zu beobachten, wie sich Fliegen am helllichten Tag um die Deckenlampe in der Mitte des Zimmers versammeln. Da das Licht aus ist, muss es etwas anderes geben, das sie anzieht. Womöglich ist es der Ort: die Raummitte oder irgendeine Hinterlassenschaft einer längst vergangenen Fliege. Sie werden nicht vom Licht angelockt.

Unser Kennenlernen war kein Zufall. Ich wischte sie nach rechts und sie wischte mich nach rechts und mir war mittlerweile klar geworden, dass das so auf unseren Grabsteinen stehen würde. Wir waren füreinander gemacht. Wie wahrscheinlich ist es, dass einem ein Menschen so hundertprozentig gleichen kann? Wir schrieben uns gut eine Woche lang und lernten uns kennen, sie hieß Amelie. Ich war vorsichtig geworden, denn die letzten Matches hatten doch schwer einen an der Waffel.

Da gab es die Christin, die sich vor einem Gottesdienst in Schale warf. Also ich meine wirklich auftakelte. Ihr eine Stunde lang dabei zuzusehen, wie sie sich schminkte und die richtigen Klamotten heraussuchte, ließ mich fragen, ob sie sich den gleichen Stress auch für unser Date gemacht hatte. Die Antwort war mir egal, denn ich wusste, dass ich nicht eine Frau an meiner Seite erdulden konnte, die dermaßen Zeit verschwendete, um ihre natürliche Schönheit zu verdecken. Neben ihr aufzuwachen würde mich erschrecken lassen, weil da ein ganz anderer Mensch liegen würde. Ja, es geht natürlich nicht um das Äußere, aber das ein Mensch von einer Stunde auf die nächste komplett anders aussehen konnte, behagte mir nicht, nein es verwirrte mich. Das ist, wie in diesen Videos, in denen Familienväter sich rasieren und sich ihren kleinen Kindern präsentieren. Die Kleinen sind dann auch geschockt und weinen, denn da stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Und so würde es mir auch mit der Christin gehen.

Mit Amelie war es anders. Sie hatte mir ein reizvolles Foto aus ihrem Bad geschickt und sehr schnell hatte ich die wenigen Pflegeprodukte im Hintergrund erspäht. Ich fragte sie, wie viel Zeit sie im Bad brauchen würde und sie antwortete, dass sie morgens fix duschen würde und damit hätte es sich. Warum hatten wir uns erst jetzt gematcht und kennengelernt? Warum musste ich mir so viele beziehungsgestörte Frauen zuvor antun?

Da gab es die Unnahbare. Sie hatte interessanterweise mich angeschrieben und ich war überwältigt von ihrer Schönheit. Um ganz ehrlich zu sein, wusste ich nicht, was ich ihr schreiben sollte. Ständig begann ich eine Nachricht und löschte den Inhalt. Je häufiger ich anfing, desto klarer wurde mir, dass ich auf diese Weise kein natürliches Gespräch führen könnte. Irgendwie konnte ich sie davon überzeugen, dass wir uns einfach treffen sollten, weil das ehrlicher sei, als so ein Geschreibe. Und sie willigte ein. Wir spazierten am Fluss entlang und unterhielten uns über unsere Lieblingsbücher. Es war ein Gespräch, das ich nicht erwartet hatte, irgendwie hatte ich mich eher schweigend erwartet, damit ich keinen Stuss von mir geben würde. Wir verabschiedeten uns und ich war mir sicher, dass es gefunkt hatte, allerdings bekam ich auf die nächsten zwei Nachrichten keine Antwort und ich verstand den Wink. Einige Monate später trafen wir uns zufällig im gleichen Club. Sie war gut angetrunken und um mich stand es nicht besser. Sie umarmte mich freudig und ich war vollkommen verwirrt. Sie entschuldigte ihre Nichtantwort damit, dass sie mich für enorm gebildet hielt und Angst hatte, nicht mithalten zu können. Ich konnte es nicht nachvollziehen und ließ es so im Raum stehen. Wir tanzten an dem Abend und plötzlich zog sie mich von der Tanzfläche in einen dunklen Bereich des Clubs, wo wir uns küssten. Sie nahm mich sogar mit zu sich. Ich kann mich nicht so genau an den Sex erinnern, doch als wir nebeneinanderlagen und ich sie streichelte, erklärte sie mir in liebevollen Worten, dass sie nur allein gut schlafen könnte. Ich war verunsichert, aber tatsächlich schmiss sie mich raus und ich trollte mich. Meine folgenden zwei Nachrichten wurden wieder nicht beantwortet und ich beließ es dabei.

Bei Amelie war das so vollkommen anders. Sie antwortete sehr schnell und unser Gespräch baute sich in jener Woche so weit auf. Sie wollte unbedingt nach Spanien reisen und mir war es zwar relativ egal, aber ein südliches, warmes Land war auf jeden Fall mein Ziel. Für teure Hotels hatte ich nie genug Geld und sie liebte das Reisen im Zelt. Für Kinder fühlten wir uns beide zu jung, also war auch das kein Thema für die kommenden Reisen.

Kinder waren tatsächlich auch schon mal ein Thema bei der Hoffnungsmacherin. Sie hatte mich bei einem Date gefragt, ob ich Kinder haben wollte. Ich gab zu, dass ich das aktuell nicht sehe und bevor ich erklären konnte, dass ich diese Frage auch nur schwer allein beantworten könnte, denn ich kann keine Kinder allein bekommen und daher ist es immer eine Geschichte von zwei Menschen, erklärte sie mir, dass sie in sich ein eindeutiges Verlangen nach Kindern verspüre und dass sie unbedingt welchen haben wollte. Ich fand das nicht abschreckend, es war nur einige Dates zu früh für mich, um das beurteilen zu können. Wir gingen zweimal aus und ich übernachtete bei ihr im Wasserbett. Morgens teilten wir uns das Bad und es fühlte sich nach Beziehung an, und gerade das gefiel mir. Allerdings war das unser letztes Treffen, denn jede Nachricht, in der ich ein Treffen vorschlug, wurde beantwortet mit einer Aussage wie: „Oh, eine schöne Idee, leider kann ich da nicht, aber lass uns das unbedingt noch machen.“ Ich brauche vier Nachrichten, um zu verstehen, dass sie mir aus unerklärlichen Gründen Hoffnung machte. Ich vermutete einen anderen Datingpartner und ich diente als Backup, falls es nicht klappte. Ich schrieb keine fünfte Nachricht und ich bekam auch keine von ihr. Stattdessen übersah sie mich bei zukünftigen Aufeinandertreffen, die es aufgrund einer beruflichen Überschneidung einmal im Jahr gab.

Amelie hatte bisher nur ein Date abgesagt und keinen Zweifel daran gelassen, dass sie über dieses eine Versäumnis nicht glücklich war. Wir schlenderten durch die Stadt, aßen in Eis am Flussufer. Wir versuchten unser erstes Mal nicht zu überstürzen, aber leicht fiel es uns nicht, immerhin wussten wir aus unseren Gesprächen bereits, dass wir auch da auf einer Wellenlänge lagen. Die ganze Geschichte schien zu schön, um wahr zu sein. Und nach drei Monaten Beziehung, stellten wir fest, dass es auch nicht wahr war. Wir wollten beide nicht allein sein. Doch weder sie noch ich wollten uns ernsthaft mit uns selbst beschäftigen. Es fühlte sich so gut an zwischen uns, doch es war nie gut in uns. Wir hatten uns einer Phantomanziehung hingegeben, so wie die Fliegen in der Mitte meines Zimmers. Wir schwirrten um ein Gebilde, das leer war und wir wären daran gestorben, dass es kein echtes Licht bereithielt.

 

Vielen Dank lenkasause, dein Eintrag „Im Kreis“ und unser anschließender Austausch über Fliegen im Zimmer haben mich zu dieser Geschichte inspiriert, die innerhalb weniger Minuten aus meinen Fingern floss.

15 Kommentare zu „Phantomanziehung

    1. Vielen Dank, echt spannend, was dein Text an Assoziationen und Ideen in mir angestoßen haben. Das war ein wahres Hochgefühl, das ich da verspürte und es ging mir lange Zeit nicht mehr so beim Schreiben. Ich bin wirklich sehr dankbar.

      1. Richtig schön. Da merkt man, dass mein Text eben auch aus Inspiration entstanden ist, und genau die macht „echte“ Texte aus 😉
        Den Begriff „Phantomanziehung“ merk ich mir auf jeden Fall, da ich mich öfter auch mit dem Thema des Alleinseins beschäftige. Glaub, das kennen so viele Menschen, dieses ver-lieben, bis dann die Blase platzt. Da könnt ich ewig weiterschreiben drüber 🤭 siehe auch meine Texte

      2. In der Tat sehr schön, wenn man sich gegenseitig in Gedanken befruchtet. Was war bei dir die Inspiration oder war die Inspiration die Beobachtung einer Fliege?

    1. Tatsächlich ist es eine Geschichte und ich habe mir schon gedacht, dass die Frage aufkommen würde. Ich hatte vor einigen Jahren mal zwei Tinderdates und in beiden Fällen ging es mir (und ich behaupte auch den zwei Frauen) so, dass ich mich fragte, was ich da überhaupt mache. Ich tauge nicht für Tinder und habe die Frauen in meinem Leben bisher auf anderem Wege kennengelernt.
      Was Tinder angeht, bin ich Analphabet. (Wow, ein Reim 😀 )

      1. (Gemeint war: so viel erzählt bekommen habend im Verhältnis zur „relativen Kürze“, fast ein ganzes Buch geschrieben und doch ist es nur ein „(relativ) kurzer Text“ … so irgendwie. 😉)

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