Morgenduft

Die Straßen sind nass und ein leichter Niesel fällt vom Himmel. Gibt es für einen leichten Niesel ein besseres Wort? Also für die wenigen Tropfen, die einen so selten treffen, dass man sich fragt, ob der erste schon getrocknet ist, bis der zweite einen trifft.

Ich schlendere zum Bäcker, denn mein Magen grummelt vor sich hin. Normalerweise ist er um die frühe Uhrzeit entspannt, da ich nur selten frühstücke, aber heute war ihm wohl danach und ich bin kein Unmensch und lasse ihn nicht unnötig leiden. Es sind nur wenige Leute zu Fuß unterwegs, aber die frühmorgendliche Blechlawine schiebt sich bereits durch die Straßen. Hier im Viertel gibt es eigene Regeln: Hier überquert die alte Frau mit einer Höchstgeschwindigkeit von 2km/h seelenruhig die Straße, auf der theoretisch vier Autos nebeneinander Platz hätten, aber die Schienen in der Mitte werden selten von einem Gummireifen berührt. Es stört sich niemand an der alten, ruhigen Lady. Neulich erst sah ich zwischen den Gleisen einen Polizisten stehen. Er regelte nicht den Verkehr, sondern suchte – zehn Meter von der roten Fußgängerampel entfernt – seinen Weg vom Metzger auf die andere Seite zum Streifenwagen. Keine Ahnung, wer diese Ampel überhaupt angefordert hat, sie wird allseits gekonnt ignoriert.

Hinter dem Tresen beim Bäcker steht eine junge Frau, sie fragt, wonach mir ist und ich entscheide mich für ein Brötchen und ein Laugenhörnchen. Ein leichtes Frühstück also. Auf dem Rückweg treffen mich zwei Tropfen fast gleichzeitig am linken Arm. Ein Sturm zieht auf, geht es mich nicht ganz ernst gemeint durch den Kopf. Ich lausche dem klatschenden Geräusch der Schuhe, die auf den feuchten Beton treffen, atme den Duft der Regenluft ein und gehe wenige Meter mit geschlossenen Augen Richtung Heimat.

13 Kommentare zu „Morgenduft

  1. Es ist schön, über die alte Heimat zu lesen, während man selbst auf der anderen Seite in den Morgen startet. Vielen Dank für deine Texte, die zur Zeit oft die Morgenlektüre stellen. Ich hoffe dein Schreibfluss hält noch einige Zeit an!
    Grüße aus der Altstadt

    1. Vielen Dank. Ich weiß, dass die Altstadt auch so ihre Momente hat, da darfst du gern von künden (bzw. hast du das ja schon). Liebe Grüße von der anderen Seite des Mains

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