Die Taufe

Ich fühlte mich merkwürdig entspannt mitten im Hörsaal. Da saß ich vor den ganzen Studierenden und sie blickten mich an. Sie durften mir Fragen stellen, so hatte ich es mit ihrer Professorin vereinbart und das taten sie auch. Die meisten Gesichter waren noch sehr jung. Es gab keine Falte, die sich ins Gesicht gefurcht hatte. Das waren also die Ärzte der Zukunft. Sie waren alle so kindlich. Und ich saß da vor ihnen in Unterhose. Ich hatte sogar überlegt, selbst auf diese zu verzichten, aber im Endeffekt hätten sie da auch nicht mehr von den Blasen auf meiner Haut gesehen, sie hätten allerdings gewusst, dass sie eben auch im Intimbereich zu finden waren.

Und dann war da doch ein etwas älteres Gesicht und es hörte den jungen Fragen und meinen Antworten aufmerksam zu, bis es sich meldete und genau die Krankheit diagnostizierte, die ich hatte. Jene Krankheit, die zuvor von zwei älteren Ärzten nicht erkannt worden war und die mich trotzdem nicht sofort zu einem Spezialisten geschickt hatten. Da saß er also, mein persönlicher Patch Adams. Ich hatte ihm in meiner Fantasie eine rote Clownsnase aufgesetzt. Die Professorin war ganz erstaunt und er berichtete, dass er schon mal einen solchen Fall in einem Praktikum gesehen hatte.

Der hat sich das einfach gemerkt, weil er dafür brennt, dachte ich mir. Ich vermutete weiter, dass er wohl schonmal was anderes studiert oder gearbeitet hatte, bis er merkte, dass es da eine Sache gibt, für die sein Herz schlägt und er war so mutig, sich dafür zu entscheiden. Ich war mir sicher, dass er ein guter Arzt werden würde. Die anderen Studierenden würden wohl eher zu jenen Nasen verkommen, die nicht erkannten, was mir fehlte und die mich durch ihr Unwissen dem Tod überließen. Ich hatte den Kampf gewonnen, weil der eine der zwei Ärzte am Ende doch noch verstanden hatte, dass es mir verdammt übel ging und dass er keine Ahnung hatte. Er gab es zu und rettete damit mein Leben, denn in der Klinik erkannte man das Syndrom, welches selten ist, aber doch immer mal wieder auftritt.

Dieser Kampf schien schon so weit hinter mir zu liegen und ich fragte mich mittlerweile, warum ich auf zwei Ärzte gehört hatte und nicht von Anfang an in die Klinik gegangen war. Ich war nicht sauer, denn ich war zuvor mit meinem Leben an einem Punkt, an dem ich es nicht mehr fortführen wollte. Und mein Leben hatte entschieden, mir diese Wahl zu überlassen: Tue nichts und du wirst Blasen in deiner Lunge haben, die dich umbringen, sobald eine platzt oder nimm dein Leben an und lass dir helfen. Ich entschied mich für die zweite Option und lag elf Tage im Krankenhaus, wovon ich die ersten drei Tage nur an die Decke starrte. Mein Zimmerkollege, ein Mann Mitte vierzig, der gut gelaunt seinen Fernseher laufen ließ, fragte mich, warum ich meinen nicht anschalten würde. Ich wusste es nicht. Vielleicht war es die Angst, dass ich es falsch machen würde oder dass man dafür was bezahlen musste. Oder ich wollte ganz einfach nicht. Ich kannte diesen dauerhaft laufenden Fernseher schon aus meiner Wohnung, der mich ablenkte, wenn die Gefahr der Ruhe aufkam. Ich hatte die verdammte Kiste in den elf Tagen nicht einmal an. Stattdessen tanzte ich auf dem Rasen vor dem Gebäude zu der Musik aus den Kopfhörern, die mir ein Freund mitgebracht hatte.

Und ich setzte mich nackt bis auf die Unterhose in einen Raum von jungen Menschen. Ich, der sich nie gern nackt oder wenig angezogen gezeigt hatte. Ich war doch so hässlich dünn. Es war mir alles egal geworden.

Johannes war ein kräftiger Mann, das musste er auch sein, denn die Menschen, die er unter Wasser drückte, begannen irgendwann sich zu wehren, weil ihnen die Luft wegblieb. Sie sahen ihr Leben an ihren Augen vorbeiziehen und als Johannes sie wieder an die Luft zerrte, waren sie wie neugeboren. Ich stellte fest, dass solch eine Taufe ganz sinnvoll sein kann, um mit sich ins Reine zu kommen. Immer mal wieder.

5 Kommentare zu „Die Taufe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s