Der blinde Fleck

Ich habe mit mir gerungen, ob ich diesen Text hochladen soll, nicht etwa, weil er Denkfehler von mir aufzeigt, die mir unangenehm sind, sondern weil ich mich frage, ob ich mich dadurch in den Mittelpunkt eines Themas setze, über welches andere Menschen besser berichten können. Ich entschied mich für die Veröffentlichung, weil diese Denkfehler jedem passieren können und weil wir nur dann beginnen, an uns und unseren Fehlern zu arbeiten, wenn wir sie erkennen und sie zugeben.

Es ist zwanzig Jahre her, da sah ich das schwarze Buch mit dem großen X darauf. Mein Bruder hatte es gelesen und ich war fasziniert. Also lass ich es, nein ich verschlang es. Ein Buch über das Leben von Malcolm X. Und fortan war es mein Thema. Mein bester Freund machte Jahre später sein mündliches Abitur in Englisch über Rassismus, ohne es einmal gelernt zu haben, weil ich ihm über die Jahre die Ohren vollgeschwallt hatte. Als mir bewusst wurde, dass ich mit einer „pro black“-Einstellung positiven Rassismus betrieb, ärgerte ich mich, denn ich wollte wieder so sein, wie die Kindausgabe von mir, die nicht verstand, was das Besondere an den zwei Nachbarskindern war, deren Hautfarbe mir nie bewusst war, nur, dass sie amerikanische Namen trugen. Nach der Schulzeit nahm meine Aufmerksamkeit ab und zurückblickend frage ich mich, ob ich damals dachte, dass es nicht mein Kampf sei und ich ihn deswegen nicht kämpfen müsste. Wie wenig hatte ich verstanden.

Vor etwa zehn Jahren passierte es, dass ich auf dem Basketballplatz meine Mannschaft bestimmen konnte. Ich kannte kaum jemanden und doch entschied ich mich für den einzigen POC und nach zwei Aktionen von ihm wusste ich auch, warum ich ihn gewählt hatte. Er spielte von uns allen am schlechtesten Basketball und mich erschreckte, dass es mich überraschte. Jeder andere Mitspieler hätte schlecht spielen können, aber bei ihm ging ich davon aus, ja verlangte es förmlich. Ich war also selbst ein Fehler in diesem System, merkte ich.

Ich habe mir mal gewünscht, farbenblind zu sein, so dass alle Menschen gleich aussehen. Vielleicht wird das irgendwann mal so sein oder vielleicht wird einfach jeder Mensch irgendeine Farbe schön finden, unabhängig von der eigenen. Aber aktuell ist das nicht die Realität. Meine Wünsche sind schön und gut, aber sie helfen nicht, sie reichen nicht aus. Ich muss mehr machen. Ich muss aktiv gegen die Fehler in mir vorgehen. Dafür muss ich zuhören und verstehen. Und ich muss meine Position nutzen, um die Welt besser zu machen, das ist die Pflicht, die mit meinen Privilegien einhergeht. Ich kann besser sein.

4 Kommentare zu „Der blinde Fleck

  1. Da legst du gerade den Finger auch in meine Denkmuster. Nicht im Detail, aber doch irgendwie ähnlich, habe ich mich verhalten und erst jetzt wird mir manches bewusst. Die aktuelle Diskussion ist soo wichtig. Um eben, wie du sagst, die Bereitschaft zur Perspektivenveränderung anzustoßen.

    1. Vielen Dank, mich hat erschreckt, dass ich vor 20 Jahren schon an dem Punkt war, es aber noch nicht begriffen hatte, ich bin daher auch der Meinung, dass diese aktuelle Situation sehr wichtig ist.

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