Muschel

Wie viel Lebensweisheit wohl in dieser versteinerten Muschel stecken mochte. Bei einem Bummel über den Flohmarkt stach sie mir ins Auge. Sie lag da recht lieblos auf dem Tisch platziert und das war wohl auch der Grund, warum sie noch dort lag, sie wurde einfach nicht beachtet, dabei war sie das schönste Ding, das es an diesem heißen Tag zu erstehen gab.

Ich blickte den Verkäufer an und ließ meinen Blick unauffällig über den Tisch fliegen, es sollte wirken, als hätte ich es nicht auf dieses eine Schmuckstück abgesehen, doch meine Blicke verrieten mich, denn immer wieder sah ich zur Muschel und ängstigte mich, dass irgendwer sie vor mir kaufen könnte. „Hallo. Kann ich Ihnen etwas zeigen oder möchten Sie etwas wissen?“, fragte mich der Verkäufer. „Ach, ich schau nur so“, erwiderte ich. Das war ein Pokerspiel und ich würde es gewinnen, so viel stand fest. Ich hatte noch zehn Euro in der Tasche und die Idee, nochmal Geld zu besorgen und in der Zeit die Muschel zu verlieren, war unvorstellbar. Würde ich den Verkäufer aber um die Rücklage bitten, würde er den Preis entsprechend hoch kalkulieren, aber ich konnte mir einfach kaum was leisten.

Ja, die Muschel war so ein Luxus, den ich mir einfach gönnen wollte, selbst wenn das Geld gerade so am Ende des Monats reichte oder doch oftmals schon aus war. Ich befragte ihn zu diesem und jenem Artikel, alles vollkommen uninteressant. Er schien schon ein wenig genervt vom ständigen „ach, na so richtig ist es nicht meins“, welches ich ihm immer wieder entgegnete. Dann endlich zeigte ich auf die Muschel. Mein Herz pochte wild und ich spürte, wie die Röte in mein Gesicht schoss. Mit aller mir verbliebenen Coolness sagte ich: „Und die Muschel da, wie viel möchten Sie dafür haben?“ „Hm…“, er überlegte. Schier endlos schien er nachzudenken: „Also, da bin ich mir nicht ganz sicher. Was meinen Sie denn?“ Er fragte mich tatsächlich, was ich sagen würde.

Ehrlich betrachtet würde man solch eine Muschel wohl in einem Fachhandel zwischen 50 und 100 Euro einordnen, vermutete ich für mich. Wie soll ich ihm da jetzt kommen. Wenn ich zehn Euro sage, dann ist er womöglich beleidigt und dann wird er auf jeden Fall 20 oder 30 verlangen. So viel hatte ich nicht. Ich zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung, was sowas wert ist.“ „Okay, wie viel haben Sie denn?“, er fragte einfach so und ich antwortete kleinlaut und mit gesenktem Kopf, wie mein siebenjähriges Ich es getan hätte: „Zehn Euro, mehr kann ich mir nicht leisten.“ Er lachte laut los: „Ich hatte überlegt, ob ich fünfzig Cent oder fünf Euro sagen soll.“ Daraufhin lachte ich los: „Und ich dachte, dass sie sowas wie 50 oder 100 Euro im Kopf hatten.“ „Was hältst du davon“, schlug er vor und er hatte einfach vom Sie auf Du gewechselt: „du kaufst mir einen Kaffee von dem Stand da drüben, denn ich komme hier nicht weg und ich gebe dir dafür die Muschel.“ Ich strahlte und glaubte zu träumen. Ich ging hinüber, besorgte den Kaffee und brachte ihn freudig zum Verkäufer. Er reichte mir die Muschel und wünschte mir einen schönen Tag. Den ganzen Weg nach Hause freute ich mich und ich fragte mich, warum wir Menschen so oft um den heißen Brei herumreden, während die Wahrheit uns so froh machen kann.

7 Kommentare zu „Muschel

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