Wie du willst

„Wie nah willst du der Erde eigentlich noch kommen?“, fragte mich Paula und schon beim Drehen meines Kopfes merkte ich, worauf sie hinauswollte. Nach den zwanzig Kilometern und den unzähligen Kilos auf meinem Rücken lief ich weit vornübergebeugt. Meinen Kopf drehte ich daher nicht zur Seite, sondern eher wie eine Schildkröte, die sich bedächtig umschaut. Ich straffte meine Haltung und ermahnte mich, gerade zu gehen. Mir taten die Beine weh und ich sehnte mich nach einem Platz im Schatten mit einem kühlen Getränk. Seit einiger Zeit nahm ich die Umgebung kaum noch wahr. Paula hingegen zeigte immer wieder auf diese oder jene Attraktion, mir waren sie egal geworden, ich wollte nur noch ankommen. Ich stieß einen Kieselstein vor mir her und ärgerte mich über die verschwendete Energie.

„Schau mal da“, sie zeigte auf eine Pflanze mit einer fliederfarbenen Blüte. Ich nickte still. „Du bist fertig, oder?“, fragte sie. Ich nickte abermals und sie fragte weiter: „Magst du eine Pause machen?“ Ich wusste es nicht. Ja, natürlich wollte ich pausieren, aber es brachte ja nichts, schlussendlich würde ich den Rucksack wieder aufsetzen müssen. Er würde sich an meinen durchgeschwitzten Rücken pressen und mich würde dieser kalte Schweiß schaudern lassen. Die Muskeln würden jammern. Nein, ich wollte nur noch ankommen, mich duschen, in frische Klamotten schlüpfen und sitzen oder liegen. Ich schwieg. Grummelte vor mich hin. Paula wurde still. Wenn Paula still wurde, ging es mir nicht gut, denn dann war was nicht in Ordnung und ich wusste genau, was bzw. wer gerade nicht in Ordnung war. Ich bekam den Mund auf: „Ich bin erschöpft und ich möchte nur noch ankommen. Ich kann nicht mehr klar denken. Irgendwie ist mir das alles zu viel. Und es macht mich traurig, dass ich dir die Freude raube.“ Paula sagte nichts und lief neben mir her. Ich ließ den Kopf hängen. Plötzlich schubste sie mich von der Seite: „Hey, Kopf hoch.“ Sie grinste mich wieder an. Und ich konnte und wollte mir ein Schmunzeln über mich selbst nicht verkneifen. So wurde der Weg ein wenig erträglicher.

4 Kommentare zu „Wie du willst

  1. So Momente kenn ich gut von unsern Fernwanderungen mit allem dabei. Jetzt nur noch ein Nachtlager finden. Vielleicht dort drüben am Waldrand?‘
    Und wie man sich gegenseitig Mut machen kann, ist auch immer wieder so ein spannendes Ding. Mal klappts, mal nicht. Letztlich können nur wir selbst uns wieder aufrichten.

    Schön erzählt.

  2. Schöne leichte story, danke. Sollte jeder kurz lesen. Ja, ich habe auch gelernt Gefühle bzw. was ich grad (nicht) will zu artikulieren. Dafür muss man natürliche erst in sich hineinhören. Und es dann feinfühlig rauslassen. Damit kommt man wirklich weiter. Für sich selbst und in zwischenmenschlicher Kommunikation.

    1. Ich stolpere immer mal wieder über meine Grumpeligkeit und bin ganz froh, dass mir das nachgesehen wird, vermutlich weil ich dann doch kommuniziere, was gerade los ist. Aber ja, dafür muss man in sich hineinhorchen. Vielen Dank

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