Schatten

Mir war vollkommen klar, dass es eine dumme Idee gewesen war, ohne Helm ein Longboard zu fahren, ganz besonders, da ich es noch gar nicht konnte. Aber eben deswegen hatte ich auf einen Schutz verzichtet, denn wirklich schnell wird man am Anfang ja gar nicht, dachte ich mir. Ich sollte mich täuschen, ich wagte so einige Tritte der Beschleunigung und genoss mein wehendes Haar im Wind. Zum Arzt musste ich aber nicht wegen der schnellen Fahrt, sondern wegen eines Anfahrtsversuchs als ich mich auf dem Heimweg befand. Ich stand zu weit hinten auf dem Brett und verlor wegen eines Steinchens das Gleichgewicht. Wer hätte ahnen können, dass es einen so dermaßen nach hinten wegreißt. Ich konnte mich recht gut mit den Händen abfangen, doch der Hinterkopf schaffte es dennoch auf den Asphalt. Wäre ich allein gewesen, so hätte ich mich gar nicht groß drum gescherrt, aber meine beste Freundin machte sehr deutlich klar: „Wir gehen jetzt sofort zum Arzt.“ Ich motzte ein wenig rum, aber sie war schon immer dickköpfiger als ich, und so landeten wir beim Arzt, der mich in irgendeine Röhre steckte.

„Herr Fröhlich, ich sehe auf den Bildern keine Verletzung, aber es war gut, dass sie hergekommen sind, der Sturz war wohl von oben gewollt.“ Es ist gut? Der Sturz war von oben gewollt? Ich halte nichts von Vorsehungen oder glücklichen Zufällen, das ist einfach das Leben. Aber warum es gut sein sollte, wollte mir nicht klar werden. Ich hatte leichte Kopfschmerzen und der weiße Kittel sagte mir, dass das gut sei? Ich sah ihn halb genervt, halb verständnislos an. „Nun, ich habe auf den Bildern einen Schatten gesehen, das sollte untersucht werden. Ist vermutlich nichts schlimmes…“ ich hörte ihm nicht mehr zu, sondern nickte nur, wenn ich merkte, dass er seine Rede pausierte. Ich fragte mich weiterhin, was daran jetzt gut sein sollte und warum Ärzte eigentlich keinen Kurs in Einfühlvermögen bekommen und es immer eine Glücksfrage sei, an welchen man geriet. Okay, es gibt kein Glück, hatte ich fast vergessen. Das ist das Leben. Ich verabschiedete mich und bekam ein Kärtchen mit einem Termin in die Hand gedrückt. Anscheinend hatte ich einen mit ihm vereinbart. Es war mir egal. Ich beschloss, meiner besten Freundin vorerst nichts zu erzählen, außer dass der Sturz keine Folgen hatte.

Auf dem Heimweg schwiegen wir und ich dachte: Ein Schatten auf den Bildern. Ich wollte keinen Schatten. Den hatte ich nicht bestellt. Den einzigen Schatten, den ich sehen wollte, war der unter mir, wenn ich wieder auf dem Brett stand und mir die Sonne auf den Kopf schien. Meine Hände zitterten und mein Herz pochte wild. Mir wurde schlecht und ich übergab mich kurzerhand ins Gebüsch neben dem Weg. Die beste Freundin sah mich bestürzt an. Ich erklärte, dass mir noch ein wenig schwindelig von heut Morgen sei. Vielleicht eine leichte Gehirnerschütterung. Wer weiß. Ich wusste es. Ich wusste, was mir den Magen umdrehte. Zuhause angekommen, verspürte ich Lust auf den kaltgestellten, offenen Weißwein. Ich nahm einen Schluck direkt aus der Flasche. Er schmeckte nicht, also spuckte ich ihn wieder aus. Ich tauge nicht zu diesen Filmhelden, die in ihrer Coolness ein Glas Whiskey nach dem anderen runterspülen und sich dazwischen ne Kippe anstecken. Von letzteren musste ich immer husten. Ich wollte auf etwas draufhauen und bevor ich recht darüber nachdachte, sollte die Wand herhalten. Es stellte sich heraus, dass diese um einiges härter war als meine Faust. Der Schmerz tat gut. Er pulsierte und ich genoss das Gefühl, des immer wiederkehrenden Stiches, der durch die Hand ging. Ich setzte mich und spürte dabei mein Portemonnaie in der Gesäßtasche, welches ich herausholte. Der Zettel mit dem Termin lugte daraus hervor. Ich sah ihn mir an. Mittwoch in einer Woche. Ich beschloss hinzugehen.

Aufgetankt

Es war eine dumme Idee gewesen, in der Sonne liegend einzuschlafen, obgleich es gar nicht meine Idee gewesen war. Es passierte einfach und ich war zu müde, dagegen anzukämpfen. Es war einer der ersten warmen Tage des Jahres und nachdem ich den halben Tag lang Sachen für meinen Umzug geschleppt hatte, wollte ich zwar eigentlich ein wenig auf- und einräumen, doch die Lust darauf, die neuen Orte in dieser mir kaum bekannten Stadt zu erkunden, war viel zu groß. Ich regelte das mit dem üblichen „mache ich später“ mit meinem Gewissen und packte einen Rucksack mit einem Handtuch und einem Buch. Der Gedanke an Wasser kam mir, doch ich konnte die Flasche nicht finden.

Beim Aufwachen verspürte ich eine Dürre in meinem Mund. Ich hatte den ganzen Tag kaum etwas getrunken und gegessen hatte ich auch noch nicht. Also beschloss ich zurück zu meiner Wohnung zu gehen. Der Hinweg hatte vielleicht eine Viertelstunde gedauert, somit sollte mir recht schnell geholfen sein, dachte ich und machte mich in die Richtung auf, aus der ich gekommen war. Ich fühlte mich halb verbrannt, als hätte man mich auf einen Drehspieß gesteckt. Doch man hatte vergessen, den Drehspieß zu drehen, denn die Hitze spürte ich nur auf einigen Stellen meiner Haut. Ich schlürfte vor mich hin, blieb an einem aufgeplatzten Stück Asphalt hängen und stolperte einige Schritte. Ich war stumpfsinnig die Straße hinaufgelaufen, doch als ich mich nach dem Stolpern umblickte, erkannte ich rein gar nichts wieder. Auch meldete sich mittlerweile meine Blase und innerlich kotzte ich, weil ich auch mein Handy nicht eingesteckt hatte. Das wohl elementarste Etwas der heutigen Zeit hing an der Steckdose. Gut, würde es da nicht hängen, dann wäre der Akku eh leer und ich hätte auch nichts davon gehabt. Mir blieb nichts weiter übrig, als mich umzuschauen und irgendwas noch so Kleines zu erkennen, das ich bereits gesehen hatte, als ich die Wohnung besichtigt hatte bzw. als ich heute Morgen hinfuhr.

Da gab es einen Bäcker und ich erinnerte mich daran, dass es gleich um die Ecke bei meiner Wohnung einen gab: Ich suchte die anliegenden Ecken erfolglos ab. Dann erspähte ich eine Tankstelle und ja, das machte mir Hoffnung, denn die sind üblicherweise nicht so häufig vorhanden und ganz am Anfang meiner Straße gab es eine Tankstelle. Zudem konnte ich drinnen einfach nachfragen, denn im Gegensatz zum Bäcker haben Tankstellen durchweg geöffnet. Ich erkannte die Straße nicht und verzweifelte ein wenig. Ich bat den Kassierer um den Schlüssel zur Toilette, den er mir direkt gab. Es gibt wohl kaum ein erlösenderes Gefühl, als nach langer Zeit seine Notdurft loszuwerden. Dass die Toilette abgeranzt war und wohl seltener gereinigt wird, als ich mein Auto in die Waschstraße stecke, war mir in dem Moment egal. Es würde sich eben kein Frischegefühl einstellen, aber damit würde ich leben können. Bei der Rückgabe des Schlüssels fragte ich den Angestellten, ob er zufällig wüsste, wo meine Straße sei. Er entgegnete: „Also eigentlich tankt man hier oder man kauft ein.“ Ich nickte: „Ja, und wenn ich Geld hätte, würde ich ihnen sofort ne Limo abkaufen. Aber die Sache ist die: Ich bin hier frisch hergezogen, habe außer einer Decke und einem Buch nichts in meinem Rucksack und lag gerade ne halbe Ewigkeit in der Sonne. Ich will nur noch nach Hause.“ Bei diesen Worten schnürte sich mir die Kehle zu und ich war selbst überrascht, wie es mich fast überrannte. Der Angestellte schmunzelte: „Die Straße, die du suchst, ist gleich nach der Tankstelle links.“ Er zeigte in die Richtung. Ich bedankte mich und ging in die besagte Straße. Ich musste loslachen, denn es war nur ein Häuserblock bis zu meiner Wohnung. Mir stiegen Tränen in die Augen. Gleich bin ich wieder in meinen vier Wänden. Ein tiefes, wohliges Gefühl breitete sich in mir aus.

Verregnete Tage (3)

„Hast du schon mal meditiert?“, fragte Lena Ben, welcher darauf antwortete: „Nicht, dass ich wüsste.“ „Was meinst du damit?“ „Nun, ich kann es nicht ausschließen, dass ich mal etwas gemacht habe, was man bei einer Meditation auch macht, aber aktiv habe ich nie versucht zu meditieren.“ „Das klingt doch gar nicht schlecht. Du bist also zumindest offen dafür, so scheint es mir“, stellte Lena fest und Ben nickte zustimmend. „Magst du es gerade mal probieren?“, forderte Lena ihn heraus. Ben nickte ein wenig unsicher, aber mit den Räucherstäbchen, dem Tee und der inneren Wärme nach der Dusche erschien ihm der Moment perfekt. „Was muss ich machen?“, fragte er. Sie erklärte: „Suche dir eine entspannte Sitzhaltung, schließe die Augen, höre auf den Schlag deines Herzens oder auf deinen Atem und dann lasse los.“ Ben sah, wie Lena sich mühelos in den Schneidersitz begab und dabei fast aufrecht sitzen blieb, ihre Augen schloss und offensichtlich abtauchte. Er versuchte es ihr nachzutun, jedoch ohne dabei ein lautes Geräusch zu verursachen. Der Schneidersitz war unbequem, erst recht nicht in der Jeans, die er trug. Während er eine gute Position suchte, blickte er wieder zu Lena hinüber, die ihn grinsend ansah. Sie rollte ihm ein Yogakissen zu und meinte: „Knie doch einfach darauf und wenn es dir hilft, zieh die Jeans aus.“ Ben hatte durchaus Lust, sich von der Jeans zu lösen, wurde sich aber bewusst, dass das weniger mit der Sitzposition zu tun hatte und beschloss daher, sie anzubehalten. Er fand seine Position und erinnerte sich an die Hinweise: Augen zu und auf Herz oder Atem hören. Was er hörte, war ein recht schnell schlagendes Herz. Sein aufgeregtes Herz. Ihm schoss die Frage durch den Kopf, was er hier mache und was Lena für einen Plan hatte. Er malte sich aus, wie schön es wohl wäre, mit ihr in dem Bett zu liegen. Nackt und ineinander verschlungen. Kein wilder Sex, sondern vielmehr bedacht auf Körperkontakt und Streicheleinheiten. Er spürte seinen ruhigen Atem und folgte ihm. Es erschien ihm, als wäre er nur wenige Sekunden in diesem Zustand gewesen, als Lena ihn mit ruhiger Stimme ansprach: „Und, hast du ein wenig Ruhe gefunden?“ Er schlug die Augen auf und erklärte: „Ja, das ging nur so schnell. Am Anfang hatte ich noch sehr klare Gedanken und Phantasien und dann driftete ich ab. Das war nur viel zu kurz.“ „Es waren 20 Minuten, wir können das gern auch länger machen“, erklärte sie. Ben war überrascht und zugleich sehr froh, weil es so einfach funktioniert hatte. Sie sahen sich einen Moment lang an, als Lena fragte: „Magst du mir von den Phantasien erzählen?“ Ben fragte sich, ob sie seine Gedanken hatte lesen können. Er spürte, dass er rot im Gesicht wurde: „Ehrlich gesagt: Sehr gern.“

Teil 2

Ausflug

Sie hatten mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zur Sonne zu fliegen. Es schien mir eine große Ehre zu sein. Immerhin gab es allerhand interessierte Menschen, die Interviews und Autogramme von mir wollten. Es gab auch Live-Übertragungen aus dem Raumschiff, welches mich beherbergte. Ich hatte mir das alles nicht so ganz überlegt, aber es war immer mein größter Traum gewesen, die Erde vom Weltall aus zu betrachten. Und da dachte ich mir, dass ich nachdem dieser Traum erfüllt wäre, ja eh schon mein Highlight im Leben hatte, ich auch nicht mehr so daran hängen müsste. Zudem wurde mir versichert, dass dieses Schiff sicher sei: Konstruiert nach neuestem Wissen und ausgestattet mit der besten Technik. Ich glaube, dass waren auch die Worte, mit der man die Titanic in ihre Jungfernfahrt verabschiedet hatte.

Alles ging so furchtbar schnell. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen und mir war, als wäre es alles an einem Tag passiert. Dann der Flug heraus aus der Erdatmosphäre. Ich kreiste einige Minuten um unseren blauen Planeten, bis es weiter zum Mittelpunkt unseres Sonnensystems ging. Der Anblick auf die Erde war unbeschreiblich, aber viel zu kurz. Und seither saß ich in diesem riesigen Etwas. Ich sollte Daten und Bilder von der Sonne sammeln, danach ging es wieder zurück zur Erde. Die ersten Jahre waren eine Mischung aus Langeweile, Einsamkeit und der ewigen Frage nach dem Sinn des Lebens. Mittlerweile bin ich in die Korona eingetaucht. Die Fenster haben eine spezielle Folie, welche das Licht filtert und dennoch schwitze ich im Cockpit, weil es nur noch die Sonne zu sehen gibt. Das Weltall kann man hier nicht mal mehr erahnen, weder das endlos tiefe Schwarz noch die eisige Kälte.

Heute Morgen hatte der Computer gepiept und mir mitgeteilt, dass etwas mit dem Druck nicht stimmte. Ein wenig später fiel der Computer dann aus. Ich treibe seither auf dem festgelegten Kurs und entweder wird die Schiffshülle halten oder eben nicht. Ob ich zurückkommen werde, ist zweifelhaft so ohne technische Hilfe. Ich glaube, ich würde lieber hier in der Hitze verglühen, statt in der Kälte umherzutreiben.

Schwungvoll

Von meinem Bett aus sah ich auf das Rennrad, welches dank fehlender Pedale einzustauben drohte. Ich wollte es längst repariert und verkauft haben. Die Motivation war nicht vorhanden gewesen oder die Zeit hatte gefehlt. Die hatte ich mit Sanne verbracht, also eigentlich Susanne, aber sie bestand auf den Spitznamen und ich fügte mich, obgleich ich ein Faible dafür besaß, einen Namen nicht kürzen zu wollen. In ihrem Fall hatte ich es akzeptiert, weil ihre Eltern sie immer so nannten und es bei ihr das gemischte Gefühl von Übelkeit, Verzweiflung und Wut hervorbrachte, also eigentlich nichts neues, dachte ich mir, als sie es mir erzählte, aber sie meinte es tatsächlich ernst mit ihrer Aussage. Sie hatte ihre Eltern in ein verdammt schlechtes Licht gerückt, doch mittlerweile fragte ich mich, ob ihre Beschreibung nicht doch enorm subjektiv war, denn ich vermutete, dass ich wohl mittlerweile ein ähnliches Gefühl in ihr auslösen würde. Womöglich brauchte sie jetzt einen neuen Spitznamen. Vielleicht war ich aber auch einfach ein Arschloch, wer kann so etwas schon mit Sicherheit von sich sagen oder ausschließen?

Sie hatte das Rennrad heute Morgen umgeworfen, als sie aus der Wohnung stürmte. Kurz davor lag ich noch im Bett und sie war gerade dabei, sich anzuziehen. Sie meinte, dass es schön wäre, wenn ich ihr einen Kaffee machen könnte. Normalerweise hätte ich das ganz ohne Aufforderung gemacht, aber in dem Moment hatte ich es nicht auf dem Schirm und der scharfe Unterton, der ganz stark nach Aufforderung stank, verleitete mich dazu ihr folgendermaßen zu antworten: „Ich würde es auch schön finden, wenn du deinen Hintern nochmal ins Bett bewegen würdest, aber ich vermute mal, dass jeder von uns umsonst auf den Gefallen des anderen warten dürfte. Sie sah mich wutentbrannt an, was mir tatsächlich Angst machte. Sie schmiss ihren Jeansrock in meine Richtung und traf mich am Oberkörper. Aus meiner Sicht war sie wach genug, um auf Kaffee verzichten zu können. Ich konterte: „Willst du jetzt auf den Rock verzichten? Dürfte im Büro weniger gut ankommen. Oder vielleicht auch sehr gut.“ Ich grinste, aber ihr war nicht zum Lachen zumute. Sie streckte erwartungsvoll ihre Arme aus und ich warf ihr den Rock zu. Sie quittierte das: „Na scheinbar bist du doch kein Arsch.“ „Du meinst anscheinend“, konterte ich. Sie warf die Stirn in Falten, dachte eine Sekunde nach und gewann das Duell, als sie meinte: „Klugscheißer. Wenn ich so drüber nachdenke, habe ich es genauso gemeint.“ Sie griff sich ihre Tasche und ging in Richtung der Tür, als ich ihr nachrief: „Was genau ist eigentlich gerade schiefgelaufen?“ Sie blieb stehen, drehte sich nicht um und atmete tief aus: „Ach leck mich.“ Mein Kopf war noch immer eher im Bett-Modus als ich antwortete: „Na sehr gern.“ Sie schmiss das Rad um und knallte die Tür hinter sich zu. Ich gebe zu, dass es nicht fair war, dass sie sich jetzt acht Stunden lang den Bockmist ihrer Vorgesetzten anhören musste, während ich entspannt faulenzen konnte, aber ich hätte es ihr gegönnt, wäre es umgedreht. Ich hätte ihr den Kaffee kochen sollen. Oder auch nicht, der wäre gefährlicher gewesen als ihr Rock.

Schwere

Ich war mir nicht sicher, ob ich mich freuen sollte, noch etwas von der Mousse au Chocolat im Kühlschrank gefunden zu haben oder nicht doch traurig sein sollte, weil sie jetzt doch schon einen Tag alt war und somit bei weitem nicht mehr so luftig und lecker, wie man es kennt. Ich griff mir die Schüssel und verzog mich mit der Süßigkeit aufs Sofa. Es war ein schönes Kateressen. Gut: Gegen kalte Pizza hätte ich auch nichts einzuwenden gehabt, aber man muss ja da anfangen, wo man momentan steht und da ist Mousse nun wirklich kein schlechter Start. Es schmeckte ganz vorzüglich, lediglich die harten Krusten umschiffte ich mit dem Löffel, die waren nicht mehr zu retten. Im Zimmer über mir hämmerte jemand irgendwas in die Wand und aus der Küche dröhnte die Waschmaschine auf Hochtouren, doch es war mir egal. Das ist wohl das Schöne an einem Kater, dass einem die Welt egal ist. Vielleicht tranken unsere Politiker unentwegt und deswegen sahen wir zu, wie Menschen starben und die Welt jeden Tag aufs Neue gefickt wurde. Ich nickte bei dem Gedanken, dass das innere Meckern auch nichts änderte. Das ist wohl die Krux, dass es jeder von uns schon nicht gut genug macht und in der Summe ist es dann ein riesiger Müllhaufen, der sich zusammenträgt. Mir war nicht nach tiefen Gedanken. Nicht am Sonntag. Nicht am Katertag. Die Schüssel stellte ich beiseite, machte mich lang und griff nach einem Buch. Nach fünf Seiten wusste ich nicht, was ich gelesen hatte und meine Augen befanden sich in einer Dauerschleife bei der Suche nach dem letzten Satz, den ich zwar gelesen hatte, jedoch bei zufallenden Augen nicht mehr wirklich wahrnahm. Ich gab es auf, legte das Buch auf den Holzboden und schlief wieder ein.

Verregnete Tage (2)

Wie wohltuend eine warme Dusche sein kann, dachte sich Ben, der den Schweiß und die Klammheit des Regens abwusch. Er freute sich, so gut aufgehoben zu sein. Ja, er war ein Glückspilz und in seinem Kopf ratterten die Gedanken, ob Lena einfach nur ein sehr entspannter und offener Mensch sei oder ob sie mit ihren Reizen spielte. Er fühlte sich einfach wohl bei ihr. Nach dem Duschen rubbelte er sich trocken, zog sich frische Klamotten an und begab sich ins Lenas Zimmer, in dem er von Räucherstäbchengeruch empfangen wurde. Sie saß in Pullover und Sportleggings auf einem Kissen vor dem Tisch und nippte an einem Becher. Ben gesellte sich zu ihr: „Vielen Dank für die Dusche, ich habe erst währenddessen gemerkt, wie sehr ich das gerade gebraucht habe“, erklärte sich Ben. Lena erwiderte: „Das ist doch selbstverständlich. Und es freut mich, dass es dir gutgetan hat.“ Sie nahm einen weiteren Schluck und Ben griff ebenfalls zu seinem Becher. Er sah sich um und schwieg, doch auch Lena sagte nichts. So ging es einige Sekunden, die immer schwerer wogen. „Was ich fragen…“, Ben stockte. Er wusste nicht, warum er den Satz so angefangen hatte und Lena sah ihn neugierig an. Sie hoffte darauf, dass er ein wenig aufgetaut wäre. Er begann von vorn: „Was ich fragen wollte…nein.“ Er holte tief Luft und setzte nochmal an: „Okay, also es beschäftigt mich: Du hast mich einfach so mitgenommen und lässt mich hier duschen. Aber zudem stehst du plötzlich nur mit dem Handtuch bedeckt in deinem Zimmer…“ Er dachte kurz nach und es fehlte ihm der Mut, also beendete er: „Hast du da gar keine Sorge, dass ich dir was Böses tun könnte?“ Lena fragte gegen: „Ist das tatsächlich deine Frage?“ Sein Herz schlug wild, denn sie zwang ihn, ehrlich zu sein. Er überlegte, ob er sich herausreden sollte, doch er entschied sich für den tapferen Weg: „Okay, also um ganz ehrlich zu sein: Ich mag dich, was komisch ist, weil wir uns kaum kennen. Aber irgendwie vertraue ich dir. Und ich finde dich wahnsinnig anziehend. Vielleicht war es nur ein Wunsch, aber mir schien, als ginge es dir auch so. Also standest du nur so im Handtuch herum oder standest du nur so im Handtuch herum?“ Er grinste bei der Frage und sie lächelte fröhlich, als sie erwiderte: „Ich lerne in meinem Job viele Menschen kennen und ich bilde mir ein, sie recht schnell einschätzen zu können. Und mir scheint, dass ich richtig bei dir liege. Denn ich mag dich auch und ich fühle mich ebenso wohl bei dir. Ich habe dich mitgenommen, weil ich dich kennenlernen wollte. Auf welche Weise auch immer. Die Sache mit dem Handtuch habe ich gemacht, um zu sehen, wie du reagierst. Ich finde es süß, wie schüchtern du bist.“ Ben ahnte in diesem Moment noch nicht, wie sehr diese Person seine Sicht auf sein Leben und die Welt wandeln würde.

Teil 1

Teil 3

Nimm’s locker

Die zwei Ruder hingen ins Wasser, waren aber am Boot befestigt, so dass sie nicht verloren gehen konnten. Ich hatte mich lang gemacht und ließ mich von der Sonne wärmen. Wie ein Teelicht in einer Wasserschale kam ich mir vor.

Ich war am See auf einem Spaziergang entlanggekommen und hatte den Bootsverleih gesehen. Die ganze Zeit schon ging mir diese Sache durch den Kopf und ich wurde die Gedanken nicht los. Also beschloss ich, ein Boot zu mieten und auf den See zu rudern. Ich hatte die beiden Ruder in die Hand genommen, mich nochmal umgeblickt und die vollkommen leere Wasseroberfläche hinter mir inspiziert. Ich war allein hier und konnte drauf los rudern und das tat ich. Die Blätter tauchten ins Wasser ein, ich legte mich nach hinten und zog an den Griffen, dann drückte ich sie runter, damit die Blätter in der Luft zurück zu dem Punkt gelangten, an dem sie eintauchten und wieder das Wasser wegdrückten. Anfangs nahm ich mir Zeit, die Bewegung möglichst weit und perfekt auszuführen, doch mit der Zeit wurde ich schneller. Ich wollte vorankommen, ganz ohne Ziel. Und so schaufelte ich das Wasser umher und spürte, wie sich Schweiß auf der Stirn sammelte. Dann sah ich einen Tropfen vor meinen Augen gen Boden fallen und ich fragte mich, ob man das Wasser mit dem eigenen Schweiß bis zur Kante füllen konnte. Ich wünschte es mir sogar, damit ich rudernd untergehen konnte. Es wäre mir egal gewesen. Nein, es wäre mir ganz recht gewesen. Und dann merkte ich, wie mir die Puste ausging. Meine Arme brannten schon längst, aber jetzt kam auch mein Atem nicht mehr nach.

Ich löste meine Hände von den Griffen und legte mich hin. Anfangs hörte ich nur meinen lauten Atem und spürte die Arme und den Rücken. Dann aber bemerkte ich den wolkenlosen, blauen Himmel und die Sonne, die auf mich schien. Ich musste loslachen. Ich lachte über den Mann, der ich noch eine Stunde zuvor war. Vollkommen missmutig. Mies gelaunt raunte ich Leute an, die mir im Wege standen. Immer mehr fraß sich diese Wut auf jeden und alles in mich und ich kam da nicht heraus. Jetzt im Boot merkte ich erst, wie lächerlich all das war und ich wünschte mir, schon früher so über mich gelacht zu haben, denn wie viele Leute hatte ich wohl angesteckt. Mir blieb das Grinsen im Gesicht. Es brachte nichts, sich schuldig zu fühlen. Es war besser, über sich selbst zu lachen.

Verregnete Tage

Draußen regnete es seit einigen Stunden und so war Ben der Einladung gefolgt, noch auf einen Tee mit rein zu kommen. Im Zimmer lagen überall kleine und große Kissen verstreut und er suchte sich eines dieser Kissen, welches in der Nähe einer Wand lag, um sich darauf zu setzen. Von hier aus inspizierte er das Zimmer. Es gab einen kleinen Schreibtisch, der mit einigem Papier beladen war und an der Wand dahinter hingen Fotos von der Bewohnerin und ihren Freundinnen und Freunden. Das Bett war mit bunter Bettwäsche in Naturfarben bezogen und überall fanden sich kleine Schätze. Hier mal eine Kette, da mal ein Ring. In Reichweite seines Kissenplatzes stand ein wadenhoher Tisch, auf dem allerlei Krempel zu finden war, doch er wagte nicht, ihn anzurühren, stattdessen wartete Ben brav darauf, dass Lena mit dem Tee aus der Küche auftauchen würde. Es rannen einige Tropfen vom Kopf übers Gesicht und die Klamotten fühlten sich schwer und kühl an, aber er wollte sich nicht beschweren, immerhin musste er in einer fremden Stadt nicht im Regen stehen. Er hatte seinen Reiserucksack im Flur abgestellt und die trockenen Klamotten warteten somit nur auf ihn. Er beschloss, sich nach der Toilette zu erkundigen und sich umzuziehen, sobald Lena zu ihm kam. Bis dahin wartete er in ihrem Zimmer, wie sie es ihm geheißen hatte. Sie wohnte in einer WG, so viel war klar.

Lena hatte er in einem Café kennengelernt. Er hatte sich dort vor dem Regen versteckt und zwei große Becher heiße Schokolade getrunken. Als er gefragt wurde, ob er noch etwas haben wollte, hatte er den Fehler begangen, dies zu verneinen. Die Bedienung war sehr freundlich, wies ihn aber darauf hin, dass doch einige Gäste auf einen freien Platz warten würden. Er erklärte, dass er nur mit Rucksack unterwegs sei und nicht wüsste, wo er bei dem Wetter hingehen sollte. Die Bedienung stellte sich als Lena vor und meinte, dass er bei ihr unterkommen könnte, sie hätte demnächst Schichtende. Sie liefen eine Viertelstunde durch den Regen, bis sie bei ihr angekommen waren, doch diese wenigen Minuten reichten, um ihn komplett zu durchnässen.

Endlich ging die Tür auf und Lena stand mit einem Tablett, auf dem eine Teekanne und zwei Tassen standen, im Zimmer. Sie trug statt der durchnässten Sachen aber nur ein Handtuch. Offensichtlich hatte sie sich geduscht. Ben traute nicht, sie direkt anzuschauen, überlegte einen Moment und meinte: „Wo ist denn das Bad, dann kann ich mich schnell umziehen.“ Auf die Weise könnte auch Lena sich ungestört etwas anziehen, dachte er sich. Sie führte ihn ins Bad und griff nach einem Handtuch: „Hier, dusch‘ dich ruhig ordentlich warm, bevor du dich erkältest.“ Ben freute sich über die Einladung und nahm mit einem Kopfnicken das Angebot an. Er holte sich noch trockene Wäsche aus dem Rucksack und verschwand unter der Dusche.

Teil 2

Sei kein Frosch

Letzte Nacht begegnete ich nach einem Strandspaziergang einem kleinen Frosch, der todesmutig die Straße überquerte, aber auch anständig still hielt, um fotografiert zu werden.

Er erinnerte mich daran, dass ich selbst so eine Straße überquert hatte und mich in eine Unterwassergondel begeben hatte.

Hier sieht man sie gerade unter Wasser.

Im Innern sah man dabei zu, wie das Wasser am Glas entlangschwappte und man immer tiefer eintauchte.

Allerdings waren die Quallen die einzigen Wasserwesen, die sich zeigten und auch den Meeresboden konnte ich nicht erkennen, dafür war der Sand vermutlich zu aufgewirbelt und es fehlte ja auch so ein Meter bis zum Grund.

Nach gefühlt zehn Minuten ging es bereits wieder aufwärts (in Wahrheit waren es 35 Minuten Tauchzeit).

Ich hatte vor diesem Ausflug keine Angst. Zudem wurde man als Fahrgast darauf aufmerksam gemacht, dass es einen Notausstieg oberhalb der Kuppel gibt und man ohne nass zu werden wieder nach oben kommt. Ich muss gestehen, dass ich mir mehr von der „Fahrt“ erhofft hatte, doch ich war auch nicht enttäuscht, da ich bestens vom „Moderator“ unterhalten wurde. Ein kleines zusätzliches Highlight eines Urlaubs, der voll von diesen wunderbaren Momenten ist, die ich einfach nur als wertvoll betrachte. Für die Fans der literarischen Einträge gibt es hier eine Entwarnung, die kommen jetzt auch wieder, aber es war mir danach, ein wenig aus meinem wahren Leben zu berichten.