Brei

Ich war in der Stadt angekommen. Ich weiß nicht mehr, in welcher eigentlich, dafür sahen sie alle zu gleich aus. Gut, eine größere Stadt hat höhere Gebäude, an den Fassaden kleben dennoch die gleichen Namen und Bilder. Es interessierte mich nicht. Was mich interessierte, war der Standort der nächsten Toilette. Mir wurde aber schnell klar, dass selbst wenn es eine örtliche Einrichtung gäbe und man Schilder dafür aufgestellt hätte, würde ich diese niemals finden: Zu viele Informationen prasselten auf mich ein und versperrten mir den Blick. Ein kurzer Gedanke überkam mich, dass man womöglich irgendwo privat klingeln und fragen könnte, doch ich machte mir klar, dass die Innenstädte schon längst nicht mehr dazu dienten, Menschen ein Heim zu bieten. Und jene, die es sich leisten könnten, hier zu wohnen, würden mich mit den Löchern im Pullover und in der Jeans nur mit einem bösen Blick im Gesicht vor ihrer Tür stehen lassen. Da machte ich mir nichts vor. Ich ging in eine Boutique und fragte die Verkäuferin, ob es eine Toilette gäbe. Sie erklärte, dass diese nur für Kunden sei. Ich sah mich um und sah keine Kunden. Allerdings war mir auch nicht danach, mich mit einem Kleid oder einem Rock einzukleiden. Ich gab nicht auf: „Okay, ich kann ihnen gern einen Euro geben, wenn ich dafür die Toilette nutzen dürfte oder gibt es hier nur eine für Frauen?“ Die Verkäuferin überlegte, schüttelte dann aber den Kopf: „Es tut mir leid, die Nutzung ist nur für unsere Kunden gestattet.“ Es stimmte mich traurig, dass die Menschen hier problemlos durch Roboter ersetzt werden könnten und es niemandem auffallen dürfte. Aber gut, das war für die Frau vermutlich auch nur ein seelenloser Job, um sich die Miete leisten zu können, in diesen Läden arbeiteten die meisten Menschen nicht, weil es ihr Herzenswunsch war. Ich fragte: „Was ist denn der günstigste Artikel, den sie haben?“ Die Verkäuferin stutzte. Ich blickte nach rechts und sah eingeschweißten Schmuck. Da gab es ein paar Ohrringe für 49 Cent. Eigentlich ein Verbrechen, so etwas zu kaufen, dachte ich mir, aber außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliches Handeln. Ich griff die Packung, legte sie auf den Tresen und sagte: „Die zahle ich gleich, ich würde nur kurz noch die Toilette aufsuchen.“ Die Verkäuferin wollte das Spiel aber noch ein wenig weitertreiben und erwiderte: „Ist das für sie oder eine Freundin?“ Ich entgegnete nur: „Für meine Freundin und ich überlege, ob sie es mir einpacken können.“ Langsam wurde es lästig, aber anscheinend ging es der Verkäuferin ebenso. Sie wies mir dir Richtung. Ich legte 50 Cent auf den Tresen und ging kopfschüttelnd in Richtung der Toiletten. Als ich zurückkam, stand die Frau noch immer hinter der Kasse. Die Ohrringe hatte sie mit einem Kassenzettel und einem Cent garniert. Ich griff die Ohrringe: „Den Kassenzettel benötige ich nicht und der Rest ist Trinkgeld.“ Beim Verlassen des Ladens ließ ich die eingeschweißten Ohrringe fallen und suchte meinen Weg aus diesem bedrückenden, grauen Einheitsbrei, durch den in den nächsten Stunden die Menschenmassen ziehen würden. Ich gehörte hier nicht hin.

6 Kommentare zu „Brei

  1. Sehr genial erzählt.

    Und von mir ähnlich auch schon erlebt. In einem andern Laden. In einer andern Stadt. In einem andern Land.

    Aber: Auch schon – und öfter – anders. Dass ich, ohne Kundin zu sein, pinkeln gehen durfte. Einfach so. In Restaurants insbesondere.

    (Dieses fremde Gefühl der Reizüberflutung in Städten mag ich gar nicht. Insbesondere fremde große Städte mag ich je länger je weniger. 🙈)

    1. Ja, tatsächlich haben die meisten Menschen für gewisse Bedürfnisse noch Verständnis. Hierbei ging es mir nur um die Zuspitzung, was diese Welt aus uns Menschen macht, obgleich wir Menschen es ja sind, die diese Welt erst so gestaltet haben.

      Mir kommt es so vor, als wäre ich durch die kurzzeitige Corona-Isolation noch schneller durch Reiz zu überfluten, als vorher schon. 😉

      1. Das erlebe ich auch. Der Rückzug und die erlebte Ruhe machten uns „schutzloser“, dünnhäutiger und sensibler: Der Lärm wirkt danach lauter als vorher.

        In Uppsala vor zwei Jahren konnte man die öffentliche Toilette eines Einkaufscenters nur mit Kreditkarte öffnen. Da mussten vor der Tür warten, bis uns jemand hereinließ, da wir keine KK haben. 🙈

        Es wird immer schwieriger, bedürftig zu sein, in mancherlei Hinsicht.

      2. Ne Kreditkarte zur Nutzung der Toilette… Da zeigt sich, wie man gegen Obdachlose vorgeht. Es stimmt mich enorm traurig, wie sehr die Gesellschaft ausgrenzt.

        Wehe du bist bedürftig…

  2. Spannend geschrieben. Kenne ich auch, aber fast ausschließlich in Deutschland. Bei Toilette benutzen geht gar nicht „sie müssen jetzt mindestens eine Brezl kaufen!“ oder mal ein Glas Wasser, weil ich gleich umkippe „nein! Wenn hier alle Kunden sowas wollen, stehe ich nur noch am Wasserhahn!“
    Jaja Nächstenliebe, Freundlichkeit. Musste sehr schmunzeln. Ein Verbrechen diese Ohrringe kaufen zu müssen. Frechheit. Frage mich warum die Leute so geworden sind. Wann?

    1. Die Frage nach dem „Wann“ lässt sich nicht beantworten, weil das ein Prozess ist. Das sollte einem übrigens Hoffnung geben, weil ein Prozess auch in eine andere Richtung ablaufen kann.

      Und warum die Menschlichkeit zu kurz kommt…ich weiß es nicht. Vielleicht wollen wir Deutschen auch einfach nur alles so perfekt korrekt machen, dass kein Platz mehr für menschliche Grundbedürfnisse bleibt.

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