Schwere

Ich war mir nicht sicher, ob ich mich freuen sollte, noch etwas von der Mousse au Chocolat im Kühlschrank gefunden zu haben oder nicht doch traurig sein sollte, weil sie jetzt doch schon einen Tag alt war und somit bei weitem nicht mehr so luftig und lecker, wie man es kennt. Ich griff mir die Schüssel und verzog mich mit der Süßigkeit aufs Sofa. Es war ein schönes Kateressen. Gut: Gegen kalte Pizza hätte ich auch nichts einzuwenden gehabt, aber man muss ja da anfangen, wo man momentan steht und da ist Mousse nun wirklich kein schlechter Start. Es schmeckte ganz vorzüglich, lediglich die harten Krusten umschiffte ich mit dem Löffel, die waren nicht mehr zu retten. Im Zimmer über mir hämmerte jemand irgendwas in die Wand und aus der Küche dröhnte die Waschmaschine auf Hochtouren, doch es war mir egal. Das ist wohl das Schöne an einem Kater, dass einem die Welt egal ist. Vielleicht tranken unsere Politiker unentwegt und deswegen sahen wir zu, wie Menschen starben und die Welt jeden Tag aufs Neue gefickt wurde. Ich nickte bei dem Gedanken, dass das innere Meckern auch nichts änderte. Das ist wohl die Krux, dass es jeder von uns schon nicht gut genug macht und in der Summe ist es dann ein riesiger Müllhaufen, der sich zusammenträgt. Mir war nicht nach tiefen Gedanken. Nicht am Sonntag. Nicht am Katertag. Die Schüssel stellte ich beiseite, machte mich lang und griff nach einem Buch. Nach fünf Seiten wusste ich nicht, was ich gelesen hatte und meine Augen befanden sich in einer Dauerschleife bei der Suche nach dem letzten Satz, den ich zwar gelesen hatte, jedoch bei zufallenden Augen nicht mehr wirklich wahrnahm. Ich gab es auf, legte das Buch auf den Holzboden und schlief wieder ein.

8 Kommentare zu „Schwere

      1. Hab eigentlich nen längeren Kommentar geschrieben, hat aber schon zweimal nicht funktioniert heut🤷‍♀️
        hab gemeint, dass ichs faszinierend find, wie du diese verkaterte Sonntagsstimmung rüberbringst, und dass ich das mal mit meinem literaturwissenschaftlichen Blick untersuchen will, wie du das anstellst.. aber vielleicht kenn ich einfach das Gefühl dieser „Schwere“ nur zu gut …

      2. Hach, das ist aber sehr ärgerlich. Es freut mich, dass es jetzt wenigstens geklappt hat.

        Vielen Dank, ich muss ja gestehen, dass du mein Ego gerade ganz enorm gestreichelt hast. Ein höheres Lob kann ich mir gar nicht vorstellen. Aber ja, vielleicht liegt es tatsächlich daran, dass wir diese Schwere so gut kennen.

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