Schwungvoll

Von meinem Bett aus sah ich auf das Rennrad, welches dank fehlender Pedale einzustauben drohte. Ich wollte es längst repariert und verkauft haben. Die Motivation war nicht vorhanden gewesen oder die Zeit hatte gefehlt. Die hatte ich mit Sanne verbracht, also eigentlich Susanne, aber sie bestand auf den Spitznamen und ich fügte mich, obgleich ich ein Faible dafür besaß, einen Namen nicht kürzen zu wollen. In ihrem Fall hatte ich es akzeptiert, weil ihre Eltern sie immer so nannten und es bei ihr das gemischte Gefühl von Übelkeit, Verzweiflung und Wut hervorbrachte, also eigentlich nichts neues, dachte ich mir, als sie es mir erzählte, aber sie meinte es tatsächlich ernst mit ihrer Aussage. Sie hatte ihre Eltern in ein verdammt schlechtes Licht gerückt, doch mittlerweile fragte ich mich, ob ihre Beschreibung nicht doch enorm subjektiv war, denn ich vermutete, dass ich wohl mittlerweile ein ähnliches Gefühl in ihr auslösen würde. Womöglich brauchte sie jetzt einen neuen Spitznamen. Vielleicht war ich aber auch einfach ein Arschloch, wer kann so etwas schon mit Sicherheit von sich sagen oder ausschließen?

Sie hatte das Rennrad heute Morgen umgeworfen, als sie aus der Wohnung stürmte. Kurz davor lag ich noch im Bett und sie war gerade dabei, sich anzuziehen. Sie meinte, dass es schön wäre, wenn ich ihr einen Kaffee machen könnte. Normalerweise hätte ich das ganz ohne Aufforderung gemacht, aber in dem Moment hatte ich es nicht auf dem Schirm und der scharfe Unterton, der ganz stark nach Aufforderung stank, verleitete mich dazu ihr folgendermaßen zu antworten: „Ich würde es auch schön finden, wenn du deinen Hintern nochmal ins Bett bewegen würdest, aber ich vermute mal, dass jeder von uns umsonst auf den Gefallen des anderen warten dürfte. Sie sah mich wutentbrannt an, was mir tatsächlich Angst machte. Sie schmiss ihren Jeansrock in meine Richtung und traf mich am Oberkörper. Aus meiner Sicht war sie wach genug, um auf Kaffee verzichten zu können. Ich konterte: „Willst du jetzt auf den Rock verzichten? Dürfte im Büro weniger gut ankommen. Oder vielleicht auch sehr gut.“ Ich grinste, aber ihr war nicht zum Lachen zumute. Sie streckte erwartungsvoll ihre Arme aus und ich warf ihr den Rock zu. Sie quittierte das: „Na scheinbar bist du doch kein Arsch.“ „Du meinst anscheinend“, konterte ich. Sie warf die Stirn in Falten, dachte eine Sekunde nach und gewann das Duell, als sie meinte: „Klugscheißer. Wenn ich so drüber nachdenke, habe ich es genauso gemeint.“ Sie griff sich ihre Tasche und ging in Richtung der Tür, als ich ihr nachrief: „Was genau ist eigentlich gerade schiefgelaufen?“ Sie blieb stehen, drehte sich nicht um und atmete tief aus: „Ach leck mich.“ Mein Kopf war noch immer eher im Bett-Modus als ich antwortete: „Na sehr gern.“ Sie schmiss das Rad um und knallte die Tür hinter sich zu. Ich gebe zu, dass es nicht fair war, dass sie sich jetzt acht Stunden lang den Bockmist ihrer Vorgesetzten anhören musste, während ich entspannt faulenzen konnte, aber ich hätte es ihr gegönnt, wäre es umgedreht. Ich hätte ihr den Kaffee kochen sollen. Oder auch nicht, der wäre gefährlicher gewesen als ihr Rock.

2 Kommentare zu „Schwungvoll

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