Ausflug

Sie hatten mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zur Sonne zu fliegen. Es schien mir eine große Ehre zu sein. Immerhin gab es allerhand interessierte Menschen, die Interviews und Autogramme von mir wollten. Es gab auch Live-Übertragungen aus dem Raumschiff, welches mich beherbergte. Ich hatte mir das alles nicht so ganz überlegt, aber es war immer mein größter Traum gewesen, die Erde vom Weltall aus zu betrachten. Und da dachte ich mir, dass ich nachdem dieser Traum erfüllt wäre, ja eh schon mein Highlight im Leben hatte, ich auch nicht mehr so daran hängen müsste. Zudem wurde mir versichert, dass dieses Schiff sicher sei: Konstruiert nach neuestem Wissen und ausgestattet mit der besten Technik. Ich glaube, dass waren auch die Worte, mit der man die Titanic in ihre Jungfernfahrt verabschiedet hatte.

Alles ging so furchtbar schnell. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen und mir war, als wäre es alles an einem Tag passiert. Dann der Flug heraus aus der Erdatmosphäre. Ich kreiste einige Minuten um unseren blauen Planeten, bis es weiter zum Mittelpunkt unseres Sonnensystems ging. Der Anblick auf die Erde war unbeschreiblich, aber viel zu kurz. Und seither saß ich in diesem riesigen Etwas. Ich sollte Daten und Bilder von der Sonne sammeln, danach ging es wieder zurück zur Erde. Die ersten Jahre waren eine Mischung aus Langeweile, Einsamkeit und der ewigen Frage nach dem Sinn des Lebens. Mittlerweile bin ich in die Korona eingetaucht. Die Fenster haben eine spezielle Folie, welche das Licht filtert und dennoch schwitze ich im Cockpit, weil es nur noch die Sonne zu sehen gibt. Das Weltall kann man hier nicht mal mehr erahnen, weder das endlos tiefe Schwarz noch die eisige Kälte.

Heute Morgen hatte der Computer gepiept und mir mitgeteilt, dass etwas mit dem Druck nicht stimmte. Ein wenig später fiel der Computer dann aus. Ich treibe seither auf dem festgelegten Kurs und entweder wird die Schiffshülle halten oder eben nicht. Ob ich zurückkommen werde, ist zweifelhaft so ohne technische Hilfe. Ich glaube, ich würde lieber hier in der Hitze verglühen, statt in der Kälte umherzutreiben.

12 Kommentare zu „Ausflug

  1. Unter all meinen Träumen war nie einer mit Weltraum dabei. Bei dir schon? Falls ja: Was genau ist der Reiz?

    Das mit der Sonne hier lese ich (auch) als Metapher in Sachen Klimakatastrophe – irgendwie.

    1. Ich bin mit Star Trek groß geworden, ich denke, da könnte man ansetzen, weshalb das Weltall so eine Faszination besitzt.

      Ich schrieb gerade schon in einer Antwort auf einen anderen Kommentar, dass ich gar nicht weiß, was ich mit dem Text ausdrücken wollte, aber auch deinen Ansatz finde ich spannend. Man könnte auch Moria heranziehen und die Frage, warum man Menschen in diese Raumschiffsituation setzt, in denen sie schlussendlich die Wahl zwischen Verelendung oder Feuer haben (damit sage ich explizit nicht, dass von den Bewohnern Feuer gelegt wurden, an solchen Spekulationen beteilige ich mich nicht, weil sie für eine Problemlösung irrelevant sind. Dies nur an alle Leser:innen dieses Kommentars).

      1. Ich bin mit Raumschiff Enterprise groß geworden, ohne angesteckt worden zu sein? 😉

        Oft sagt ja ein Werk, ein Kunstwerk etwas aus, was dem:r Schöpfer:in desselben gar nicht bewusst ist. Du sprichst da einen Ur-Konflikt an: Die Wahl zwischen zwei Übeln. Weiterleben, aber zu welchem Preis? Sterben?

        Was die Feuerursache betrifft, sehe ich es wie du. Und selbst wenn dem so wäre: Es wäre den Menschen nicht zu verdenken.

        (siehe: https://www.republik.ch/2020/09/15/endlich)

      2. Es gibt viele Aspekte an der Serie, von der ich mir wünschte, sie hätten sich weiter in die Welt getragen, wie der Umgang mit Meinungsverschiedenheiten; die Suche nach Wissen; geldlose Gesellschaft…aber das ist ein anderes Thema.

        Sterben erscheint mir selbst nicht als das höchste Übel des Lebens. Das mag zwar unlogisch klingen, aber ein Leben unter Zwang und in Gefangenschaft, welches einem keinerlei Ausweg oder Ende in Aussicht stellt, ist für mich nur schwer vorstellbar. Aber da ich diesen Zustand nie erlebt habe, weiß ich nicht, ob ich mich in solch einer Situation für das Leben oder für den Tod entscheiden würde. Ich wünsche es niemanden.

        Das ist der Punkt. Mir ist egal, wer das Feuer gelegt hat, es hätte nie zu einem solchen Lager kommen dürfen. Aber es zeigt sich abermals nach 2015, dass sich manche Länder (inkl. Deutschland) einfach wegschauen, bis es kaum mehr möglich ist. Man stelle sich mal vor, die Amerikaner hätten Mitte des letzten Jahrhunderts all die Geflüchteten für Monate und Jahre in Camps gesperrt. Warum wir in Europa einfach keine Lösung finden wollen, erschließt sich mir nicht.

      3. Naja, keiner hat bock aich Verantwortung. Stress. Wohnungsnot. Sprache. Essen kultur. Klamotten style von denen. Innenstädte überfüllt. Ohne Sprache keine jobs. Jahrelange asylverfahren. Asylbewerberleistungen. Dann 95% werden Hartz. Abschiebung nie möglich. Integration ist nicht! Never ever. Die wollen auch nicht. Warum auch. Die denken gute jobs, viel Geld. Die wissen nicht, was für jobs, was man hier erwartet, wie Deutscheland funktioniert. Himmelsweiter Unterschied. Nicht nachzuvollziehen. Pünktlichkeit. Supermarkt kein Bazar. Plastik überall. Schwein überall. Etc. Hammerhart für die. Und die sauberen ruhigen Deutschen werden plötzlich ‚gestört‘ im Kleinbürgertum. Keine Partei möchte das wirklich verantworten.

      4. Ja, so wird es verkauft…vielleicht sollte ich häufiger über die syrisch-deutschen Lesungen berichten, an denen ich regelmäßig teilnehme, das wäre mal ein sehr spannendes Gegenstück zur allgemein verbreiteten Meinung.

  2. Wenn du den Text aus einer Inspiration heraus geschrieben hast (und grundsätzlich gehe ich zunächst mal davon aus, alles andere steht unter einer Agenda und ist meiner Meinung nach zu durchsichtig und gewollt und daher keine „gute“ Literatur), stellt sich die Frage gar nicht, was du damit sagen w o l l t e s t. Das Spannende ist ja, was du durch dieses Bild und bestimmte Sätze über dich verrätst…

    1. Hm, die Frage bleibt aber auch dann, was der Text über mich verrät. Will ich in Ikarus‘ Fußstapfen treten? Oder freue ich mich eher über einen heißen Sommer als über einen eiskalten Winter? 😉 Das Fiese an Interpretationen ist der große Raum, der gefüllt werden muss. Aber es freut mich, dass dieser Text ja doch eine gewisse Aufmerksamkeit genießt, das hätte ich nicht erwartet.

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