Schatten

Mir war vollkommen klar, dass es eine dumme Idee gewesen war, ohne Helm ein Longboard zu fahren, ganz besonders, da ich es noch gar nicht konnte. Aber eben deswegen hatte ich auf einen Schutz verzichtet, denn wirklich schnell wird man am Anfang ja gar nicht, dachte ich mir. Ich sollte mich täuschen, ich wagte so einige Tritte der Beschleunigung und genoss mein wehendes Haar im Wind. Zum Arzt musste ich aber nicht wegen der schnellen Fahrt, sondern wegen eines Anfahrtsversuchs als ich mich auf dem Heimweg befand. Ich stand zu weit hinten auf dem Brett und verlor wegen eines Steinchens das Gleichgewicht. Wer hätte ahnen können, dass es einen so dermaßen nach hinten wegreißt. Ich konnte mich recht gut mit den Händen abfangen, doch der Hinterkopf schaffte es dennoch auf den Asphalt. Wäre ich allein gewesen, so hätte ich mich gar nicht groß drum gescherrt, aber meine beste Freundin machte sehr deutlich klar: „Wir gehen jetzt sofort zum Arzt.“ Ich motzte ein wenig rum, aber sie war schon immer dickköpfiger als ich, und so landeten wir beim Arzt, der mich in irgendeine Röhre steckte.

„Herr Fröhlich, ich sehe auf den Bildern keine Verletzung, aber es war gut, dass sie hergekommen sind, der Sturz war wohl von oben gewollt.“ Es ist gut? Der Sturz war von oben gewollt? Ich halte nichts von Vorsehungen oder glücklichen Zufällen, das ist einfach das Leben. Aber warum es gut sein sollte, wollte mir nicht klar werden. Ich hatte leichte Kopfschmerzen und der weiße Kittel sagte mir, dass das gut sei? Ich sah ihn halb genervt, halb verständnislos an. „Nun, ich habe auf den Bildern einen Schatten gesehen, das sollte untersucht werden. Ist vermutlich nichts schlimmes…“ ich hörte ihm nicht mehr zu, sondern nickte nur, wenn ich merkte, dass er seine Rede pausierte. Ich fragte mich weiterhin, was daran jetzt gut sein sollte und warum Ärzte eigentlich keinen Kurs in Einfühlvermögen bekommen und es immer eine Glücksfrage sei, an welchen man geriet. Okay, es gibt kein Glück, hatte ich fast vergessen. Das ist das Leben. Ich verabschiedete mich und bekam ein Kärtchen mit einem Termin in die Hand gedrückt. Anscheinend hatte ich einen mit ihm vereinbart. Es war mir egal. Ich beschloss, meiner besten Freundin vorerst nichts zu erzählen, außer dass der Sturz keine Folgen hatte.

Auf dem Heimweg schwiegen wir und ich dachte: Ein Schatten auf den Bildern. Ich wollte keinen Schatten. Den hatte ich nicht bestellt. Den einzigen Schatten, den ich sehen wollte, war der unter mir, wenn ich wieder auf dem Brett stand und mir die Sonne auf den Kopf schien. Meine Hände zitterten und mein Herz pochte wild. Mir wurde schlecht und ich übergab mich kurzerhand ins Gebüsch neben dem Weg. Die beste Freundin sah mich bestürzt an. Ich erklärte, dass mir noch ein wenig schwindelig von heut Morgen sei. Vielleicht eine leichte Gehirnerschütterung. Wer weiß. Ich wusste es. Ich wusste, was mir den Magen umdrehte. Zuhause angekommen, verspürte ich Lust auf den kaltgestellten, offenen Weißwein. Ich nahm einen Schluck direkt aus der Flasche. Er schmeckte nicht, also spuckte ich ihn wieder aus. Ich tauge nicht zu diesen Filmhelden, die in ihrer Coolness ein Glas Whiskey nach dem anderen runterspülen und sich dazwischen ne Kippe anstecken. Von letzteren musste ich immer husten. Ich wollte auf etwas draufhauen und bevor ich recht darüber nachdachte, sollte die Wand herhalten. Es stellte sich heraus, dass diese um einiges härter war als meine Faust. Der Schmerz tat gut. Er pulsierte und ich genoss das Gefühl, des immer wiederkehrenden Stiches, der durch die Hand ging. Ich setzte mich und spürte dabei mein Portemonnaie in der Gesäßtasche, welches ich herausholte. Der Zettel mit dem Termin lugte daraus hervor. Ich sah ihn mir an. Mittwoch in einer Woche. Ich beschloss hinzugehen.

6 Kommentare zu „Schatten

    1. Ich habe den Text so runtergeschrieben. Davon abgesehen, dass ich tatsächlich gerade anfange, auf dem Longboard zu fahren, ist alles andere erfunden und ich würde es nicht öffentlich machen, zumindest nicht auf diesem Wege. Ich denke, dass ich das wohl einfach kurz und schmerzlos mit euch teilen würde, wenn ich das wollen würde, aber nicht so verpackt. Ich glaube, ich beschäftige mich gerade ein wenig mehr mit Leben und Tod und daher kommt das gerade. Also keine Sorge und vielen Dank für deinen Beistand. Ich hoffe, dass es keine:n Leser:in triggert. Darüber habe ich gar nicht nachgedacht, als ich es schrieb.

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