Zug um Zug

Die Sinnlosigkeit des Seins machte mir keine Angst, sie nervte mich allerdings. Mir war nach einem tiefen Zug einer Zigarette. Ich hätte sie nicht einmal selbst rauchen wollen, der Passivzug würde mir genügen. Am besten in einer ranzigen Kneipe, in der der Fußboden ebenso klebte wie die Ärsche der fünf Stammgäste auf ihren Hockern. Aber solche Kneipen gab es nicht mehr, sie mussten rauchfrei sein. Verdammt traurig, selbst für einen Nichtraucher wie mich. Kaum deutlicher als hier erkannte man den fehlenden Sinn in allem, was wir Menschen zu tun und zu erfinden glaubten. Jede geniale Idee, die einem klugen Kopf jemals kam, wäre hier unbedeutend und gerade das war doch das Schöne an diesen Hinterhöfen der glitzernden Gesellschaft, die stetig am Aufstieg arbeitete. Jeden Tag vor sich hin schuftete, damit…ja…damit…eben, damit gar nichts. Damit man in zehn Jahren sagen konnte, dass es den Menschen niemals zuvor so gut ging. Das war eben die Parole, damit man sich am nächsten Morgen wieder im Stau anstellte, um einem armen Schwein irgendwelchen Mist anzudrehen, den es nicht brauchte. In der Spelunke interessierte sich niemand dafür. Da gab es Altherrengeschwätz, das auch keine bessere Parole bereithielt, aber das war auch nicht der Grund, um dorthin zu gehen. Man ging hin, um Rauchschwaden einzuatmen und abgestandenes Bier herunterzuwürgen. Das Klo wäre auch blind zu finden gewesen, einfach dem stechenden Geruch folgen. Der Begriff „Vanitas“ kommt mir in den Sinn und passt zugleich so gar nicht in dieses Bild, kein Kneipengespräch setzt sich mit der künstlerischen Betrachtung von Vergänglichkeit auseinander. Wozu auch, man weiß, dass man vergeht, mit jedem Zug.

4 Kommentare zu „Zug um Zug

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