Revolution

Es war ein ungewöhnlicher Besuch an jenem Abend. Thomas, ein Mittdreißiger, der Inhaber eines Buchladens war. Aber er war mehr als das. Er hatte mir eines Abends bei einem Raubüberfall in einer Tankstelle das Leben gerettet und danach jede Form von Entlohnung als Dank abgelehnt. Wir tauschten stattdessen Nummern aus und er hatte sich bei mir gemeldet, weil er sich mit mir unterhalten wollte. Ich hatte dafür gesorgt, dass er ins Hochhaus kam und nach einem Hinweis aus der Lobby, dass Besuch für mich da sei, ließ man ihn in den Lift und er fuhr zu mir hinauf.

Ich finde es immer wieder spannend, was eine Umgebung mit Menschen anstellt und so war es auch bei Thomas, er sah aus, als würde er sich nicht wohl fühlen, als ich ihn hereinbat und ihm zeigte, wo er seine Jacke und seine Schuhe ablegen konnte. Er ging kurz ins Bad, um sich frisch zu machen und folgte mir dann ins Wohnzimmer, in dem er über die Aussicht staunte: „Wow, man kann die ganze Stadt sehen.“ Ich nickte und gestand: „Es ist ein erhabener Anblick, aber man gewöhnt sich daran und es verliert seine Wirkung. Kann ich dir etwas anbieten?“ Wir hatten uns recht früh auf das „Du“ geeinigt, denn wir waren im gleichen Alter und es schien mir, dass wir uns gegenseitig im höchsten Maße respektierten. Er fragte: „Ich würde gern etwas trinken und wenn es nicht zu vermessen ist, vielleicht ein Glas Rum.“ Ich nickte ihm zu, nahm eine angebrochene Flasche aus der Bar und goss uns beiden etwas ein. Ich prostete ihm zu: „Auf Lebensretter.“ Er erwiderte: „Auf das Leben.“ „Ich bin neugierig, warum besuchst du mich?“, fragte ich und er antwortete: „Es sind eigenartige Zeiten. Mein Buchladen ist neulich abgebrannt und mit ihm auch meine Wohnung, die direkt über ihm war…“ „und jetzt möchtest du, dass ich dir aushelfe.“ Unterbrach ich ihn, doch er schüttelte mit dem Kopf: „Es war mir in den Sinn gekommen, aber wahrscheinlich wird die Versicherung dafür aufkommen, ich bin gegen Vandalismus versichert und ich denke, dass man das, was da draußen gerade passiert nicht anders als Vandalismus bezeichnen kann.“ Ich war ein wenig traurig, weil es mir ein Anliegen gewesen wäre, die eine Schuld zu begleichen und zugleich war ich auch froh, denn ich mochte Bittsteller nicht. Da gab man einmal was und das war nie genug. Sie hatten mich hart werden lassen, doch bei Thomas wäre es etwas vollkommen anderes gewesen. Ich bohrte nach: „Also gut, dann brauchst du wohl eine Unterkunft, bis du wieder was eigenes hast?“ Er schüttelte abermals mit dem Kopf: „Nicht wirklich. Ein Freund hat mich aufgenommen, allerdings hätte ich tatsächlich nichts dagegen, wenn ich eine Nacht hier schlafen könnte. Die letzten Nächte mit dem Lärm eingeschlagener Fenster und den Feuerwehr- und Polizeisirenen, lassen mich nicht wirklich gut schlafen. Alles wirkt so unreal von hier oben. Hier sehe ich die Feuer und die Blaulichter, ja sogar die Hubschrauber scheinen unterhalb deiner Wohnung zu fliegen.“ „Du darfst hier gern übernachten, ich habe ein Gästezimmer mit eigenem Bad. Wenn dir danach ist, darfst du auch gern ein paar weitere Tage bleiben.“ „Vielleicht. Ich kann es nicht sagen. Ich möchte nicht unfreundlich erscheinen, aber ich finde es ein wenig kalt bei dir.“ „Meinst du die Heizung? Ich kann es gern wärmer machen.“ „Nein, ich meine die Wohnung. Alles wirkt so steril und perfekt. Es gibt hier kaum etwas mit Persönlichkeit.“ Ich schmunzelte, denn ich mochte es spartanisch. Er ergänzte: „Vielleicht ist das einfach so bei den reichen Menschen.“ Ich sah ihn einen Augenblick lang an und widersprach: „Ich kenne die fehlende Wärme auch aus den Wohnungen armer Menschen, die sich alles mit Kitsch zukleistern.“ Wir schwiegen und blickten aus den zimmerhohen Fenstern vor dem Balkon.

Thomas holte Luft und sagte: „Hast du Angst, dass der Pöbel kommt, um dich zu holen?“ Ich erwiderte: „Absolut nicht. Ich bin sicher in dem Haus und es gibt sogar eine kleine Privatarmee, die aktuell in den unteren Etagen einquartiert wurde.“ „Aber was, wenn die Krawalle größer werden und sich immer mehr Menschen anschließen, ja vielleicht sogar die Leute der Privatarmee?“, fragte er mich. Ich dachte kurz nach: „Es macht mir alles keine Angst. Die Menschen dort unten, gehen aufeinander los. Sie haben deine Buchhandlung und deine Wohnung zerstört, vielleicht weil sie glauben, dass du an ihrer Armut schuld bist. Oder vielleicht wegen deiner politischen Einstellung oder irgendeiner Aussage. Marx‘ Idee vom Klassenkampf scheitert daran, dass die unterdrückte Klasse gegeneinander kämpft.“ Thomas sah mich verwundert an und ich erklärte: „Ja, ich habe Marx und Engels gelesen. Aber auch Orwell und Huxley. Die Realität sieht doch so aus: Es kämpfen die Linken gegen die Rechten; die Gebildeten gegen die Verschwörungsgläubigen; die Armen gegen die Mittelständler; eine Hautfarbe gegen eine andere; eine Religion gegen eine andere. Sie zeigen dann noch auf die Politiker und wollen sie stürzen. Dabei schwimmen die auch nur gegen die gleichen Fluten an.“ Er nickte und fragte: „Und du, siehst du dich als Teil des Bösen?“ Ich fragte gegen: „Hältst du mich für böse?“ „Nein, eigentlich nicht. Aber wie geht es dir mit dem Reichtum und dem Wissen, dass Menschen Hunger leiden und in Armut sterben?“ „Ich habe verstanden, dass es einfach so ist. Ich könnte all mein Geld verteilen und es würde sich nichts ändern.“ „Ja, das mag sein, aber du könntest stattdessen auf Gewinne verzichten und den Menschen dafür bessere Gehälter zahlen.“ „Ja, könnte ich machen, dann verlieren nur meine Aktien an Wert, weil die Anleger ja hohe Gewinne haben wollen.“ „Okay, ich seh‘ schon. Anleger wie ich, deren Lebens- und Rentenversicherung von den Gewinnen der Aktien abhängig ist.“ „Das ist doch der Witz und der klappt in ganz klein und in ganz groß: Jeder einzelne Mensch hat die Chance in seinem Leben glücklich zu sein. Nun gut, zumindest in unserer Gesellschaft.“ „Und was ist mit den Ärmsten?“ Ich nickte und verschwieg meine eigene soziale Herkunft. Ich wollte meinen Punkt erklären: „Dann sagen wir, dass ein nicht geringer Teil der Menschen die Möglichkeit hat, sich selbst zu verwirklichen, manche mit gewissen Einschränkungen, aber die Option besteht. Doch stattdessen stellen sie die meisten in ein Hamsterrad und rennen jeden Tag aufs Neue ohne Ziel. Und so läuft es auch in der Welt. Wir könnten alle daran arbeiten, dass es uns gut geht, doch wir halten uns mit Grabenkämpfen auf. Sollte man mich eines Tages in die Guillotine einspannen und köpfen, wird die Revolution nach mir nichts ändern.“ Ich betrachtete Thomas und er sah traurig nach draußen, dann setzte er an: „Also die Menschheit könnte gemeinsam an einer besseren Welt arbeiten, aber sie wird es niemals tun. So siehst du es, oder?“ „Hm…ich weiß nicht, was einmal passieren wird. Aber aktuell ist es so. Die Leute, die die Scheiben deines Ladens eingeworfen haben und ihn anzündeten. Die wollen schlussendlich auch nur, dass sie mehr Geld haben und wenn sie es haben, dann ist es ihnen egal, wie es den anderen Menschen geht. Wenn es anders wäre, hätten sie deinen Laden nicht angezündet. Aber unsere Geschichte kennt auch andere Beispiele. Martin Luther King und Mahatma Ghandi verstanden und lebten ihren friedlichen Protest und sie erreichten damit etwas, sie verstanden, dass es etwas Größeres und Wichtigeres als sie selbst gab und dafür kämpften sie, wobei das Wort „Kampf“ hier unangebracht erscheint. Aber wir Menschen, wir nehmen uns selbst als zu wichtig. Und daran scheitern die Revolutionen, selbst wenn sie gelingen.“

11 Kommentare zu „Revolution

  1. Jetzt bin ich endlich zum richtigen Lesen gekommen, nicht nur huschhusch. Ein sehr spannender Text.
    Gut geschriebenes Denkfutter. Was wäre, wenn. Und wie alles zusammenhängt.

      1. Ich teile durchaus nicht die Meinung des Ich-Erzählers, aber ihm zuzuhören finde ich dennoch spannend. Und da er fiktiv ist, muss ich ihm und seinem Autor ja nicht widersprechen 😉.

        (Dazu bin ich gerade des Diskutierens müde.)

        Bin gespannt, was als Nächstes kommt.

      2. Da gibts aber auch nicht viel zu widersprechen oder zu diskutieren 🤷‍♀️ man könnte natürlich den Thomas mit seinem vielen Geld, das er nicht teilen mag, durchaus fragen, was er eigentlich für ein Problem hat, aber ja, da werd ich auch müde..

      3. Ja, das wäre aber durchaus ein relevanter Punkt. Es gibt ja einige eher unbekannte reiche Leute, die ihr Geld verteilt haben, hatte neulich erst von einem gelesen, der in den 80ern reich geworden ist und nach einer kurzen Phase des Überschwangs versucht hat, sein Geld wieder los zu werden, aber eben sinnvoll zu verteilen.

      4. Vielleicht kennst du die Serie „Mr. Robot“, sie is eine meiner Favoriten. Da wandelt Eliot am Ende alles Geld der Welt in Kryptowährung um und verteilt es an alle Menschen; das ist sooo schön anzusehen, sehr bewegend..

      5. 🙈 ich geh immer nicht mehr davon aus, dass die Leute noch so viel Serien schauen bzw. genau das, was ich schau und empfehle 😅 sorryy

      6. Kein Ding. Ich schaue tatsächlich kaum Serien und werde in meiner Auswahl natürlich beeinflusst, aber der Spoiler würde mich jetzt nicht abhalten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s