Signale

Die Menschen sind eigentümlich. Sie sagen, sie würden ihren Körper spüren, aber sie nehmen ihn gar nicht wahr. Wenn sie ihn wahrnehmen, sprechen sie in der Regel von Schmerzen, die sie hätten und merken dabei nicht, dass sie nicht ihren Körper spüren, sondern nur den einen Schrei der Nerven, die vor einer Gefahr warnen. Die Menschen wissen gar nicht, wie es ist, wenn man den eigenen Körper spürt. Wenn ein Atemzug an den Nasenhaaren vorbei geht, kurz in den Rachen eindringt, um direkt in die Luftröhre zuwandern. Wie die Lunge sich aufbläht und die umgebenden Knochen wegdrückt, während die umspannende Haut sich ausdehnt. Wie kalt der Hauch durch diesen Weg im eiskalten Draußen sich anfühlt oder wie er sich brennend in einer Sauna seinen Weg bahnt.

Immer wieder hatten sie mich in die Sauna geschleppt und mir prophezeien wollen, dass es helfen würde. Mir wurde verboten zu schreien und zu weinen. Es war mein eigener Entschluss, nicht verrückt zu werden. Alle erwarteten das und ihre Erwartungen ließen mich zuwiderhandeln. Sie waren der größte Motivator und zugleich demotivierten sich mich: Ich erinnere mich an einen sonnigen Tag, an dem ich freudestrahlend mit der Mathearbeit vor meinen Eltern stand und sagte: „Schaut mal, ich habe eine Eins bekommen.“ Darauf erwiderte mein Vater: „Wir freuen uns. Und sind schon gespannt auf dein Zeugnis.“ Aus der Eins hatte ich bis zum Jahresende eine Vier gemacht. Ich schämte mich und wollte sie nicht vorzeigen. Aber in Wahrheit hatte ich einfach keine Lust mehr gehabt, eine einzige Sekunde für das Fach aufzubringen, wenn es nur darum ging, welche Endnote dabei herauskommen würde. Ich hatte meinen Spaß an der Mathematik nicht verloren, aber ich wollte sie nicht mehr im Unterricht ausleben. Doch ich schweife ab. In der Sauna verbrannte ich gefühlt innerlich an der heißen Luft und äußerlich an der garstigen Feuchte, die meinen Körper benetzte. Der Druck, der die kleinen Wasserperlen durch meine Haut presst, erschöpfte mich. Jeder Saunagang war reinste Tortur, die ich über mich ergehen ließ.

Diese Schmerzen, von denen die Menschen immer sprachen, ich kannte sie in der Art nicht. Es war eben eines dieser Signale des Körpers, die ich spürte. Nicht mehr und nicht weniger, daher lachte ich innerlich, wenn jemand wegen einer kleinen Wunde weinte. Ich lachte nicht, weil ich den „Schmerz“ als Kleinigkeit erachtete. Ich lachte, weil ich mir einbildete, dass die Menschen mich in dem Moment ein wenig verstehen konnte.