Eingeengt

„Was müsst ihr euch alle diese übergroßen Autos leisten?“ schrie die ältere Frau auf dem Fahrrad dem Auto hinterher, das sie an der engsten Stelle der Straße überholen musste. Es hätte die fünfzehn Meter nicht hinter der Radfahrerin herfahren können, nach denen es zweispurig wurde. Hier gab es keinen Radweg, nur einen Weg für Fußgänger und eine Verkehrsinsel, damit diese die Straßen überqueren konnten. Warum man das überdimensionierte Auto genau an der Stelle an einem Fahrrad vorbeibugsieren musste, lässt sich nicht erschließen. Ich war heilfroh, dass die Dame noch schreien konnte.

Enge verfolgt mich. So gibt es diese Straße abseits des Konsumzentrums der Stadt. Zwei Reihen von vierstöckigen Häusern mauern die Straße ein, die wirkt, als wäre sie kaum breiter als zwei Meter. Hier unten wirkt es, als wöllten die Häuser einen erschlagen. Womöglich war es Absicht, so wie bei Kirchen, die einen Ehrfurcht lehrten durch ihre Gigantomanie. Mir kam eine junge Mutter entgegen, die mehr zu sich selbst als zu ihren zwei Söhnen sagte: „Jetzt haben wir ganz sicher schon einen Strafzettel bekommen.“ Der ältere der Brüder antwortete mit einem langgezogenen Nein, während die Mutter sie Richtung Parkplatz zerrte. Ich schmunzelte, weil ich den Gedanken kannte: Die Beschäftigung mit dem, was passiert sein könnte, umtreibt mich und wiegt um Welten schwerer als der Ärger, den ich verspüren würde, wenn ich bestraft würde.

Das Rasen der Gedanken engt mein Blickfeld ein. Ich sehe nur noch das Problem und vergesse den schönen Tag und die Wunder der Welt zu beobachten. Ich raube mir selbst die Weitsicht und forciere den Fokus auf einen winzigen Punkt. Ein Punkt so klein, dass ich ihn mit einer Stecknadel kaum treffen könnte. Hier scheint eine Fähigkeit für den falschen Zweck auf Hochtouren zu laufen.

9 Kommentare zu „Eingeengt

  1. Die ältere Dame in diesem Text erinnert mich an eine ältere Dame mit rotem Haar, neon-grüner Regenjacke und Fahrrad, die ich vor ein paar Tagen in meinem Heimatdorf sah. Die Dame hat sich einen Stoffbanner auf ihre Regenjacke genäht auf dem steht: 1,5 Meter Abstand halten! Und zwei Pfeile nach rechts und links. Eine klare Message an alle Autofahrer: innen. Ich muss sagen ich war mehr als überrascht über diesen Aktivismus in einer Region in der jede/r selbstverständlich Auto fährt.

  2. Sehr dichte, wichtige Gedanken. Die Enge des Blicks: manchmal hilft sie uns scheinbar, macht, dass wir uns auf Fassbares fokussieren können, statt vor dem Unfassbaren kapitulieren zu müssen.

  3. Ich kenne solche Situationen zu gut, als ein Freund aus einer Kleinstadt mich einmal besucht hatte, lachte er anfangs noch, dass ich die Ampeln beachtete. Er verstand es recht schnell und wollte nach zwei Tagen nur noch Bahn fahren.

    1. Das verstehe ich, bei uns in der Stadt ist es verkehrstechnisch gar nicht so wild, sind ja aber auch ganz beschaulich. In Hamburg bin ich bisher unheimlich gern mit dem Rad gefahren und dabei ist das ja nun definitiv keine Kleinstadt. 🙂

  4. Das ist so nachvollziehbar. Ich frage mich gerade, wie oft ich das schon gedacht habe, wie oft ich diese Erkenntnis schon hatte, und wie oft ich dann doch wieder genau so weitergemacht habe, wie davor. 🤔

    1. Das ist doch die Krux mit uns Menschen: Wir haben unsere Erkenntnisse und verhalten uns dann wider besseren Wissens anders als es gut für uns ist. Vielen Dank für deinen Kommentar 🙂

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