Ein kurzer Urlaub

Langsam überkam mich der Hunger und ich sah den kleinen Imbiss an der Straßenecke.  Im Laden hinter der Theke standen zwei junge Frauen: Eine bearbeitete mit einem Schneidemesser den drehenden Fleischspieß. Ich habe mich schon immer gefragt, was das für eine Art von Schneidegerät ist. Das Ding klang, als wäre es ein Haartrimmer, aber das wird wohl ein Geheimnis bleiben. Die andere Frau schien mit der Fritteuse beschäftigt zu sein und für einen Augenblick fragte ich mich, ob der Imbiss wohl schon geschlossen sei, bis die Frau vom Fleischspieß sich zu mir umdrehte und mich freundlich anblickend fragte: „Was darf es sein?“ Ich antwortete: „Einen Halloumi-Wrap ohne Jalapeños, bitte.“ Sie bestätigte die Bestellung und erklärte ihrer Kollegin an der Fritteuse wohl, dass sie sich um die Halloumi-Stücke kümmern sollte, zumindest glaubte ich das. Sie sprachen wohl arabisch und ich lauschten den Worten, ohne den Versuch zu unternehmen, sie verstehen zu wollen. Es ging mir allein um den Klang. Und so stand ich dort und hatte das Gefühl Teil eines Musikstücks zu sein. Als mir die Frau vom Fleischspieß mein kleines in eine Papiertüte gestecktes Essen gab, entschuldigte sie sich: „Das war ein wichtiges Gespräch.“ Ich lächelte nur und erwiderte: „Ich habe es genossen, die Sprache zu hören, auch wenn ich sie nicht verstehe.“ „Ach, das ist nur ein marokkanischer Akzent“, meinte sie. Ich nickte: „Für mich ist das wie Urlaub. Ich habe dieses Jahr keinen und dafür durfte ich ihn mir hier gerade vorstellen.“ Wir lächelten uns einen Moment an, bis ich mich bedankte und die Bude verließ.

Russisch Roulette

Man sucht sich den Ort nicht aus, an dem man zur Welt kommt, man versucht nur dort zu überleben…

Ohne eine Antwort zu geben, verließ ich das Zimmer. Es war der Punkt erreicht, an dem mein Gegenüber es überreizt hatte. Mir war klar, dass ich herausgefordert wurde. Gereizt bis zum emotionalen Ausbruch, doch diesen verwehrte ich ihm. Ich kannte meine Unzurechenbarkeit und ich hatte bereits das Küchenmesser auf der Anrichte erspäht. Noch einmal würde ich solch einen Akt nicht überstehen. Ich verstand nur einfach nicht, warum manche Menschen es darauf anlegten. Wussten sie nicht, dass sie Russisch Roulette spielten?

Die Macht abgeben

Was ist es, das uns die Macht über uns selbst abgeben lässt. Die Bewertung des eigenen Selbst überlassen wir uns selbst und doch ertappe auch ich mich hin und wieder dabei, dass es mich trifft, wenn jemand mich darauf hinweist, dass ich nicht das Gewicht habe, welches ich aus der Sicht jenes Menschen haben sollte. Es trifft und verletzt mich, obgleich ich weiß, dass es nichts auszusetzen gibt an dem, wie ich bin. Warum also gebe ich diese eigene Macht ab und überlasse sie einer anderen Stimme als der meinigen, damit sie über mein Wohlergehen entscheidet?

Warum ist die Meinung anderer Menschen uns wichtig? Liegt es daran, dass wir unser Selbstbild aus der Reflexion (bzw. aus der angenommenen Reflexion) Anderer beziehen?

Sich selbst unter Wert zu verkaufen und gleichzeitig sich selbst zu hoch zu heben. Mir scheint, dass diese Ambivalenz vielen Menschen innewohnt. Eine Art manische Depression des Selbstwerts.

Eine Erkenntnis allerdings habe ich bei all den umherschwirrenden Fragen: Mir fehlt das Laufen. Ein Muskelfaserriss zwingt mich dazu, die Beine hochzulegen und es tut mir nicht gut. Wir Menschen sind die geborenen Läufer. Wir sind nicht fürs Sitzen, fürs Schlendern, ja nicht einmal fürs Gehen gemacht, sondern für das Laufen. Ich kann nicht auf Dauer verweilen. Ich muss los.

Ruhe

Es schien, als sei die Ruhe so perfekt wie nur irgend möglich. Sie hatte sich zum Erscheinen den beginnenden Sonnenuntergang ausgesucht. Die Sonne wärmte noch und stand zugleich so tief, dass die Farben der Umgebung ausblichen. Die junge Frau ließ ein Hundewelpen mit braunem Fell auf dem frischen Gras umhertapsen. Sie schien einen Wettkampf mit der Sonne eingegangen zu sein, wer wärmer strahlen könnte. Eine Ecke weiter saß ein Junge auf einer hüfthohen Mauer und starrte auf sein Mobiltelefon. Er schien nicht bewusst auf das Display zu schauen, sondern eher, als erwarte er eine Nachricht. Ich kannte dieses Warten. Wir alle kannten es. Es tat weh, ihn da so sitzen zu sehen, so trostlos. Ich hätte ihn gern zu der jungen Frau und ihrem Welpen geschickt, dort hätte er sein Herz aufwärmen können, welches gerade verzagte. Die perfekte Ruhe war Segen und Fluch zugleich, es war nur einen Häuserblock voneinander entfernt.

Ich spüre die Last unerledigter Aufgaben. Ich würde so gern endlos in der Wärme dieser untergehenden Sonne verweilen und mich frei fühlen, doch diese Aufgaben warten und ich möchte flüchten. Nicht vor der Erledigung an sich, welche mir nicht schwerfällt. Es ist das Wissen, dass nach jeder erledigten Aufgabe eine neue wartet. So ist unser Sein, die endgültige Ruhe ist tatsächlich die letzte. Bis dahin träume ich im Müßiggang vom Müßiggang.

Reblog: Herr W. — List od Szarlota W.

Die Männer, die ich niemals kannte. Dann sammle ich Steine – Von Brücken Als Herr W. das erste Mal starb, war alles still. Alles und alle waren still, viel stiller als sie es jemals gewesen waren. Vor allem ihre Mutter gab sich größte Mühe im Schweigen zu verharren und jegliche Emotion hinter der gewohnt kühlen […]

über Herr W. — List od Szarlota W.

Eine kleines Kunstwerk, das ich euch nicht vorenthalten kann. Schaut gern mal auf den Blog und hinterlasst der Autorin einen Kommentar oder ein Like.

Die große Ruhe

Mir kommt es alles recht surreal vor. Das ist tatsächlich ein wenig wie bei einem Unfall: Alles wird ruhig und langsamer und es ist, als würde man gar nicht so recht dabei sein und man begreift gar nicht so ganz, was da gerade passiert.

Das Heulen eines Staubsaugers ließ mich nach links auf den Porsche schauen, aus dem ein Po und ein Bein herausstachen. Es war eine Frau, die ihr Auto saugte. Warum auch nicht, eine Art Frühjahrsputz. Es war so angenehm ruhig und doch hörte man überall Leute hämmern und fegen und räumen. Es gab nichts zu tun und so schienen sich die Leute vom Winter frei zu machen, sie putzten den Staub der letzten Monate ab. Ein wenig geisterhaft war die Stimmung dennoch, vielleicht weil es niemand wagte, diese gemeinsame Ruhe zu stören, wie es sonst so oft der Fall ist. Wir waren ein eifriges Bienenvolk und waren emsig und fleißig.