Kommen und gehen

Und alles lief davon. Kein Grashalm drehte sich um, kein Baum verabschiedete sich. Alles flog vorbei und hatte es enorm eilig, um hinfort zu ziehen. Der Wind strich über die Gräser, als würde er sanft über die Haare auf dem Kopf eines kleinen Kindes streichen. Behütend. Doch mir blieb nur der Abschied, während ich im Zug saß. Leb wohl, grünes Gras! Leb wohl, Baum! Leb wohl, Feld! Leb wohl, Bahnhof! Leb wohl, Bahnübergang! Leb wohl, Schranke! Leb wohl, all ihr Menschen dort draußen! Ich sagte „leb wohl“ und nicht „auf wiedersehen“. Ich bin da ehrlich, denn wer weiß, ob wir uns nochmal wiedersehen werden. Oder pessimistisch, ich gehe immer davon aus, dass man nicht nochmal das Glück hat, sich ein weiteres Mal zu begegnen. Zu viele Menschen kamen und gingen und kamen nicht wieder. Das ist in Ordnung so. Wir Menschen sind so. Wir haben einen Moment, in dem wir uns begegnen. Manchmal sind es nur einige Minuten. Manchmal Tage oder Wochen und manchmal Jahre. Aber irgendwann geht jeder wieder seines Weges. Es hat etwas beruhigendes. Es ist die Gewissheit, dass das Leben so ist.

Eine kleine Reise

Es ist nur eine kleine Reise in die Heimat. Der Besuch des Vaters und doch merke ich die Anspannung, und die Gedanken kreisen um den Grund meiner Heimreise. Wir verabschieden uns von meinem Opa. Wir haben nie wirklich eine Verbindung gehabt und ich wollte darüber auch nicht schreiben, denn ich möchte keine wohlwollende Reaktion erzeugen. Ich weiß, dass ihr Leser:innen mir wohlgesonnen seid und mir euer Beileid aussprechen mögt, dies dürft ihr gern machen, aber das ist nicht der Grund für diesen Eintrag.

Es ist merkwürdig, dass ich nicht greifen kann, was mich nicht loslässt. Etwas arbeitet in mir und ich schaffe es heute nicht, einen Text aus dem Nichts zu erschaffen. Heute blockiert mein Kopf und so schreibe ich ganz ehrlich und persönlich und ohne jede Poetik.

Ich fühle mich unwohl. Ein Leben endete und das ist in Ordnung. Es kam nicht überraschend und ich bin mir sicher, dass diese Ruhe gut ist. Was könnte ich von ihm erzählen? Nichts. Womöglich ist es das. Womöglich erschreckt mich, dass ein mir so nahes Familienmitglied mir so fern sein konnte.

Dafür werden wir zusammenkommen. Die Familie meines Vaters wird sich treffen. Wir werden gemeinsam trauern und vermutlich am Abend ein klein wenig feiern. Das wäre zumindest ganz im Sinne meines Opas. Vielleicht wird es auch ein ruhiger Abend werden. Vielleicht werde ich diese Tage brauchen, um zu erkennen, was mich umtreibt.

Wegradiert

Es waren nur wenige Worte, doch sie trafen nicht den Kern der Gedanken. Einige Male hatte ich den weißen Radiergummi über das Blatt gerubbelt und das Grafit löste sich. Dennoch waren die tiefen Spuren zu erkennen. Es fehlte ihnen nur an Farbe. Sie waren tief ins Blatt gefurcht, wie ein Tal in ein Gebirge. Selbst auf den folgenden vier Blättern ließ sich erkennen, was ich geschrieben hatte, doch es war nicht richtig, ich wollte nicht, dass es irgendwer einmal lesen könnte. Die Worte stimmten so nicht, sie verfälschten den Ur-Gedanken. Wie kann es sein, dass ich etwas denken kann, dieses aber nur unzureichend formuliere? Es müsste sich doch alles genauso schreiben lassen, wie ich es denke. Oder zeichnen, warum kann ich den Gedanken nicht zeichnen? Ich begann das Papier zu zerknüllen. Jede der fünf Seiten und ich ließ mir Zeit dabei. Immer wieder knetete ich sie neu durch und das Papier wurde weich. Es war, als würde ich ein dünnes Trockentuch in den Händen halten. Die tiefen Spuren waren nicht mehr auszumachen. Alles war nun wild durchfurcht und gleichzeitig weich. Ein Urzustand, so schien es mir. Ein Zustand ohne gebügelte Ordnung und ohne Strich und Punkt. Das waren meine vier Meisterstücke, die ich mir an die Wand hing, denn sie enthielten meine Gedanken. Weiß auf weiß.

Die Schnittmenge

Ein Bündel Haare hatte sie zusammengekehrt. Ich fragte mich, wie viele Müllsäcke voller Haare so ein Friseur in der Woche zusammenbekommt und ob man sich in die Haare legen könnte. Ja, sie sind pieksig, aber dennoch auch flauschig. Ich würde mich gern einmal hineinlegen und die Gedanken hören aus den Köpfen, die sie vor Kurzem noch bewohnten. Die Sorgen der alten Frau und das frohe Gemüt des kleinen Mädchens. Das liebende Paar, welches einen Termin für beide vereinbart hatte. Der alte Griesgram, der ja doch eine ganz weiche Seele besaß und all die anderen Menschen mit ihren Sorgen- und Lachfalten.  Wenn man seinen Kopf in eine Mülltüte voller Haare steckt, dann hört man diese Gedanken, dazu bedarf es nur der Ruhe. Die Haare sind wild durcheinandergemischt. Hier gibt es kein besser und kein schlechter, nur ein riesiges Knäuel.

Wie du willst

„Wie nah willst du der Erde eigentlich noch kommen?“, fragte mich Paula und schon beim Drehen meines Kopfes merkte ich, worauf sie hinauswollte. Nach den zwanzig Kilometern und den unzähligen Kilos auf meinem Rücken lief ich weit vornübergebeugt. Meinen Kopf drehte ich daher nicht zur Seite, sondern eher wie eine Schildkröte, die sich bedächtig umschaut. Ich straffte meine Haltung und ermahnte mich, gerade zu gehen. Mir taten die Beine weh und ich sehnte mich nach einem Platz im Schatten mit einem kühlen Getränk. Seit einiger Zeit nahm ich die Umgebung kaum noch wahr. Paula hingegen zeigte immer wieder auf diese oder jene Attraktion, mir waren sie egal geworden, ich wollte nur noch ankommen. Ich stieß einen Kieselstein vor mir her und ärgerte mich über die verschwendete Energie.

„Schau mal da“, sie zeigte auf eine Pflanze mit einer fliederfarbenen Blüte. Ich nickte still. „Du bist fertig, oder?“, fragte sie. Ich nickte abermals und sie fragte weiter: „Magst du eine Pause machen?“ Ich wusste es nicht. Ja, natürlich wollte ich pausieren, aber es brachte ja nichts, schlussendlich würde ich den Rucksack wieder aufsetzen müssen. Er würde sich an meinen durchgeschwitzten Rücken pressen und mich würde dieser kalte Schweiß schaudern lassen. Die Muskeln würden jammern. Nein, ich wollte nur noch ankommen, mich duschen, in frische Klamotten schlüpfen und sitzen oder liegen. Ich schwieg. Grummelte vor mich hin. Paula wurde still. Wenn Paula still wurde, ging es mir nicht gut, denn dann war was nicht in Ordnung und ich wusste genau, was bzw. wer gerade nicht in Ordnung war. Ich bekam den Mund auf: „Ich bin erschöpft und ich möchte nur noch ankommen. Ich kann nicht mehr klar denken. Irgendwie ist mir das alles zu viel. Und es macht mich traurig, dass ich dir die Freude raube.“ Paula sagte nichts und lief neben mir her. Ich ließ den Kopf hängen. Plötzlich schubste sie mich von der Seite: „Hey, Kopf hoch.“ Sie grinste mich wieder an. Und ich konnte und wollte mir ein Schmunzeln über mich selbst nicht verkneifen. So wurde der Weg ein wenig erträglicher.

Triebwerk

Wie haben wir das eigentlich zustande gebracht, dieses Drehen. Wie schafft es ein Motor mehrere tausende Umdrehungen in der Minute zu vollführen, das ist für mich nicht im Ansatz vorstellbar. Es tönt laut und schrill und das Flugzeug steht still, während die Triebwerke hochfahren. Dann lösen sich die Bremsen und wir Menschen fliegen.

Ich sehe mich als Läufer. Ich bin kein guter Schwimmer. Sitzen nervt mich auch irgendwann. Liegen ist mir genehm. Aber ich kann nicht fliegen. Ich saß nur wenige Male im Flugzeug und fand es immer sehr spannend. Ich hatte nie Angst, nur einmal hatte ich eine Art Schüttelfrost, aber das lag wohl einfach an der Kälte des Klimas und am Platzmangel, der behagt mir nicht.

Es zeigt sich, dass es gar keinen Grund für diese ganzen Flugreisen gibt. Unsere Technik lässt uns jederzeit überall sein, wenn auch nur virtuell. Natürlich ist es eine ganz eigene Sache, einen Ort in echt zu entdecken. Mir scheint nur, dass wir oftmals uns selbst suchen und vor Ort auch nur das wahrnehmen, was wie bereits kennen. Und doch muss dieser Urlaub einmal im Jahr sein. Er scheint gesellschaftlich ebenso fest verankert wie das Haus, das Auto undsoweiterundsofort. Ich finde es schön, wenn mir meine beste Freundin von ihrer Reise nach Nordkorea oder in den Iran erzählt, denn sie gibt mir neue Einsichten, die mir verborgen blieben ohne ihr Wissen. Es gibt diese Reisen, die einem vom Leben erzählen und es gibt Reisen, die nur in der Sonne am Strand stattfinden. Ich liebe das Sonnenbaden und diese Auszeit von ein bis zwei Wochen ist für die meisten Menschen eine tiefe Freude. Nur stellt sich mir die Frage, wovon man im Leben immer wieder diese Auszeit benötigt? Ist der Job und das Leben so schlimm, dass man diese Auszeit braucht? Warum ändert man dann nicht Job und Leben? Weil dann das Geld für den Urlaub fehlt? Es gibt die Gleichung auch für die Gesundheitsversorgung. Da geht man nur arbeiten, damit man sich den Besuch beim Arzt leisten kann, den man aber häufig braucht, weil einen der Job krank macht.

Und so dröhnt das Triebwerk des Flugzeugs und bringt uns kein Stück weiter. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, vor uns selbst davonzulaufen.

Gleichgewicht

Uns Menschen zeichnet aus, dass wir aus dem Nichts etwas erfinden können, dachte ich früher. Aber natürlich stimmt das nicht. Jede Erfindung ist nur eine Umwandlung oder Abänderung einer bereits gemachten Erfindung. Und so versuche ich an den Anfang zu gehen. Ab wann benutzte man den ersten Gegenstand, um etwas mit ihm zu machen? Und wann kam man auf die Idee, diesen Gegenstand zu verändern, damit er noch besser funktionieren würde. Ich komme zu der Frage, ob wir bisher alles erfunden haben, was wir erfinden konnten oder ob es eine grundlegende Sache nicht geschafft hat von einer Idee in eine Sache verwandelt zu werden.

Was wäre, wenn wir kein Rad erfunden hätten? Klar, dann gäbe es auch keine Autos, Fahrräder, Uhren…nein, dann gäbe es auch all die Dinge nicht, die zwar selbst kein Rad brauchen, aber deren Herstellung oder Transport ein Rad benötigte.

In den Science-Fiction-Büchern und -Filmen sind die Außerirdischen immer sehr human dargestellt. Wir sind nicht fähig, Wesen zu erschaffen, die wir in einer abgewandelten Form bereits kennen. Das finde ich sehr spannend, denn was hat sich der Mensch alles nicht denken können, was für uns heute alltäglich geworden ist.

Und doch ärgere ich mich, denn wir nutzen unseren Drang nach Wissen und Erforschung oftmals nicht human bzw. zum Wohle der gesamten Menschheit. Die Natur arbeitet anders. Sie ist nicht explizit wohlwollend, aber sie ist nicht vernichtend. Und so wundere ich mich, dass wir atomare Spaltung entdecken konnten und daraus Energie und Waffen ziehen, aber gleichzeitig sehr desinteressiert am gegenteiligen Effekt interessiert sind, also wie man Strahlung wieder verringert. In der Natur entstehen Pilze, die die Strahlung überstehen und sich sogar von ihr ernähren. Gleiches gilt für Plastiksorten, die wir nicht recyceln können und die von Bakterien zersetzt werden. Und wieder einmal sind wir doch nur die Urzeitmenschen, die abschauen müssen und die deswegen verstehen sollten, dass sie keine Ahnung haben. Wir haben keine Ahnung, wie Natur funktioniert und jeder Versuch, sie zu kopieren ist und bleibt artifiziell. Dieser Planet und sein Ökosystem sind von uns nicht kopierbar. Es wurde versucht und man scheiterte. Wir leben in dem Glauben, dass das schon alles irgendwie funktionieren wird. Und ja, das ist auch so, die Natur scheint sich um die Ungleichgewichte zu kümmern. Bleibt nur die Frage, was sie für uns bereithält, jene, die sich nicht ums Gleichgewicht kümmern.

Diese Gedanken kamen mir durch ein Gespräch mit der Autorin des Blogs List od Szarlota W. ich danke dir für deinen Input.

Kugelrund und bunt

Ich war wirklich überfressen. Seit meiner Kindheit galt, dass gegessen wird, was auf den Tisch kommt, wobei die Regel zumindest die Ausnahme enthielt, dass es einem auch schmecken musste. Mir hatte es geschmeckt. Und doch schien es mir, als würde mein Bauch bald explodieren. Das ist die unangenehme Seite des übertriebenen Schlemmens bzw. der frühkindlichen Erziehung. Hin und wieder ist es auch okay, wenn man Teile des Essens einfach in den Kühlschrank packt und am nächsten Tag erst aufisst. Also es könnte in Ordnung sein, wenn ich das jemals tun würde, doch es ist ein Zwang in mir, dass der Teller leer sein muss. Und mit leer meine ich blitzeblank. Da wird die letzte Pommes in der Art über die Reste von Ketchup und Majo gezogen, dass deren Spuren verschwinden. Ein kleines Meisterwerk oder ne Macke eben, aber ein Meisterwerk klingt schöner.

Wir hatten zu zweit diniert und im Gegensatz zu mir, schienst du noch Platz im Bauch gelassen zu haben. Die Tüte Gummibärchen lockte dich, ich erklärte, dass ich mich hinlegen müsste, sonst würde ich platzen. Und wie ich dort lag und die Hose öffnete, halfst du mir aus meinen Klamotten und verteiltest die Süßigkeiten auf meinem Körper. So sollte ich vernascht werden.

Muschel

Wie viel Lebensweisheit wohl in dieser versteinerten Muschel stecken mochte. Bei einem Bummel über den Flohmarkt stach sie mir ins Auge. Sie lag da recht lieblos auf dem Tisch platziert und das war wohl auch der Grund, warum sie noch dort lag, sie wurde einfach nicht beachtet, dabei war sie das schönste Ding, das es an diesem heißen Tag zu erstehen gab.

Ich blickte den Verkäufer an und ließ meinen Blick unauffällig über den Tisch fliegen, es sollte wirken, als hätte ich es nicht auf dieses eine Schmuckstück abgesehen, doch meine Blicke verrieten mich, denn immer wieder sah ich zur Muschel und ängstigte mich, dass irgendwer sie vor mir kaufen könnte. „Hallo. Kann ich Ihnen etwas zeigen oder möchten Sie etwas wissen?“, fragte mich der Verkäufer. „Ach, ich schau nur so“, erwiderte ich. Das war ein Pokerspiel und ich würde es gewinnen, so viel stand fest. Ich hatte noch zehn Euro in der Tasche und die Idee, nochmal Geld zu besorgen und in der Zeit die Muschel zu verlieren, war unvorstellbar. Würde ich den Verkäufer aber um die Rücklage bitten, würde er den Preis entsprechend hoch kalkulieren, aber ich konnte mir einfach kaum was leisten.

Ja, die Muschel war so ein Luxus, den ich mir einfach gönnen wollte, selbst wenn das Geld gerade so am Ende des Monats reichte oder doch oftmals schon aus war. Ich befragte ihn zu diesem und jenem Artikel, alles vollkommen uninteressant. Er schien schon ein wenig genervt vom ständigen „ach, na so richtig ist es nicht meins“, welches ich ihm immer wieder entgegnete. Dann endlich zeigte ich auf die Muschel. Mein Herz pochte wild und ich spürte, wie die Röte in mein Gesicht schoss. Mit aller mir verbliebenen Coolness sagte ich: „Und die Muschel da, wie viel möchten Sie dafür haben?“ „Hm…“, er überlegte. Schier endlos schien er nachzudenken: „Also, da bin ich mir nicht ganz sicher. Was meinen Sie denn?“ Er fragte mich tatsächlich, was ich sagen würde.

Ehrlich betrachtet würde man solch eine Muschel wohl in einem Fachhandel zwischen 50 und 100 Euro einordnen, vermutete ich für mich. Wie soll ich ihm da jetzt kommen. Wenn ich zehn Euro sage, dann ist er womöglich beleidigt und dann wird er auf jeden Fall 20 oder 30 verlangen. So viel hatte ich nicht. Ich zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung, was sowas wert ist.“ „Okay, wie viel haben Sie denn?“, er fragte einfach so und ich antwortete kleinlaut und mit gesenktem Kopf, wie mein siebenjähriges Ich es getan hätte: „Zehn Euro, mehr kann ich mir nicht leisten.“ Er lachte laut los: „Ich hatte überlegt, ob ich fünfzig Cent oder fünf Euro sagen soll.“ Daraufhin lachte ich los: „Und ich dachte, dass sie sowas wie 50 oder 100 Euro im Kopf hatten.“ „Was hältst du davon“, schlug er vor und er hatte einfach vom Sie auf Du gewechselt: „du kaufst mir einen Kaffee von dem Stand da drüben, denn ich komme hier nicht weg und ich gebe dir dafür die Muschel.“ Ich strahlte und glaubte zu träumen. Ich ging hinüber, besorgte den Kaffee und brachte ihn freudig zum Verkäufer. Er reichte mir die Muschel und wünschte mir einen schönen Tag. Den ganzen Weg nach Hause freute ich mich und ich fragte mich, warum wir Menschen so oft um den heißen Brei herumreden, während die Wahrheit uns so froh machen kann.