Käseglocke

Es war schön, ins Meer zu gehen und den Kopf unterzutauchen. Es ist wie eine Decke aus Wasser, die ich mir über den Kopf ziehe, doch zugleich steigt jede Millisekunde unter Wasser mein Puls und ich verspüre eine Panik. Es ist die Angst, keine Luft zu bekommen, die mir sehr schnell wieder auftauchen lässt. Kaum etwas ängstigt mich mehr, als eine Person, die andeutet, mich unter Wasser drücken zu wollen. Da verstehe ich tatsächlich keinen Spaß. Es wäre wohl ganz anders, wenn ich frühzeitig das Schwimmen und das Tauchen erlernt hätte, aber das habe ich nicht und eine der wenigen Erinnerungen aus meiner Kindheit ist es, wie mir tagsüber die Luft wegblieb und ich zu ersticken drohte. Es ist wohl so eine Art Urangst für mich geworden, was sehr schade ist, weil mich die Welt unter Wasser so fasziniert. Das ist so eine Art Weltraum, nur in greifbar. Und nun plane ich, mich in eine übergroße Käseglocke zu setzen und unter Wasser zu gehen. Ich erhoffe mir eine tiefe Ruhe dort unten, ja ich freue mich darauf. In solchen Situationen bleibe ich ruhig und entspannt, obgleich ich mich frage, warum ich gerade da nicht in eine sehr berechtigte Panik ausbreche, wer ist schon so verrückt, sich unter eine Käseglocke zu setzen und unter Wasser zu gehen? Ich werde so verrückt sein und ich freue mich darauf.

About Yin and Yang and gender restrictions — Luna La Loba

Yin and Yang. Female and male energy. I used to use these terms quite often in order to describe my perception of gender. To describe that for most of my life, even though I felt like a woman, my energy was „male“. Till I was 18, I rejected my femininity in order to protect myself. […]

About Yin and Yang and gender restrictions — Luna La Loba

Das Gefühl, einer Rolle entsprechen zu müssen, die nichts mit mir zu tun hat, hat mich jahrelang begleitet und passiert mir manchmal noch heute. Ich wünsche mir eine Veränderung. In diesem Text sieht man, wie wichtig diese Veränderung unseres Denkens ist. Vielen Dank für deine ehrlichen Worte, Luna.

Brei

Ich war in der Stadt angekommen. Ich weiß nicht mehr, in welcher eigentlich, dafür sahen sie alle zu gleich aus. Gut, eine größere Stadt hat höhere Gebäude, an den Fassaden kleben dennoch die gleichen Namen und Bilder. Es interessierte mich nicht. Was mich interessierte, war der Standort der nächsten Toilette. Mir wurde aber schnell klar, dass selbst wenn es eine örtliche Einrichtung gäbe und man Schilder dafür aufgestellt hätte, würde ich diese niemals finden: Zu viele Informationen prasselten auf mich ein und versperrten mir den Blick. Ein kurzer Gedanke überkam mich, dass man womöglich irgendwo privat klingeln und fragen könnte, doch ich machte mir klar, dass die Innenstädte schon längst nicht mehr dazu dienten, Menschen ein Heim zu bieten. Und jene, die es sich leisten könnten, hier zu wohnen, würden mich mit den Löchern im Pullover und in der Jeans nur mit einem bösen Blick im Gesicht vor ihrer Tür stehen lassen. Da machte ich mir nichts vor. Ich ging in eine Boutique und fragte die Verkäuferin, ob es eine Toilette gäbe. Sie erklärte, dass diese nur für Kunden sei. Ich sah mich um und sah keine Kunden. Allerdings war mir auch nicht danach, mich mit einem Kleid oder einem Rock einzukleiden. Ich gab nicht auf: „Okay, ich kann ihnen gern einen Euro geben, wenn ich dafür die Toilette nutzen dürfte oder gibt es hier nur eine für Frauen?“ Die Verkäuferin überlegte, schüttelte dann aber den Kopf: „Es tut mir leid, die Nutzung ist nur für unsere Kunden gestattet.“ Es stimmte mich traurig, dass die Menschen hier problemlos durch Roboter ersetzt werden könnten und es niemandem auffallen dürfte. Aber gut, das war für die Frau vermutlich auch nur ein seelenloser Job, um sich die Miete leisten zu können, in diesen Läden arbeiteten die meisten Menschen nicht, weil es ihr Herzenswunsch war. Ich fragte: „Was ist denn der günstigste Artikel, den sie haben?“ Die Verkäuferin stutzte. Ich blickte nach rechts und sah eingeschweißten Schmuck. Da gab es ein paar Ohrringe für 49 Cent. Eigentlich ein Verbrechen, so etwas zu kaufen, dachte ich mir, aber außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliches Handeln. Ich griff die Packung, legte sie auf den Tresen und sagte: „Die zahle ich gleich, ich würde nur kurz noch die Toilette aufsuchen.“ Die Verkäuferin wollte das Spiel aber noch ein wenig weitertreiben und erwiderte: „Ist das für sie oder eine Freundin?“ Ich entgegnete nur: „Für meine Freundin und ich überlege, ob sie es mir einpacken können.“ Langsam wurde es lästig, aber anscheinend ging es der Verkäuferin ebenso. Sie wies mir dir Richtung. Ich legte 50 Cent auf den Tresen und ging kopfschüttelnd in Richtung der Toiletten. Als ich zurückkam, stand die Frau noch immer hinter der Kasse. Die Ohrringe hatte sie mit einem Kassenzettel und einem Cent garniert. Ich griff die Ohrringe: „Den Kassenzettel benötige ich nicht und der Rest ist Trinkgeld.“ Beim Verlassen des Ladens ließ ich die eingeschweißten Ohrringe fallen und suchte meinen Weg aus diesem bedrückenden, grauen Einheitsbrei, durch den in den nächsten Stunden die Menschenmassen ziehen würden. Ich gehörte hier nicht hin.

Brücken

Wenn Städte zum Großteil ganz natürlich an Flüssen entstanden, dann ist es nur logisch, dass wir Menschen schnell lernen mussten, Brücken zu bauen.

Wenn wir auf die Welt kommen, gibt es eine Verbindung zwischen uns und unserer Mutter. Die Nabelschnur war der direkte Draht, doch auch nach seiner Durchtrennung bleibt eine Verbindung erhalten. In Zeiten, in denen wir alle Daten durch die Luft schicken können, sollte uns das nicht verwundern.

Die kleine Hand greift sich einen Finger, als wäre es der stärkste Ast des größten Baumes. Gebettet im Arm gehalten, beschützt vor allem, was um uns passiert. Das Leben hat keinen großen Plan, es hat nur Leben. Den ganz eigenen Rhythmus, der mal schneller und mal langsamer pocht und für jedes Wesen in der höchst eigenen Weise. Um das Leben zu messen, braucht es weder Uhr noch Geld, dies sind die falschen Instrumente, doch sie sind laut. Sie hämmern gleich einem Presslufthammer auf jede lebende Faser ein und versuchen sie anzugleichen und bewertbar zu machen.

Eine Träne bildet sich im Augenlid. Sie wurde aus Trauer oder aus Freude gezeugt. Sie schmeckt salzig und kitzelt die Haut, während sie an ihr hinabgleitet. Sie ist ein unverkennbares Zeichen unserer Emotionen. Ich mag sie gern, die Tränen. Sie sind ehrlich. Und sie bilden eine Brücke, selbst wenn sie nicht in Flüssen fließen.

Schwerpunkt

Ein eigenartiges Gefühl überkam mich, als ich des nachts die Straße in Richtung meiner Wohnung entlanglief. Mir wurde schwindelig und ich spürte, dass es mir schwerfiel, einen klaren Gedanken zu fassen. Es kam mir vor, als wäre ich von einem Moment auf den anderen alkoholisiert worden, aber in der schwersten Art und Weise. Mir wurde schlecht. Es war nur noch eine Ecke und dann etwa dreihundert Meter, bis ich die Haustür erreicht hatte. Beim Abbiegen um die Ecke, sah ich in wenigen Metern ein Pärchen, welches von einer Bank aufstand. Sie liefen einige Meter vor mir in die gleiche Richtung, dann blieben sie stehen und drehten sich um. Ich nahm das alles wahr, doch keinerlei Reflex ging durch meinen Körper und ich wäre fast gegen die Frau gelaufen, die mich vollkommen entsetzt und erschrocken ansah. Die Tür bekam ich auf und aus dem Briefkasten stach ein Umschlag hervor, den ich herauszog. Es war eine Rechnung, die ich drinnen auf dem Küchentisch ablegen wollte. Ich öffnete die Wohnungstür und schlürfte in die Küche. Als ich mir Wasser in ein Glas füllen wollte, nervte es mich, dass ich keine Hand frei hatte. In einer war der Schlüssel, in der anderen der Brief. Beides schleppte ich gedankenlos mit mir herum, dann legte ich es auf dem Tisch ab. Das kühle Wasser würde helfen, redete ich mir ein. Ich trank das Glas zur Hälfte leer, doch nichts passierte. Ich füllte es wieder auf und ließ mich auf der Couch nieder. Den Kopf überstreckte ich in den Nacken, da das Sofa nicht hoch genug war, um meinen Kopf anlehnen können. So legte ich ihn nach hinten ab. Der ganze Körper zog schwer an mir. Mit jedem Atemzug drückte ich dieses Gewicht einen Moment lang weg. Die Schwere wollte jedoch nicht von mir abrücken. Ich schloss meine Augen und ließ sie gewähren.

Verbrannt

Es war schön am Feuer. Die warmen Sommernächte lagen bereits hinter uns, doch die Flammen sollten uns vorgaukeln, dass es noch ein paar Tage mehr Sommer gab. Neben mir saß eine blonde Frau. Ich hatte ihre linke Hand wahrgenommen, während sie verträumt ins Feuer blickte. Es war ein Rätsel, denn ihrem Gesicht nach war sie höchstens Anfang 30, doch ihre Hand sah viel älter aus. Plötzlich zog sie sie weg, ich erschrak und blickte in ihr Gesicht, und sie in meins. Ich ärgerte mich, dass ich so auf ihre Hand gestarrt hatte, also versuchte ich die Situation zu retten: „Entschuldigung, ich wollte da gar nicht so hinstarren.“ Warum genau ich diese Worte so gewählt hatte, wusste ich nicht. Es ärgerte mich und ich wünschte mir, einfach geschwiegen zu haben, denn sie reagierte nicht, sondern senkte nur ihren Blick. Mir sank der Kopf ebenfalls und ich schaute in die Flammen. Dann plötzlich spürte ich ihre Nähe und sie flüsterte mir ins Ohr: „Das ist eine Erinnerung aus längst vergangenen Tagen.“ Ich sah ihr in die Augen, die feucht glänzten. „Was ist dir passiert?“, fragte ich, ohne zu überlegen, ob diese Frage angebracht war. Sie senkte wieder den Blick. Ich sah noch einen Moment zu ihr rüber und widmete mich wieder dem Feuertanz vor mir. Abermals überraschte sie mich, als sie mir näherkam und erklärte: „Ich habe als Kind unser Haus angezündet.“ „Wie alt warst du damals?“, fragte ich. Sie erklärte wortkarg: „Acht und elf Jahre.“ „Zweimal“, schoss es mir durch den Kopf. Wie früh kann man sich Schuld aufladen, um damit durchs Leben gehen zu müssen. Ich blickte zu ihr herüber, sie sah wieder ins Feuer, doch eine Träne lief ihr über die Wange. Ich war über mich selbst erstaunt, als ich meine Hand auf die ihrige legte, die sie unter einem Ärmel verborgen hatte. Es schien, dass mein Gehirn immer einen Moment später erst mitbekam, was ich eigentlich tat. Für einen Moment fühlte ich mich verloren, bis ich zu ihr sagte: „Hallo, ich bin Ben.“ Sie blickte mich an und erwiderte: „Hallo, ich heiße Rahel.“ Ganz leicht nickten wir einander zu, dann schauten wir wieder ins Feuer. Sie ließ meine Hand auf der ihren liegen.

Freiheit fliegt

Mein Herz pochte wild und ich spürte, dass ich nicht mehr lang in dieser Geschwindigkeit laufen könnte, doch ich verlangsamte nicht. Ich rannte weiter drauflos. Ich war ans Meer gefahren, um die trüben Gedanken von der frischen Luft davonblasen zu lassen. Ob es wirkte, konnte ich nicht sicher sagen, aber ich spürte einen Drang mich zu bewegen und anzupacken. Dieser Lauf hatte kein Ziel, außer mir selbst zu beweisen, dass ich eine gute Weile verdammt schnell laufen könnte. Und ich bewies es mir. Doch als hätten das Land und mein Körper sich abgesprochen, sollte eine Klippe meinen Lauf beenden. Ich hielt am Vorsprung an und bewegte mich noch einige Schritte. Mein Atem ging schnell und er kam mir laut vor. Lauter als die Wellen, die weiter unten gegen die Brandung klatschten. Der Blick hinab ließ mich ehrfürchtig fragen, wie viele Menschen sich schon getraut haben, die Arme auszubreiten und den Schritt ins Nichts zu wagen. Viele waren es vermutlich nicht, aber womöglich gab es eine Person unter ihnen, die einfach davonflog. Mit ausgebreiteten Armen segelte sie durch die Luft, während die Haare wild umherflogen. Ein schöner Gedanke. Mir selbst war nicht danach, meine Flugkünste zu testen, wenngleich es nicht an der Geschwindigkeit scheitern dürfte. Ich drehte mich um und machte mich auf den Rückweg.

Festgebissen

Das verfluchte Vieh hatte sich festgebissen, kein Zweifel. Es war mitten in der Nacht und ich las zum Einschlafen noch eben die letzten Seiten von Camus‘ „Die Pest“, als ich mich am unteren Rücken kratzte. Es war dieses typisch unbedachte Kratzen, doch irgendwas war da an meiner Haut. Auf meiner Haut. In meiner Haut. Und es ging nicht weg. Bis ich es allerdings realisiert hatte, wollte ich das Kratzen nicht aufgeben. Doch plötzlich schüttelte es mich. Eine verdammte Zecke. Also her mit dem Handy und ein paar Nacktfotos. Von meinem Rücken. Enorm unscharf. Sowohl der Rücken als auch die Fotos. Und doch glaubte ich irgendwelche Überreste ausmachen zu können. An Schlaf war nicht zu denken, aber Abhilfe brachte mir die Wachheit auch nicht. Ich ließ die Stelle in Ruhe, lenkte mich ab und fiel in den Schlaf. Am nächsten Tag meldete ich mich bei meiner Ärztin. Ich konnte es selbst nicht ganz ernst nehmen, als ich am Telefon erklärte, dass ich zu ihr müsste, weil ich womöglich eine Zecke im Rücke hätte. Ich gehe nicht gern zu Ärzten und wegen einer Lappalie erst recht nicht. Nur könnte das hier weit mehr als eine Kleinigkeit sein. Ich erinnerte mich an den alten DDR-Impfpass, den ich zum Termin mitnehmen würde. Dann mache ich eben gleich noch ne Auffrischung. Meine Ärztin konnte nichts erkennen und fragte einige Dinge ab. Wir vereinbarten, dass ich mich melden würde, wenn ich Schmerzen hätte oder die Stelle sich rötet. Den Impftermin plante ich einige Tage später ein. Ob da eine Zecke gewesen war, konnte ich nicht sagen, aber sie hatte sie in meinen Gedanken festgebissen.

Knackender, verspannter Kiefer

Eigentlich beiße ich mir nur auf den Kiefer, wenn Gefahr droht und mein Körper deswegen in vollkommene Spannung geht. Ist eben so ein evolutionäres Überbleibsel, das seine Berechtigung hat. Was da alles für Prozesse im Körper ablaufen, kann ich nicht sagen, doch ich vermute mal, dass da allerhand passiert. Zum Beispiel schiebt sich beim Kaufen der Ohrenschmalz nach außen, aber wer weiß das schon?

Nun verweilt dieser verdammte Kiefer aber in Dauerspannung. Ein Kaugummi könnte kurzfristige Abhilfe schaffe, aber ich bin weder ein Fan von Kaugummis noch von kurzfristigen Lösungen. Dauerhafte Lösungen bedeuten allerdings, dass man sich mit seinen Problemen auseinandersetzen muss. Für einen Menschen, der Konflikte und Auseinandersetzungen scheut und stattdessen lieber in der eigenen Suppe schwimmen würde, ist das ne fiese Situation. Dieser verfluchte Körper mit seinen Signalen, die dann eben doch darauf drängen, sich zu kümmern, während das Leben an einem vorbeilaufen könnte. Wird wohl Zeit, dem Kiefer wieder ne Entspannung zu gönnen.

Podcast online

Neben dem Schreiben bzw. Lesen gibt es mich auch auf der Improtheaterbühne für das Ensemble „Damenwahl“ zu sehen. Das mit uns befreundete Team von „Frauen auf See“ hat einen Podcast in dieser Coronazeit gestartet. In der Folge „Ede bleibt im Nest“ durften wir uns anhand von einigen Fragen ab Minute 11 (ohne Anmoderation ab Minute 13:15, aber die ist viel zu schön, um sie wegzulassen) vorstellen. Wer Improtheater kennt, der wird merken, dass wir unsere Antworten in der Art von Spielformen dargereicht haben.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Anhören.