Muschel

Wie viel Lebensweisheit wohl in dieser versteinerten Muschel stecken mochte. Bei einem Bummel über den Flohmarkt stach sie mir ins Auge. Sie lag da recht lieblos auf dem Tisch platziert und das war wohl auch der Grund, warum sie noch dort lag, sie wurde einfach nicht beachtet, dabei war sie das schönste Ding, das es an diesem heißen Tag zu erstehen gab.

Ich blickte den Verkäufer an und ließ meinen Blick unauffällig über den Tisch fliegen, es sollte wirken, als hätte ich es nicht auf dieses eine Schmuckstück abgesehen, doch meine Blicke verrieten mich, denn immer wieder sah ich zur Muschel und ängstigte mich, dass irgendwer sie vor mir kaufen könnte. „Hallo. Kann ich Ihnen etwas zeigen oder möchten Sie etwas wissen?“, fragte mich der Verkäufer. „Ach, ich schau nur so“, erwiderte ich. Das war ein Pokerspiel und ich würde es gewinnen, so viel stand fest. Ich hatte noch zehn Euro in der Tasche und die Idee, nochmal Geld zu besorgen und in der Zeit die Muschel zu verlieren, war unvorstellbar. Würde ich den Verkäufer aber um die Rücklage bitten, würde er den Preis entsprechend hoch kalkulieren, aber ich konnte mir einfach kaum was leisten.

Ja, die Muschel war so ein Luxus, den ich mir einfach gönnen wollte, selbst wenn das Geld gerade so am Ende des Monats reichte oder doch oftmals schon aus war. Ich befragte ihn zu diesem und jenem Artikel, alles vollkommen uninteressant. Er schien schon ein wenig genervt vom ständigen „ach, na so richtig ist es nicht meins“, welches ich ihm immer wieder entgegnete. Dann endlich zeigte ich auf die Muschel. Mein Herz pochte wild und ich spürte, wie die Röte in mein Gesicht schoss. Mit aller mir verbliebenen Coolness sagte ich: „Und die Muschel da, wie viel möchten Sie dafür haben?“ „Hm…“, er überlegte. Schier endlos schien er nachzudenken: „Also, da bin ich mir nicht ganz sicher. Was meinen Sie denn?“ Er fragte mich tatsächlich, was ich sagen würde.

Ehrlich betrachtet würde man solch eine Muschel wohl in einem Fachhandel zwischen 50 und 100 Euro einordnen, vermutete ich für mich. Wie soll ich ihm da jetzt kommen. Wenn ich zehn Euro sage, dann ist er womöglich beleidigt und dann wird er auf jeden Fall 20 oder 30 verlangen. So viel hatte ich nicht. Ich zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung, was sowas wert ist.“ „Okay, wie viel haben Sie denn?“, er fragte einfach so und ich antwortete kleinlaut und mit gesenktem Kopf, wie mein siebenjähriges Ich es getan hätte: „Zehn Euro, mehr kann ich mir nicht leisten.“ Er lachte laut los: „Ich hatte überlegt, ob ich fünfzig Cent oder fünf Euro sagen soll.“ Daraufhin lachte ich los: „Und ich dachte, dass sie sowas wie 50 oder 100 Euro im Kopf hatten.“ „Was hältst du davon“, schlug er vor und er hatte einfach vom Sie auf Du gewechselt: „du kaufst mir einen Kaffee von dem Stand da drüben, denn ich komme hier nicht weg und ich gebe dir dafür die Muschel.“ Ich strahlte und glaubte zu träumen. Ich ging hinüber, besorgte den Kaffee und brachte ihn freudig zum Verkäufer. Er reichte mir die Muschel und wünschte mir einen schönen Tag. Den ganzen Weg nach Hause freute ich mich und ich fragte mich, warum wir Menschen so oft um den heißen Brei herumreden, während die Wahrheit uns so froh machen kann.

Die Taufe

Ich fühlte mich merkwürdig entspannt mitten im Hörsaal. Da saß ich vor den ganzen Studierenden und sie blickten mich an. Sie durften mir Fragen stellen, so hatte ich es mit ihrer Professorin vereinbart und das taten sie auch. Die meisten Gesichter waren noch sehr jung. Es gab keine Falte, die sich ins Gesicht gefurcht hatte. Das waren also die Ärzte der Zukunft. Sie waren alle so kindlich. Und ich saß da vor ihnen in Unterhose. Ich hatte sogar überlegt, selbst auf diese zu verzichten, aber im Endeffekt hätten sie da auch nicht mehr von den Blasen auf meiner Haut gesehen, sie hätten allerdings gewusst, dass sie eben auch im Intimbereich zu finden waren.

Und dann war da doch ein etwas älteres Gesicht und es hörte den jungen Fragen und meinen Antworten aufmerksam zu, bis es sich meldete und genau die Krankheit diagnostizierte, die ich hatte. Jene Krankheit, die zuvor von zwei älteren Ärzten nicht erkannt worden war und die mich trotzdem nicht sofort zu einem Spezialisten geschickt hatten. Da saß er also, mein persönlicher Patch Adams. Ich hatte ihm in meiner Fantasie eine rote Clownsnase aufgesetzt. Die Professorin war ganz erstaunt und er berichtete, dass er schon mal einen solchen Fall in einem Praktikum gesehen hatte.

Der hat sich das einfach gemerkt, weil er dafür brennt, dachte ich mir. Ich vermutete weiter, dass er wohl schonmal was anderes studiert oder gearbeitet hatte, bis er merkte, dass es da eine Sache gibt, für die sein Herz schlägt und er war so mutig, sich dafür zu entscheiden. Ich war mir sicher, dass er ein guter Arzt werden würde. Die anderen Studierenden würden wohl eher zu jenen Nasen verkommen, die nicht erkannten, was mir fehlte und die mich durch ihr Unwissen dem Tod überließen. Ich hatte den Kampf gewonnen, weil der eine der zwei Ärzte am Ende doch noch verstanden hatte, dass es mir verdammt übel ging und dass er keine Ahnung hatte. Er gab es zu und rettete damit mein Leben, denn in der Klinik erkannte man das Syndrom, welches selten ist, aber doch immer mal wieder auftritt.

Dieser Kampf schien schon so weit hinter mir zu liegen und ich fragte mich mittlerweile, warum ich auf zwei Ärzte gehört hatte und nicht von Anfang an in die Klinik gegangen war. Ich war nicht sauer, denn ich war zuvor mit meinem Leben an einem Punkt, an dem ich es nicht mehr fortführen wollte. Und mein Leben hatte entschieden, mir diese Wahl zu überlassen: Tue nichts und du wirst Blasen in deiner Lunge haben, die dich umbringen, sobald eine platzt oder nimm dein Leben an und lass dir helfen. Ich entschied mich für die zweite Option und lag elf Tage im Krankenhaus, wovon ich die ersten drei Tage nur an die Decke starrte. Mein Zimmerkollege, ein Mann Mitte vierzig, der gut gelaunt seinen Fernseher laufen ließ, fragte mich, warum ich meinen nicht anschalten würde. Ich wusste es nicht. Vielleicht war es die Angst, dass ich es falsch machen würde oder dass man dafür was bezahlen musste. Oder ich wollte ganz einfach nicht. Ich kannte diesen dauerhaft laufenden Fernseher schon aus meiner Wohnung, der mich ablenkte, wenn die Gefahr der Ruhe aufkam. Ich hatte die verdammte Kiste in den elf Tagen nicht einmal an. Stattdessen tanzte ich auf dem Rasen vor dem Gebäude zu der Musik aus den Kopfhörern, die mir ein Freund mitgebracht hatte.

Und ich setzte mich nackt bis auf die Unterhose in einen Raum von jungen Menschen. Ich, der sich nie gern nackt oder wenig angezogen gezeigt hatte. Ich war doch so hässlich dünn. Es war mir alles egal geworden.

Johannes war ein kräftiger Mann, das musste er auch sein, denn die Menschen, die er unter Wasser drückte, begannen irgendwann sich zu wehren, weil ihnen die Luft wegblieb. Sie sahen ihr Leben an ihren Augen vorbeiziehen und als Johannes sie wieder an die Luft zerrte, waren sie wie neugeboren. Ich stellte fest, dass solch eine Taufe ganz sinnvoll sein kann, um mit sich ins Reine zu kommen. Immer mal wieder.

Ein kleines Heiligtum

Es gibt einen Automatismus, der mich leiser werden lässt, wenn ich ein Baby sehe und dabei ein Gespräch führe. Es ist, als hätte mich jemand in eine ganz eigene Welt geführt, welche enorm fragil ist, so dass ich alles daransetze, nicht jenes Wesen zu sein, welches die beschützende Blase zum Platzen bringt. Ich kenne das auch beim Aufeinandertreffen mit scheuen Hunden. Kniend und gen Boden blickend sitze ich da und lasse die nasse Schnauze erkunden, wer ich bin. Es gibt solche besonders eigenen Welten immer wieder und manchmal fürchte ich mich davor, in sie einzudringen.

An einem verregneten Tag landete ich auf dem grünen Platz am Fluss. Der Boden war matschig. Ich schloss das rostige Fahrrad ab und ging auf den Kreis aus Bauwagen und Wohnmobilen zu. Meine Eltern würden die Mobile wohl als heruntergekommen bezeichnen oder zumindest als rustikal. Ich fand sie charmant. Doch ich war hier ein Fremder und hatte das Gefühl, als würde ich unerlaubt Privatbesitz betreten. Das stimmte in doppelter Hinsicht nicht, da mein Kommen vereinbart war, denn ich wollte mir einen alten Campingbus anschauen und zum anderen war es öffentliches Gelände. Ich stapfte durch den Matsch und hoffte als erstes auf Nomi zu treffen, so hieß die Besitzerin des Busses. Stattdessen kam mir ein junger Mann entgegen, grüßte mich und ging an mir vorbei, als wäre ich ein streunender Hund, den man vorbeiziehen lässt.

Ich ging ein wenig den Kreis entlang. Innerlich erleichtert fand ich den Bus und klopfte an der Außenwand. Der Bus war angenehm klein und hatte trotz seiner simplen Form eine putzige Persönlichkeit. Ich erhielt keine Antwort auf mein Klopfen, ja nicht einmal eine Bewegung des Autos gab es. Ich traute mich nicht, nochmal zu klopfen und in mir schrie eine Stimme, dass ich einfach wieder gehen sollte. Es war die Angst, dass man mich als Fremden enttarnen könnte. Ich wollte nicht als Fremder betitelt und angesehen werden und so ging ich Richtung Fahrrad, als plötzlich eine junge Frau aus einem anderen Wohnmobil kam und mich ansah. „Hallo, suchst du jemanden?“ Vor lauter Aufregung war mir der Name entfallen: „Ähm ja, ich… Ich…. Ähm, der Wagen hier“, ich zeigte auf den Bus und fuhr fort: „weißt du wo…“ mir kam es vor, als würde ich das Sprechen gerade erst gelernt haben oder das Denken. Doch die Frau verstand mich und nickte. „Einen Augenblick, ich weiß schon wo sie ist.“ Sie schlüpfte in Gummistiefel, um die ich sie beneidete und führte mich zu einem orangenen Bauwagen, an dessen Tür sie klopfte.

Ein Mann öffnete oder ein Junge oder irgendwas dazwischen. Sie sprach mit ihm, er sah mich misstrauisch an, drehte sich um und sagte etwas in den Wagen hinein. Nur einen kurzen Augenblick später blickten mich zwei dunkelbraune Augen hinter einigen Dreadlocks aus dem Wagen heraus neugierig an: „Ich komme sofort.“ Ich war erleichtert und blickte an mir herab. So langsam spürte ich die klamme Kälte in meinen Klamotten. Meine Schuhe waren überall mit Matsch bedeckt, aber immerhin stand niemand im Kreis um mich herum und lachte mich aus, weil ich der Fremde war.

Es dauerte dann doch gut drei Minuten, bis Nomi vor mir stand und mich zu dem Bus führte. Ich sah ihn mir an und er war wunderbar hergerichtet. Der Boden war mit Holz ausgelegt und ein gusseiserner Ofen würde für Wärme sorgen. Aber ich war viel zu knapp bei Kasse und es hätte noch mehr Geld gebraucht, bis das Ding wieder fahren würde. Ich redete nicht lang um den heißen Brei rum und erklärte Nomi, dass ich den Bus nicht kaufen würde. Sie nickte nur und fragte mich, ob ich noch kurz mit in den Bauwagen mitkommen wollte, vielleicht auf einen Kaffee. Ich meinte, dass ich keinen trinke, aber ein Tee zum Aufwärmen wäre fantastisch.

Sie sprach ein paar Worte mit dem misstrauisch blickenden Mannjungen und er ließ uns allein. Sie erklärte mir, dass es eigentlich sein Bauwagen sei, aber sie wohnen gemeinsam darin. Sie hätte mich mitgenommen, weil ich ihr während der Besichtigung erzählt hatte, dass ich leidenschaftlich gern schreibe. Mich verblüffte ihre Direktheit, die nicht rabiat, sondern enorm zart daherkam. Sie schwieg und blickte mich lang an, bevor sie gestand, dass sie mich wunderschön fand. Was für eine Ehrlichkeit, ging es mir durch den Kopf. Ihr Freund wäre allerdings eifersüchtig und würde seine Probleme mit der Offenheit ihrer Beziehung haben. Mir pochte das Herz, weil ich nicht wusste, ob das eine Art Flirt war oder ob ihr Freund mir beim Verlassen womöglich auflauern würde. Was war das für eine merkwürdige Situation. Sie fragte, womit ich mein Geld verdienen würde und ich stammelte vor mich hin. Es war mir unangenehm, denn ich wollte nicht zugeben, dass ich durch Kleidung und Schuhe ans erotische Gewerbe verkaufte, sowas kommt nie gut an, das wusste ich, doch sie beruhigte mich und zeigte auf eine Plastiktüte von Beate Uhse. Sie erklärte mir, dass sie gerade eine Ausbildung zur Sexualbegleitung mache und ob ich wisse, was das sei. „Nein, nicht wirklich“, gab ich zu und überlegte, ob das so eine Art Sozialarbeiter für Prostituierte sei. „Es geht darum, dass Menschen mit Behinderungen auch sexuelles Verlangen haben“, erklärte sie und in dem Moment verstand ich. Doch es entstanden weitere Fragen, die ich nicht aussprechen musste, denn Nomi schien meine Fragen bereits erraten zu haben: „Da geht es gar nicht um den sexuellen Akt an sich, sondern meist um das Verstehen des eigenen Körpers oder die Beziehung und Berührung von zwei Menschen.“ Das leuchtete mir sofort ein. Sie erzählte von den Tabus und den Problemen der Verständigung. Wir saßen zwei Stunden dort und irgendwann schwiegen wir. Es war so viel erzählt worden, dass die Worte ausgegangen waren. Nomi blickte mir tief in die Augen und mein Herz pochte nicht mehr wild, ganz im Gegenteil. Ich war entspannt und ruhig und wünschte mir den Kuss herbei, der in der Luft lag.

Wir hatten unsere ganz eigene Blase geschaffen, die niemand zu stören wagte. Diese Blasen haben etwas heiliges und das sage ich, obwohl ich weder an Gott glaube noch religiös bin. Aber ich glaube dennoch daran, dass es da etwas gibt und man kann es spüren. Man spürt es bei dem kleinen Kind und man spürt es in solch einem Refugium. Es gibt da etwas, dass man nicht messen und bestimmen kann. Ein kleines Heiligtum.

Phantomanziehung

Es ist spannend zu beobachten, wie sich Fliegen am helllichten Tag um die Deckenlampe in der Mitte des Zimmers versammeln. Da das Licht aus ist, muss es etwas anderes geben, das sie anzieht. Womöglich ist es der Ort: die Raummitte oder irgendeine Hinterlassenschaft einer längst vergangenen Fliege. Sie werden nicht vom Licht angelockt.

Unser Kennenlernen war kein Zufall. Ich wischte sie nach rechts und sie wischte mich nach rechts und mir war mittlerweile klar geworden, dass das so auf unseren Grabsteinen stehen würde. Wir waren füreinander gemacht. Wie wahrscheinlich ist es, dass einem ein Menschen so hundertprozentig gleichen kann? Wir schrieben uns gut eine Woche lang und lernten uns kennen, sie hieß Amelie. Ich war vorsichtig geworden, denn die letzten Matches hatten doch schwer einen an der Waffel.

Da gab es die Christin, die sich vor einem Gottesdienst in Schale warf. Also ich meine wirklich auftakelte. Ihr eine Stunde lang dabei zuzusehen, wie sie sich schminkte und die richtigen Klamotten heraussuchte, ließ mich fragen, ob sie sich den gleichen Stress auch für unser Date gemacht hatte. Die Antwort war mir egal, denn ich wusste, dass ich nicht eine Frau an meiner Seite erdulden konnte, die dermaßen Zeit verschwendete, um ihre natürliche Schönheit zu verdecken. Neben ihr aufzuwachen würde mich erschrecken lassen, weil da ein ganz anderer Mensch liegen würde. Ja, es geht natürlich nicht um das Äußere, aber das ein Mensch von einer Stunde auf die nächste komplett anders aussehen konnte, behagte mir nicht, nein es verwirrte mich. Das ist, wie in diesen Videos, in denen Familienväter sich rasieren und sich ihren kleinen Kindern präsentieren. Die Kleinen sind dann auch geschockt und weinen, denn da stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Und so würde es mir auch mit der Christin gehen.

Mit Amelie war es anders. Sie hatte mir ein reizvolles Foto aus ihrem Bad geschickt und sehr schnell hatte ich die wenigen Pflegeprodukte im Hintergrund erspäht. Ich fragte sie, wie viel Zeit sie im Bad brauchen würde und sie antwortete, dass sie morgens fix duschen würde und damit hätte es sich. Warum hatten wir uns erst jetzt gematcht und kennengelernt? Warum musste ich mir so viele beziehungsgestörte Frauen zuvor antun?

Da gab es die Unnahbare. Sie hatte interessanterweise mich angeschrieben und ich war überwältigt von ihrer Schönheit. Um ganz ehrlich zu sein, wusste ich nicht, was ich ihr schreiben sollte. Ständig begann ich eine Nachricht und löschte den Inhalt. Je häufiger ich anfing, desto klarer wurde mir, dass ich auf diese Weise kein natürliches Gespräch führen könnte. Irgendwie konnte ich sie davon überzeugen, dass wir uns einfach treffen sollten, weil das ehrlicher sei, als so ein Geschreibe. Und sie willigte ein. Wir spazierten am Fluss entlang und unterhielten uns über unsere Lieblingsbücher. Es war ein Gespräch, das ich nicht erwartet hatte, irgendwie hatte ich mich eher schweigend erwartet, damit ich keinen Stuss von mir geben würde. Wir verabschiedeten uns und ich war mir sicher, dass es gefunkt hatte, allerdings bekam ich auf die nächsten zwei Nachrichten keine Antwort und ich verstand den Wink. Einige Monate später trafen wir uns zufällig im gleichen Club. Sie war gut angetrunken und um mich stand es nicht besser. Sie umarmte mich freudig und ich war vollkommen verwirrt. Sie entschuldigte ihre Nichtantwort damit, dass sie mich für enorm gebildet hielt und Angst hatte, nicht mithalten zu können. Ich konnte es nicht nachvollziehen und ließ es so im Raum stehen. Wir tanzten an dem Abend und plötzlich zog sie mich von der Tanzfläche in einen dunklen Bereich des Clubs, wo wir uns küssten. Sie nahm mich sogar mit zu sich. Ich kann mich nicht so genau an den Sex erinnern, doch als wir nebeneinanderlagen und ich sie streichelte, erklärte sie mir in liebevollen Worten, dass sie nur allein gut schlafen könnte. Ich war verunsichert, aber tatsächlich schmiss sie mich raus und ich trollte mich. Meine folgenden zwei Nachrichten wurden wieder nicht beantwortet und ich beließ es dabei.

Bei Amelie war das so vollkommen anders. Sie antwortete sehr schnell und unser Gespräch baute sich in jener Woche so weit auf. Sie wollte unbedingt nach Spanien reisen und mir war es zwar relativ egal, aber ein südliches, warmes Land war auf jeden Fall mein Ziel. Für teure Hotels hatte ich nie genug Geld und sie liebte das Reisen im Zelt. Für Kinder fühlten wir uns beide zu jung, also war auch das kein Thema für die kommenden Reisen.

Kinder waren tatsächlich auch schon mal ein Thema bei der Hoffnungsmacherin. Sie hatte mich bei einem Date gefragt, ob ich Kinder haben wollte. Ich gab zu, dass ich das aktuell nicht sehe und bevor ich erklären konnte, dass ich diese Frage auch nur schwer allein beantworten könnte, denn ich kann keine Kinder allein bekommen und daher ist es immer eine Geschichte von zwei Menschen, erklärte sie mir, dass sie in sich ein eindeutiges Verlangen nach Kindern verspüre und dass sie unbedingt welchen haben wollte. Ich fand das nicht abschreckend, es war nur einige Dates zu früh für mich, um das beurteilen zu können. Wir gingen zweimal aus und ich übernachtete bei ihr im Wasserbett. Morgens teilten wir uns das Bad und es fühlte sich nach Beziehung an, und gerade das gefiel mir. Allerdings war das unser letztes Treffen, denn jede Nachricht, in der ich ein Treffen vorschlug, wurde beantwortet mit einer Aussage wie: „Oh, eine schöne Idee, leider kann ich da nicht, aber lass uns das unbedingt noch machen.“ Ich brauche vier Nachrichten, um zu verstehen, dass sie mir aus unerklärlichen Gründen Hoffnung machte. Ich vermutete einen anderen Datingpartner und ich diente als Backup, falls es nicht klappte. Ich schrieb keine fünfte Nachricht und ich bekam auch keine von ihr. Stattdessen übersah sie mich bei zukünftigen Aufeinandertreffen, die es aufgrund einer beruflichen Überschneidung einmal im Jahr gab.

Amelie hatte bisher nur ein Date abgesagt und keinen Zweifel daran gelassen, dass sie über dieses eine Versäumnis nicht glücklich war. Wir schlenderten durch die Stadt, aßen in Eis am Flussufer. Wir versuchten unser erstes Mal nicht zu überstürzen, aber leicht fiel es uns nicht, immerhin wussten wir aus unseren Gesprächen bereits, dass wir auch da auf einer Wellenlänge lagen. Die ganze Geschichte schien zu schön, um wahr zu sein. Und nach drei Monaten Beziehung, stellten wir fest, dass es auch nicht wahr war. Wir wollten beide nicht allein sein. Doch weder sie noch ich wollten uns ernsthaft mit uns selbst beschäftigen. Es fühlte sich so gut an zwischen uns, doch es war nie gut in uns. Wir hatten uns einer Phantomanziehung hingegeben, so wie die Fliegen in der Mitte meines Zimmers. Wir schwirrten um ein Gebilde, das leer war und wir wären daran gestorben, dass es kein echtes Licht bereithielt.

 

Vielen Dank lenkasause, dein Eintrag „Im Kreis“ und unser anschließender Austausch über Fliegen im Zimmer haben mich zu dieser Geschichte inspiriert, die innerhalb weniger Minuten aus meinen Fingern floss.

Ein kurzer Urlaub

Langsam überkam mich der Hunger und ich sah den kleinen Imbiss an der Straßenecke.  Im Laden hinter der Theke standen zwei junge Frauen: Eine bearbeitete mit einem Schneidemesser den drehenden Fleischspieß. Ich habe mich schon immer gefragt, was das für eine Art von Schneidegerät ist. Das Ding klang, als wäre es ein Haartrimmer, aber das wird wohl ein Geheimnis bleiben. Die andere Frau schien mit der Fritteuse beschäftigt zu sein und für einen Augenblick fragte ich mich, ob der Imbiss wohl schon geschlossen sei, bis die Frau vom Fleischspieß sich zu mir umdrehte und mich freundlich anblickend fragte: „Was darf es sein?“ Ich antwortete: „Einen Halloumi-Wrap ohne Jalapeños, bitte.“ Sie bestätigte die Bestellung und erklärte ihrer Kollegin an der Fritteuse wohl, dass sie sich um die Halloumi-Stücke kümmern sollte, zumindest glaubte ich das. Sie sprachen wohl arabisch und ich lauschten den Worten, ohne den Versuch zu unternehmen, sie verstehen zu wollen. Es ging mir allein um den Klang. Und so stand ich dort und hatte das Gefühl Teil eines Musikstücks zu sein. Als mir die Frau vom Fleischspieß mein kleines in eine Papiertüte gestecktes Essen gab, entschuldigte sie sich: „Das war ein wichtiges Gespräch.“ Ich lächelte nur und erwiderte: „Ich habe es genossen, die Sprache zu hören, auch wenn ich sie nicht verstehe.“ „Ach, das ist nur ein marokkanischer Akzent“, meinte sie. Ich nickte: „Für mich ist das wie Urlaub. Ich habe dieses Jahr keinen und dafür durfte ich ihn mir hier gerade vorstellen.“ Wir lächelten uns einen Moment an, bis ich mich bedankte und die Bude verließ.

Russisch Roulette

Man sucht sich den Ort nicht aus, an dem man zur Welt kommt, man versucht nur dort zu überleben…

Ohne eine Antwort zu geben, verließ ich das Zimmer. Es war der Punkt erreicht, an dem mein Gegenüber es überreizt hatte. Mir war klar, dass ich herausgefordert wurde. Gereizt bis zum emotionalen Ausbruch, doch diesen verwehrte ich ihm. Ich kannte meine Unzurechenbarkeit und ich hatte bereits das Küchenmesser auf der Anrichte erspäht. Noch einmal würde ich solch einen Akt nicht überstehen. Ich verstand nur einfach nicht, warum manche Menschen es darauf anlegten. Wussten sie nicht, dass sie Russisch Roulette spielten?

Haarige Angelegenheiten

Ich hatte mich an die Gesetze gehalten und wurde doch bestraft. In manche Situationen gerät man einfach – da kann man nichts gegen machen. Ich war in der sechsten Klasse und meine Mutter schnitt mir bis dahin immer die Haare. Ich vertraute ihr, obgleich sie mir einmal ins Ohr geschnitten hatte. Sie hat das bis heute nicht vergessen können, während es für mich eine Erinnerung ohne Emotion ist. Ich denke, dass es nicht so tief ins Fleisch ging, denn es gibt weder eine Narbe noch sonst ein Anzeichen jener Wunde. Mein Vertrauen hatte sie deswegen nicht verloren. Vielleicht auch weil ich wusste, dass dieser Schnitt ihr mehr weh getan hatte, als mir. Womöglich hatte sie die Schmerzen verspürt, die ich hätte spüren müssen, wer weiß. Auf jeden Fall war es ihre Sache, mir die Haare zu schneiden, denn damit fühlte ich mich wohl. Wenn ich mir die Fotos früherer Tage so anschaue, hat sie es schon ganz gut gemacht. Ich fühlte mich nie schön mit diesen hässlichen Brillen, die ich trug und da war der Haarschnitt eh egal. Oder eben auch nicht. Meine Frisur wurde von meiner Mutter gemacht und das war gut so.

Nun ergab es sich, dass sie auf einer Dienstreise war und meine Haare dennoch geschnitten werden sollten. Da mein Vater ein pragmatischer Mensch ist, nahm er die Sache in die Hand. Vermutlich wusste er, dass er mit Kamm und Schere nichts Gescheites zustande bringen würde und so nutze er den Haartrimmer. Ich denke, dass er das ganz praktisch fand: Es würde schnell gehen, sauber aussehen und für die nächsten Wochen wäre es mit dem Haarschneiden vom Tisch. Er ließ den Trimmer lärmen und ich sah auf dem Boden, wie sich Haarbüschel häuften. Schon erstaunlich, wie viele Haare das dann sind, wenn man sie zu einem Haufen kehrt. Beim Blick in den Spiegel erschrak ich. Das war nicht ich, den ich da anblickte. Ich weinte, denn ich wusste, dass es keinen Ausweg aus der Situation gab. Die Haare waren ab.

Am nächsten Tag ging ich zur Schule. Es war kühl am Kopf und ich behielt meine Kapuze auf, um ihn zu wärmen. In der Schule angekommen, setzte ich die Kapuze nicht ab. Die ersten zwei Stunden vergingen und nichts geschah. Die Hofpause überstand ich und auch in den folgenden zwei Stunden störte sich niemand an meiner Kopfbedeckung, die mir so viel Sicherheit gab. Es gab Mittagessen und wir versammelten uns im Esszimmer. Es gab bei uns keine Kantine, dafür war die Schule viel zu klein. Ich aß mein Essen und redete mit meinem besten Freund. Der ganze Raum war im typischen Lärm, der entsteht, wenn Kinder essen und dabei ein wenig reden. Der Lärm wurde jedoch von einem Moment auf den nächsten durch eisige Stille ersetzt, als mich eine Lehrerin ermahnte, meine Kapuze beim Essen abzusetzen: „Du setzt die Kapuze ab oder du darfst nicht essen!“, forderte sie. Nun war diese Lehrerin nie für mich verantwortlich gewesen, aber sie war niemandem unbekannt. Sie war streng und man hatte Angst vor ihr. Ich hatte sowieso Angst. Das hatte ich eigentlich immer, aber bei ihr nochmal mehr. Ich war nie ein Rebell gewesen und ich widersprach auch nie, sondern tat immer wie mir geheißen. So auch in diesem Moment: Ich schob meinen Teller von mir weg und erfüllte damit die gegebene Anweisung. Es hätte damit gut sein müssen, dachte ich mir. Immerhin hieß es in den Werbematerialien der Schule immer, dass man hier angstfrei lernen könne. Nun ja, zumindest durfte ich nicht angstfrei essen. Denn es war mit dem Wegschieben des Essens nicht getan. Das würde die Autorität der Lehrerin untergraben. Dass sie das aufgrund ihrer schwammigen Aussage selbst zu verantworten hatte, war ihr vermutlich gar nicht bewusst. Sie hatte wohl schon vergessen, dass sie sagte: „Du setzt die Kapuze ab oder du darfst nicht essen.“ Ich war mir keiner Schuld bewusst. Aber sie forderte mich wieder auf, die Kapuze abzunehmen. Mir standen Tränen in den Augen, denn ich wollte diese Scham nicht. Ich wollte nicht im Mittelpunkt dieser Situation sein und ich wollte meinen fast kahlen Kopf nicht präsentieren. Aber schlussendlich tat ich, wie mir befohlen wurde. Die Lehrerin schwieg und die Tage und Jahre vergingen.

Ich habe diese Situation nicht vergessen und ich ärgere mich darüber. Mich ärgert, dass ich nicht gegen die Lehrerin angekämpft habe. Im schlimmsten Fall wären wir zum Rektor gegangen. Ein gutherziger Mann mit großem Bauch. Er hätte mir natürlich erklärt, dass es diese Regel gäbe und dass er verstehen würde, wenn ich mich für die Frisur schäme, obgleich er dafür gar keinen Grund sehe, weil ich damit auch schön aussehen würde. Und danach hätte er sich zu zweit mit der Lehrerin unterhalten und sie gefragt, was mit ihr eigentlich nicht stimmen würde, einen jungen Schüler so vorführen zu wollen.

Ich musste irgendwann jene Kapuze absetzen, das war unvermeidlich, ich hätte nicht über Wochen so rumlaufen können. Ich bin auch nicht betrübt darüber, dass man mir in einer gewissen Weise Leid zufügte, indem man zuerst die Haare abrasierte und mich dann später dafür in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte und mich dort leiden ließ. Ich denke, dass ich daran gewachsen bin. Aber ich hätte noch weiterwachsen können. Ich hätte aufstehen können und mich gegen eine falsche Behandlung wehren müssen, damit sie nach mir womöglich nicht nochmal jemanden traf. Ich komme heute manchmal in Situationen, in denen ich auch die Wahl habe, ob ich sitzen bleibe oder aufstehe. Ich muss eigentlich nie für mich aufstehen und ich hoffe, dass ich gelernt habe immer für Andere aufzustehen.

Der Anfang

Der Tag war lang, heiß und anstrengend gewesen. Die ewiggleichen Fragen der Kundschaft hatten mich genervt, ebenso wie deren Undankbarkeit. Wir litten alle in der Hitze.

In meinem Zimmer angekommen und warf ich mir ein Handtuch um den Hals, um den Schweiß aufzufangen, der mir nach der Fahrt mit dem Fahrrad ganz selbstverständlich aus den Poren kam. Ich setzte mich, klappte meinen Laptop auf und suchte nach irgendetwas, das mir diese Welt erzählen wollen würde. Aber da kam nichts. Also klappte ich das Ding wieder zu und spürte, wie mich eine Müdigkeit und Schwere überkam, der ich mich auf meinem Bett hingab.

Ich schlief nur einen Moment. Den Traum konnte ich beim Erwachen nicht festhalten, weil ich als erstes meinen Kopf gedreht hatte. Der Schweiß klebte feucht an mir und ich beschloss aufzustehen und mich wieder auf mein Rad zu setzen. Und so rollte ich in Richtung des Flusses. Die Welt zog eigenartig an mir vorbei, als würde ich gar nicht in ihr sein. Alles glitt an mir vorüber und es faszinierte mich nicht. Es betrübte und es erheiterte mich nicht. Keine Wut und keine Angst keimte auf. Ich war in meiner Blase und radelte ein wenig am Fluss entlang. Ich machte kehrt und fuhr wieder heim.

Zuhause angekommen überkam mich der Durst und ich griff mir eine geöffnete Flasche aus dem Kühlschrank und trank sie in einem Zug aus. Meine Mitbewohnerin Lina kam herein und fragte mich: „Alles okay?“ Ich nickte: „Ja.“ Sie stellte in einem fragenden Ton fest: „Du hast gerade den Wein auf ex getrunken.“ „Ja, der war so wunderbar kühl“, entgegnete ich und stellte fest, wie süßlich er geschmeckt hatte. Ich räumte ein wenig in der Küche auf und plötzlich vernahm ich einige unklare Worte von Lina und fragte: „Ähm was?“ „Du hast wirklich nicht zugehört?“, fragte sie erheitert. Ich war einfach nicht da und es fühlte sich gut an. Es war eine Zufriedenheit, die ich da in mir spürte und die ich mir nicht rauben ließ. Sie verstand mich und ließ mich allein.

Ich begann die Küche zu putzen und fragte mich, wie ich in diesen Zustand gekommen war. War es, weil ich direkt vom Traum aufs Rad gestiegen bin? War mein Kopf noch in der Traumwelt geblieben, während mein Körper durch die Realität schritt? Der Zustand genügte mir. Mein Leben hatte die Schwere verloren, aber auch den Wert. Ich hätte direkt sterben können und es wäre in Ordnung gewesen. Mir wurde das Leben egal und ich hätte morden können, ohne mich von der Moral nerven zu lassen. Mir kam es vor, als könnte ich eine Wahrheit erkennen, die mir sonst durch Filter verschlossen blieb. Es war ein herrliches Gefühl. So viel Gott und so viel Buddha hatte ich gar zu erleben erwartet. Ich ging glücklich in mein Zimmer und begann zu schreiben.

Apocalypse Wow

Meine Nachbarn über mir hatten gerade Sex und ich zollte ihnen Respekt, denn mir war es bei dieser Hitze schon zu viel nur im Bett zu liegen und ich sah Martin Sheen vor meinem inneren Auge, wie er bei der Hitze in jenem Bett in Saigon lag und darauf wartete, dass der Tag vergeht. Ich konnte nicht anders und legte „The End“ von den Doors auf. In den ruhigeren Parts des Songs vernahm ich, dass meine Nachbarin sich ihrem Höhepunkt näherte. Ich stellte mir die zwei verschwitzten Körper vor und fand das Bild wunderschön, obgleich ich gar nicht wusste, wer in dem Zimmer über mir wohnte, aber für zwei nackte glänzende Körper genügte das bisschen Fantasie noch, das ich mir bewahrt hatte. Was mir als Kind für Geschichten eingefallen sind, die konnten mich ewig beschäftigen, vielleicht habe ich doch zu viel Zeit vor der Glotze verbracht. Ich griff mir das Buch, das ich bereits zur Hälfte durchgelesen hatte. Auf der Titelseite war eine barbusige Frau gemalt. Es war gut geschrieben und dennoch spürte ich, dass ich den Autor langsam satt hatte. Das war bisher immer so gewesen. Ich stolperte über ein Buch, ließ mich von den Worten berühren und einfangen und dann besorgte ich mir weitere Bücher jenes Autors bis ich genug davon hatte.

Regelwerk

Ben stand vor der Mauer und betrachtete sie. Seine gedachte Abkürzung durch den Friedhof sollte durch das alte Gemäuer zu einer Verlängerung werden. Er fragte sich: Warum bauen wir Mauern um einen Friedhof? Warum halten wir uns überhaupt an diese Mauern, hätten wir früher so etwas nicht einfach erklommen wären weitergelaufen, also mit Früher meine ich die Zeit bevor man Mauern baute. Die Zeit, in der man einfach durch die Natur schritt und einen Baum hochkletterte, sprang und lief und nicht im Bürostuhl Haltungsschäden bekam.

Ben blieb stehen. Er war sich unsicher, ob er gegen das Gesetz verstoßen sollte oder den Umweg gehen würde. Es war nicht richtig und ein Friedhof ist doch was Heiliges. Das geht einfach nicht. Oder doch? War diese Mauer und das Nicht-Erklimmen nicht vollkommen willkürlich? Was soll es denn. Er setzte den Schuh auf den gewundenen Absatz und konnte dadurch mit den Händen die obere Plattform der Mauer greifen. Mit viel Schwung kam er nach oben und setzte sich, um den neuen Blickpunkt wahrzunehmen. Er sah einen Typen im grünen Blaumann, der in seine Richtung kam. „Das geht nicht“, schrie dieser. „Doch, das geht“, rief Ben fröhlich lächelnd zurück und sprang zur anderen Seite herunter. Das Gefluche des Gärtners ließ er hinter sich und ging weiter Richtung Stadt.

An der nächsten Ampel holte ihn sein Gedanke wieder ein: Warum halten wir an einer Ampel an? Warum befolgen wir diese Regeln einfach? Er blickte nach links und nach rechts und es kam kein Auto. Er wollte losgehen und bemerkte die kleine Person neben sich. Da stand ein kleiner Junge mit seiner Mutter und die warteten ganz brav. Sollte Ben sich in die Erziehung des Jungen einmischen? Wäre er mitverantwortlich, wenn der kleine Kerl bei roter Ampel auf die Straße ging und von einem Auto erfasst würde. Ben beschloss die Ampel zu beachten und ärgerte sich dennoch über diese in die Luft geschriebenen Gesetze, die wir einatmen und denen wir uns unterwerfen. Von wegen Freiheit.

Es machte ihm zu schaffen und irgendwie schien die Freude verloren gegangen zu sein und die Welt mit ihren Regeln hängte sich schwer an seine Schultern und zog diese gen Boden. Er kickte einen Stein am Boden von sich weg und traf damit einen Mülleimer. Er war drauf und dran auch gegen diesen zu treten, bis er bemerkte, wie prall gefüllt jener war. Er blickte sich um und sah keinen weiteren Müll, nur diesen perfekt platzierten. Noch so eine Regel. Und plötzlich lachte er los. Na die waren gar nicht so schlecht, wenn sie dazu führten, dass der blöde Müll nicht überall rumliegt und ihm seinen schönen Weg zerstört. So ist das wohl mit diesen Regeln. Über eine Mauer wollte er aber dennoch gern mal wieder klettern oder eine rote Ampel hinter sich lassen.