Abgehangen

Es ist ein merkwürdiges Ding mit uns Menschen und ebenso mit den Fliegen. Als ich an einem warmen Tag auf dem Teppich in der Mitte des Raumes lag und die Decke anstarrte, sah ich eine Fliege, die kopfüber an der Glühbirne hing. Vermutlich ist das keine anstrengende Position für die Fliege, auch wenn ich es nicht als bequem bezeichnen würde, kopfüber an etwas zu hängen. Womöglich wurde sie von einem Windhauch gereizt, auf jeden Fall begann sie plötzlich um die Birne zu kreisen. Kreisen ist das falsche Wort, denn obwohl als grobe Figur ein Kreis oder eine Acht zu erkennen war, flog sie ihre Bahnen nicht in einer runden Kurve sondern wild mit einigen Geraden, die sie in spitzen Winkeln zu neuen Geraden führte. Das Verwunderliche allerdings war, dass die Glühbirne entgegen ihrem Namen nicht glühte und natürlich keine Birne war. Die Fliege hatte also weder eine Frucht gerochen noch war sie dem Licht gefolgt und dennoch war diese kleine Kugel der Mittelpunkt ihres Seins.

Wie sehr wir Menschen nur um uns selbst kreisen, sollte mir in diesen Monaten klarwerden.

„Ich will gar nicht wissen, was gerade in Kroatien los ist. Ich lasse mir nach Schweden nicht auch noch diesen Urlaub kaputt machen“, erklärte mir meine junge Mitbewohnerin, der die Locken vors Gesicht fielen, als sie sich genervt vornüberbeugte. Ich wollte sie mit meiner Information zu Kroatien nicht ärgern, nur verstand ich nicht, warum die Welt immer mehr zu glauben schien, dass das Virus einem etwas Böses tun wollte. Als ob sich irgendeine höhere Instanz in dieses Virus gesetzt hätte und es auf jeden Einzelnen in der fiesesten Art und Weise abgesehen hätte.

Meine Mitbewohnerin schwieg und ich wollte kein Salz in die Wunde streuen. Wir alle mussten der Zukunft überlassen, wie es kommen würde. „Dann lasst uns doch mal den Freitag in zwei Wochen besprechen!“, kam es von der anderen Mitbewohnerin, um die drückende Stille zu unterbinden. „Ja, da will ich nichts verbieten, aber ist es sinnvoll, in dieser Situation eine Feier zu veranstalten? Also klar, es läuft gerade gut, aber wollen wir einen Corona-Hotspot starten?“, fragte ich, um meine Sorge zu erklären. „Nun, die Beschränkungen werden immer mehr aufgehoben und ich vertraue denen, die das beschließen“, gab das lockige Gesicht zu bedenken. „Mir geht es nicht um irgendwelche Regeln, die sind mir relativ egal, aber was ist mit unserer Verantwortung?“, fragte ich in die Runde.

Es fühlte sich so an, als würde ich den Spielverderber geben und das Feiern verbieten wollen. Und vielleicht war ich ja auch verrückt und übervorsichtig, dabei hatte ich keinerlei Angst um meine eigene Gesundheit. Ich wollte nur einfach die Verantwortung nicht übernehmen. Das ist womöglich das Problem in meinem Leben, dass ich einfach keine Verantwortung übernehmen möchte und deswegen nicht vom Fleck komme. Das Leben ist eben nicht nur Sicherheit. Ich nickte die Feier schlussendlich ab, nachdem mir die Beiden erklärten, dass ich in Ruhe darüber nachdenken sollte und sie in jedem Fall voll zu mir stehen würden. So hatten wir es die ganze Zeit schon gehalten. Und es stimmte: Wir waren füreinander da, ich stand gar nicht allein mit der Verantwortung und womöglich war der kurzzeitig erhobene Zeigefinger schon ausreichend, um vorsichtig und besonnen feiern zu können.

Der nächste Morgen war ein Tag wie jeder andere. Das war eine Besonderheit dieser Monate, dass sich die Tage nicht im Geringsten unterschieden. Es gab kein „unter der Woche“ und Wochenende, sondern nur die ewig gleichen Tage. Ich ging nicht zur Arbeit oder zur Uni und ich ging auch nicht feiern. Stattdessen machte ich mich des Morgens zum Bäcker auf und stand im artigen Abstand zu dem Mann vor mir, der ein „ganzes halbes Brot“ bestellte. Es zuckte in mir und ich wollte das Oxymoron lauthals auflösen, sah es aber nicht an mir, sondern gab der Verkäuferin die Gelegenheit. Sie enttäuschte mich, denn sie erklärte nichts und halbierte brav das Brot. In meinem Kopf hätte sie das Innere herauspulen sollen, damit es zumindest vom Gewicht her mit dem ganzen Halben stimmte. Der Typ vor mir ging und ich kam an die Reihe. Ich wollte eigentlich Brötchen, aber es brodelte in mir und ich forderte es heraus: „Ich hätte gern die ganze zweite Hälfte von dem Brot eben.“ Die Verkäuferin packte es ungerührt ein, nannte mir der Betrag und verabschiedete mich.

Es war der erste Juli und das bedeutete, dass es nun schon ein ganzes halbes Jahr war, das hinter mir lag. Ein ganzes halbes Jahr Gefängnis, dachte ich mir auf dem Weg nach Hause. Doch was weiß ich schon von einem Gefängnis. Ich habe nicht die leiseste Ahnung davon. Ich lebte nicht allein und ich war nicht eingesperrt. Stattdessen durfte ich meine Haustür von außen aufschließen. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss, doch das zickte mal wieder. Ich drückte den bereits verbogenen Schlüssel ein wenig stärker nach rechts und sah meiner Hand hinterher, die wegrutschte. Zwischen meinen Fingern war noch immer der Schlüssel: Ein ganzer Halber. Die Tür war ganz verschlossen. So ganz stimmt das nicht, weil der komplette Mechanismus offenlag. Das schützende Holz an der Tür wurde wohl irgendwann mal abgeschlagen, als das Schloss das letzte Mal nicht so wollte. Ich nahm den Schlüssel für den Keller, schob ihn direkt zwischen Tür und die Schließzunge. Die Tür sprang auf. Ich suchte nach einer Zange, um die Überreste des Schlüssels aus dem Schloss zu bekommen und ölte es danach gut ein. Der Ersatzschlüssel bekam eine Beförderung zu meinem persönlichen.

Zurück in der Wohnung verstaute ich das Brot, mir war der Hunger vergangen. Ich begab mich in mein Zimmer und legte mich mal wieder auf den Teppich. Der Blick an die Decke verriet mir, dass die Fliege mich nicht verlassen hatte und dass sie noch immer um ihr imaginäres Zentrum kreiste. Die Farbe an der Decke war zum Teil abgefallen und unter ihr befand sich eine beige, glatte Platte, die vermutlich zur Dämmung diente, wenngleich ich nicht sagen könnte, was genau sie dämmen würde. Der ganze Block fiel halb auseinander und wenn es mir ein Anliegen gewesen wäre, hätte ich die Gehaktivitäten der über mir liegenden Wohnung aufzeichnen können. Aber mir lag nichts daran. Stattdessen freute ich mich, dass ich diese Geräusche so gut wie nie wahrnahm. Eher die Erschütterungen, bei denen ich mich jedes Mal fragte, ob da jemand springen oder einen Handstand üben würde. Ich hatte meine Nachbarn nie gefragt, was sie so trieben und vielleicht war die Antwort so unspektakulär, dass sie mich eh enttäuscht hätte.

In meinem Briefkasten lag ein Schreiben von der Arbeit. Es waren die Abrechnungen der letzten drei Monate und die Info von der Chefin, dass es aktuell nichts zu tun gäbe, man sich aber dennoch gern über einen Besuch freuen würde. Ich überlegte, ob ich diesen Tag noch hinradeln sollte und es erschien mir zu schwer mich dafür aufzuraffen. Vor einem Jahr war mein Tag gefüllt mit Arbeit und Studium. Die zusätzlichen Aufgaben schienen mich erdrücken zu wollen, doch jeden Tag ging ich mit dem guten Gefühl ins Bett, alles Machbare geschafft zu haben. Im Augenblick kam mir so eine Aufgabe wie das Radeln zur Arbeit, um mich dort ein wenig zu unterhalten, so endlos anstrengend vor, dass ich es vor mir herschob. Das war aber keine wirklich neue Erfahrung.

Bei meiner Einstellung fragte meine Chefin mich, wie ich es denn so mit der Arbeit nehmen würde. Eine ehrliche Frage erforderte eine ehrliche Antwort meinerseits: „Nun, ich kann mit zu viel freier Zeiteinteilung nicht umgehen.“ „Soll ich Sie dann jedes Mal an die Hand nehmen, wenn ich eine Aufgabe für Sie habe?“, fragte sie fordernd. Ich entgegnete: „Nein. Klar brauche ich am Anfang Hilfe. Ich meinte aber, dass ich einen Platz und eine Arbeit brauche und keine Freiheiten für irgendwelche Projekte, da versage ich. Geben Sie mir Arbeit, dann hacke ich sie runter.“ Und genau so kam es auch. Ich hätte nicht gedacht, dass ich die acht Stunden fast täglich noch mit Überstunden aufstockte, aber tatsächlich war es mir ein Anliegen, die Dinge, die auf meinem Schreibtisch landeten, abzuarbeiten. Der sollte möglichst leer sein, wenn ich nach Hause ging. Diese Simplizität verschaffte mir ein gewisses Glücksgefühl, wenn es zugleich meinen Hunger nach Wissen nicht stillen konnte. Dafür war ich selbst verantwortlich und da versagte ich. Also schrieb ich mich wieder in der Uni ein. Und die Uni stellte ihre Anforderungen direkt an mich: Wer sitzt schon gern einem Dozierenden gegenüber und gibt zu, dass man keine Ahnung von dem hatte, was gerade besprochen wird. Diese Triebfedern wirkten bei mir. Doch ohne sie lief ich Gefahr zu versacken. Das war nicht mein Schicksal, aber dagegen wollte ich einfach nicht ankämpfen.

Freitagmorgen kam ich nicht aus dem Bett. Ich wollte nicht aufstehen und ich spürte, wie der Gedanke an eine Feier am Abend mich lähmte. Ich freute mich darauf und gleichzeitig war es wieder so ein Ziel, für das ich mich aufrappeln müsste. Es war erst gegen Mittag, als ich aufstand, duschte und mich zum Bäcker aufmachte. Die Frau vor mir bestellte in prophetenartiger Manier: „Ich bekomme zwei von den Körnerbrötchen“. Es zuckte in mir und wollte aus mir herausbrechen, denn ich wünschte mir klarzustellen, dass sie das verdammt nochmal nicht weiß. Dieses „ich bekomme“ ist so unfreundlich, ja sogar unterbewusst fordernd. Was ist mit dem guten alten „Ich hätte gern…“? Sind wir nur noch Bestien, die ohne Höflichkeiten durch unser Leben hetzen? Ich bat um eine Laugenbrezel und zwei Körnerbrötchen, ein verspätetes Frühstück, welches einfach zu viel war, um ein baldiges Mittagessen zu gewährleisten. Dafür würde ich später ein ordentliches Abendessen zu mir nehmen und somit eine gute Grundlage für den kommenden Alkohol legen.

In der Küche erwartete mich meine Mitbewohnerin freudig und gleichzeitig erschöpft von der Woche. Sie begrüßte mich mit der Frage, die alltäglich auf mich eindrosch: „Hallo, wie war dein Tag?“ Ich floskelte zurück: „Gut, und deiner?“ Sie erzählte davon wie geschafft sie sei und dass sie sich auf den Abend freuen würde. Als sie aus der Küche verschwand, ahnte ich, dass sie erstmal ein wenig schlafen würde. Ich aß mein spätes Frühstück und als ich die Krümel am Boden erspähte, erwachte eine Lust in mir. Die pure Lust, die Küche auf Vordermann zu bringen. Und so räumte, putzte und saugte ich. Den Tisch zog ich aus und richtete ihn für später her. Es fühlte sich gut an, wieder etwas erledigt zu haben. In meinem Kopf entwarf ich eine Einkaufsliste und plante ein, joggen zu gehen. Da war sie also endlich wieder. Die Energie, die aufkam, wenn eine Aufgabe klar vor mir lag.

Am Abend saßen wir zu neunt in der Küche. Wenn eine Krankheit die Menschheit nicht zusammen zu bringen vermochte, so brachte sie uns immerhin näher zusammen. Alle tranken wir und hatten Recht damit, ein wenig egoistisch zu sein. Es war der menschliche Drang, miteinander sein zu wollen. Ich blickte mich um und sah die vielen Paare, die sich erst in den letzten Monaten gefunden oder zumindest aufeinander eingeschossen hatten. Die Not machte erfinderisch. Ich wollte bei dem Spiel nicht mitspielen, nachdem ich meine Beziehung kurz vor Corona beendet hatte. Sie saßen da, in der Unsinnigkeit einer Krankheit und gaben dem Leben einen Sinn durch ihre Liebe, eine zweite, romantische Pandemie, wie mir schien.

Und ich. Ich blieb allein. Nie wird einem das so klar, wie nach einer Partynacht in der eigenen WG, an deren Ende jede Person mit dem Partner nach Hause oder ins eigene Zimmer verschwindet. Ich putzte die Küche. Und während die Paare vögelten oder schliefen, wischte ich den Tisch ab und stellte die Stühle zurecht. Am nächsten Morgen würden sie gemeinsam frühstücken und ich würde in meinem Bett liegen bleiben. Später werde ich sagen, dass ich einen Kater hatte und deswegen den Tag in meinem Zimmer verbrachte. Dabei wollte ich meine Einsamkeit nicht zugeben, weder vor den zweisamen Menschen noch vor mir selbst.

In meinem Bett angekommen verspürte ich nur die Lust, meine Augen zu schließen und sie nie wieder öffnen zu müssen. Sie sollten nicht wissen, dass ich mich allein fühlte. Und ja, es war eine verdammte Lüge. Eine Lüge, damit sich alle wohlfühlten und niemand ein schlechtes Gewissen haben musste. Ich blickte Richtung Decke und erspähte die Fliege, die mir wohl ewig treu blieb. Womöglich sollten sie und ich uns überlegen, ob wir den Mittelpunkt unseres Lebens nicht mal verschieben wollten.

Diesen Text hatte ich zu einem Wettbewerb eingereicht, jedoch leider nicht gewonnen und so teile ich ihn gern mit euch.

Die Falltür

Ich weiß nicht genau, was ich mir dabei gedacht hatte, in das verlassene Haus zu gehen. Vermutlich war es die unstillbare Neugier in mir, die jedoch nicht selten vom anerzogenen „Das macht man aber nicht“ in Zaum gehalten wurde. Ich war schon so oft in diesem Wald spazieren gewesen und unzählige Male an dem Haus vorbeigelaufen.

Der menschenhohe Zaun war Abschreckung genug, obgleich er rostig und verbogen war. Die Fenster waren zum Teil mit einem Verschlag geschützt und zum Teil eingeworfen. Es war offensichtlich, dass hier niemand wohnte und dennoch war mir immer klar, dass ich das Grundstück nicht zu betreten hatte. Warum ich eintausendmal das gleiche machte und es beim eintausendersten Mal anders handhabte, bleibt aber die Frage. Ich war nicht betrunken oder hatte einen Grund entgegen meiner üblichen Verhaltensweisen zu agieren. Vielleicht ist das aber auch nur das Quäntchen Menschlichkeit in mir, welches opponierte, als ich die offene Stelle am Zaun erblickte. Ich kroch an der Stelle durch die Absperrung und umrundete das Haus.

Es sah gespenstisch aus. Es gab ein Fenster oben in der Dachspitze, dort hing eine weiße Gardine und ich bildete mir für einen kurzen Moment ein, dass diese sich bewegt hatte. Ich wusste, dass sie das nicht getan hatte, denn die sah schon immer so aus. In meiner Phantasie aber lebte dahinter eine alte Frau. Eigentlich schon tot, aber eben nicht willens zu gehen. Hin und wieder sah sie durch die Gardine, wer unten auf dem schmalen Pfad entlangging. Es schauderte mich, doch ich schmunzelte darüber, was ich mir da ausmalte. Die Haustür war verschlossen und ebenso die Balkontür auf der Rückseite. Allerdings gab es eine eingeworfene Fensterscheibe im Erdgeschoss, die mein Einstieg sein sollte. Ich war nicht die erste Person, die auf diesem Weg ins Haus eingedrungen war, denn die Splitter waren alle beseitigt.

Hinter dem Fenster erwartete mich eine Küche. Ich war erstaunt, wie wenig ihr das offene Fenster und die Zeit angehabt hatten. Ich hatte mit sehr viel Dreck und wild wuchernden Pflanzen gerechnet. Aber im Dunkel sah es eher so aus, als würde nur überall eine dicke Staubschicht liegen. Auch war von den Fenstersplittern selbst hier drinnen nichts zu finden. Mir schlug das Herz und ich überlegte, ob ich das Haus wieder verlassen sollte. Dann redete ich mir gut zu. Es war unsinnig, sich zu fürchten. Ich überlegte „Hallo“ zu rufen, doch ich traute mich nicht. Ich setzte vorsichtig einen Schritt vor den anderen. Der Boden war gefliest und ich hörte das Knarzen des Drecks unter meinen Schuhen.

Die offene Tür zeigte in den Flur, über den ich auch zur Eingangstür kam. Hier hatte man sich für einen Holzboden entschieden. Ich ging zur Haustür und spürte, wie sehr das Holz unter den Schuhen nachgab. Dabei knackte es und ich bekam eine Gänsehaut. Die Haustür wollte ich von innen öffnen, so hätte ich mehr Licht und wie ich mir eingestand auch einen Fluchtweg, doch auch von dieser Seite ließ sie sich nicht öffnen. Ich drehte mich um und überlegte in das Zimmer gegenüber zu gehen, dort dürfte die Balkontür sein und diese konnte ich womöglich öffnen. Wieder knarzte das nachgebende Holz unter mir und plötzlich krachte es. Der Boden gab nach und ich landete etwas tiefer, rutschte noch ein Stück. Immer wieder fand ich kurz Halt und verlor ihn wieder. Dann knallte mir etwas auf den Kopf.

Ich ging durch einen langen Gang. Links und rechts waren verschlossene Türen. Ich versuchte gar nicht erst sie zu öffnen, sondern folgte dem Gang bis zum Ende. An der letzten Tür klopfte ich und eine alte, warme Stimme rief: „Herein.“ Ich folgte der Anweisung und wurde geblendet von der Helligkeit, die durch das Balkonfenster ins Zimmer strahlte. Die Tür schloss ich hinter mir und sah mich um. Links stand ein großes Bett mit beigefarbenem Bezug, daneben jeweils ein Nachttisch. Dahinter ein kleiner Sekretär mit einem Stuhl davor. Dann gab es auf der anderen Seite des Zimmers einen wadenhohen Tisch, der von einer Couch und einem Schaukelstuhl umrundet wurde. Der Schaukelstuhl war mir mit seinem Rücken zugedreht, schaukelte aber vor sich hin. Hier saß also die alte, warme Stimme. Ich ging an dem Stuhl vorbei Richtung Balkon und drehte mich dann um. In dem Stuhl saß eine kreidebleiche Frau. Sie war nicht lebendig, hatte aber eine Tasse in ihrer rechten Hand. Mir wurde schlecht und ich ging noch einen Schritt zurück, dabei stolperte ich über die Leiste der Balkontür, ich versuchte mich abzufangen mit dem nächsten Schritt nach hinten. Dann spürte ich das Geländer im Rücken und stürzte in die Tiefe.

Ich erwachte und es war wieder dunkel. Der Kopf tat mir weh und das einzige Licht kam von schräg über mir. Ich spürte eine nasse Stelle in meiner Hose, ich war wohl komplett weggetreten. Ich versuchte aufzustehen, musste mich dafür aber von einigem Gerümpel befreien, das auf mich gefallen war. Der Körper schmerzte und vorsichtig stieg ich die Treppen wieder hinauf. Ich hatte für heute genug von dem Haus und machte mich durchs Küchenfenster wieder raus. Beim Gehen blickte ich nochmal nach oben zu dem Fenster, es schauderte mich, denn ich war mir sicher, dass ich dort eine Gestalt gesehen hatte.

Der Weg zurück war länger, denn ich humpelte vor mich hin. Meine nasse Hose war mir egal. Auch fühlte ich mich trotz der Schmerzen stärker. Ich hatte mich einfach etwas getraut. Das hatte Kratzer und Beulen hinterlassen, ja so manche Spur dürfte auch in Zukunft von diesem Abenteuer zeugen. Doch ich war stolz auf diese Male.

Verregnete Tage (4)

Ben erzählte Lena vorsichtig von seinen erotischen Gedanken und sie musterte ihn beim Erzählen aufmerksam. Er fühlte sich unwohl, sich vor ihr in der Art frei zu machen und gleichzeitig merkte er, dass sie ihn für seine Offenheit nicht verurteilte, dennoch war klar zu erkennen, dass Lena die Zügel weiterhin in Händen hielt. Nachdem er alles berichtet hatte, ließ sie ihn ein wenig zappeln und gönnte sich einige Momente der Stille, bis sie zugab: Vielen Dank für deine Offenheit, ich merke, dass es dir nicht leichtfällt, darüber zu reden. Mir gefällt aber deine Vorstellung, dennoch kann ich dir nicht versprechen, dass sie Realität wird. Ben nickte nur, er verstand, dass er kein Anrecht auf sie oder die vorgestellte Zweisamkeit hatte, selbst wenn es sich beide wünschen mochten.

Lena gefiel sich in ihrer Rolle, denn schon zu viele Male musste sie gegen das Verlangen, das auf sie projiziert wurde, ankämpfen. Ihr gefiel es, in dieser sanften Weise begehrt zu werden, da es auf Gegenseitigkeit und Interesse am Gegenüber beruhte. „Magst du noch Tee haben?“, durchbrach sie die Stille und Ben nickte nur. Sie schenkte nach. Er trank einen Schluck, doch es stand weiterhin diese Ruhe im Raum, die in drückte, obgleich er das auch genießen konnte. Doch in diesem Moment war die Ruhe unbequem und er öffnete sich: „Ich weiß auch gar nicht, ob es klappen würde.“ „Hm?“, fragte Lena, obgleich sie sich sicher war, was er meinte. „Naja, manchmal funktioniert das eben nicht. Also bei mir.“ Lena nickte, sie wollte fast lachen, doch war sich der Situation im Klaren, stattdessen beschwichtigte sie: „Ist doch ganz normal. Aufregung oder Ängste, da kann so viel mitspielen und ich habe das schon häufiger erlebt.“ Diese Offenheit und Feinfühligkeit beruhigte Ben, während Lena angestachelt war. Schon bevor sie beschlossen hatte, ihn mitzunehmen, wollte sie ihn küssen. Sie stand auf und reichte ihm die Hand, so dass er ebenfalls aufstand. Dann zog sie ihn näher an sich heran. Beide spürten ihre Herzen wild pochen und Ben legte seine Scheu ab, um die letzten Zentimeter zu überwinden. Er umarmte sie und sein Mund war auf der Höhe ihrer Haare. Da seine Lippen schon auf ihrem Kopf lagen, war es wie selbstverständlich, ihr auf die Stirn zu küssen. Sie zog den Kopf ein wenig zurück und blickte ihm in die Augen. Die Einladung verstand er. Ihre Lippen berührten sich und es kam beiden so vor, als würde sich eine elektrische Spannung entladen.

Teil 3

Schatten

Mir war vollkommen klar, dass es eine dumme Idee gewesen war, ohne Helm ein Longboard zu fahren, ganz besonders, da ich es noch gar nicht konnte. Aber eben deswegen hatte ich auf einen Schutz verzichtet, denn wirklich schnell wird man am Anfang ja gar nicht, dachte ich mir. Ich sollte mich täuschen, ich wagte so einige Tritte der Beschleunigung und genoss mein wehendes Haar im Wind. Zum Arzt musste ich aber nicht wegen der schnellen Fahrt, sondern wegen eines Anfahrtsversuchs als ich mich auf dem Heimweg befand. Ich stand zu weit hinten auf dem Brett und verlor wegen eines Steinchens das Gleichgewicht. Wer hätte ahnen können, dass es einen so dermaßen nach hinten wegreißt. Ich konnte mich recht gut mit den Händen abfangen, doch der Hinterkopf schaffte es dennoch auf den Asphalt. Wäre ich allein gewesen, so hätte ich mich gar nicht groß drum gescherrt, aber meine beste Freundin machte sehr deutlich klar: „Wir gehen jetzt sofort zum Arzt.“ Ich motzte ein wenig rum, aber sie war schon immer dickköpfiger als ich, und so landeten wir beim Arzt, der mich in irgendeine Röhre steckte.

„Herr Fröhlich, ich sehe auf den Bildern keine Verletzung, aber es war gut, dass sie hergekommen sind, der Sturz war wohl von oben gewollt.“ Es ist gut? Der Sturz war von oben gewollt? Ich halte nichts von Vorsehungen oder glücklichen Zufällen, das ist einfach das Leben. Aber warum es gut sein sollte, wollte mir nicht klar werden. Ich hatte leichte Kopfschmerzen und der weiße Kittel sagte mir, dass das gut sei? Ich sah ihn halb genervt, halb verständnislos an. „Nun, ich habe auf den Bildern einen Schatten gesehen, das sollte untersucht werden. Ist vermutlich nichts schlimmes…“ ich hörte ihm nicht mehr zu, sondern nickte nur, wenn ich merkte, dass er seine Rede pausierte. Ich fragte mich weiterhin, was daran jetzt gut sein sollte und warum Ärzte eigentlich keinen Kurs in Einfühlvermögen bekommen und es immer eine Glücksfrage sei, an welchen man geriet. Okay, es gibt kein Glück, hatte ich fast vergessen. Das ist das Leben. Ich verabschiedete mich und bekam ein Kärtchen mit einem Termin in die Hand gedrückt. Anscheinend hatte ich einen mit ihm vereinbart. Es war mir egal. Ich beschloss, meiner besten Freundin vorerst nichts zu erzählen, außer dass der Sturz keine Folgen hatte.

Auf dem Heimweg schwiegen wir und ich dachte: Ein Schatten auf den Bildern. Ich wollte keinen Schatten. Den hatte ich nicht bestellt. Den einzigen Schatten, den ich sehen wollte, war der unter mir, wenn ich wieder auf dem Brett stand und mir die Sonne auf den Kopf schien. Meine Hände zitterten und mein Herz pochte wild. Mir wurde schlecht und ich übergab mich kurzerhand ins Gebüsch neben dem Weg. Die beste Freundin sah mich bestürzt an. Ich erklärte, dass mir noch ein wenig schwindelig von heut Morgen sei. Vielleicht eine leichte Gehirnerschütterung. Wer weiß. Ich wusste es. Ich wusste, was mir den Magen umdrehte. Zuhause angekommen, verspürte ich Lust auf den kaltgestellten, offenen Weißwein. Ich nahm einen Schluck direkt aus der Flasche. Er schmeckte nicht, also spuckte ich ihn wieder aus. Ich tauge nicht zu diesen Filmhelden, die in ihrer Coolness ein Glas Whiskey nach dem anderen runterspülen und sich dazwischen ne Kippe anstecken. Von letzteren musste ich immer husten. Ich wollte auf etwas draufhauen und bevor ich recht darüber nachdachte, sollte die Wand herhalten. Es stellte sich heraus, dass diese um einiges härter war als meine Faust. Der Schmerz tat gut. Er pulsierte und ich genoss das Gefühl, des immer wiederkehrenden Stiches, der durch die Hand ging. Ich setzte mich und spürte dabei mein Portemonnaie in der Gesäßtasche, welches ich herausholte. Der Zettel mit dem Termin lugte daraus hervor. Ich sah ihn mir an. Mittwoch in einer Woche. Ich beschloss hinzugehen.

Verregnete Tage (3)

„Hast du schon mal meditiert?“, fragte Lena Ben, welcher darauf antwortete: „Nicht, dass ich wüsste.“ „Was meinst du damit?“ „Nun, ich kann es nicht ausschließen, dass ich mal etwas gemacht habe, was man bei einer Meditation auch macht, aber aktiv habe ich nie versucht zu meditieren.“ „Das klingt doch gar nicht schlecht. Du bist also zumindest offen dafür, so scheint es mir“, stellte Lena fest und Ben nickte zustimmend. „Magst du es gerade mal probieren?“, forderte Lena ihn heraus. Ben nickte ein wenig unsicher, aber mit den Räucherstäbchen, dem Tee und der inneren Wärme nach der Dusche erschien ihm der Moment perfekt. „Was muss ich machen?“, fragte er. Sie erklärte: „Suche dir eine entspannte Sitzhaltung, schließe die Augen, höre auf den Schlag deines Herzens oder auf deinen Atem und dann lasse los.“ Ben sah, wie Lena sich mühelos in den Schneidersitz begab und dabei fast aufrecht sitzen blieb, ihre Augen schloss und offensichtlich abtauchte. Er versuchte es ihr nachzutun, jedoch ohne dabei ein lautes Geräusch zu verursachen. Der Schneidersitz war unbequem, erst recht nicht in der Jeans, die er trug. Während er eine gute Position suchte, blickte er wieder zu Lena hinüber, die ihn grinsend ansah. Sie rollte ihm ein Yogakissen zu und meinte: „Knie doch einfach darauf und wenn es dir hilft, zieh die Jeans aus.“ Ben hatte durchaus Lust, sich von der Jeans zu lösen, wurde sich aber bewusst, dass das weniger mit der Sitzposition zu tun hatte und beschloss daher, sie anzubehalten. Er fand seine Position und erinnerte sich an die Hinweise: Augen zu und auf Herz oder Atem hören. Was er hörte, war ein recht schnell schlagendes Herz. Sein aufgeregtes Herz. Ihm schoss die Frage durch den Kopf, was er hier mache und was Lena für einen Plan hatte. Er malte sich aus, wie schön es wohl wäre, mit ihr in dem Bett zu liegen. Nackt und ineinander verschlungen. Kein wilder Sex, sondern vielmehr bedacht auf Körperkontakt und Streicheleinheiten. Er spürte seinen ruhigen Atem und folgte ihm. Es erschien ihm, als wäre er nur wenige Sekunden in diesem Zustand gewesen, als Lena ihn mit ruhiger Stimme ansprach: „Und, hast du ein wenig Ruhe gefunden?“ Er schlug die Augen auf und erklärte: „Ja, das ging nur so schnell. Am Anfang hatte ich noch sehr klare Gedanken und Phantasien und dann driftete ich ab. Das war nur viel zu kurz.“ „Es waren 20 Minuten, wir können das gern auch länger machen“, erklärte sie. Ben war überrascht und zugleich sehr froh, weil es so einfach funktioniert hatte. Sie sahen sich einen Moment lang an, als Lena fragte: „Magst du mir von den Phantasien erzählen?“ Ben fragte sich, ob sie seine Gedanken hatte lesen können. Er spürte, dass er rot im Gesicht wurde: „Ehrlich gesagt: Sehr gern.“

Teil 2

Teil 4

Schwungvoll

Von meinem Bett aus sah ich auf das Rennrad, welches dank fehlender Pedale einzustauben drohte. Ich wollte es längst repariert und verkauft haben. Die Motivation war nicht vorhanden gewesen oder die Zeit hatte gefehlt. Die hatte ich mit Sanne verbracht, also eigentlich Susanne, aber sie bestand auf den Spitznamen und ich fügte mich, obgleich ich ein Faible dafür besaß, einen Namen nicht kürzen zu wollen. In ihrem Fall hatte ich es akzeptiert, weil ihre Eltern sie immer so nannten und es bei ihr das gemischte Gefühl von Übelkeit, Verzweiflung und Wut hervorbrachte, also eigentlich nichts neues, dachte ich mir, als sie es mir erzählte, aber sie meinte es tatsächlich ernst mit ihrer Aussage. Sie hatte ihre Eltern in ein verdammt schlechtes Licht gerückt, doch mittlerweile fragte ich mich, ob ihre Beschreibung nicht doch enorm subjektiv war, denn ich vermutete, dass ich wohl mittlerweile ein ähnliches Gefühl in ihr auslösen würde. Womöglich brauchte sie jetzt einen neuen Spitznamen. Vielleicht war ich aber auch einfach ein Arschloch, wer kann so etwas schon mit Sicherheit von sich sagen oder ausschließen?

Sie hatte das Rennrad heute Morgen umgeworfen, als sie aus der Wohnung stürmte. Kurz davor lag ich noch im Bett und sie war gerade dabei, sich anzuziehen. Sie meinte, dass es schön wäre, wenn ich ihr einen Kaffee machen könnte. Normalerweise hätte ich das ganz ohne Aufforderung gemacht, aber in dem Moment hatte ich es nicht auf dem Schirm und der scharfe Unterton, der ganz stark nach Aufforderung stank, verleitete mich dazu ihr folgendermaßen zu antworten: „Ich würde es auch schön finden, wenn du deinen Hintern nochmal ins Bett bewegen würdest, aber ich vermute mal, dass jeder von uns umsonst auf den Gefallen des anderen warten dürfte. Sie sah mich wutentbrannt an, was mir tatsächlich Angst machte. Sie schmiss ihren Jeansrock in meine Richtung und traf mich am Oberkörper. Aus meiner Sicht war sie wach genug, um auf Kaffee verzichten zu können. Ich konterte: „Willst du jetzt auf den Rock verzichten? Dürfte im Büro weniger gut ankommen. Oder vielleicht auch sehr gut.“ Ich grinste, aber ihr war nicht zum Lachen zumute. Sie streckte erwartungsvoll ihre Arme aus und ich warf ihr den Rock zu. Sie quittierte das: „Na scheinbar bist du doch kein Arsch.“ „Du meinst anscheinend“, konterte ich. Sie warf die Stirn in Falten, dachte eine Sekunde nach und gewann das Duell, als sie meinte: „Klugscheißer. Wenn ich so drüber nachdenke, habe ich es genauso gemeint.“ Sie griff sich ihre Tasche und ging in Richtung der Tür, als ich ihr nachrief: „Was genau ist eigentlich gerade schiefgelaufen?“ Sie blieb stehen, drehte sich nicht um und atmete tief aus: „Ach leck mich.“ Mein Kopf war noch immer eher im Bett-Modus als ich antwortete: „Na sehr gern.“ Sie schmiss das Rad um und knallte die Tür hinter sich zu. Ich gebe zu, dass es nicht fair war, dass sie sich jetzt acht Stunden lang den Bockmist ihrer Vorgesetzten anhören musste, während ich entspannt faulenzen konnte, aber ich hätte es ihr gegönnt, wäre es umgedreht. Ich hätte ihr den Kaffee kochen sollen. Oder auch nicht, der wäre gefährlicher gewesen als ihr Rock.

Verregnete Tage (2)

Wie wohltuend eine warme Dusche sein kann, dachte sich Ben, der den Schweiß und die Klammheit des Regens abwusch. Er freute sich, so gut aufgehoben zu sein. Ja, er war ein Glückspilz und in seinem Kopf ratterten die Gedanken, ob Lena einfach nur ein sehr entspannter und offener Mensch sei oder ob sie mit ihren Reizen spielte. Er fühlte sich einfach wohl bei ihr. Nach dem Duschen rubbelte er sich trocken, zog sich frische Klamotten an und begab sich ins Lenas Zimmer, in dem er von Räucherstäbchengeruch empfangen wurde. Sie saß in Pullover und Sportleggings auf einem Kissen vor dem Tisch und nippte an einem Becher. Ben gesellte sich zu ihr: „Vielen Dank für die Dusche, ich habe erst währenddessen gemerkt, wie sehr ich das gerade gebraucht habe“, erklärte sich Ben. Lena erwiderte: „Das ist doch selbstverständlich. Und es freut mich, dass es dir gutgetan hat.“ Sie nahm einen weiteren Schluck und Ben griff ebenfalls zu seinem Becher. Er sah sich um und schwieg, doch auch Lena sagte nichts. So ging es einige Sekunden, die immer schwerer wogen. „Was ich fragen…“, Ben stockte. Er wusste nicht, warum er den Satz so angefangen hatte und Lena sah ihn neugierig an. Sie hoffte darauf, dass er ein wenig aufgetaut wäre. Er begann von vorn: „Was ich fragen wollte…nein.“ Er holte tief Luft und setzte nochmal an: „Okay, also es beschäftigt mich: Du hast mich einfach so mitgenommen und lässt mich hier duschen. Aber zudem stehst du plötzlich nur mit dem Handtuch bedeckt in deinem Zimmer…“ Er dachte kurz nach und es fehlte ihm der Mut, also beendete er: „Hast du da gar keine Sorge, dass ich dir was Böses tun könnte?“ Lena fragte gegen: „Ist das tatsächlich deine Frage?“ Sein Herz schlug wild, denn sie zwang ihn, ehrlich zu sein. Er überlegte, ob er sich herausreden sollte, doch er entschied sich für den tapferen Weg: „Okay, also um ganz ehrlich zu sein: Ich mag dich, was komisch ist, weil wir uns kaum kennen. Aber irgendwie vertraue ich dir. Und ich finde dich wahnsinnig anziehend. Vielleicht war es nur ein Wunsch, aber mir schien, als ginge es dir auch so. Also standest du nur so im Handtuch herum oder standest du nur so im Handtuch herum?“ Er grinste bei der Frage und sie lächelte fröhlich, als sie erwiderte: „Ich lerne in meinem Job viele Menschen kennen und ich bilde mir ein, sie recht schnell einschätzen zu können. Und mir scheint, dass ich richtig bei dir liege. Denn ich mag dich auch und ich fühle mich ebenso wohl bei dir. Ich habe dich mitgenommen, weil ich dich kennenlernen wollte. Auf welche Weise auch immer. Die Sache mit dem Handtuch habe ich gemacht, um zu sehen, wie du reagierst. Ich finde es süß, wie schüchtern du bist.“ Ben ahnte in diesem Moment noch nicht, wie sehr diese Person seine Sicht auf sein Leben und die Welt wandeln würde.

Teil 1

Teil 3

Verregnete Tage

Draußen regnete es seit einigen Stunden und so war Ben der Einladung gefolgt, noch auf einen Tee mit rein zu kommen. Im Zimmer lagen überall kleine und große Kissen verstreut und er suchte sich eines dieser Kissen, welches in der Nähe einer Wand lag, um sich darauf zu setzen. Von hier aus inspizierte er das Zimmer. Es gab einen kleinen Schreibtisch, der mit einigem Papier beladen war und an der Wand dahinter hingen Fotos von der Bewohnerin und ihren Freundinnen und Freunden. Das Bett war mit bunter Bettwäsche in Naturfarben bezogen und überall fanden sich kleine Schätze. Hier mal eine Kette, da mal ein Ring. In Reichweite seines Kissenplatzes stand ein wadenhoher Tisch, auf dem allerlei Krempel zu finden war, doch er wagte nicht, ihn anzurühren, stattdessen wartete Ben brav darauf, dass Lena mit dem Tee aus der Küche auftauchen würde. Es rannen einige Tropfen vom Kopf übers Gesicht und die Klamotten fühlten sich schwer und kühl an, aber er wollte sich nicht beschweren, immerhin musste er in einer fremden Stadt nicht im Regen stehen. Er hatte seinen Reiserucksack im Flur abgestellt und die trockenen Klamotten warteten somit nur auf ihn. Er beschloss, sich nach der Toilette zu erkundigen und sich umzuziehen, sobald Lena zu ihm kam. Bis dahin wartete er in ihrem Zimmer, wie sie es ihm geheißen hatte. Sie wohnte in einer WG, so viel war klar.

Lena hatte er in einem Café kennengelernt. Er hatte sich dort vor dem Regen versteckt und zwei große Becher heiße Schokolade getrunken. Als er gefragt wurde, ob er noch etwas haben wollte, hatte er den Fehler begangen, dies zu verneinen. Die Bedienung war sehr freundlich, wies ihn aber darauf hin, dass doch einige Gäste auf einen freien Platz warten würden. Er erklärte, dass er nur mit Rucksack unterwegs sei und nicht wüsste, wo er bei dem Wetter hingehen sollte. Die Bedienung stellte sich als Lena vor und meinte, dass er bei ihr unterkommen könnte, sie hätte demnächst Schichtende. Sie liefen eine Viertelstunde durch den Regen, bis sie bei ihr angekommen waren, doch diese wenigen Minuten reichten, um ihn komplett zu durchnässen.

Endlich ging die Tür auf und Lena stand mit einem Tablett, auf dem eine Teekanne und zwei Tassen standen, im Zimmer. Sie trug statt der durchnässten Sachen aber nur ein Handtuch. Offensichtlich hatte sie sich geduscht. Ben traute nicht, sie direkt anzuschauen, überlegte einen Moment und meinte: „Wo ist denn das Bad, dann kann ich mich schnell umziehen.“ Auf die Weise könnte auch Lena sich ungestört etwas anziehen, dachte er sich. Sie führte ihn ins Bad und griff nach einem Handtuch: „Hier, dusch‘ dich ruhig ordentlich warm, bevor du dich erkältest.“ Ben freute sich über die Einladung und nahm mit einem Kopfnicken das Angebot an. Er holte sich noch trockene Wäsche aus dem Rucksack und verschwand unter der Dusche.

Teil 2

Muschel

Wie viel Lebensweisheit wohl in dieser versteinerten Muschel stecken mochte. Bei einem Bummel über den Flohmarkt stach sie mir ins Auge. Sie lag da recht lieblos auf dem Tisch platziert und das war wohl auch der Grund, warum sie noch dort lag, sie wurde einfach nicht beachtet, dabei war sie das schönste Ding, das es an diesem heißen Tag zu erstehen gab.

Ich blickte den Verkäufer an und ließ meinen Blick unauffällig über den Tisch fliegen, es sollte wirken, als hätte ich es nicht auf dieses eine Schmuckstück abgesehen, doch meine Blicke verrieten mich, denn immer wieder sah ich zur Muschel und ängstigte mich, dass irgendwer sie vor mir kaufen könnte. „Hallo. Kann ich Ihnen etwas zeigen oder möchten Sie etwas wissen?“, fragte mich der Verkäufer. „Ach, ich schau nur so“, erwiderte ich. Das war ein Pokerspiel und ich würde es gewinnen, so viel stand fest. Ich hatte noch zehn Euro in der Tasche und die Idee, nochmal Geld zu besorgen und in der Zeit die Muschel zu verlieren, war unvorstellbar. Würde ich den Verkäufer aber um die Rücklage bitten, würde er den Preis entsprechend hoch kalkulieren, aber ich konnte mir einfach kaum was leisten.

Ja, die Muschel war so ein Luxus, den ich mir einfach gönnen wollte, selbst wenn das Geld gerade so am Ende des Monats reichte oder doch oftmals schon aus war. Ich befragte ihn zu diesem und jenem Artikel, alles vollkommen uninteressant. Er schien schon ein wenig genervt vom ständigen „ach, na so richtig ist es nicht meins“, welches ich ihm immer wieder entgegnete. Dann endlich zeigte ich auf die Muschel. Mein Herz pochte wild und ich spürte, wie die Röte in mein Gesicht schoss. Mit aller mir verbliebenen Coolness sagte ich: „Und die Muschel da, wie viel möchten Sie dafür haben?“ „Hm…“, er überlegte. Schier endlos schien er nachzudenken: „Also, da bin ich mir nicht ganz sicher. Was meinen Sie denn?“ Er fragte mich tatsächlich, was ich sagen würde.

Ehrlich betrachtet würde man solch eine Muschel wohl in einem Fachhandel zwischen 50 und 100 Euro einordnen, vermutete ich für mich. Wie soll ich ihm da jetzt kommen. Wenn ich zehn Euro sage, dann ist er womöglich beleidigt und dann wird er auf jeden Fall 20 oder 30 verlangen. So viel hatte ich nicht. Ich zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung, was sowas wert ist.“ „Okay, wie viel haben Sie denn?“, er fragte einfach so und ich antwortete kleinlaut und mit gesenktem Kopf, wie mein siebenjähriges Ich es getan hätte: „Zehn Euro, mehr kann ich mir nicht leisten.“ Er lachte laut los: „Ich hatte überlegt, ob ich fünfzig Cent oder fünf Euro sagen soll.“ Daraufhin lachte ich los: „Und ich dachte, dass sie sowas wie 50 oder 100 Euro im Kopf hatten.“ „Was hältst du davon“, schlug er vor und er hatte einfach vom Sie auf Du gewechselt: „du kaufst mir einen Kaffee von dem Stand da drüben, denn ich komme hier nicht weg und ich gebe dir dafür die Muschel.“ Ich strahlte und glaubte zu träumen. Ich ging hinüber, besorgte den Kaffee und brachte ihn freudig zum Verkäufer. Er reichte mir die Muschel und wünschte mir einen schönen Tag. Den ganzen Weg nach Hause freute ich mich und ich fragte mich, warum wir Menschen so oft um den heißen Brei herumreden, während die Wahrheit uns so froh machen kann.

Die Taufe

Ich fühlte mich merkwürdig entspannt mitten im Hörsaal. Da saß ich vor den ganzen Studierenden und sie blickten mich an. Sie durften mir Fragen stellen, so hatte ich es mit ihrer Professorin vereinbart und das taten sie auch. Die meisten Gesichter waren noch sehr jung. Es gab keine Falte, die sich ins Gesicht gefurcht hatte. Das waren also die Ärzte der Zukunft. Sie waren alle so kindlich. Und ich saß da vor ihnen in Unterhose. Ich hatte sogar überlegt, selbst auf diese zu verzichten, aber im Endeffekt hätten sie da auch nicht mehr von den Blasen auf meiner Haut gesehen, sie hätten allerdings gewusst, dass sie eben auch im Intimbereich zu finden waren.

Und dann war da doch ein etwas älteres Gesicht und es hörte den jungen Fragen und meinen Antworten aufmerksam zu, bis es sich meldete und genau die Krankheit diagnostizierte, die ich hatte. Jene Krankheit, die zuvor von zwei älteren Ärzten nicht erkannt worden war und die mich trotzdem nicht sofort zu einem Spezialisten geschickt hatten. Da saß er also, mein persönlicher Patch Adams. Ich hatte ihm in meiner Fantasie eine rote Clownsnase aufgesetzt. Die Professorin war ganz erstaunt und er berichtete, dass er schon mal einen solchen Fall in einem Praktikum gesehen hatte.

Der hat sich das einfach gemerkt, weil er dafür brennt, dachte ich mir. Ich vermutete weiter, dass er wohl schonmal was anderes studiert oder gearbeitet hatte, bis er merkte, dass es da eine Sache gibt, für die sein Herz schlägt und er war so mutig, sich dafür zu entscheiden. Ich war mir sicher, dass er ein guter Arzt werden würde. Die anderen Studierenden würden wohl eher zu jenen Nasen verkommen, die nicht erkannten, was mir fehlte und die mich durch ihr Unwissen dem Tod überließen. Ich hatte den Kampf gewonnen, weil der eine der zwei Ärzte am Ende doch noch verstanden hatte, dass es mir verdammt übel ging und dass er keine Ahnung hatte. Er gab es zu und rettete damit mein Leben, denn in der Klinik erkannte man das Syndrom, welches selten ist, aber doch immer mal wieder auftritt.

Dieser Kampf schien schon so weit hinter mir zu liegen und ich fragte mich mittlerweile, warum ich auf zwei Ärzte gehört hatte und nicht von Anfang an in die Klinik gegangen war. Ich war nicht sauer, denn ich war zuvor mit meinem Leben an einem Punkt, an dem ich es nicht mehr fortführen wollte. Und mein Leben hatte entschieden, mir diese Wahl zu überlassen: Tue nichts und du wirst Blasen in deiner Lunge haben, die dich umbringen, sobald eine platzt oder nimm dein Leben an und lass dir helfen. Ich entschied mich für die zweite Option und lag elf Tage im Krankenhaus, wovon ich die ersten drei Tage nur an die Decke starrte. Mein Zimmerkollege, ein Mann Mitte vierzig, der gut gelaunt seinen Fernseher laufen ließ, fragte mich, warum ich meinen nicht anschalten würde. Ich wusste es nicht. Vielleicht war es die Angst, dass ich es falsch machen würde oder dass man dafür was bezahlen musste. Oder ich wollte ganz einfach nicht. Ich kannte diesen dauerhaft laufenden Fernseher schon aus meiner Wohnung, der mich ablenkte, wenn die Gefahr der Ruhe aufkam. Ich hatte die verdammte Kiste in den elf Tagen nicht einmal an. Stattdessen tanzte ich auf dem Rasen vor dem Gebäude zu der Musik aus den Kopfhörern, die mir ein Freund mitgebracht hatte.

Und ich setzte mich nackt bis auf die Unterhose in einen Raum von jungen Menschen. Ich, der sich nie gern nackt oder wenig angezogen gezeigt hatte. Ich war doch so hässlich dünn. Es war mir alles egal geworden.

Johannes war ein kräftiger Mann, das musste er auch sein, denn die Menschen, die er unter Wasser drückte, begannen irgendwann sich zu wehren, weil ihnen die Luft wegblieb. Sie sahen ihr Leben an ihren Augen vorbeiziehen und als Johannes sie wieder an die Luft zerrte, waren sie wie neugeboren. Ich stellte fest, dass solch eine Taufe ganz sinnvoll sein kann, um mit sich ins Reine zu kommen. Immer mal wieder.