Einsame Bücher

Die Stundenglocke schlug und die Kinder rannten aus dem Klassenzimmer. Die Lehrerin rief ihnen nach, dass sie die Ferien genießen sollten, doch das ging im Lärm des Laufens und des Lachens unter. Nach wenigen Augenblicken hatten alle das große Gebäude verlassen.

Wirklich alle? In den Regalen standen all die Bücher, die ihre Geschichten erzählen wollten, doch keiner würde ihnen zuhören. Jeden Sommer war es das Gleiche. Die Schüler rannten nach Hause und man vergaß die Bücher. Und auch dieses Jahr sollte es wieder so sein, raunten die Älteren der Bücher, die die nun eingekehrte Ruhe genossen, doch die jüngeren Bücher konnte die Freude nicht teilen. Sie wollten angefasst und aufgeschlagen werden. Sie wollten jedem der sie in die Hand nahm, stolz ihr gesammeltes Wissen zeigen.

Am Abend schluchzten einige Bücher, die dieses Jahr das erste Mal in der Schule waren, vor sich hin, weil sie sich verlassen fühlten, doch plötzlich verstummten alle. Waren das nicht eben Schritte gewesen, die sie gehört hatten? Sie lauschten in die Stille und fragten sich, ob sie es sich eingebildet hätten. Dann plötzlich das Kratzen eines Schlüssels im Schlüsselloch und einen Moment später blinzelten sie, als jemand das Licht anstellte. Fast blind waren sie wegen der plötzlichen Helligkeit und diese verschwand nur einen Moment später wieder. Die Tür fiel ins Schloss und der Schlüssel kratzte wieder.

„Wer war das?“, fragte ein junges Buch ein älteres? „Das war wohl der Hausmeister. Er kommt sonst eigentlich nie des Nachts hierher. Vermutlich wollte er nur sichergehen, dass alles in Ordnung ist. Und nun lass mich weiterschlafen“, sagte das ältere Buch und schnarchte sofort wieder vor sich hin. „Der Hausmeister?“, fragte das junge Buch. Doch es erhielt keine Antwort.

Als der nächste Tag begann, schien die Sonne ins Zimmer und von draußen war das Kehren eines Besens zu hören. „Ist das der Hausmeister?“, fragte das junge Buch seinen älteren Kollegen. „Ja, das ist er. Er fegt alles sauber und räumt den Müll weg, der aus dem Mülleimer herausgefallen ist oder von manch einem Rotzlöffel einfach fallengelassen wurde“, antwortete der Gefragte. „Meinst du, der kommt nochmal zu uns rein und schaut uns an? Ich bin dieses Jahr überhaupt nicht berührt worden. Ich wurde geschrieben und gebunden und hierhergeschickt und seither stehe ich hier rum und sammle den Staub“, erzählte das junge Buch und schluchzte dabei ein wenig. Das alte Buch bekam Mitleid und auch wenn es wusste, dass der Hausmeister deswegen nicht ins Klassenzimmer kam, so sagte es: „Wer weiß, vielleicht ja später oder in ein paar Tagen, das kann man nie wissen.“ Das alte Buch verschwieg, dass der Hausmeister nie ein Buch zum Lesen in die Hände genommen hatte und auch eher zu den ruppigen Menschen gehörte, die Bücher sogar kopfüber ins Regal stellten, wenn mal eines aus Versehen auf dem Boden lag.

Und so vergingen die sonnigen Sommertage und jeden Morgen fragte das junge Buch, ob denn der Hausmeister dieses Mal zu ihnen kommen würde. Es war drei Wochen später, als der Tag nicht sonnig begann, sondern bewölkt. Es wurde gar nicht so richtig hell und plötzlich setzte strömender Regen ein. Ein herrlicher Klang war das, wenn die Regentropfen gegen die Fensterscheibe pochten. Der Regen wusch all den Staub von den Blättern und ließ die Luft nach Bäumen duften.

Da kratzte wieder der Schlüssel in der Tür und die Zimmertür öffnete sich. Das junge Buch lachte und jauchzte, als es den Mann sah und fragte das alte Buch neben sich, ob dies der Hausmeister sei. „Nun“, antwortete das alte Buch und ergänzte: „Das ist er eigentlich nicht. Zumindest ist es nicht der, den ich bisher hier gesehen habe. Vielleicht ein neuer.“ Das junge Buch war verwirrt, doch es schrie so laut es konnte, dass es von ihm gelesen werden wollte. Der Mann kam zum Bücherregal und strich mit seiner Hand über die Bücherrücken. Er schenkte ihnen damit ein angenehmes Schaudern. Dann hielt er inne und griff sich das junge Buch, welches noch immer darum bettelte gelesen zu werden. „Na dann wollen wir mal schauen, was du mir so erzählen kannst. Er pustete den Staub vom Buch herunter, ging ans Lehrerpult, knipste ein Licht an und schlug die erste Seite auf. Das junge Buch konnte gar nicht so lang warten, wie er jede Seite durchlas, doch es genoss jede Berührung seiner Hand auf dem Papier. Der Mann, der der neue Hausmeister war, ließ sich Zeit, denn an diesem Tag gab es für ihn nichts zu tun und auch in den nächsten Ferientagen ließ er sich immer wieder blicken und griff sich ein Buch, um darin zu lesen.

 

P.S.

Die Geschichte ist ein kleines Abschiedsgeschenk an die zwei kleinen Mädels meiner ehemaligen WG. Ich finde das Ende zu knapp, aber ich muss gestehen, dass mir momentan kein anderes einfällt. Somit seid ihr Leser durchaus gefragt, euren Senf dazuzugeben und zu ergänzen. Ich freue mich darüber und die Mädels vermutlich auch 😉

Zwischen den Sternen

Wie genau kam ich hierher? Es war kein leichter Weg und ich bin ihn nicht des Geldes wegen gegangen, zumal man nicht reich wird, wenn man sich in eine Rakete setzt und darauf wartet, dass der Treibstoff schneller verbrennt, als man es sich vorstellen kann. Also warum habe ich damals diesen Weg eingeschlagen, der mir keine Millionen beschert und mich auch nicht zu meiner Frau und meinen Kindern heimkommen lässt, so wie die anderen Menschen, die jeden Tag zur gleichen Zeit aufstehen, acht Stunden zur Arbeit gehen und am Abend das frische Brot mit ihren Liebsten teilen? Vielleicht ist es der Moment, bei dem eine Beschleunigung meinen Körper durchfährt, von der jeder Rennfahrer nur zu träumen wagt, weil sie nicht zu kontrollieren ist.

Ich muss gestehen, der Start ist gar nicht so prickelnd. Während du gen Himmel blickst und er dir immer näherkommt, prügelt eine unsichtbare Kraft auf die Eingeweide ein und ich möchte mich dabei nur übergeben, aber das ist gar nicht möglich, denn auch dagegen drückt jene Kraft ohne Unterlass. Bei meinem ersten Start war ich mir sicher, dass die gesamte Rakete auseinandersprengen würde. Ich hatte eine Heidenangst und stellte erst in der Schwerelosigkeit fest, dass das alles richtig so war.

Es ist auch nicht so, dass ich im Weltall nichts Besseres zu tun hätte, als mir rund um die Uhr die Erde anzuschauen. Der Alltag ist eher gehetzt, weil man neben all den Aufgaben mit der Technik noch zahlreiche Experimente zu erledigen hat. Deswegen schickt man uns hier hoch. Die Erkenntnisse daraus, wie eine Pflanze außerhalb der Schwerkraft wächst, soll uns weiterbringen und daran zweifle ich nicht. Aber für mich ist es Alltagsgeschehen und dazu gehört die schwierige Eigenheit der Schwerelosigkeit, die die Arbeit aber nicht von der Schwere löst, sondern sie ganz im Gegenteil umso anstrengender macht. Jeder Griff muss fester sein, denn Gegenstände können nicht nur nach unten wegrutschen, sie können auch in jede andere Richtung entgleiten. Wer das Staubsaugen auf der Erde hasst, bekommt hier ein ganz neues Verhältnis dazu, wenn es überlebenswichtig wird, schwebende Wasserkugeln zu fangen, bevor sie an elektrischen Anlagen zerplatzen und einen Kurzschluss produzieren, der sich auf die gesamte Station auswirken kann. Eine kaputte Toilette wird hier oben zu einem riesigen Problem, weil man nicht mal eben nach draußen in die Büsche gehen kann, sondern sich die sprichwörtliche Scheiße direkt stapelt. Es wird wohl noch so seine Zeit brauchen, bis wir große Felder hier draußen bewirtschaften und wir uns für den Dünger glücklich schätzen werden, aber man darf ja träumen.

Neben all den täglichen Aufgaben und auch Problemen gibt es jene Momente der absoluten Ruhe. Nie habe ich eine solche Ruhe erlebt wie die in der vollkommenen Dunkelheit. Als Kind lebte ich mit meinen Eltern auf einem Dorf fernab größerer Städte und mir kamen damals die Nächte schon ruhig vor, aber hier oben kann die Ruhe dich fast erdrücken, so gewaltig ist sie. Ich stelle mir dann gern vor, dass es mir als Ungeborenes ebenso ging. Ich schaukelte in der Schwerelosigkeit und auch wenn da draußen etwas war, ich kannte es nicht. Es war insofern sicherlich anders, weil ich damals von Wärme und Liebe umgeben war, daran zweifle ich nicht und auch wenn ich damals keine Worte dafür kannte, so war mir das Gefühl wohl stärker bewusst, als ich es jetzt mit all meinen Worten definieren könnte.

Das ist dann der Moment der mich all die Beschwerlichkeiten ertragen lässt. Hier oben zu schweben und die Erde dort unten zu sehen. Ich sehe keine Grenze und auch nicht die Probleme, die dort unten so viel leichter zu lösen sind, weil so viele Menschen sie angehen könnten, während wir hier oben nur hochspezialisiert sind und für manche Aufgaben ein Werkzeug benötigen, welches nicht an Bord ist und welches wir auch nicht mit unserer Hände Arbeit erschaffen könnten. Da unten ärgert mich kein ausgelaufener Kaffee auf meiner Küchenplatte, weil ich ihn einfach wegwischen kann. Das Leben ist so gut zu uns, wir erkennen es nur nicht, weil wir zu nah dran sind.

Die Flucht

Ich war wieder auf der Flucht. Es kam nicht überraschend und ich war bestens vorbereitet. Wenn ich so über mein Leben nachdenke, dann ist mein Weg bis hierhin perfekt darauf ausgelegt gewesen.
Das erste Mal lief ich mit meinem besten Freund vor drei älteren Mädchen davon.

Damals lernte ich zwei Dinge:
Erstens: Respektiere andere Menschen, insbesondere Frauen.
Zweitens: Weglaufen ist meine Lösung im Gegensatz zum Kampf, aber ich hätte damals besser trainiert sein sollen.

Aufgeben gibt es nicht. Damals gab ich auf. Damals wurde ich gefasst. Damals verstand ich, dass mein Handeln Konsequenzen hat. Später lief ich Wettkämpfe mit, allerdings fehlte mir der Ehrgeiz ganz oben auf dem Treppchen zu stehen. Hätte ich mein Essen jagen müssen, wäre niemand so schnell gewesen wie ich. Hätte ich um mein Leben laufen müssen, hätten mich meine Verfolger nach wenigen Metern kaum mehr einzuholen vermocht. Ich war flink, leicht und beweglich. Meine Körperlänge wusste ich voll auszunutzen.

Nicht selten erschreckte ich meine Eltern und andere Menschen, weil ich einen so leichten Schritt hatte und ganz unbewusst darauf achtete, keinen unnötigen Lärm zu verursachen. Die Holztreppe in unserem Haus betrat ich nie in der Mitte, sondern am Rand, dort wo es nicht knackte.

Das Laufen war aber nur ein Teil meiner ungeplant-gelernten Karriere. Ich hatte schon immer ein gutes Gefühl für Zeit und Raum. Fragte man mich mitten am Tag nach der Uhrzeit, lag ich nur selten mehr als fünf Minuten daneben und egal wo ich mich befand, immer wusste ich, in welcher Richtung was lag.
Mein letztes Talent entsprang meiner kindlichen Neugier. Einer alten Kaminuhr konnte ich nicht widerstehen. Schnell war sie geöffnet und auseinandergenommen. Leider hatte ich damals noch nicht die Geduld, die Feder wieder korrekt einzusetzen, die kam erst später, die Lust am Mitnehmen und Öffnen von Dingen blieb mir erhalten.

Ich hätte die beste Voraussetzung für einen Räuber gehabt, was ich aber nicht mit meiner Moral vereinbaren konnte. Ich kann mich nicht am Verlust einer anderen Person bereichern. Meinen ersten Einbruch beging ich einer Freundin zuliebe. Ihr Exfreund hatte einige Bilder von ihr und erpresste sie damit, damit sie ihn nicht verließ. Das änderte ich. Dummerweise lieferte sie mich wenig später ans Messer. Der Druck der Polizisten war zu hoch für sie. Ich hatte dafür meine Lektionen gelernt:
Sei vorbereitet; Respektiere die Menschen; Bewahre deine Moral; Arbeite verdeckt.

All meine Regeln befolgte ich seither und sobald ich den Typen vom Wachdienst los sein würde, könnte ich untertauchen. Meist sind die gar nicht so gut um Laufen, zumindest hat mich bisher noch keiner von denen bekommen. Einmal bekam ich es mit einem Wachhund zu tun. Das war wirklich ein beschissenes Gefühl, denn ich hatte keine Ahnung, was der mit mir anstellen würde, wenn er mich zu fassen bekam. Zu meinem Glück stand auf meinem Fluchtweg ein hoher Metallzaun, den ich schnell hinaufkam. Der Hund bellte mich von der anderen Seite aus an, während vom Wachmann jede Spur fehlte. Ich hatte einfach Glück gehabt.

Der Typ allerdings, der mich gerade noch immer verfolgte, hatte eine verdammt gute Ausdauer, denn mittlerweile waren wir schon durch den halben Park gelaufen und hatten das Tempo dabei mehrfach variiert. Am Ende ist der Typ doch durchtrainierter als ich, kam mir der Gedanke und ich spürte die Anspannung. Aufgeben kam nicht Infrage. Dafür war zu wichtig, was ich gestohlen hatte. Vielleicht ließ er sich überzeugen, wenn ich jetzt aufgeben würde. Wenn er die Wichtigkeit meines Diebstahls verstehen würde, dann würde er mich womöglich laufen lassen. Das war einzig eine Frage seines Pflichtbewusstseins. Womöglich war er gar nicht zugänglich oder gar dumm, aber zumindest letzteres wollte ich aufgrund seines Laufstils nicht glauben. Die Dummen laufen sich gleich am Anfang kaputt, sie denken, dass sie dich gleich haben, fallen dann nach 200 Metern um und liegen für eine Weile am Boden. Manche sind clever genug ihre Grenzen richtig einzuschätzen, die halten länger durch und sind schneller wieder bereit zu handeln.

Dieser Typ hier allerdings hatte wirklich Ahnung. Er sprintete die ersten hundert Meter mit, ließ sich aber leicht zurückfallen. Als ich langsamer wurde, hielt er seine Geschwindigkeit aufrecht und zwang mich wieder in ein höheres Tempo über einen längeren Zeitraum. Das war echt übel, so bin ich noch nie verfolgt worden und ich begann darüber nachzudenken, ob eine Flucht durch Straßen und Gassen nicht sinnvoller sein würde. Ich meide solche Wege, weil man nie einschätzen kann, wann jemand aus einem Haus oder um eine Ecke kommen wird. Da sind die Chancen 50 zu 50, dass es dich oder deinen Verfolger trifft. Diese Verfolgung schien sich gegen mich zu entwickeln, da wäre das Risiko meine letzte Chance, außer der Typ klappte gleich zusammen, das weiß man natürlich nie. Aber vermutlich kam der direkt von der Bereitschaftspolizei, dann könnte diese Jagd noch einige Zeit andauern und ich hatte am Anfang zu viel Energie verschleudert.

Ich hatte mal einen Wettlauf, auf den ich so gar nicht vorbereitet war. 400 Meter Sprint. Der Start war gut und die ersten Meter fühlte sich alles richtig an, dann brach ich komplett ein. Bis zur Hälfte sprintete ich und dann spürte ich nur noch Schmerzen in meinem Körper. Schmerzen und den innigen Wunsch auf dem Boden liegenbleiben zu dürfen. Vielleicht auch zu erbrechen, es sollte nur vorbei sein. Ein Kollege kam zu mir und rief mir aufmunternde Worte zu. Ich riss mich zusammen und kämpfte mich ins Ziel, weit abgeschlagen. Ich fragte mich, wann es zu diesem Punkt bei der aktuellen Verfolgung kommen würde. Klar war ich jetzt besser in Form, aber dennoch gab es eine Grenze. Eine Grenze, die ich genauso gut einschätzen konnte, wie die Tankanzeige meines ersten Autos. Ich konnte nie ganz sicher sein, ob ich noch 100, 50 oder nur noch 5 Kilometer hatte, bis der Motor stotternd ausfiel. Wenn ich so zurückblicke war das näher am Leben, als diese perfekten Anzeigen, die dir sogar berechnen, wie weit du es noch schaffen wirst. Meine Lehrerin war dennoch nicht sonderlich angetan, als ich einen Mitschüler anrief, damit er mir einen Kanister Benzin vorbeibringen würde, nachdem ich die letzten Meter von einer Abfahrt runtergerollt war.

Hinter mir war ein Klappern zu hören, ich blickte zurück und sah aus dem Augenwinkel, dass mein Verfolger mit einem Radfahrer kollidiert war, der aus einem Seitenweg herausgekommen sein musste. Ich lief weiter und blickte etwas später wieder zurück. Mein Verfolger humpelte. Das Glück war mir hold. Mal wieder.

Fünf Namen

Ich hätte sie gegen das Licht und unter ihren Haaren kaum erkannt, aber da stand sie vor mir und wäre fast vorbeigelaufen, weil sie glaubte, dass ich sie absichtlich nicht erkannt hätte. Zumindest las ich das in ihrem Gesicht. Ihre Haare waren gar nicht lang, aber es war ein gewaltiger Unterschied zu den drei Millimetern, mit denen ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Es musste schon mindestens ein halbes Jahr her sein, womöglich gar ein ganzes, als ich sie das letzte Mal sah und die Haare zeugten davon, wenngleich sie dank ihrer Locken wohl weit weniger lang wirkten, als sie tatsächlich waren. Es war einer der ersten warmen Tage im Jahr und ich wollte die letzten Sonnenstrahlen auf den Stufen zu unserem Wohnhaus auf meiner Haut spüren. Sie lief vorbei und sah mich an, ich blickte zurück, erkannte aber kaum mehr als einen Umriss von ihr, weil die Sonne so tief stand und mir direkt ins Gesicht schien. Die erste Frage war mehr als logisch: „Was verschlägt dich denn in die Ecke hier?“ „Nun, ich wohne gleich in der nächsten Straße“, antwortete sie und erklärte mir den Weg zu ihrem Haus. Sie hatte den direkten Blick auf den Friedhof, ich war nur Nutznießer seiner Ruhe. Als sie erklärte, dass sie schon lange dort wohne, war ich überrascht: „Ich wohne seit August hier. Ich habe dich auch mal auf vorbeilaufen gesehen, aber ich kam nicht auf die Idee, dass du gleich um die Ecke wohnen würdest.“ Sie lächelte nur und ich lächelte mit ihr. Die ersten warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht in diesem Jahr, das erste warme, strahlende Lächeln.
Ich wollte sie einige Tage später besuchen, denn die Hausnummer hatte sie mir gesagt. Nur ihr Nachnahme, der war mir unbekannt. Und so stand ich vor ihrem Wohnhaus und sah auf 14 Klingelschilder. Einige waren mit mehreren Namen versehen, die schieden sofort aus. Andere kürzten ihren Vornamen mit einem Buchstaben ab und ein L war nicht dabei. Es blieben schlussendlich fünf Namen übrig, doch statt wild zu klingeln fragte ich das Mädchen, welches soeben das Haus betrat, ob sie eine Lena kennen würde. Sie schüttelte nur den Kopf. Fünf Namen also waren es, die es kennenzulernen galt.

Wo die Welt noch in Ordnung ist (2)

Das Geräusch war unangenehm nah. Ich riss meine Augen auf und blickte wieder einmal in ein unfreundlich dreinblickendes Gesicht, welches auf mich herabschaute. „Was willst du hier?“, entfuhr es dem Gesicht und ich fühlte mich schutzlos. „Nichts“, erwiderte ich. Das unfreundliche Gesicht schien über diese Antwort zu grübeln, blickte mich jedoch weiterhin fest an, was mich umso mehr verunsicherte, je länger es andauerte, weshalb ich meinen Kopf ein wenig zur Seite legte und mich aufsetzte. Den Typen hinter mir zu wissen, machte die Situation nicht besser und ich drehte mich um. Er blickte mich weiterhin an. Ich sah in dem Moment, dass er einen Stock in der Hand hielt, der wohl nicht ganz zufällig die Form eines Baseballschlägers aufwies, was mein Gefühl der Angst nicht gerade verringerte. Aus einem Impuls heraus stand ich auf und stellte fest, dass dieser Typ einen Kopf kleiner war als ich. Zwar war der Prügel nicht verschwunden, aber unsere Größenverhältnisse gaben mir ein wenig mehr Selbstbewusstsein. Zudem hatte er genügend Zeit gehabt, mir mit dem Ding eines zu verpassen, also wenn er es bis jetzt nicht getan hatte, würde er es wohl auch nicht mehr tun, dachte ich mir und erklärte mich: „Ich suche hier nichts, außer dem Gefühl von Frieden.“ Die Sache mit dem Frieden schien ihn ein weiteres Mal zum Nachdenken anzuregen, seine Miene veränderte sich jedoch kaum, bis es plötzlich aus ihm herausbrach: „Ha, Frieden ist wohl das einzige, was du hier am Ende der Welt finden wirst, aber immerhin.“ Er ließ den Stock sinken und grinste über beide Backen. „Ich heiße Falk“, stellte er sich vor. „Hallo, Ben“, vollendete ich die Vorstellung und schloss die Frage an: „Wo kommst du her?“ Er zeigte mit dem Stock in Richtung der Straße, von der ich gekommen war. „Da kann man leben?“, fragte ich ihn ungläubig, denn sein Äußeres war ganz anders als jenes Dorf. Er hatte einen Sidecut und die übrigen Haare in rosa und lila gefärbt. Seine Jeans war zerrissen und auch das Flanellhemd hatte schon bessere Tage gesehen, aber er sah nach Leben aus, ganz im Gegensatz zu jenem Dorf. Er grinste mich nur an und nickte: „Doch doch, man kann da leben. Nunja, zumindest schlafen und essen.“ „Und wo lebst du dann?“ Er atmete tief ein und schien zu überlegen. „Weißt du, ich besuche gerade meine Großeltern. Zwangsweise zwei Wochen lang. Meine Mutter hatte mich satt.“ „Aha“, sagte ich und ahnte, dass da noch eine ganz andere Geschichte dazugehörte, die man keinem Menschen erzählt, den man eben erst kennengelernt hat. Bevor eine unangenehme Stille aufkommen konnte, fragte ich ihn: „Magst du was essen? Ich hab ein großartiges Menü in knapp 30 Minuten zubereitet, ich brauche nur meinen kleinen Gaskocher aus dem Auto.“ „Fleisch?“, entgegnete er. „Nö, nur Reis, rote Linsen, Kokosmilch, Zwiebeln und Curry.“ Er schien mit der Antwort zufrieden und nickte leicht mit dem Kopf.

Wo die Welt noch in Ordnung ist (1)

Kennt ihr diese Orte, die einen betrüben? Orte, die nachdenklich machen, weil sie zerfallen sind und kaum jemand sie bewohnt? So einen Ort fand ich, als ich mich mal wieder auf meinen inneren Kompass verließ und statt der Autobahn dieses kleine Kaff ansteuerte, welches früher mal ein gemütliches Touristendörfchen an der See gewesen sein mag, doch mittlerweile nur noch heruntergekommene und baufällige Häuser aufwies. Ein alter Mann blickte mich verkniffen an, er trug einen Blaumann und ein T-Shirt, welches womöglich mal weiß gewesen sein mag. Ich hielt an, um ihn nach dem Weg zu fragen: „Guten Tag, ich habe mich verfahren. Wie komme ich am schnellsten zur Autobahn?“, fragte ich ihn, doch er drehte sich nur wortlos um und ging über die Garageneinfahrt wieder in sein Haus. Ich blieb einen Moment an die Tür meines Autos gelehnt stehen und horchte in die Stille dieses Dorfes. Es war unheimlich ruhig. Ja, wirklich unheimlich. Ich schloss die Augen, um die Geräusche besser wahrzunehmen, doch statt einer inneren Ruhe stellte sich nur eine Paranoia ein, welche mir in den Kopf hämmerte, dass ich vermutlich gerade aus allen Häusern heraus angestarrt wurde und so setzte ich mich wieder in mein Auto und drehte den Autoschlüssel im Zündschloss herum. Das Brummen des Motors hatte mir noch nie so gut gefallen, wie in diesem Augenblick und ich folgte der Straße. Nach gut drei Kilometern fand ich einen verlassenen Freizeitpark. Es gab hier ein zerfallenes Riesenrad und ein paar kleine Häuschen. Diese Zuflucht lag direkt am Meer und nachdem ich meinen Wagen abgestellt hatte, zog es mich als erstes zum Steg hin, der noch immer ins Meer hinauszeigte. Er war aus Beton, seine Beine jedoch zeigten die rötlichen Rostspuren vom Metall. Endlich ein Geräusch, welches ich genießen konnte und so sog ich die frische Luft ein, um meine Nase und meine Lunge von dem ganzen Dreck zu reinigen, den ich tagtäglich einatme. Ich setzte mich ganz vorn an den Steg und schloss meine Augen. Dieses Mal mit dem Gefühl von Freiheit und Frieden. Ich legte mich auf den Rücken, während meine Beine vorn über dem Steg hingen. Das Gefühl für Zeit ging mir verloren, bis ich vom Knirschen der Kieselsteine geweckt wurde. Jemand näherte sich.