Podcast online

Neben dem Schreiben bzw. Lesen gibt es mich auch auf der Improtheaterbühne für das Ensemble „Damenwahl“ zu sehen. Das mit uns befreundete Team von „Frauen auf See“ hat einen Podcast in dieser Coronazeit gestartet. In der Folge „Ede bleibt im Nest“ durften wir uns anhand von einigen Fragen ab Minute 11 (ohne Anmoderation ab Minute 13:15, aber die ist viel zu schön, um sie wegzulassen) vorstellen. Wer Improtheater kennt, der wird merken, dass wir unsere Antworten in der Art von Spielformen dargereicht haben.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Anhören.

Rückblick und Ausblick

Der Juni ist vorbei und mit ihm meine selbst gesetzte Aufgabe, an jedem Tag einen Text zu schreiben. Die Auswertung sagt: Insgesamt 28 von 30 Texten, wobei einer erst verspätet hinzukam. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, die Texte zu schreiben und es war ein enormer Antrieb, die Reaktionen von euch zu erhalten. Die Texte nur für mich selbst zu schreiben, wäre mir schwer gefallen, aber ihr gabt mir Antrieb. Ich möchte dieses Experiment fortführen, vielleicht nicht mit der Strenge, die ich mir für den Juni auferlegt hatte, aber doch regelmäßig. Es gab im April bereits eine Möglichkeit im Rahmen des NaPoWriMo für mich, jeden Tag zu schreiben, doch ich schaffte es nicht einmal, es macht mich daher umso glücklicher, dass es diesen Monat gelang.

Als gestern mein Projekt endete. Jährte sich zum ersten Mal auch meine Vorstandmitgliedschaft im Verein „Literally Peace“. Ich habe dort ebenfalls einen Antrieb für mein literarisches Schaffen gefunden und ich lade euch herzlich ein, uns auf Instagram oder auf Facebook am 3.7. um 20:00 Uhr bei einer Onlinelesung zu besuchen. Ich nehme selbst Teil an jener Lesung.

Dieser Blog besteht seit 2014 und in den ersten beiden Jahren war ich sehr ambitioniert. Ich verlor aus persönlichen Gründen die Lust am Schreiben und versteckte mich. Es ist ein schönes Gefühl wieder am Leben zu sein. Die aktuellen Zeiten sind für viele Menschen nicht leicht: Isolation, Depression, Zukunftsängste…es ist Sommer und der hilft vermutlich, denn das heitert das Gemüt auf. Dennoch merke ich gerade jetzt, wie wichtig es ist, dass wir aufeinander aufpassen. Jeder sollte für sich überlegen, was das Leben lebenswert macht. Für mich ist es die Menschlichkeit und das Miteinander. Ich brauche keine materiellen Güter oder ein übervolles Konto (auch wenn das hin und wieder helfen würde, aber ihr wisst ja: Manche Menschen sind so arm, die haben nur ihr Geld). Was mich morgens aufstehen lässt, sind die lieben Menschen um mich herum. Sich gegenseitig zu helfen, zu unterstützen und ein offenes Ohr und Herz zu haben, danach strebe ich.

Ich hoffe, dass ich mit meinen Worten hier hin und wieder anrege. In jeglicher Form. Ich freue mich zumindest über das bisherige Feedback, da gab es Zu- und Widerspruch. Beides half mir zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Solange wir miteinander reden, können wir weiterhin eine schöne Welt schaffen.

Kommen und gehen

Und alles lief davon. Kein Grashalm drehte sich um, kein Baum verabschiedete sich. Alles flog vorbei und hatte es enorm eilig, um hinfort zu ziehen. Der Wind strich über die Gräser, als würde er sanft über die Haare auf dem Kopf eines kleinen Kindes streichen. Behütend. Doch mir blieb nur der Abschied, während ich im Zug saß. Leb wohl, grünes Gras! Leb wohl, Baum! Leb wohl, Feld! Leb wohl, Bahnhof! Leb wohl, Bahnübergang! Leb wohl, Schranke! Leb wohl, all ihr Menschen dort draußen! Ich sagte „leb wohl“ und nicht „auf wiedersehen“. Ich bin da ehrlich, denn wer weiß, ob wir uns nochmal wiedersehen werden. Oder pessimistisch, ich gehe immer davon aus, dass man nicht nochmal das Glück hat, sich ein weiteres Mal zu begegnen. Zu viele Menschen kamen und gingen und kamen nicht wieder. Das ist in Ordnung so. Wir Menschen sind so. Wir haben einen Moment, in dem wir uns begegnen. Manchmal sind es nur einige Minuten. Manchmal Tage oder Wochen und manchmal Jahre. Aber irgendwann geht jeder wieder seines Weges. Es hat etwas beruhigendes. Es ist die Gewissheit, dass das Leben so ist.

Eine kleine Reise

Es ist nur eine kleine Reise in die Heimat. Der Besuch des Vaters und doch merke ich die Anspannung, und die Gedanken kreisen um den Grund meiner Heimreise. Wir verabschieden uns von meinem Opa. Wir haben nie wirklich eine Verbindung gehabt und ich wollte darüber auch nicht schreiben, denn ich möchte keine wohlwollende Reaktion erzeugen. Ich weiß, dass ihr Leser:innen mir wohlgesonnen seid und mir euer Beileid aussprechen mögt, dies dürft ihr gern machen, aber das ist nicht der Grund für diesen Eintrag.

Es ist merkwürdig, dass ich nicht greifen kann, was mich nicht loslässt. Etwas arbeitet in mir und ich schaffe es heute nicht, einen Text aus dem Nichts zu erschaffen. Heute blockiert mein Kopf und so schreibe ich ganz ehrlich und persönlich und ohne jede Poetik.

Ich fühle mich unwohl. Ein Leben endete und das ist in Ordnung. Es kam nicht überraschend und ich bin mir sicher, dass diese Ruhe gut ist. Was könnte ich von ihm erzählen? Nichts. Womöglich ist es das. Womöglich erschreckt mich, dass ein mir so nahes Familienmitglied mir so fern sein konnte.

Dafür werden wir zusammenkommen. Die Familie meines Vaters wird sich treffen. Wir werden gemeinsam trauern und vermutlich am Abend ein klein wenig feiern. Das wäre zumindest ganz im Sinne meines Opas. Vielleicht wird es auch ein ruhiger Abend werden. Vielleicht werde ich diese Tage brauchen, um zu erkennen, was mich umtreibt.

Der blinde Fleck

Ich habe mit mir gerungen, ob ich diesen Text hochladen soll, nicht etwa, weil er Denkfehler von mir aufzeigt, die mir unangenehm sind, sondern weil ich mich frage, ob ich mich dadurch in den Mittelpunkt eines Themas setze, über welches andere Menschen besser berichten können. Ich entschied mich für die Veröffentlichung, weil diese Denkfehler jedem passieren können und weil wir nur dann beginnen, an uns und unseren Fehlern zu arbeiten, wenn wir sie erkennen und sie zugeben.

Es ist zwanzig Jahre her, da sah ich das schwarze Buch mit dem großen X darauf. Mein Bruder hatte es gelesen und ich war fasziniert. Also lass ich es, nein ich verschlang es. Ein Buch über das Leben von Malcolm X. Und fortan war es mein Thema. Mein bester Freund machte Jahre später sein mündliches Abitur in Englisch über Rassismus, ohne es einmal gelernt zu haben, weil ich ihm über die Jahre die Ohren vollgeschwallt hatte. Als mir bewusst wurde, dass ich mit einer „pro black“-Einstellung positiven Rassismus betrieb, ärgerte ich mich, denn ich wollte wieder so sein, wie die Kindausgabe von mir, die nicht verstand, was das Besondere an den zwei Nachbarskindern war, deren Hautfarbe mir nie bewusst war, nur, dass sie amerikanische Namen trugen. Nach der Schulzeit nahm meine Aufmerksamkeit ab und zurückblickend frage ich mich, ob ich damals dachte, dass es nicht mein Kampf sei und ich ihn deswegen nicht kämpfen müsste. Wie wenig hatte ich verstanden.

Vor etwa zehn Jahren passierte es, dass ich auf dem Basketballplatz meine Mannschaft bestimmen konnte. Ich kannte kaum jemanden und doch entschied ich mich für den einzigen POC und nach zwei Aktionen von ihm wusste ich auch, warum ich ihn gewählt hatte. Er spielte von uns allen am schlechtesten Basketball und mich erschreckte, dass es mich überraschte. Jeder andere Mitspieler hätte schlecht spielen können, aber bei ihm ging ich davon aus, ja verlangte es förmlich. Ich war also selbst ein Fehler in diesem System, merkte ich.

Ich habe mir mal gewünscht, farbenblind zu sein, so dass alle Menschen gleich aussehen. Vielleicht wird das irgendwann mal so sein oder vielleicht wird einfach jeder Mensch irgendeine Farbe schön finden, unabhängig von der eigenen. Aber aktuell ist das nicht die Realität. Meine Wünsche sind schön und gut, aber sie helfen nicht, sie reichen nicht aus. Ich muss mehr machen. Ich muss aktiv gegen die Fehler in mir vorgehen. Dafür muss ich zuhören und verstehen. Und ich muss meine Position nutzen, um die Welt besser zu machen, das ist die Pflicht, die mit meinen Privilegien einhergeht. Ich kann besser sein.

Die Macht abgeben

Was ist es, das uns die Macht über uns selbst abgeben lässt. Die Bewertung des eigenen Selbst überlassen wir uns selbst und doch ertappe auch ich mich hin und wieder dabei, dass es mich trifft, wenn jemand mich darauf hinweist, dass ich nicht das Gewicht habe, welches ich aus der Sicht jenes Menschen haben sollte. Es trifft und verletzt mich, obgleich ich weiß, dass es nichts auszusetzen gibt an dem, wie ich bin. Warum also gebe ich diese eigene Macht ab und überlasse sie einer anderen Stimme als der meinigen, damit sie über mein Wohlergehen entscheidet?

Warum ist die Meinung anderer Menschen uns wichtig? Liegt es daran, dass wir unser Selbstbild aus der Reflexion (bzw. aus der angenommenen Reflexion) Anderer beziehen?

Sich selbst unter Wert zu verkaufen und gleichzeitig sich selbst zu hoch zu heben. Mir scheint, dass diese Ambivalenz vielen Menschen innewohnt. Eine Art manische Depression des Selbstwerts.

Eine Erkenntnis allerdings habe ich bei all den umherschwirrenden Fragen: Mir fehlt das Laufen. Ein Muskelfaserriss zwingt mich dazu, die Beine hochzulegen und es tut mir nicht gut. Wir Menschen sind die geborenen Läufer. Wir sind nicht fürs Sitzen, fürs Schlendern, ja nicht einmal fürs Gehen gemacht, sondern für das Laufen. Ich kann nicht auf Dauer verweilen. Ich muss los.

Stimmlos

Das war es also. Ich saß tatsächlich vor einem weißen Blatt Papier, vollkommener Unsinn, ich saß vor einem weißen Bildschirm und es deprimierte mich. Es war weg. Diese eine Kraft, die mich glücklich machte, wenn ich sie mir zunutze machte, sie hatte mich einfach verlassen. Es war der einzige Verlust, vor dem ich Angst hatte und wohl deswegen auch der einzige, der mich treffen konnte. Mich ängstigte nicht die Einsamkeit oder die Geldlosigkeit, aber nicht mehr schreiben zu können, das war mir verhasst. Ich wusste, dass mich nichts glücklich machen würde, wenn das verloren war. Ja, es war ganz eindeutig, wenn das nicht mehr ging, dann hatte das Leben seinen Sinn verloren. Hätte man mir die Wahl gelassen, ob ich in einem Leben noch einen einzigen Orgasmus oder überhaupt Sex haben dürfte oder das Schreiben, so wäre es mir ein Leichtes gewesen, mich zu entscheiden. Mir das Wort nehmen, war ein böser Schicksalsschlag und er war nicht gerechtfertigt. Ich versuchte ein guter Mensch zu sein und ich würde behaupten, dass ich mich dabei recht gut anstellte. Ich tat den Menschen so oft gut. Aber der Dank war, dass ich dabei mich selbst und damit auch meine Worte verlor. Verlustängste sind so wunderbar irrational, weil man ja hat, was man zu verlieren glaubt. Aber dass daraus die Realität des tatsächlichen Verlusts erwächst, ist wohl die schlimmste alle Strafen. Strafe…ein merkwürdiges Konstrukt, denn eine Strafe wird von einem Etwas verhängt und was für ein Etwas sollte es sein, das mich strafen wollte? Das Universum? Dafür war ich viel zu unbedeutend. Wäre es nicht sinnvoller, wenn man einem Tyrannen die Macht raubte, statt mir meine Worte? Also wenn es nicht das Universum war, dann blieb da nichts für mich. An Gott glaubte ich nicht und wenn ich so darüber nachdenke, dann glaubte ich auch nicht daran, dass es im Universum eine Macht gab, die meine Wortfindung steuern konnte. Also saß ich da und blickte auf den weißen Bildschirm und den blinkenden Strich, der mir sekündlich die Aufforderung sendete, endlich anzufangen. Aber was wusste der schon vom Schreiben, der ließ sich lässig von jedem meiner Buchstaben über den Bildschirm schieben. Ja, der hatte seinen Spaß, während ich schrieb und jetzt – ja jetzt war er vermutlich gelangweilt und fragte sich, ob er eingerostet war. So ein Arsch. Allerdings stellte sich auch die Frage, warum ich überhaupt schreiben sollte. Es war schon alles gesagt, so schien es mir. Hie und da wollte jemand schockieren und manchmal funktionierte das sogar, aber der große Wurf, der war schon geworfen und warum sollte da irgendjemand mein Gestammel lesen wollen. Das war ja auch irgendwie beruhigend. Es würde wenigstens niemanden stören, dass diese eine Stimme verschwunden gegangen war.

Haarige Angelegenheiten

Ich hatte mich an die Gesetze gehalten und wurde doch bestraft. In manche Situationen gerät man einfach – da kann man nichts gegen machen. Ich war in der sechsten Klasse und meine Mutter schnitt mir bis dahin immer die Haare. Ich vertraute ihr, obgleich sie mir einmal ins Ohr geschnitten hatte. Sie hat das bis heute nicht vergessen können, während es für mich eine Erinnerung ohne Emotion ist. Ich denke, dass es nicht so tief ins Fleisch ging, denn es gibt weder eine Narbe noch sonst ein Anzeichen jener Wunde. Mein Vertrauen hatte sie deswegen nicht verloren. Vielleicht auch weil ich wusste, dass dieser Schnitt ihr mehr weh getan hatte, als mir. Womöglich hatte sie die Schmerzen verspürt, die ich hätte spüren müssen, wer weiß. Auf jeden Fall war es ihre Sache, mir die Haare zu schneiden, denn damit fühlte ich mich wohl. Wenn ich mir die Fotos früherer Tage so anschaue, hat sie es schon ganz gut gemacht. Ich fühlte mich nie schön mit diesen hässlichen Brillen, die ich trug und da war der Haarschnitt eh egal. Oder eben auch nicht. Meine Frisur wurde von meiner Mutter gemacht und das war gut so.

Nun ergab es sich, dass sie auf einer Dienstreise war und meine Haare dennoch geschnitten werden sollten. Da mein Vater ein pragmatischer Mensch ist, nahm er die Sache in die Hand. Vermutlich wusste er, dass er mit Kamm und Schere nichts Gescheites zustande bringen würde und so nutze er den Haartrimmer. Ich denke, dass er das ganz praktisch fand: Es würde schnell gehen, sauber aussehen und für die nächsten Wochen wäre es mit dem Haarschneiden vom Tisch. Er ließ den Trimmer lärmen und ich sah auf dem Boden, wie sich Haarbüschel häuften. Schon erstaunlich, wie viele Haare das dann sind, wenn man sie zu einem Haufen kehrt. Beim Blick in den Spiegel erschrak ich. Das war nicht ich, den ich da anblickte. Ich weinte, denn ich wusste, dass es keinen Ausweg aus der Situation gab. Die Haare waren ab.

Am nächsten Tag ging ich zur Schule. Es war kühl am Kopf und ich behielt meine Kapuze auf, um ihn zu wärmen. In der Schule angekommen, setzte ich die Kapuze nicht ab. Die ersten zwei Stunden vergingen und nichts geschah. Die Hofpause überstand ich und auch in den folgenden zwei Stunden störte sich niemand an meiner Kopfbedeckung, die mir so viel Sicherheit gab. Es gab Mittagessen und wir versammelten uns im Esszimmer. Es gab bei uns keine Kantine, dafür war die Schule viel zu klein. Ich aß mein Essen und redete mit meinem besten Freund. Der ganze Raum war im typischen Lärm, der entsteht, wenn Kinder essen und dabei ein wenig reden. Der Lärm wurde jedoch von einem Moment auf den nächsten durch eisige Stille ersetzt, als mich eine Lehrerin ermahnte, meine Kapuze beim Essen abzusetzen: „Du setzt die Kapuze ab oder du darfst nicht essen!“, forderte sie. Nun war diese Lehrerin nie für mich verantwortlich gewesen, aber sie war niemandem unbekannt. Sie war streng und man hatte Angst vor ihr. Ich hatte sowieso Angst. Das hatte ich eigentlich immer, aber bei ihr nochmal mehr. Ich war nie ein Rebell gewesen und ich widersprach auch nie, sondern tat immer wie mir geheißen. So auch in diesem Moment: Ich schob meinen Teller von mir weg und erfüllte damit die gegebene Anweisung. Es hätte damit gut sein müssen, dachte ich mir. Immerhin hieß es in den Werbematerialien der Schule immer, dass man hier angstfrei lernen könne. Nun ja, zumindest durfte ich nicht angstfrei essen. Denn es war mit dem Wegschieben des Essens nicht getan. Das würde die Autorität der Lehrerin untergraben. Dass sie das aufgrund ihrer schwammigen Aussage selbst zu verantworten hatte, war ihr vermutlich gar nicht bewusst. Sie hatte wohl schon vergessen, dass sie sagte: „Du setzt die Kapuze ab oder du darfst nicht essen.“ Ich war mir keiner Schuld bewusst. Aber sie forderte mich wieder auf, die Kapuze abzunehmen. Mir standen Tränen in den Augen, denn ich wollte diese Scham nicht. Ich wollte nicht im Mittelpunkt dieser Situation sein und ich wollte meinen fast kahlen Kopf nicht präsentieren. Aber schlussendlich tat ich, wie mir befohlen wurde. Die Lehrerin schwieg und die Tage und Jahre vergingen.

Ich habe diese Situation nicht vergessen und ich ärgere mich darüber. Mich ärgert, dass ich nicht gegen die Lehrerin angekämpft habe. Im schlimmsten Fall wären wir zum Rektor gegangen. Ein gutherziger Mann mit großem Bauch. Er hätte mir natürlich erklärt, dass es diese Regel gäbe und dass er verstehen würde, wenn ich mich für die Frisur schäme, obgleich er dafür gar keinen Grund sehe, weil ich damit auch schön aussehen würde. Und danach hätte er sich zu zweit mit der Lehrerin unterhalten und sie gefragt, was mit ihr eigentlich nicht stimmen würde, einen jungen Schüler so vorführen zu wollen.

Ich musste irgendwann jene Kapuze absetzen, das war unvermeidlich, ich hätte nicht über Wochen so rumlaufen können. Ich bin auch nicht betrübt darüber, dass man mir in einer gewissen Weise Leid zufügte, indem man zuerst die Haare abrasierte und mich dann später dafür in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte und mich dort leiden ließ. Ich denke, dass ich daran gewachsen bin. Aber ich hätte noch weiterwachsen können. Ich hätte aufstehen können und mich gegen eine falsche Behandlung wehren müssen, damit sie nach mir womöglich nicht nochmal jemanden traf. Ich komme heute manchmal in Situationen, in denen ich auch die Wahl habe, ob ich sitzen bleibe oder aufstehe. Ich muss eigentlich nie für mich aufstehen und ich hoffe, dass ich gelernt habe immer für Andere aufzustehen.