Die Macht abgeben

Was ist es, das uns die Macht über uns selbst abgeben lässt. Die Bewertung des eigenen Selbst überlassen wir uns selbst und doch ertappe auch ich mich hin und wieder dabei, dass es mich trifft, wenn jemand mich darauf hinweist, dass ich nicht das Gewicht habe, welches ich aus der Sicht jenes Menschen haben sollte. Es trifft und verletzt mich, obgleich ich weiß, dass es nichts auszusetzen gibt an dem, wie ich bin. Warum also gebe ich diese eigene Macht ab und überlasse sie einer anderen Stimme als der meinigen, damit sie über mein Wohlergehen entscheidet?

Warum ist die Meinung anderer Menschen uns wichtig? Liegt es daran, dass wir unser Selbstbild aus der Reflexion (bzw. aus der angenommenen Reflexion) Anderer beziehen?

Sich selbst unter Wert zu verkaufen und gleichzeitig sich selbst zu hoch zu heben. Mir scheint, dass diese Ambivalenz vielen Menschen innewohnt. Eine Art manische Depression des Selbstwerts.

Eine Erkenntnis allerdings habe ich bei all den umherschwirrenden Fragen: Mir fehlt das Laufen. Ein Muskelfaserriss zwingt mich dazu, die Beine hochzulegen und es tut mir nicht gut. Wir Menschen sind die geborenen Läufer. Wir sind nicht fürs Sitzen, fürs Schlendern, ja nicht einmal fürs Gehen gemacht, sondern für das Laufen. Ich kann nicht auf Dauer verweilen. Ich muss los.

Stimmlos

Das war es also. Ich saß tatsächlich vor einem weißen Blatt Papier, vollkommener Unsinn, ich saß vor einem weißen Bildschirm und es deprimierte mich. Es war weg. Diese eine Kraft, die mich glücklich machte, wenn ich sie mir zunutze machte, sie hatte mich einfach verlassen. Es war der einzige Verlust, vor dem ich Angst hatte und wohl deswegen auch der einzige, der mich treffen konnte. Mich ängstigte nicht die Einsamkeit oder die Geldlosigkeit, aber nicht mehr schreiben zu können, das war mir verhasst. Ich wusste, dass mich nichts glücklich machen würde, wenn das verloren war. Ja, es war ganz eindeutig, wenn das nicht mehr ging, dann hatte das Leben seinen Sinn verloren. Hätte man mir die Wahl gelassen, ob ich in einem Leben noch einen einzigen Orgasmus oder überhaupt Sex haben dürfte oder das Schreiben, so wäre es mir ein Leichtes gewesen, mich zu entscheiden. Mir das Wort nehmen, war ein böser Schicksalsschlag und er war nicht gerechtfertigt. Ich versuchte ein guter Mensch zu sein und ich würde behaupten, dass ich mich dabei recht gut anstellte. Ich tat den Menschen so oft gut. Aber der Dank war, dass ich dabei mich selbst und damit auch meine Worte verlor. Verlustängste sind so wunderbar irrational, weil man ja hat, was man zu verlieren glaubt. Aber dass daraus die Realität des tatsächlichen Verlusts erwächst, ist wohl die schlimmste alle Strafen. Strafe…ein merkwürdiges Konstrukt, denn eine Strafe wird von einem Etwas verhängt und was für ein Etwas sollte es sein, das mich strafen wollte? Das Universum? Dafür war ich viel zu unbedeutend. Wäre es nicht sinnvoller, wenn man einem Tyrannen die Macht raubte, statt mir meine Worte? Also wenn es nicht das Universum war, dann blieb da nichts für mich. An Gott glaubte ich nicht und wenn ich so darüber nachdenke, dann glaubte ich auch nicht daran, dass es im Universum eine Macht gab, die meine Wortfindung steuern konnte. Also saß ich da und blickte auf den weißen Bildschirm und den blinkenden Strich, der mir sekündlich die Aufforderung sendete, endlich anzufangen. Aber was wusste der schon vom Schreiben, der ließ sich lässig von jedem meiner Buchstaben über den Bildschirm schieben. Ja, der hatte seinen Spaß, während ich schrieb und jetzt – ja jetzt war er vermutlich gelangweilt und fragte sich, ob er eingerostet war. So ein Arsch. Allerdings stellte sich auch die Frage, warum ich überhaupt schreiben sollte. Es war schon alles gesagt, so schien es mir. Hie und da wollte jemand schockieren und manchmal funktionierte das sogar, aber der große Wurf, der war schon geworfen und warum sollte da irgendjemand mein Gestammel lesen wollen. Das war ja auch irgendwie beruhigend. Es würde wenigstens niemanden stören, dass diese eine Stimme verschwunden gegangen war.

Haarige Angelegenheiten

Ich hatte mich an die Gesetze gehalten und wurde doch bestraft. In manche Situationen gerät man einfach – da kann man nichts gegen machen. Ich war in der sechsten Klasse und meine Mutter schnitt mir bis dahin immer die Haare. Ich vertraute ihr, obgleich sie mir einmal ins Ohr geschnitten hatte. Sie hat das bis heute nicht vergessen können, während es für mich eine Erinnerung ohne Emotion ist. Ich denke, dass es nicht so tief ins Fleisch ging, denn es gibt weder eine Narbe noch sonst ein Anzeichen jener Wunde. Mein Vertrauen hatte sie deswegen nicht verloren. Vielleicht auch weil ich wusste, dass dieser Schnitt ihr mehr weh getan hatte, als mir. Womöglich hatte sie die Schmerzen verspürt, die ich hätte spüren müssen, wer weiß. Auf jeden Fall war es ihre Sache, mir die Haare zu schneiden, denn damit fühlte ich mich wohl. Wenn ich mir die Fotos früherer Tage so anschaue, hat sie es schon ganz gut gemacht. Ich fühlte mich nie schön mit diesen hässlichen Brillen, die ich trug und da war der Haarschnitt eh egal. Oder eben auch nicht. Meine Frisur wurde von meiner Mutter gemacht und das war gut so.

Nun ergab es sich, dass sie auf einer Dienstreise war und meine Haare dennoch geschnitten werden sollten. Da mein Vater ein pragmatischer Mensch ist, nahm er die Sache in die Hand. Vermutlich wusste er, dass er mit Kamm und Schere nichts Gescheites zustande bringen würde und so nutze er den Haartrimmer. Ich denke, dass er das ganz praktisch fand: Es würde schnell gehen, sauber aussehen und für die nächsten Wochen wäre es mit dem Haarschneiden vom Tisch. Er ließ den Trimmer lärmen und ich sah auf dem Boden, wie sich Haarbüschel häuften. Schon erstaunlich, wie viele Haare das dann sind, wenn man sie zu einem Haufen kehrt. Beim Blick in den Spiegel erschrak ich. Das war nicht ich, den ich da anblickte. Ich weinte, denn ich wusste, dass es keinen Ausweg aus der Situation gab. Die Haare waren ab.

Am nächsten Tag ging ich zur Schule. Es war kühl am Kopf und ich behielt meine Kapuze auf, um ihn zu wärmen. In der Schule angekommen, setzte ich die Kapuze nicht ab. Die ersten zwei Stunden vergingen und nichts geschah. Die Hofpause überstand ich und auch in den folgenden zwei Stunden störte sich niemand an meiner Kopfbedeckung, die mir so viel Sicherheit gab. Es gab Mittagessen und wir versammelten uns im Esszimmer. Es gab bei uns keine Kantine, dafür war die Schule viel zu klein. Ich aß mein Essen und redete mit meinem besten Freund. Der ganze Raum war im typischen Lärm, der entsteht, wenn Kinder essen und dabei ein wenig reden. Der Lärm wurde jedoch von einem Moment auf den nächsten durch eisige Stille ersetzt, als mich eine Lehrerin ermahnte, meine Kapuze beim Essen abzusetzen: „Du setzt die Kapuze ab oder du darfst nicht essen!“, forderte sie. Nun war diese Lehrerin nie für mich verantwortlich gewesen, aber sie war niemandem unbekannt. Sie war streng und man hatte Angst vor ihr. Ich hatte sowieso Angst. Das hatte ich eigentlich immer, aber bei ihr nochmal mehr. Ich war nie ein Rebell gewesen und ich widersprach auch nie, sondern tat immer wie mir geheißen. So auch in diesem Moment: Ich schob meinen Teller von mir weg und erfüllte damit die gegebene Anweisung. Es hätte damit gut sein müssen, dachte ich mir. Immerhin hieß es in den Werbematerialien der Schule immer, dass man hier angstfrei lernen könne. Nun ja, zumindest durfte ich nicht angstfrei essen. Denn es war mit dem Wegschieben des Essens nicht getan. Das würde die Autorität der Lehrerin untergraben. Dass sie das aufgrund ihrer schwammigen Aussage selbst zu verantworten hatte, war ihr vermutlich gar nicht bewusst. Sie hatte wohl schon vergessen, dass sie sagte: „Du setzt die Kapuze ab oder du darfst nicht essen.“ Ich war mir keiner Schuld bewusst. Aber sie forderte mich wieder auf, die Kapuze abzunehmen. Mir standen Tränen in den Augen, denn ich wollte diese Scham nicht. Ich wollte nicht im Mittelpunkt dieser Situation sein und ich wollte meinen fast kahlen Kopf nicht präsentieren. Aber schlussendlich tat ich, wie mir befohlen wurde. Die Lehrerin schwieg und die Tage und Jahre vergingen.

Ich habe diese Situation nicht vergessen und ich ärgere mich darüber. Mich ärgert, dass ich nicht gegen die Lehrerin angekämpft habe. Im schlimmsten Fall wären wir zum Rektor gegangen. Ein gutherziger Mann mit großem Bauch. Er hätte mir natürlich erklärt, dass es diese Regel gäbe und dass er verstehen würde, wenn ich mich für die Frisur schäme, obgleich er dafür gar keinen Grund sehe, weil ich damit auch schön aussehen würde. Und danach hätte er sich zu zweit mit der Lehrerin unterhalten und sie gefragt, was mit ihr eigentlich nicht stimmen würde, einen jungen Schüler so vorführen zu wollen.

Ich musste irgendwann jene Kapuze absetzen, das war unvermeidlich, ich hätte nicht über Wochen so rumlaufen können. Ich bin auch nicht betrübt darüber, dass man mir in einer gewissen Weise Leid zufügte, indem man zuerst die Haare abrasierte und mich dann später dafür in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte und mich dort leiden ließ. Ich denke, dass ich daran gewachsen bin. Aber ich hätte noch weiterwachsen können. Ich hätte aufstehen können und mich gegen eine falsche Behandlung wehren müssen, damit sie nach mir womöglich nicht nochmal jemanden traf. Ich komme heute manchmal in Situationen, in denen ich auch die Wahl habe, ob ich sitzen bleibe oder aufstehe. Ich muss eigentlich nie für mich aufstehen und ich hoffe, dass ich gelernt habe immer für Andere aufzustehen.

Kontaktlos

Mir lief das Wasser im Mund zusammen, als ich auf das käseüberbackene Brötchen sah, welches die junge Frau hinter der Theke auf meinen Wunsch hin in die Tüte packte. Ein Brot und jenes Brötchen für den Start in den Tag. Ich folgte der Frau zur Kasse und hörte zugleich, wie ein anderer Kunde zur Kollegin der jungen Frau „Kontaktlos“ sagte. Er sagte es einfach so und ich fragte mich, ob die Dame die Brötchen nicht anfassen sollte. Sie schien sich die gleiche Frage zu stellen, denn sie sah ihn entgeistert an. Dann zeigte der Mann auf seine Uhr und wiederholte: „Kontaktlos.“ Er ergänzte: „Das hat letzte Woche auch schon geklappt.“ Ich ließ mir Zeit beim Bezahlen und zählte mein Wechselgeld so ab, dass ich genau 15 Euro zurückbekommen würde. Der technikaffine Kunde neben mir pochte darauf, dass es klappen müsste, indem er wiederholte: „Letzte Woche hat es aber geklappt.“ Die Verkäuferin jedoch bat ihn um Verständnis, sie wüsste nicht, wie das gehen würde, obgleich sie ordentlich auf der Kasse rumhämmerte. Ich bekam mein Rückgeld und verschwand aus dieser morgendlichen Szene beim Bäcker. Als ich Richtung Arbeit radelte, fragte ich mich, ob wir alle die Fähigkeit zu reden verlieren werden, wenn wir diese Uhren und die nächsten Gimmicks tragen, denn das wird wohl kommen.

Einmal Wort- und Kontaktlos bitte.

Verloren

Ich fühlte mich wie ein Verlierer. Ich war gescheitert und das Leben hing an mir wie eine Klette. Warum ich nicht einfach gehen konnte, wollte mir nicht einleuchten. Zu ängstlich für den Suizid und zu lebensmüde, um mich aufzurappeln. Ich mochte den Tag nicht und als das Telefon klingelte, stand ich nur widerwillig auf. Auf dem Display stand die Nummer meiner Oma. Ich wollte nicht telefonieren, aber ich wollte sie nicht umsonst angerufen haben lassen. Sie grüßte mich und fragte mich, ob ich sie mal wieder besuchen wollen würde. Ich erklärte ihr, dass es gerade nicht so passte. Vom Geld her und auch sonst gerade nicht. „Aber dir hat doch das Meer immer so gutgetan“, sagte sie und die Erinnerung überkam mich, wie ich als kleiner Junge mit einer Lungenkrankheit kaum atmen konnte, bis ich einige Wochen ans Meer zu ihr fuhr. Ich versprach ihr, dass ich es mir überlegen würde. Wir sprachen noch über dieses und jenes, aber in meinem Kopf erinnerte ich mich, wie ich damals dachte, sterben zu müssen und dann war ich einfach vollkommen geheilt. Mir kam in den Sinn, wie ich viele Jahre später eine sehr seltene Hautkrankheit erlitten hatte, die mich auch nur um ein Haar hat überleben lassen. Und meine Geburt war eh pures Glück. So schnell wie ich auf die Welt kam (einen Monat zu früh) wollte ich auch wieder verschwinden. Als ich es dann geschafft hatte, meinten die Ärzte, dass ich wohl nicht zu besonders viel zu gebrauchen sei. Meine Oma und ich beendeten das Telefonat und ich sann nach: Ich war ein Gewinner. Ich war auf dieser verdammten Welt. Ich war das erste Spermium und ich war noch immer da. Man sagte mir, ich könne nichts und ich wäre ihnen fast auf den Leim gegangen und hätte es geglaubt. Jetzt erkannte ich den Fehler, ich war zu einer ganzen Menge zu gebrauchen. Mir kam ein Lächeln über die Lippen. Ich suchte nach einer günstigen Verbindung zu meiner Oma, fand eine in drei Wochen und buchte diese. Dann nahm ich mir das Telefon und rief sie wieder an.

Herzensangelegenheit

Hallo,

heute geht es mal nicht literarisch zur Sache, aber dafür um die literarische Sache. Es geht um einen Schreibwettbewerb und um ein Buch.

Ich bin Mitglied der Gruppe Literally Peace und diese ist momentan mit dem Crowdfunding-Projekt Words of Hope auf der Suche nach Unterstützern. Es geht gar nicht um „Big Spender“, sondern eher um die kleinen Münzen, die man so rumzuliegen hat. Wir wollen einen Schreibwettbewerb in Syrien und Deutschland starten und die Gewinnertexte sollen in einem Buch publiziert werden.

Und nun komme ich zu euch. Meine lieben Leser: Wenn euch das Projekt interessiert, klickt auf den Link und schaut euch mal an, was wir so vorhaben. Und dann lasst noch 5€ da als Unterstützung. Stärkt den Dialog und schafft die Basis für eine schöne Idee.

Vielen Dank an euch

Ben

Drehverschluss

Ich kniete vor der Flasche Rotwein. Sie hatte einen Verschluss aus Kork und alles was ich zum Öffnen fand, war der silberner Abklatsch eines Schweizer Taschenmessers. Es war das Werbegeschenk der Firma, in der meine Mutter arbeitete. Ich nickte dem silbernen Griff zu: „Glück auf!“

Der Korken ließ sich wunderbar leicht herausziehen, da musste ich schon ganz anders kämpfen, nachdem ich früher von all den Drehverschlüssen verweichlicht worden war. Okay, der Drehverschluss war nur die Spitze des Eisbergs eines Menschen, der in einer Gesellschaft lebt, die keinen Finger mehr rühren möchte, aber sich über Schmerzen des Körpers beschwert, der keinen Muskel mehr trainieren muss, außer jenen im Daumen.

„Deutschland schafft sich ab“, meinte Sarrazin, aber in Wahrheit schafft sich eine bequem gewordene Gesellschaft ab, die sich auf einen Porno einen abwichst und denkt, damit Sport betrieben zu haben. Machen wir uns nichts vor: Wir vergessen unsere Körper natürlich zu bewegen. Wir laufen zumeist in bequemen Schuhen und tragen Klamotten, die unseren Wärmehaushalt regulieren. Und würden wir dies nicht tun, so hielten wir uns noch immer in geheizten oder gekühlten Räumen auf.

Unser Menschsein hat sich gewandelt von einem Wesen, das sich viel bewegt und sich den äußeren Einflüssen aussetzt zu einem Wesen, das allein vor seinem Bildschirm sitzt oder liegt und darauf starrt. Wir schaffen uns nicht durch die Menschen ab, die zu uns kommen. Wir schaffen uns dadurch ab, dass wir nicht mehr leben. Wir könnten jeden Tag mit Menschen verbringen, die uns mögen und die wir mögen-. Stattdessen suchen wir auf einem Bildschirm in unserer Hand nach einem Gesicht, das uns gefällt und erregt – mit dem wir vögeln wollen.

Den Wein habe ich geöffnet bekommen und in ein passendes Glas gegossen. Sein Wert sollte nicht nach seinem Verschluss bestimmt werden, aber dieser war seinen Korken wert.