Sei kein Frosch

Letzte Nacht begegnete ich nach einem Strandspaziergang einem kleinen Frosch, der todesmutig die Straße überquerte, aber auch anständig still hielt, um fotografiert zu werden.

Er erinnerte mich daran, dass ich selbst so eine Straße überquert hatte und mich in eine Unterwassergondel begeben hatte.

Hier sieht man sie gerade unter Wasser.

Im Innern sah man dabei zu, wie das Wasser am Glas entlangschwappte und man immer tiefer eintauchte.

Allerdings waren die Quallen die einzigen Wasserwesen, die sich zeigten und auch den Meeresboden konnte ich nicht erkennen, dafür war der Sand vermutlich zu aufgewirbelt und es fehlte ja auch so ein Meter bis zum Grund.

Nach gefühlt zehn Minuten ging es bereits wieder aufwärts (in Wahrheit waren es 35 Minuten Tauchzeit).

Ich hatte vor diesem Ausflug keine Angst. Zudem wurde man als Fahrgast darauf aufmerksam gemacht, dass es einen Notausstieg oberhalb der Kuppel gibt und man ohne nass zu werden wieder nach oben kommt. Ich muss gestehen, dass ich mir mehr von der „Fahrt“ erhofft hatte, doch ich war auch nicht enttäuscht, da ich bestens vom „Moderator“ unterhalten wurde. Ein kleines zusätzliches Highlight eines Urlaubs, der voll von diesen wunderbaren Momenten ist, die ich einfach nur als wertvoll betrachte. Für die Fans der literarischen Einträge gibt es hier eine Entwarnung, die kommen jetzt auch wieder, aber es war mir danach, ein wenig aus meinem wahren Leben zu berichten.

Käseglocke

Es war schön, ins Meer zu gehen und den Kopf unterzutauchen. Es ist wie eine Decke aus Wasser, die ich mir über den Kopf ziehe, doch zugleich steigt jede Millisekunde unter Wasser mein Puls und ich verspüre eine Panik. Es ist die Angst, keine Luft zu bekommen, die mir sehr schnell wieder auftauchen lässt. Kaum etwas ängstigt mich mehr, als eine Person, die andeutet, mich unter Wasser drücken zu wollen. Da verstehe ich tatsächlich keinen Spaß. Es wäre wohl ganz anders, wenn ich frühzeitig das Schwimmen und das Tauchen erlernt hätte, aber das habe ich nicht und eine der wenigen Erinnerungen aus meiner Kindheit ist es, wie mir tagsüber die Luft wegblieb und ich zu ersticken drohte. Es ist wohl so eine Art Urangst für mich geworden, was sehr schade ist, weil mich die Welt unter Wasser so fasziniert. Das ist so eine Art Weltraum, nur in greifbar. Und nun plane ich, mich in eine übergroße Käseglocke zu setzen und unter Wasser zu gehen. Ich erhoffe mir eine tiefe Ruhe dort unten, ja ich freue mich darauf. In solchen Situationen bleibe ich ruhig und entspannt, obgleich ich mich frage, warum ich gerade da nicht in eine sehr berechtigte Panik ausbreche, wer ist schon so verrückt, sich unter eine Käseglocke zu setzen und unter Wasser zu gehen? Ich werde so verrückt sein und ich freue mich darauf.

Podcast online

Neben dem Schreiben bzw. Lesen gibt es mich auch auf der Improtheaterbühne für das Ensemble „Damenwahl“ zu sehen. Das mit uns befreundete Team von „Frauen auf See“ hat einen Podcast in dieser Coronazeit gestartet. In der Folge „Ede bleibt im Nest“ durften wir uns anhand von einigen Fragen ab Minute 11 (ohne Anmoderation ab Minute 13:15, aber die ist viel zu schön, um sie wegzulassen) vorstellen. Wer Improtheater kennt, der wird merken, dass wir unsere Antworten in der Art von Spielformen dargereicht haben.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Anhören.

Rückblick und Ausblick

Der Juni ist vorbei und mit ihm meine selbst gesetzte Aufgabe, an jedem Tag einen Text zu schreiben. Die Auswertung sagt: Insgesamt 28 von 30 Texten, wobei einer erst verspätet hinzukam. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, die Texte zu schreiben und es war ein enormer Antrieb, die Reaktionen von euch zu erhalten. Die Texte nur für mich selbst zu schreiben, wäre mir schwer gefallen, aber ihr gabt mir Antrieb. Ich möchte dieses Experiment fortführen, vielleicht nicht mit der Strenge, die ich mir für den Juni auferlegt hatte, aber doch regelmäßig. Es gab im April bereits eine Möglichkeit im Rahmen des NaPoWriMo für mich, jeden Tag zu schreiben, doch ich schaffte es nicht einmal, es macht mich daher umso glücklicher, dass es diesen Monat gelang.

Als gestern mein Projekt endete. Jährte sich zum ersten Mal auch meine Vorstandmitgliedschaft im Verein „Literally Peace“. Ich habe dort ebenfalls einen Antrieb für mein literarisches Schaffen gefunden und ich lade euch herzlich ein, uns auf Instagram oder auf Facebook am 3.7. um 20:00 Uhr bei einer Onlinelesung zu besuchen. Ich nehme selbst Teil an jener Lesung.

Dieser Blog besteht seit 2014 und in den ersten beiden Jahren war ich sehr ambitioniert. Ich verlor aus persönlichen Gründen die Lust am Schreiben und versteckte mich. Es ist ein schönes Gefühl wieder am Leben zu sein. Die aktuellen Zeiten sind für viele Menschen nicht leicht: Isolation, Depression, Zukunftsängste…es ist Sommer und der hilft vermutlich, denn das heitert das Gemüt auf. Dennoch merke ich gerade jetzt, wie wichtig es ist, dass wir aufeinander aufpassen. Jeder sollte für sich überlegen, was das Leben lebenswert macht. Für mich ist es die Menschlichkeit und das Miteinander. Ich brauche keine materiellen Güter oder ein übervolles Konto (auch wenn das hin und wieder helfen würde, aber ihr wisst ja: Manche Menschen sind so arm, die haben nur ihr Geld). Was mich morgens aufstehen lässt, sind die lieben Menschen um mich herum. Sich gegenseitig zu helfen, zu unterstützen und ein offenes Ohr und Herz zu haben, danach strebe ich.

Ich hoffe, dass ich mit meinen Worten hier hin und wieder anrege. In jeglicher Form. Ich freue mich zumindest über das bisherige Feedback, da gab es Zu- und Widerspruch. Beides half mir zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Solange wir miteinander reden, können wir weiterhin eine schöne Welt schaffen.

Kommen und gehen

Und alles lief davon. Kein Grashalm drehte sich um, kein Baum verabschiedete sich. Alles flog vorbei und hatte es enorm eilig, um hinfort zu ziehen. Der Wind strich über die Gräser, als würde er sanft über die Haare auf dem Kopf eines kleinen Kindes streichen. Behütend. Doch mir blieb nur der Abschied, während ich im Zug saß. Leb wohl, grünes Gras! Leb wohl, Baum! Leb wohl, Feld! Leb wohl, Bahnhof! Leb wohl, Bahnübergang! Leb wohl, Schranke! Leb wohl, all ihr Menschen dort draußen! Ich sagte „leb wohl“ und nicht „auf wiedersehen“. Ich bin da ehrlich, denn wer weiß, ob wir uns nochmal wiedersehen werden. Oder pessimistisch, ich gehe immer davon aus, dass man nicht nochmal das Glück hat, sich ein weiteres Mal zu begegnen. Zu viele Menschen kamen und gingen und kamen nicht wieder. Das ist in Ordnung so. Wir Menschen sind so. Wir haben einen Moment, in dem wir uns begegnen. Manchmal sind es nur einige Minuten. Manchmal Tage oder Wochen und manchmal Jahre. Aber irgendwann geht jeder wieder seines Weges. Es hat etwas beruhigendes. Es ist die Gewissheit, dass das Leben so ist.

Eine kleine Reise

Es ist nur eine kleine Reise in die Heimat. Der Besuch des Vaters und doch merke ich die Anspannung, und die Gedanken kreisen um den Grund meiner Heimreise. Wir verabschieden uns von meinem Opa. Wir haben nie wirklich eine Verbindung gehabt und ich wollte darüber auch nicht schreiben, denn ich möchte keine wohlwollende Reaktion erzeugen. Ich weiß, dass ihr Leser:innen mir wohlgesonnen seid und mir euer Beileid aussprechen mögt, dies dürft ihr gern machen, aber das ist nicht der Grund für diesen Eintrag.

Es ist merkwürdig, dass ich nicht greifen kann, was mich nicht loslässt. Etwas arbeitet in mir und ich schaffe es heute nicht, einen Text aus dem Nichts zu erschaffen. Heute blockiert mein Kopf und so schreibe ich ganz ehrlich und persönlich und ohne jede Poetik.

Ich fühle mich unwohl. Ein Leben endete und das ist in Ordnung. Es kam nicht überraschend und ich bin mir sicher, dass diese Ruhe gut ist. Was könnte ich von ihm erzählen? Nichts. Womöglich ist es das. Womöglich erschreckt mich, dass ein mir so nahes Familienmitglied mir so fern sein konnte.

Dafür werden wir zusammenkommen. Die Familie meines Vaters wird sich treffen. Wir werden gemeinsam trauern und vermutlich am Abend ein klein wenig feiern. Das wäre zumindest ganz im Sinne meines Opas. Vielleicht wird es auch ein ruhiger Abend werden. Vielleicht werde ich diese Tage brauchen, um zu erkennen, was mich umtreibt.

Der blinde Fleck

Ich habe mit mir gerungen, ob ich diesen Text hochladen soll, nicht etwa, weil er Denkfehler von mir aufzeigt, die mir unangenehm sind, sondern weil ich mich frage, ob ich mich dadurch in den Mittelpunkt eines Themas setze, über welches andere Menschen besser berichten können. Ich entschied mich für die Veröffentlichung, weil diese Denkfehler jedem passieren können und weil wir nur dann beginnen, an uns und unseren Fehlern zu arbeiten, wenn wir sie erkennen und sie zugeben.

Es ist zwanzig Jahre her, da sah ich das schwarze Buch mit dem großen X darauf. Mein Bruder hatte es gelesen und ich war fasziniert. Also lass ich es, nein ich verschlang es. Ein Buch über das Leben von Malcolm X. Und fortan war es mein Thema. Mein bester Freund machte Jahre später sein mündliches Abitur in Englisch über Rassismus, ohne es einmal gelernt zu haben, weil ich ihm über die Jahre die Ohren vollgeschwallt hatte. Als mir bewusst wurde, dass ich mit einer „pro black“-Einstellung positiven Rassismus betrieb, ärgerte ich mich, denn ich wollte wieder so sein, wie die Kindausgabe von mir, die nicht verstand, was das Besondere an den zwei Nachbarskindern war, deren Hautfarbe mir nie bewusst war, nur, dass sie amerikanische Namen trugen. Nach der Schulzeit nahm meine Aufmerksamkeit ab und zurückblickend frage ich mich, ob ich damals dachte, dass es nicht mein Kampf sei und ich ihn deswegen nicht kämpfen müsste. Wie wenig hatte ich verstanden.

Vor etwa zehn Jahren passierte es, dass ich auf dem Basketballplatz meine Mannschaft bestimmen konnte. Ich kannte kaum jemanden und doch entschied ich mich für den einzigen POC und nach zwei Aktionen von ihm wusste ich auch, warum ich ihn gewählt hatte. Er spielte von uns allen am schlechtesten Basketball und mich erschreckte, dass es mich überraschte. Jeder andere Mitspieler hätte schlecht spielen können, aber bei ihm ging ich davon aus, ja verlangte es förmlich. Ich war also selbst ein Fehler in diesem System, merkte ich.

Ich habe mir mal gewünscht, farbenblind zu sein, so dass alle Menschen gleich aussehen. Vielleicht wird das irgendwann mal so sein oder vielleicht wird einfach jeder Mensch irgendeine Farbe schön finden, unabhängig von der eigenen. Aber aktuell ist das nicht die Realität. Meine Wünsche sind schön und gut, aber sie helfen nicht, sie reichen nicht aus. Ich muss mehr machen. Ich muss aktiv gegen die Fehler in mir vorgehen. Dafür muss ich zuhören und verstehen. Und ich muss meine Position nutzen, um die Welt besser zu machen, das ist die Pflicht, die mit meinen Privilegien einhergeht. Ich kann besser sein.

Die Macht abgeben

Was ist es, das uns die Macht über uns selbst abgeben lässt. Die Bewertung des eigenen Selbst überlassen wir uns selbst und doch ertappe auch ich mich hin und wieder dabei, dass es mich trifft, wenn jemand mich darauf hinweist, dass ich nicht das Gewicht habe, welches ich aus der Sicht jenes Menschen haben sollte. Es trifft und verletzt mich, obgleich ich weiß, dass es nichts auszusetzen gibt an dem, wie ich bin. Warum also gebe ich diese eigene Macht ab und überlasse sie einer anderen Stimme als der meinigen, damit sie über mein Wohlergehen entscheidet?

Warum ist die Meinung anderer Menschen uns wichtig? Liegt es daran, dass wir unser Selbstbild aus der Reflexion (bzw. aus der angenommenen Reflexion) Anderer beziehen?

Sich selbst unter Wert zu verkaufen und gleichzeitig sich selbst zu hoch zu heben. Mir scheint, dass diese Ambivalenz vielen Menschen innewohnt. Eine Art manische Depression des Selbstwerts.

Eine Erkenntnis allerdings habe ich bei all den umherschwirrenden Fragen: Mir fehlt das Laufen. Ein Muskelfaserriss zwingt mich dazu, die Beine hochzulegen und es tut mir nicht gut. Wir Menschen sind die geborenen Läufer. Wir sind nicht fürs Sitzen, fürs Schlendern, ja nicht einmal fürs Gehen gemacht, sondern für das Laufen. Ich kann nicht auf Dauer verweilen. Ich muss los.