Im Zoo

Eingesperrt war ich. Seit meiner Geburt hatten sie mich in diese Betonwelt gesperrt und täglich rückte eine endlose Vielzahl an Gesichtern an meinem Käfig vorbei. Sie sprachen anmutig von mir als König der Tiere. Das stimmte nicht. Ich wusste es auch. Ich herrschte nicht und ich würde es auch niemals. Ich hätte es natürlich lernen können. Hätte mir mit Gewalt nehmen können, was mir durch meine Gewalt zusteht. Stattdessen schlage ich die Zeit tot, bevor sie mich totschlägt. Ich warte auf das Essen und bewege die ewigmüden Knochen von einer Seite zur anderen. Hin und zurück. Hin und zurück. Da gleichen wir uns wohl: Ich und die da draußen. Die machen auch nur hin und zurück. Sind sicher hinter ihrer Glasscheibe und haben verlernt, was sie von Natur aus können. Doch ist es nicht gut so, dass wir in Sicherheit hinter unseren Scheiben sind und wir statt unserer Natur die Vernunft regieren lassen oder vergessen wir uns dabei und verlieren dabei den Sinn des Lebens?

Ein kleiner Engel

Es war ein kleiner Engel, der da vor mir herum tapste. Goldene Locken und eine Windel, doch ansonsten nichts weiter. Seine Mutter und ich sprachen über die Vertrauensseligkeit, denn der Engel entschied sich, mir zu folgen, obgleich seine Mutter den Weg in die andere Richtung eingeschlagen hatte. Wir kannten uns nicht und doch sprach und gluckste der Engel mich an und zeigte mit seinem Finger, wo was zu finden oder zu erledigen sei. Ich war mir da nicht sicher. Ich schlug vor, dass ich in meiner Richtung schauen würde und der Engel sollte in seiner Richtung schauen, aber da habe ich zu sehr genuschelt, denn der Engel folgte mir und blieb dann unschlüssig vor einem mit Holz vertäfelten Garagentor stehen.

Es ist schon spannend zu sehen, wie der Mensch sein könnte, wenn er noch relativ frei ist von den antrainierten sozialen Verhaltensregeln und -normen. Dieses Vertrauen in eine fremde Person birgt eine Gefahr, aber wie schön wäre es, wenn es nicht so wäre. Wie schön wäre die Welt, wenn wir jedem anderen Menschen vertrauen könnten und wir mit jedem Menschen unseren Weg gemeinsam beschreiten und dadurch immer wieder auf neuen Pfaden wandeln würden. Wenn wir kein „Die da“ kennen würden. Ich schimpfe nicht auf die Welt oder meckere. Ich träume nur zu gern davon, dass wir alle solche Engel geblieben wären. Das ist ein schöner Traum.

Wegradiert

Es waren nur wenige Worte, doch sie trafen nicht den Kern der Gedanken. Einige Male hatte ich den weißen Radiergummi über das Blatt gerubbelt und das Grafit löste sich. Dennoch waren die tiefen Spuren zu erkennen. Es fehlte ihnen nur an Farbe. Sie waren tief ins Blatt gefurcht, wie ein Tal in ein Gebirge. Selbst auf den folgenden vier Blättern ließ sich erkennen, was ich geschrieben hatte, doch es war nicht richtig, ich wollte nicht, dass es irgendwer einmal lesen könnte. Die Worte stimmten so nicht, sie verfälschten den Ur-Gedanken. Wie kann es sein, dass ich etwas denken kann, dieses aber nur unzureichend formuliere? Es müsste sich doch alles genauso schreiben lassen, wie ich es denke. Oder zeichnen, warum kann ich den Gedanken nicht zeichnen? Ich begann das Papier zu zerknüllen. Jede der fünf Seiten und ich ließ mir Zeit dabei. Immer wieder knetete ich sie neu durch und das Papier wurde weich. Es war, als würde ich ein dünnes Trockentuch in den Händen halten. Die tiefen Spuren waren nicht mehr auszumachen. Alles war nun wild durchfurcht und gleichzeitig weich. Ein Urzustand, so schien es mir. Ein Zustand ohne gebügelte Ordnung und ohne Strich und Punkt. Das waren meine vier Meisterstücke, die ich mir an die Wand hing, denn sie enthielten meine Gedanken. Weiß auf weiß.

Triebwerk

Wie haben wir das eigentlich zustande gebracht, dieses Drehen. Wie schafft es ein Motor mehrere tausende Umdrehungen in der Minute zu vollführen, das ist für mich nicht im Ansatz vorstellbar. Es tönt laut und schrill und das Flugzeug steht still, während die Triebwerke hochfahren. Dann lösen sich die Bremsen und wir Menschen fliegen.

Ich sehe mich als Läufer. Ich bin kein guter Schwimmer. Sitzen nervt mich auch irgendwann. Liegen ist mir genehm. Aber ich kann nicht fliegen. Ich saß nur wenige Male im Flugzeug und fand es immer sehr spannend. Ich hatte nie Angst, nur einmal hatte ich eine Art Schüttelfrost, aber das lag wohl einfach an der Kälte des Klimas und am Platzmangel, der behagt mir nicht.

Es zeigt sich, dass es gar keinen Grund für diese ganzen Flugreisen gibt. Unsere Technik lässt uns jederzeit überall sein, wenn auch nur virtuell. Natürlich ist es eine ganz eigene Sache, einen Ort in echt zu entdecken. Mir scheint nur, dass wir oftmals uns selbst suchen und vor Ort auch nur das wahrnehmen, was wie bereits kennen. Und doch muss dieser Urlaub einmal im Jahr sein. Er scheint gesellschaftlich ebenso fest verankert wie das Haus, das Auto undsoweiterundsofort. Ich finde es schön, wenn mir meine beste Freundin von ihrer Reise nach Nordkorea oder in den Iran erzählt, denn sie gibt mir neue Einsichten, die mir verborgen blieben ohne ihr Wissen. Es gibt diese Reisen, die einem vom Leben erzählen und es gibt Reisen, die nur in der Sonne am Strand stattfinden. Ich liebe das Sonnenbaden und diese Auszeit von ein bis zwei Wochen ist für die meisten Menschen eine tiefe Freude. Nur stellt sich mir die Frage, wovon man im Leben immer wieder diese Auszeit benötigt? Ist der Job und das Leben so schlimm, dass man diese Auszeit braucht? Warum ändert man dann nicht Job und Leben? Weil dann das Geld für den Urlaub fehlt? Es gibt die Gleichung auch für die Gesundheitsversorgung. Da geht man nur arbeiten, damit man sich den Besuch beim Arzt leisten kann, den man aber häufig braucht, weil einen der Job krank macht.

Und so dröhnt das Triebwerk des Flugzeugs und bringt uns kein Stück weiter. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, vor uns selbst davonzulaufen.

Gleichgewicht

Uns Menschen zeichnet aus, dass wir aus dem Nichts etwas erfinden können, dachte ich früher. Aber natürlich stimmt das nicht. Jede Erfindung ist nur eine Umwandlung oder Abänderung einer bereits gemachten Erfindung. Und so versuche ich an den Anfang zu gehen. Ab wann benutzte man den ersten Gegenstand, um etwas mit ihm zu machen? Und wann kam man auf die Idee, diesen Gegenstand zu verändern, damit er noch besser funktionieren würde. Ich komme zu der Frage, ob wir bisher alles erfunden haben, was wir erfinden konnten oder ob es eine grundlegende Sache nicht geschafft hat von einer Idee in eine Sache verwandelt zu werden.

Was wäre, wenn wir kein Rad erfunden hätten? Klar, dann gäbe es auch keine Autos, Fahrräder, Uhren…nein, dann gäbe es auch all die Dinge nicht, die zwar selbst kein Rad brauchen, aber deren Herstellung oder Transport ein Rad benötigte.

In den Science-Fiction-Büchern und -Filmen sind die Außerirdischen immer sehr human dargestellt. Wir sind nicht fähig, Wesen zu erschaffen, die wir in einer abgewandelten Form bereits kennen. Das finde ich sehr spannend, denn was hat sich der Mensch alles nicht denken können, was für uns heute alltäglich geworden ist.

Und doch ärgere ich mich, denn wir nutzen unseren Drang nach Wissen und Erforschung oftmals nicht human bzw. zum Wohle der gesamten Menschheit. Die Natur arbeitet anders. Sie ist nicht explizit wohlwollend, aber sie ist nicht vernichtend. Und so wundere ich mich, dass wir atomare Spaltung entdecken konnten und daraus Energie und Waffen ziehen, aber gleichzeitig sehr desinteressiert am gegenteiligen Effekt interessiert sind, also wie man Strahlung wieder verringert. In der Natur entstehen Pilze, die die Strahlung überstehen und sich sogar von ihr ernähren. Gleiches gilt für Plastiksorten, die wir nicht recyceln können und die von Bakterien zersetzt werden. Und wieder einmal sind wir doch nur die Urzeitmenschen, die abschauen müssen und die deswegen verstehen sollten, dass sie keine Ahnung haben. Wir haben keine Ahnung, wie Natur funktioniert und jeder Versuch, sie zu kopieren ist und bleibt artifiziell. Dieser Planet und sein Ökosystem sind von uns nicht kopierbar. Es wurde versucht und man scheiterte. Wir leben in dem Glauben, dass das schon alles irgendwie funktionieren wird. Und ja, das ist auch so, die Natur scheint sich um die Ungleichgewichte zu kümmern. Bleibt nur die Frage, was sie für uns bereithält, jene, die sich nicht ums Gleichgewicht kümmern.

Diese Gedanken kamen mir durch ein Gespräch mit der Autorin des Blogs List od Szarlota W. ich danke dir für deinen Input.

Wege und Stege

Ich liebte den täglichen Weg über die Fußgängerbrücke. Es ist gar keine Brücke, es ist ein Steg, so steht es im Namen. Ich kannte Stege immer nur als diese Holzkonstruktion zwischen Boot und Ufer, aber man lernt ja nie aus. Dieser Steg war aber nicht aus Holz, sondern aus Beton gegossen und links und rechts gab es grünliche Geländer, auf die ich mich bequem lehnen konnte. Das wirkliche Highlight war aber, dass sie ein wenig schwang. Man bekam immer das Gefühl, als würde man auf einem Schiff stehen und es ist ja auch so ähnlich. Ein Boot fährt von einem Ufer zu einem anderen und dieser Steg führte von einem Ufer zum anderen.

Es springen von hier aus sogar Menschen in den Fluss. Ich habe es nie gesehen und wenn ich so ins Wasser hinabblickte, erschien es mir geradezu wahnsinnig, aber dennoch wurde es getan. Ein wenig Verrücktheit schadet wohl nicht. Man sagt ja sogar Genies nach, dass sie ein wenig verrückt seien. Ich kann es nicht beurteilen, ich kenne kein Genie. Oder doch?

Wann und wie
wird ein Mensch zum Genie?

Vielleicht ist es eben gerade das: Man geht über diesen Steg, doch statt stur geradeaus zu gehen, dreht man sich nach links, hievt sich auf die Brüstung und springt ins Wasser. Und dann kommt man irgendwoanders heraus. Ein Geniesprung. Hin und wieder sollte man diesen Sprung wagen, scheint es mir. Hin und wieder sollte man dem Kopf die Möglichkeit geben, dass 3 mal 3 gleich 6 gibt, Lady Langstrumpf würde mir zustimmen.

Das andere Ende

Der Sog lässt nach und es ist Ruhe eingekehrt. Dir begegnet ein Lächeln und die Bitte um Hilfe. Ein schwarzes Loch, das dich komplett verschlingt, gibt es nicht. Es zieht dich in sich, um dich wieder herauszuwürgen und auszuspeien. Der Vorgang ist wenig schön, er ist sogar beängstigend eklig. Doch es passiert. Eine Hand, die um Hilfe bittet, ist eine, die dir gereicht wird. Und du greifst danach und ziehst zögernd, zaghaft. Und jeder Happen schmeckt wie ein Festmahl. Jeder Atemzug lässt dich minutenlang die Luft anhalten. Jeder Augenblick wird kostbar.

Hier geht es zum ersten Teil „Das schwarze Loch“

Das schwarze Loch

Es war ein schwarzes Loch und es war dabei mich einzusaugen. Unaufhaltsam und mit einer Kraft, der ich nicht mehr entkommen konnte. Anfangs hatte ich noch gekämpft und mich gewehrt, doch irgendwann gab ich einfach auf, es war sinnlos. Alles war sinnlos. Es beginnt, dann passiert etwas und es passiert nichts. Und dann endet es. Warum einen Sinn für einen in sich abgeschlossenen Prozess suchen – er ist einfach da, das ist alles. Man kann lachen oder weinen, lieben oder ficken, leben oder sterben. Am Ende verschluckt dich das schwarze Loch und es ist gut so. Es bleibt nichts übrig und all die alltäglichen quälenden Gedanken versiegen.

Hier geht es zum zweiten Teil „Das andere Ende“

Das gute Gefühl

Es war ein erleichterndes Gefühl, für niemanden wichtig zu sein. Ich stellte das Telefon ab und ließ mich auf meine Couch sinken. Es war einer der wenigen Momente, in denen ich ganz bei mir sein konnte und für niemanden ein offenes Ohr haben musste oder irgendjemandem etwas schuldig war. Es war mein gottgegebenes Recht, allein zu sein. Was sollte das jetzt eigentlich mit Gott, an den glaubte ich nicht, zumindest nicht in der Form, wie er präsentiert wird. Irgendwas mochte es schon geben, aber dieses Es brauchte nicht meine Frömmigkeit oder mein Bekenntnis, um zu existieren. Ich brauchte diese Dinge ja auch nicht. Niemand betete mich an und niemand huldigte mir und das war das Schöne am Leben, dass ich einfach nur ich selbst sein durfte. Warum fiel den Menschen allein nur die Decke auf den Kopf, warum konnten sie nicht einfach die Decke anstarren und aufgrund der anhaltenden Ruhe glücklich sein? Warum mussten sie sich ständig produzieren und reproduzieren. Ständiger Verzehr und niemals wurde jemand satt. Die Menschen waren anstrengend, wenn man sie den ganzen Tag ertragen musste und so war es für mich nur selbstverständlich, dass man eine Auszeit von ihnen brauchte. Ich zumindest brauchte sie und ich nahm sie mir. Und es war ein gutes Gefühl.