Lesungseindrücke

Ich wurde gebeten, etwas zur Lesung zu schreiben, die ich am Samstag gehalten habe und so möchte ich das hier tun. Es wurde zwar Fotos geschossen, allerdings komme ich nicht so schnell an die Quelle, weswegen ich nichts in der Form beifügen kann.

Es verlief ein wenig unorganisiert, was aber normal ist. Laut Plan wollten wir 18 Uhr beginnen, jedoch fingen wir erst 18:15 damit an, den Raum herzurichten. Es gab zuvor Essen und da schmausten noch allerhand Leute, was dann später zu einer weiteren Verzögerung führte. Es gibt doch aber nichts schöneres, wenn man ganz ohne Hunger gemütlich beisammen sitzt und den Geschichten lauschen kann. Finde ich zumindest.

Wir waren zwei Leser und wussten von einer dritten Leserin, die sich als Joker entpuppte. Die erste Hälfte jedoch gestalteten mein Mitleser, ich nenne ich mal T., und ich gemeinsam und wechselten uns ab. Es war eine kurze, erste Hälfte, vielleicht 25 Minuten, die ich mit der ersten Hälfte des ersten Kapitels eines unveröffentlichten Romans (ich erwähne ihn hin und wieder mal und irgendwann gibt es ihn auch mal zu lesen. Versprochen) beendete. Die zweite Hälfte startete ich mit der Vorsetzung jener Geschichte und hörte kurz vor dem Ende der Erzählung, wie man flüsterte, dass es gruselig sei. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, denn ich wusste bereits, dass ein ganz fieser Cliffhanger folgen würde. Die Reaktion war entsprechend, denn es gab ein Stöhnen, dass ich gerade an der Stelle aufhörte. Ich übergab an unseren Joker und die las aus ihrem Buch vor, in dem sie berichtete, wie sie über Jahre ohne Geld lebte. Ich hatte anfangs Angst, dass es langweilig oder zu viel werden könnte, aber ganz im Gegenteil, das Publikum wollte noch mehr davon hören. T. und ich entschlossen uns, auf unsere weiteren Texte zu verzichten und so endete es mit den Erzählungen unserer Jokerin. Einfach grandios. Es war jeder eingeladen, etwas vorzulesen und ich hatte befürchtet, dass da womöglich auch großer Mist dabei sein könnte, stattdessen hatten wir da ein Highlight.

Wir wollten dann eigentlich eine Pause machen und womöglich noch Texte nachschieben, aber es folgte dann eher eine Partystimmung und so feierten wir, was eh der Plan gewesen war für den Anschluss. Es ging ein wenig drunter und drüber, was manch einen Menschen abschrecken könnte, aber mir gefiel es so. Es schafft mir die Möglichkeit, mich selbst nicht so perfekt anstellen zu müssen. So merkte ich erst nach dem zweiten Text, dass ich ständig direkt aufs Blatt schaute, welches auf dem Tisch lag. Keine schöne Pose, wenn die Leute einen anschauen und zudem verliert man einiges an Stimme dabei. Aber auch das war kein Problem und störte mich nicht. Perfektion erwartete niemand.

Eine Lüge und eine traurige Wahrheit

„Warum hab ich gerade Schluckauf?“, fragte die Fünfjährige ihre Mutter und während diese noch nach einer Antwort suchte, log ich dreist und behauptete, dass das passiert, weil ihr Vater gerade an sie denkt. Eine Lüge, die ich für legitim halte, erinnert sie das kleine Mädchen doch nur daran, dass er gerade womöglich auch zu Abend isst. Sie denkt an ihn und ich bin mir sogar sicher, dass er auch an sie denkt.

„Stimmt das wirklich, dass es schlechtes Wetter gibt, wenn man nicht aufisst?“ „Ja, aber deswegen helfe ich euch ja“, erklärte ich und ärgerte mich, dass ich schon ein zweites Mal an einem Abend flunkerte. Erst später überdachte ich jene Aussage und stellte fest, dass sie so falsch gar nicht ist, wenn man sie sinnbildlich betrachtet. Was wir so alles in Überfluss produzieren und wegwerfen, ohne es „aufgegessen“ oder „angerührt“ zu haben und befeuern damit die Unwetter und Naturkatastrophen.

Sei du selbst

Sei ganz du selbst, sagten sie. Diese Phrase, die nur allzu gern ausgepackt wird, als würden die Worte dadurch die Wahrheit sprechen oder als würden sie die benötigte Hilfe sein. Ich weiß gar nicht, wer dieses „ich selbst“ überhaupt sein soll, denn davon habe ich in den letzten Jahren so viele kennengelernt. Davon abgesehen bin ich ich selbst. Ständig, selbst wenn ich versuche, ein anderer zu sein, bin ich doch nur ich selbst.

Be-Sinnung

Neulich fragte ich mich, wie viele meiner Mitmenschen ich wahrnehme und die Anzahl ist erschreckend gering. Ich hielt es immer für menschlich, dass man sich selbst in den Mittelpunkt setzt, denn alles andere wäre ja nur ein theoretischer Natur, woher sollte ich denn wissen, wie ein anderer empfindet oder denkt? Aber ist das wirklich menschlich? Wenn ich so in die Natur schaue, dann sehe ich Tiere, die wissen, wie sich das Wetter ändert und die Erdbeben spüren können, lange bevor unsere Detektoren anspringen. Die Natur bekommt offensichtlich sehr viel mehr mit, als wir es tun, mit all unseren Erfindungen, die ja dennoch nicht unpraktisch sind, doch faulenzen unsere Sinne nicht, weil Maschinen ihre Arbeit verrichten?

Unterhaltung – das ist ein schönes Wort. Mir fällt als erstes ein Gespräch dazu ein. Aber ebenso all das, was wir allein konsumieren können. Ein Film auf dem Sofa oder Musik. Unterhaltung, das darf natürlich auch für einen allein vorhanden sein. Aber wenn ich den Menschen betrachte. Wenn ich überlege, was seine Besonderheit ist, so ist es die Fähigkeit zu sprechen und zu verstehen. Ein Film kann mich zum Denken und zum Verstehen anregen, doch kann ich mit ihm sprechen? Gut, das Internet macht mehr Kommunikation und Interaktion möglich, doch ist eine Unterhaltung wirklich der pure Austausch von Worten? Gehört da nicht die Präsenz des Gegenübers als Grundvoraussetzung dazu? So vieles kann falsch gesagt oder verstanden werden, doch eine Person zu berühren, sie anzulächeln und zu umarmen, das scheint mir wenig missverständlich.

Was wir geschaffen haben, sollten wir auch erhalten und auch die Forschung sollten wir nicht Einhalt gebieten. Es ist der Drang des Menschen, nach immer neuem Wissen. Dies ist ein Wesenszug, der auch nur ihm eigen ist und ihn zu verleugnen oder abstellen zu wollen, wäre falsch. Wir werden deswegen immer wieder auf neue Probleme stoßen, die der Menschheit so einiges an Kraft und neuen Ideen abverlangen wird. Doch das gehört dazu. Stattdessen sollten wir bei uns anfangen und um uns schauen. Wann brauche ich was? Warum brauche ich dieses etwas? Was bewirkt das in mir? Wir alle haben materielle Wünsche und die Erfüllung macht uns glücklich, meist nur für den Moment, aber auch dieses Glück ist deswegen nicht unecht oder unberechtigt. Wenn ich aber schaue, was mir selbst wichtig ist, so ist es die Nähe und der Austausch mit anderen Menschen. Ein Lächeln kostet nichts, aber verschenke ich es, so bekomme ich jenes Geschenk oftmals zurück. Und was ist das für ein Geschenk: Zwei Menschen, die sich anlächeln.

Der perfekte Moment

Wir suchen ja immer wieder nach dem perfekten Moment. Den perfekten Moment, um etwas zu beichten zum Beispiel. Aber ich suche doch einen anderen perfekten Moment. Er ist ähnlich verrückt, wie die Suche nach dem perfekten Partner, aber dennoch realistisch. Und mal so gefragt: Eine perfekte Partnerschaft, was genau könnte das sein und wenn man es hat, müssen dann die Beiden ab dem Zeitpunkt unverändert bleiben?

Nein, mir genügt der perfekte Moment. Und damit verlange ich schon eine ganze Menge. Es gibt diesen perfekten Moment durchaus und immer mal wieder. Würde man mich nach dem einem perfekten Moment fragen, so wüsste ich ihn sofort. Das ist doch eigentlich unsinnig oder? Aber doch, ich könnte ihn benennen. Und sollte es nach dem Tod noch ein Leben geben, dann wünschte ich mir, dass es jenes Gefühl ist, was ich in jenem perfekten Moment empfand.

Womöglich sollte ich schauen, wann ich so empfand und wenn ich das tue, dann finde ich weitere perfekte Momente. Momente, in denen zwei Menschen absolut gleich empfanden. Zwei Menschen, die nur für diesen einen Moment zu einem wurden. Es geht mir nicht um Sex oder um einen Kuss, sondern um das gleiche Empfinden in zwei Personen. Natürlich kann es Sex sein oder ein Kuss, aber ebenso eine Berührung oder einfach nur das Gefühl, angekommen zu sein in einem anderen Menschen. Warum eigentlich „einfach nur“?

Vor einiger Zeit hatte ich einen solchen Moment. Zwei Menschen, die spürten, dass da mehr ist – dass da etwas ist. Und ich frage mich, wonach wir eigentlich suchten und ob wir damals das Schicksal herausforderten und ihm befahlen, noch einen weiteren Moment zu bekommen, bevor wir uns wagten. Denn das ist das Problem: Wenn wir ein Leben lang nach dem perfekten Moment suchen, dann leben wir ein Leben voller verpasster Chancen.

Talkin´ ´bout my generation

Da sind wir also nun. Diese eine Generation, der man keinen besonderen Namen gegeben hat, zumindest nicht den, der so offensichtlich wäre. Es gab eine Nachkriegsgeneration, aber eine Nach-DDR-Generation, die sucht man vergebens. Ist ja auch nicht weiter merkwürdig, denn man will ja gar nicht dazugehören. Dabei ist das eine ganz interessante Generation. Es sind Menschen, die sich trennten. Die Einen, die Zuhause blieben und sich mit sozialistischen Ideologien und Rechten rumschlagen müssen und die Anderen, die wegzogen, um das Leben zu leben, was sich unsere Eltern noch wünschten und wofür jene kämpften.

Schon komisch, dass wir die Menschen gar nicht wirklich ehren, die sich aufrafften und mit der Gefahr, eingesperrt zu werden, auf die Straße gingen. Nein, man will ja gar kein Ossi sein, denn das sind ja die mit dem merkwürdigen Dialekt. Das ist übrigens nicht sächsisch oder thüringisch sondern DER ostdeutsche Dialekt, weshalb die Leute dann immer ganz merkwürdig schauen, wenn man so hochdeutsch spricht, dass eine Herkunftsbestimmung unmöglich ist, aber aus dem Osten könnte man ganz sicher nicht sein, da spricht man ja nicht so.

Also wo ist eigentlich der Feiertag oder das Denkmal, das an die mutigen Frauen und Männer erinnert, die damals den Obrigen erklärten, dass sie das Volk seien? Es ist eben nicht der Tag der Einheit. Das ist zurecht ein gesamtdeutscher Feiertag und natürlich erinnern wir uns dann kurz daran, wie toll das war, als wir rübermachten. Es gibt dann die Sendungen, die mit der richtigen Musik und den passenden Bildern das Herz höher springen lassen, denn da waren sie plötzlich, die Vereinigung und die Freiheit.

Und nun gibt es uns, die Nach-DDR-Generation. Wir hörten von unseren Eltern, dass die Luft hier sauberer ist, aber verstaubt scheint hier ebenso einiges zu sein. Wir erwarteten Freiheit, weil unsere Eltern doch dafür kämpften und ja, jetzt haben wir sie und dabei ganz vergessen, dass sie kein automatisches Recht ist, sondern immer wieder erkämpft werden muss.

Wir hören uns mit stoischer Gelassenheit die schlechten Ossi-Witze an und lachen kurz mit. So wie man das eben macht, weil es eh keinen Sinn ergibt, sich darüber aufzuregen. Wir sehen mit einem unguten Gefühl die Typen mit Glatze und Bomberjacke und mit einem noch viel unwohleren Gefühl die Typen aus der gleichen Ecke, die in großer Zahl gar nicht mehr so einfach erkennen sind, weil sie begriffen haben, dass sie getarnt eher in die Köpfe der Menschen kommen.

Es ist schon unsere Aufgabe, die der Nach-DDR-Generation, an unsere Eltern zu erinnern. An ihren Kampf und ihre Ängste, aber auch an das, was sie erreichten und warum sie es taten. Angeblich meckern wir Ossis ja gern. Nun, wenn meckern bedeutet, dass man sich gegen das auflehnt, was falsch läuft und nicht mehr toleriert werden kann, dann erfülle ich gern das Klischee und meckere. Hier darf ich es immerhin. Damals, in dieser sogenannten demokratischen Republik wäre das unmöglich gewesen. Ich darf hier Missstände benennen und habe Mittel und Weg, dagegen vorzugehen, denn das erlaubt eine Demokratie ihren Bürgern. Die Pflicht des Wählens ist hier ein Privileg, dessen man sich gar nicht mehr bewusst ist. Veränderungen sind möglich, wenn man mit ihnen da anfängt, wo man selbst lebt.