Begriffs- und Lebensdefinitionen

Wir alle sind Menschen, die das Leben ganz unterschiedlich betrachten. Eine Person, die zwanzig Zentimeter kleiner ist als ich, hat ein anderes Größenempfinden. Ein unterdrückter Mensch wird die Freiheit anders erleben und beurteilen, als ein Mensch, der sein ganzes Leben viele Möglichkeiten hatte, seine Entscheidungen zu treffen. Ja vermutlich ist das Blau des Himmels nur für mich genau die Farbe, die ich sehe, weil ein paar Zäpfchen in meinen Augen kaputt sind. Wenn nun die Welt für jeden von uns so anders aussieht, warum orientieren wir uns dann immer an allgemeinen Definitionen von Begriffen? Was ist Liebe? Was ist Freundschaft? Was ist Glückseligkeit? Was ist Freude? Was ist Leben?

Natürlich brauchen wir Menschen allgemeingültige Begriffserklärungen, damit wir miteinander leben und kommunizieren können, aber gern stelle ich in einer festgefahrenen Diskussion die Frage danach, wie man den Streitgegenstand eigentlich definiert. Wenn man sich dann auf eine Definition einigt und sei es eben nur für diese Diskussion, dann entstehen fruchtbare Gespräche, die sich nicht mehr an den verschiedenen Sichtweisen aufreiben, die wir alle durch unsere unterschiedlichen Lebensweisen besitzen. Ich möchte mir nicht vorgeben lassen, wie meine Liebe auszusehen hat, meine Freundschaften, meine Idee von Glückseligkeit und Freude oder mein Leben, denn für deren Definition bin ich allein zuständig.

Brennende Leidenschaft

Kerzen
Kerzen (Photo credit: solonaut)

Es war einmal eine frisch gezogene Kerze. Sie brannte anfangs langsam vor sich hin, doch immer mehr erwuchs in ihr der Wunsch, heller zu leuchten und zu erstrahlen. Und so sog sie tief jedes Bisschen Luft ein, das ihr nahe kam. Sie flackerte wild und brannte heißer als die Kerzen in ihrer Nähe. Teils neidvoll und teils beglückwünschend sahen die Anderen zu ihr empor. Ihr Licht strahlte so hell, dass kaum jemand bemerkte, wie sie plötzlich die Kleinste von allen geworden war und ausbrannte. Eine der alten und dennoch großen Kerzen bemerkte altklug, dass es nur ganz wenige Kerzen gäbe, die aus einem besonderen, langlebigen Wachs gezogen werden. Und die Meisten stimmten ihr stillschweigend zu und meinten, man sollte maßvoll brennen. Einige Wenige jedoch bewunderten sie für ihren Mut und waren froh, einmal in ihrem Leben ein so helles Licht gesehen haben zu dürfen.

Hamsterrad

Es war einmal in einer kleinen Stadt mit dem Namen Hamsterdam. Dort lebte der junger Hamster Retsmah, der wie alle anderen jungen Hamster auf die Schule ging, um seinen Laufstil zu perfektionieren und um die Statik zu erlernen, damit er bessere Räder entwerfen könnte. Da er immer sehr wissbegierig und talentiert war, gehörte er bald zu den Besten in seinem Jahrgang.

In seinem Studium lernte er dann einen Professor kennen, der vorschlug, auf Räder zu verzichten und über eine lange Bahn zu laufen, womöglich eine Rundstrecke. Die anderen Hamster auf der Uni schüttelten nur den Kopf und lachten den Professor für seine wahnwitzige Idee aus. Retsmah jedoch war hellauf begeistert und traute sich zum ersten Mal in seinem Leben darüber zu sprechen, dass man auf das ständige Laufen im Kreis verzichten könnte, und man stattdessen die Räder nutzen könnte, um darauf zu fahren, was viel bequemer wäre und die Hamster aus Hamsterdam herausführen könnte.

Retsmah und sein Professor tüftelten einige Semester an ihren Konstruktionen und stellten sie der versammelten Hamsterheit vor. Während ihres Vortrages gingen die meisten Zuschauer mit schüttelnden Köpfen. Andere standen nur peinlich berührt und schweigend um die wahnwitzigen Ideen abzutun. Aber ein kleiner Hamster in der ersten Reihe hörte gespannt zu und träumte davon, wie er eines Tages in einem solchen Gefährt sitzen und die Welt kennenlernen würde. Retsmah und der Professor waren gescheitert, aber ihre Idee lebte fort.

Bibliothekar

„So sieht also ein Bibliothekar aus“, lachte die Frau mir entgegen. Ich grinste nur und erwiderte: „Wie sollte man denn sonst aussehen? Fehlen mir die grauen Haare, die dicke Brille und der Strickpulli?“. Ich muss gestehen, dass ich mich selbst früher nie in diesem Beruf gesehen hätte, dafür war er viel zu ruhig. Es fehlte das Abenteuer und die Hektik, so dachte ich es mir. Aber Hektik kann man in jedem Beruf haben und gleichzeitig auch in keinem. Natürlich gibt es Aufgaben und Chefs, die einen durch die Gegend jagten und ständig alles und sofort haben wollen, doch lag es an einem selbst, ob man dabei hektisch wurde oder es in gutmütiger Geschwindigkeit erledigte. Abenteuer gab es hier auch so einige. Sicherlich denken jetzt einige an das jeweilige neue Abenteuer, das in jedem Buch steckt. Aber ich meine das Abenteuer, gegen einen allmächtigen Gegner vorzugehen, der die Bücher direkt nach Hause zu den Menschen bringt. Wer will schon bei Regen nach draußen gehen und nasskalt verschwitzt in einem staubtrockenen Raum ankommen? Nun, es gab doch einige Menschen, die das mochten und die sich zwischen all dem gesammelten Wissen wohl fühlten. Aber ich verstand auch die Kritiker, die nach einer bestimmten Sache suchten und dafür nicht mehrere Bücher durchblättern wollten, sondern lieber einen Suchbegriff in eine Maschine eingaben. Das war das effektive Nutzen der eigenen Zeit, so wie es die Ökonomen von Jedem verlangten. Es geht nicht um ein breitgefächertes Wissen, sondern um ein stark eingegrenztes und spezialisiertes. Ich sah meinen Job also als etwas, das gegen die Effektivität ausgerichtet war und fühlte mich vollkommen wohl damit. Ja, ich war wohl ein Partisan und sah mein Gesicht schon bald als schwarzen Aufdruck auf roten T-Shirts, das von unwissenden Teenies getragen würde. „Ja, Sie sehen auch mehr nach einem Freiheitskämpfer aus, als nach einem Bücherwurm.“, sagte die Frau an der Bar. Ich grinste nur fröhlich und fühlte mich wie ein Held.

„Frauen waren s…

„Frauen waren seit undenklichen Zeiten ohnmächtig geworden, nicht immer ohne Vorbedacht, und Männer hatten unveränderlich in der gewünschten Art und Weise darauf reagiert.“

Aus: Arthur C. Clarke – Die letzte Generation (1953)

Wenn ich mich zurückerinnere, so kann ich mich nicht daran erinnern, dass jemals eine Frau in meiner Gegenwart ohnmächtig geworden wäre, wohingegen ich bereits einmal umgeklappt bin, allerdings war keine Frau zugegen. Ich wüsste auch nicht, was die darauf gewünschte Art und Weise einer Frau hätte sein sollen, außer sich zu sorgen, ob alles okay ist. Diese Waffe der Frau, wenn sie denn wirklich so zielgerichtet eingesetzt worden ist, wie es Clarke seine Leser glauben lassen möchte, ist mit dem Bild der starken Frau von heute nicht mehr zu vereinen. Wozu sollte mich solch ein Schwächeanfall anregen, außer mich um die Frau zu kümmern, was ich aber auch bei jedem Mann machen würde, der in meinem Beisein ohnmächtig wird. Ich musste vorhin schmunzeln, als ich jene zitierte Stelle im Buch las, denn es zeigt einfach, dass es zu einer anderen Zeit geschrieben wurde. Die Geschichte selbst spielt in der Zukunft und viele Sachen kann man sich nur zu gut vorstellen. Doch an solchen Stellen spürt man eben doch, dass man als Autor eines visionären Romans nicht aus seiner Zeit heraus kommt. Vor mir liegt noch ein Drittel vom Buch, aber ich kann es jetzt schon empfehlen, selbst Lesern, die sich nicht für Science Fiction begeistern können.

Wahltag

Heute ist Wahltag, so wie eigentlich jeden Tag. Jeden Tag wähle ich mir die Leute aus, mit denen ich meine Zeit teile und mit denen ich zusammen etwas unternehme und sogar verändere. Schon merkwürdig, dass bei der heutigen Wahl nur ich mir  meinen Partner für die nächsten vier Jahre aussuche, denn er sucht mich nicht aus. Eine Freundschaft oder gar eine Liebe kann nur dann funktionieren, wenn beide Seiten sich füreinander entscheiden, da kann die Politik noch was von lernen. Ich weiß, wem ich meine Stimme leihen werde, möchte hier aber weder Werbung für jene Partei machen, noch dafür, zur Wahl zu gehen, wenngleich so ein schöner Spaziergang am sonnigen Sonntag nicht verkehrt klingt.

Es gibt noch eine andere Sache, die vollkommen anders läuft. Während man bei der politischen Wahl genau danach schaut, dass man eine Partei findet, die genau den eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht, sollte man bei der Partnerwahl gar nicht erst einen Fragenkatalog aufstellen. Den perfekten Partner gibt es nicht und wenn doch, dann langweilt er uns wohl schon nach dem ersten Date. Wie oft ertappte ich mich schon dabei, die Zukünftige aus einem Idealbild von ehemaligen Freundinnen zu spinnen und dabei die Frau zu übersehen oder wegzustoßen, die bereits neben mir saß. Zum Trübsalblasen bleibt mir noch genügend Zeit und so werde ich jetzt mal zur Wahl aufbrechen, diese oder jene, wer weiß das schon.

😉

Mein Vorbild (3)

Merkwürdig, wie sich die Biografien gleichen. Nie wollte ich wie mein Vater sein und muss mir doch eingestehen, ihm ähnlicher zu sein, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Denn auch ich hatte meine Libido über meine Gefühle gestellt und verlor dadurch die eine Liebe meines Lebens. Und auch das Kind, das man nicht kannte, habe ich mit meinem alten Herrn gemein. Er wusste, dass er eines gezeugt hatte und verschwand. Ich suchte nicht die Flucht, doch auch ich kümmerte mich nicht um mein Kind. Meine Unwissenheit genügt mir nicht als Entschuldigung. Doch mir scheint, ich habe ihr damit einen Gefallen getan, und ihr nicht meinen Schwermut „vererbt“. Ich kann ihr kein Vorbild sein und darf mich glücklich schätzen, in ihr den Lehrmeister gefunden zu haben, den ich mein Leben lang suchte, selbst wenn ich meine Lektionen in ihrer Abwesenheit erarbeiten muss.