Die Nacht der Arbeit im Bett

Nachdem ich heute Mittag noch im Bett lag und meinen Eintrag zum Tag der Arbeit verfasste, kommt nun ein zweiter Eintrag hinzu, weil ich nicht verstehe, was gerade so passiert.

Ich habe gerade Bilder von Polizisten in Paris gesehen, die mit Molotowcocktails angegriffen wurden. Sie schützten die Demonstration, die sich gegen LePen richtete. Ich weiß, dass es Polizisten gibt, die mit Gewalt gegen Demonstranten vorgehen, aber für solche Aktionen gibt es keine Rechtfertigungen. Ich möchte keine Tabus aufstellen und würde mich selbst im politischen Spektrum eher links einordnen, nur fehlt mir hierfür jedes Verständnis. Vielleicht kann es mir jemand erklären, aber ich will es gar nicht wissen. Wirklich nicht. Ich bin sauer, weil hier das Leben von Menschen dermaßen missachtet und leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird, die allein deswegen da sind, um Menschen einer Demonstration zu schützen.

Selbst wenn es irgendeinen Grund für solch ein krankes Verhalten geben könnte, es hilft nicht. Ich muss sogar sagen, dass ich in solchen Momente jene Menschen verstehe, die deswegen rechts wählen, weil man ihnen Schutz und Ordnung verspricht. Und nur mal zum Nachdenken für jene, die mir jetzt mit Polizeigewalt und Systemveränderung kommen möchten: Wer mit einem Brandgeschoss (oder auch einem anderen Gegenstand) einen anderen Menschen angreift, steht auf der gleichen Ebene mit einem Machthaber, der Giftgas abwerfen lässt. Die Dimension ist ohne Frage eine andere, aber das kommt mit der Höhe der Macht. Solche Menschen brauchen wir in dieser Welt nicht mehr, davon gibt es schon viel zu viele.

Würfel

Ich mag Würfel, die fühlen sich gut an und sind in der Regel vollkommen unparteiisch. Irgendwie sind sie auch fair, wollte ich gerade schreiben, doch dann kam mir der Gedanke, dass das nicht stimmt. Ich habe vor meiner Geburt nämlich einige Sechser geworfen. Der erste legte Europa fest, der zweite die DDR – na gut, das war kein Sechser – aber den hatte ich dafür bei meinen Eltern und einer Gesellschaft, die den schlechten Wurf korrigierten.

So viel Wurfglück ist nicht selbstverständlich und fairer wäre es, wenn wir alle nur eine Drei würfeln könnten, denn eigentlich sollte niemand eine Eins würfeln müssen, aber so ist das. Die Sache ergibt nur Sinn, wenn die Eins vorhanden ist. Das Premiumwasser in der Plastikflasche gibt es nur, wenn andere im Müll verrecken und dreckige Brühe als Lebensgrundlage vorgesetzt bekommen. Sind diese Schicksalswürfel nicht erbärmlich gezinkt?

Ach, was soll’s

Ich weiß nicht, ob es euch auch so geht, aber wenn ich morgens im Bett liege und vom Wecker geweckt werde, liegt mein erster Blick auf dem Handy. Das ist zum einen nur logisch, da es mich weckt, zum anderen aber vollkommen unnötig, weil die meisten neuen Nachrichten darauf vollkommen irrelevant sind. Natürlich hat man dann auch gleich noch die aktuellen Nachrichten auf dem Display und das seit Wochen leidige Thema der Präsidentenwahl nervt, ohne überhaupt den Artikel dazu gelesen zu haben. Ich merke, wie mich beunruhigt, was da gerade passiert bzw. passieren wird, aber gleichzeitig kann ich daran tatsächlich nichts ändern. Und so saß ich vorhin vor einer Kirche, aß ein Fischbrötchen und blickte auf jene Figur. Ich habe mich nie wirklich mit Ikonographie beschäftigt und vielleicht wäre es nicht verkehrt gewesen, immerhin stehen hier überall Figuren von Bedeutung. Ihn hier jedoch empfinde ich als merkwürdig entspannt, so als wollte er sagen: „Scheiß auf das Messer in meinem Hals, ich kann es jetzt eh nicht mehr ändern.“ Nun sollte man tunlichst vermeiden, dass das Messer erst im Hals landet. Steckt es aber bereits darin, ist es gar nicht so unvorteilhaft, einen kühlen Kopf zu bewahren. Ich wünsche euch somit einen entspannten und wirklich ruhigen Abend.

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Gedanken zum Feiertag

So ein paar Gedanken kommen mir doch zu diesem Feiertag und das macht ihn besonders, denn alle anderen Feiertage erfreuen mich lediglich, da ich frei habe, doch über deren Herkunft oder Sinn denke ich selten nach.

Als ich heute morgen aufwachte, fragte ich mich, ob ich in der Birthler-Behörde nicht mal anfragen sollte, ob es nicht sogar von mir eine Akte gibt. Die wäre wohl kaum mehr als zwei Seiten schwer (wobei man das vermutlich auch von seinem Facebook-Account denkt), da ich ja nur meine ersten sechs Lebensjahre in der DDR zubringen musste, dennoch könnte es interessante Erinnerungen hervorbringen. So hat unser Hausmeister mit Sicherheit irgendwo erwähnt, dass ich ein West-Kaugummi in seiner Wohnung ausgespuckt habe (er hatte mich ohne Vorwarnung hochgehoben und kreisen lassen, da sorgte die Zentrifugalkraft und mein offener Mund für den Rest).

Mich erinnert dieser Tag auch daran, wie wenig man für seine Herkunft kann und wie glücklich man sich schätzen sollte, dass andere Menschen ihr Ansehen, ihre Freiheit oder auch ihr Leben für das riskierten, was uns heute so selbstverständlich erscheint. Wäre mein Krankenhaus einige Kilometer westlicher gelegen, dann hätte ich die Sachen aus der Werbung tatsächlich auch in einem Spielzeugladen finden können. Vielleicht hätten wir sie uns auch leisten können. So war da nur eine Sehnsucht nach der Masse an Spielzeug (man kann hier durchaus berechtigt einwerfen, dass Spielzeugwerbung ganz allgemein verboten werden sollte, denn Kinder sind Kinder und sollte keine Konsumenten sein, aber mir geht es um den Unterschied, den ich selbst erlebt habe).

Die Herkunft oder der Wohnsitz ist so eine Sache, die mich auch für die kommende Bundestagswahl beschäftigt: Wie kann man den Kurs von Frau Merkel bekräftigen, wenn man nur die CSU wählen kann? Herr Seehofer wird ein gutes Abschneiden der CSU als Bestätigung seines Kurses ansehen und ein schlechtes Abschneiden hingegen Frau Merkel anlasten. Und da kommen wir auch zum entscheidenden Punkt: Die eigene Stimme gebe ich ja nicht als Geschenk oder als Bestrafung für die Politik der letzten Jahre, sondern für das Programm der kommenden (was ja eigentlich jeder so handhaben sollte). Somit darf noch eine gute Weile verstreichen, bis ich mir diesbezüglich wieder konsequent Gedanken machen werde.

Ich freue mich, dass ich heute hier sein darf. Ich weiß meine Freiheiten und auch meine Pflichten zu schätzen und auch wenn es gerade so scheint, als ob unsere Demokratie in Gefahr ist, so bin ich guter Dinge, dass wir auch das schaffen und überstehen werden.

Genießt den Tag!

Diese Jugendlichen…

In der letzten Zeit hörte ich häufiger die Aussage, dass die Jugend von heute nichts kann, weil sie schon fürs Pupsen gelobt wurde. Ich hätte da mal eine Frage an jene, die das auch so sehen. Welche Altersgruppe genau soll das sein? Ist das jetzt jene Generation, die für den Verbleib Großbritanniens in der EU stimmte oder stimmen wollte (und aufgrund des zu niedrigen Alters nicht durfte)? Ist es jene Generation, die nach euch kam? Wer genau hat denn dann diese Generation geprägt und verhätschelt, doch nicht etwa eure (also auch meine) Generation oder?

Die Jugendlichen sind wie schon immer ein Spiegel. Sie sind ein Spiegel für eine Gesellschaft, in der man sich selbst nah steht und das eigene Wohl den höchsten Wert hat. Eine Gesellschaft, die gegen „die da oben“ wettert, während man selbst nur fähig ist, alle vier Jahre ein Kreuz zu setzen und damit seine Pflicht an der Demokratie erfüllt zu haben glaubt. Es tut mir leid es so sagen zu müssen, aber mir kommt es so vor, als würden die meisten Leute heutzutage glauben, dass ihr Pups nicht stinkt und das erinnert mich doch sehr an den Vorwurf, die Kinder würden für ihre heiße Abluft gelobt werden. Eigenlob allerdings stinkt, das haben wir doch alle gelernt. Pups. Aus. Ende.

Segregation

Ich habe mich in den letzten Wochen ganz absichtlich von den Nachrichten ferngehalten und blickte neulich ganz überrascht drein, als es um ein Erdbeben in Italien ging. So ganz verschont bleibt man also dennoch nicht und so kam auch immer wieder das so genannte Burka-Verbot ins Gespräch. Mir war es schon immer vollkommen egal, wer was wo und wie trägt und so bleibt das auch. Mir wurde aber plötzlich äußerst bewusst, was die ganze Diskussion überhaupt soll, also welchen Zweck sie erfüllt. Es geht dabei gar nicht unbedingt um ein Gesetz. Das Gerede führte zumindest bei mir dazu, dass mir Frauen mit Kopftuch plötzlich auffielen. Das ging mir früher nicht so und das liegt auch nicht daran, dass plötzlich mehr Frauen in dieser Stadt mit einem Kopftuch unterwegs wären, auch wenn manch einer diesen Schluss wohl zieht. Nein, es ist einfach nur meine Wahrnehmung. Man hat mit all dem Gerede meine Wahrnehmung verändert. Wie sollen wir so zusammenkommen?

Wie beendet man eine Diskussion

Es gibt den Moment, da bemerkt man, dass eine Diskussion oder ein Streit vorbei ist, weil die Argumente fehlen und vermutlich, weil einem bewusst wird, dass man selbst womöglich falsch liegt, aber wie geht man damit um? Ich möchte ein wenig auf die drei Möglichkeiten eingehen, die mir einfielen:

Möglichkeit 1 – Gegenangriff:
Neulich stand ich an der Kasse und während ich wartete, wurde mir bewusst, dass ich noch eine Flasche Wasser mitnehmen wollte. Ich verließ meinen Platz, holte die Flasche und war keine zehn Sekunden später wieder zurück. Der Kerl, der sein Zeug hinter meinem auf das Band gelegt hatte, hatte sich so weit ausgebreitet, dass ich nur schwer an ihm vorbeikam. Er war mir unangenehm und so peilte ich die kleine Lücke zwischen Band und seiner Sporttasche an, während er in die Gegenrichtung blickte und schlüpfte hindurch, jedoch nicht ohne seine Tasche leicht mit meinem Jackett zu streifen. Für mich war die Situation damit vorüber, aber nach drei Sekunden blaffte es hinter mir „Spast“ aus seinem Mund. Ich begegnete ihm mit Humor und schüchterte ihn durch Wortgewandtheit und Körpergröße ein. Normalerweise hätte ich zuvor gefragt oder mich danach entschuldigt. Aber in diesem Fall erschien mir ein Gegenangriff als einzige Option. Die Hürde mich zu entschuldigen lag zu hoch. Mich ärgerte dieser Mensch jedoch noch den ganzen Tag, ebenso wie die Frage, warum ich nicht einfach darum gebeten hatte, dass er mich durchlässt.

Möglichkeit 2 – Verstreuung:
Als ich letztens nach Hause kam, saß die Tochter einer Bewohnerin unseres Hauses auf der Treppe. Sie wollte die letzten Stufen nicht selbst erklimmen. Nun saß sie da und ihre Mutter hatte ihr klargemacht, dass es nun an ihr läge, in die Wohnung und ins Bett zu kommen. Während die Kleine so dasaß, der ich wohl niemals böse sein werde, machte sie ihre Beine lang und lehnte am Geländer, so dass sie fast schon komplett auf der Stufe lag. Ich fragte sie, ob ich ihr eine Decke und Kissen bringen sollte. Sie blickte mich wortlos durch die hölzernen Stäbe des Geländers an. Ihre Mutter, welche ein Stockwerk über mir stand, stimmte mit ein. Wir würden die nötigen Dinge fürs Übernachten zu ihr bringen und erklärten zugleich, wie nervig es sei, dass ständig Leute in der Nacht im Treppenhaus das Licht anschalteten und über sie drübersteigen würden. Die Liebe verstand, dass wir alberten, aber sie war abgelenkt von ihren kraftlosen Beinen. So stand sie auf und nahm die letzten Stufen, natürlich nicht, ohne auf die Anstrengungen hinzuweisen. Die Verstreuung war noch nicht ganz geglückt, aber ihre Mutter und ich hatten ihr die Möglichkeit gegeben, den Streit zu umgehen und die Niederlage nicht eingestehen zu müssen, indem wir das Thema abgleiten ließen.

Möglichkeit 3 – Rückzug:
Jeder von uns kennt die alten Filme in denen Schlachten geführt wurden und die Kampfsituation kippte. Wir fragten uns, warum der Kommandant nicht den Rückzug anordnete und somit die letzten seiner Soldaten rettete. Vielleicht lag es daran, dass er es noch nicht begriffen hatte. Vielleicht aber auch daran, dass er auf ein Wunder hoffte. Oder es lag daran, dass er Angst davor hatte, wie sein Gegner diesen Rückzug behandeln würde. Vielleicht ließe der Gegner die Soldaten laufen. Aber was, wenn nicht? Was, wenn er sie hinterrücks erschlüge und erschösse? Der Rückzug fällt deswegen so schwer, weil wir nie wissen, ob auf unsere entschuldigende Einsicht das Verständnis des Gegenübers trifft. Gerade bei einem hitzig geführten Streit möchte man nicht beim Eingeständnis der eigenen Niederlage vom Anderen fertiggemacht werden. Dieser Schritt erscheint mir der schwierigste. Er kann leichter gemacht werden, wenn man auf die Verstreuung zurückgreift, aber da müssen beide Seiten mitspielen. Dieser Schritt kann jedoch der Gewinnbringendste sein. Eine Diskussion, die man selbst damit beendet, dass man den eigenen Fehler eingesteht, kann einen zwar für einen Moment schwach erscheinen lassen, sie zeigt dem Gegenüber, dass man fähig ist, umzudenken. Es wird klar, dass eine Diskussion lohnt, denn es gibt kein Beharren auf dem eigenen Standpunkt. Nach solch einem Ende ärgern sich beide Parteien nicht, sondern haben die Chance, versöhnlich zusammen zu kommen.

Wir haben bei jeder Diskussion diese Möglichkeiten und vielleicht fallen euch auch weitere ein. Jedes Mal können wir uns neu entscheiden, welchen Weg wir wählen und warum dieser besser ist. Wichtig erscheint mir dabei zu sein, dass man abwägt. Wir müssen uns selbst klarmachen, dass unsere Streitkultur es ist, die weitreichende Auswirkungen hat. Natürlich möchte man Recht haben und gewinnen. Aber zu welchem Preis? Wenn ich sehe, dass ich gewinne, dann kann ich meinem Gegenüber die Verstreuung anbieten. Ich kann natürlich auch weiter auf ihn einreden. Eine Diskussion wird immer von mindestens zwei Parteien geführt. Beide sollten schauen, dass sie sich danach noch menschlich begegnen können. Ich möchte nicht fertig gemacht werden, wenn ich verliere, also sollte ich auch niemanden fertig machen, wenn ich gewinne und soweit möglich einen versöhnlichen Ausgang anbieten.

p.s.
mir fiel noch eine vierte Möglichkeit ein – Vertagung: Einen Streit zu verschieben ist der Verstreuung recht nah, bietet jedoch an, dass sich die Beteiligten in Ruhe Gedanken machen und in einem anderen Gemütszustand das Gespräch wieder aufnehmen. Das ist oftmals sehr sinnvoll, wird aber nur selten praktiziert. Warum eigentlich?