Aufgetankt

Es war eine dumme Idee gewesen, in der Sonne liegend einzuschlafen, obgleich es gar nicht meine Idee gewesen war. Es passierte einfach und ich war zu müde, dagegen anzukämpfen. Es war einer der ersten warmen Tage des Jahres und nachdem ich den halben Tag lang Sachen für meinen Umzug geschleppt hatte, wollte ich zwar eigentlich ein wenig auf- und einräumen, doch die Lust darauf, die neuen Orte in dieser mir kaum bekannten Stadt zu erkunden, war viel zu groß. Ich regelte das mit dem üblichen „mache ich später“ mit meinem Gewissen und packte einen Rucksack mit einem Handtuch und einem Buch. Der Gedanke an Wasser kam mir, doch ich konnte die Flasche nicht finden.

Beim Aufwachen verspürte ich eine Dürre in meinem Mund. Ich hatte den ganzen Tag kaum etwas getrunken und gegessen hatte ich auch noch nicht. Also beschloss ich zurück zu meiner Wohnung zu gehen. Der Hinweg hatte vielleicht eine Viertelstunde gedauert, somit sollte mir recht schnell geholfen sein, dachte ich und machte mich in die Richtung auf, aus der ich gekommen war. Ich fühlte mich halb verbrannt, als hätte man mich auf einen Drehspieß gesteckt. Doch man hatte vergessen, den Drehspieß zu drehen, denn die Hitze spürte ich nur auf einigen Stellen meiner Haut. Ich schlürfte vor mich hin, blieb an einem aufgeplatzten Stück Asphalt hängen und stolperte einige Schritte. Ich war stumpfsinnig die Straße hinaufgelaufen, doch als ich mich nach dem Stolpern umblickte, erkannte ich rein gar nichts wieder. Auch meldete sich mittlerweile meine Blase und innerlich kotzte ich, weil ich auch mein Handy nicht eingesteckt hatte. Das wohl elementarste Etwas der heutigen Zeit hing an der Steckdose. Gut, würde es da nicht hängen, dann wäre der Akku eh leer und ich hätte auch nichts davon gehabt. Mir blieb nichts weiter übrig, als mich umzuschauen und irgendwas noch so Kleines zu erkennen, das ich bereits gesehen hatte, als ich die Wohnung besichtigt hatte bzw. als ich heute Morgen hinfuhr.

Da gab es einen Bäcker und ich erinnerte mich daran, dass es gleich um die Ecke bei meiner Wohnung einen gab: Ich suchte die anliegenden Ecken erfolglos ab. Dann erspähte ich eine Tankstelle und ja, das machte mir Hoffnung, denn die sind üblicherweise nicht so häufig vorhanden und ganz am Anfang meiner Straße gab es eine Tankstelle. Zudem konnte ich drinnen einfach nachfragen, denn im Gegensatz zum Bäcker haben Tankstellen durchweg geöffnet. Ich erkannte die Straße nicht und verzweifelte ein wenig. Ich bat den Kassierer um den Schlüssel zur Toilette, den er mir direkt gab. Es gibt wohl kaum ein erlösenderes Gefühl, als nach langer Zeit seine Notdurft loszuwerden. Dass die Toilette abgeranzt war und wohl seltener gereinigt wird, als ich mein Auto in die Waschstraße stecke, war mir in dem Moment egal. Es würde sich eben kein Frischegefühl einstellen, aber damit würde ich leben können. Bei der Rückgabe des Schlüssels fragte ich den Angestellten, ob er zufällig wüsste, wo meine Straße sei. Er entgegnete: „Also eigentlich tankt man hier oder man kauft ein.“ Ich nickte: „Ja, und wenn ich Geld hätte, würde ich ihnen sofort ne Limo abkaufen. Aber die Sache ist die: Ich bin hier frisch hergezogen, habe außer einer Decke und einem Buch nichts in meinem Rucksack und lag gerade ne halbe Ewigkeit in der Sonne. Ich will nur noch nach Hause.“ Bei diesen Worten schnürte sich mir die Kehle zu und ich war selbst überrascht, wie es mich fast überrannte. Der Angestellte schmunzelte: „Die Straße, die du suchst, ist gleich nach der Tankstelle links.“ Er zeigte in die Richtung. Ich bedankte mich und ging in die besagte Straße. Ich musste loslachen, denn es war nur ein Häuserblock bis zu meiner Wohnung. Mir stiegen Tränen in die Augen. Gleich bin ich wieder in meinen vier Wänden. Ein tiefes, wohliges Gefühl breitete sich in mir aus.

Ausflug

Sie hatten mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zur Sonne zu fliegen. Es schien mir eine große Ehre zu sein. Immerhin gab es allerhand interessierte Menschen, die Interviews und Autogramme von mir wollten. Es gab auch Live-Übertragungen aus dem Raumschiff, welches mich beherbergte. Ich hatte mir das alles nicht so ganz überlegt, aber es war immer mein größter Traum gewesen, die Erde vom Weltall aus zu betrachten. Und da dachte ich mir, dass ich nachdem dieser Traum erfüllt wäre, ja eh schon mein Highlight im Leben hatte, ich auch nicht mehr so daran hängen müsste. Zudem wurde mir versichert, dass dieses Schiff sicher sei: Konstruiert nach neuestem Wissen und ausgestattet mit der besten Technik. Ich glaube, dass waren auch die Worte, mit der man die Titanic in ihre Jungfernfahrt verabschiedet hatte.

Alles ging so furchtbar schnell. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen und mir war, als wäre es alles an einem Tag passiert. Dann der Flug heraus aus der Erdatmosphäre. Ich kreiste einige Minuten um unseren blauen Planeten, bis es weiter zum Mittelpunkt unseres Sonnensystems ging. Der Anblick auf die Erde war unbeschreiblich, aber viel zu kurz. Und seither saß ich in diesem riesigen Etwas. Ich sollte Daten und Bilder von der Sonne sammeln, danach ging es wieder zurück zur Erde. Die ersten Jahre waren eine Mischung aus Langeweile, Einsamkeit und der ewigen Frage nach dem Sinn des Lebens. Mittlerweile bin ich in die Korona eingetaucht. Die Fenster haben eine spezielle Folie, welche das Licht filtert und dennoch schwitze ich im Cockpit, weil es nur noch die Sonne zu sehen gibt. Das Weltall kann man hier nicht mal mehr erahnen, weder das endlos tiefe Schwarz noch die eisige Kälte.

Heute Morgen hatte der Computer gepiept und mir mitgeteilt, dass etwas mit dem Druck nicht stimmte. Ein wenig später fiel der Computer dann aus. Ich treibe seither auf dem festgelegten Kurs und entweder wird die Schiffshülle halten oder eben nicht. Ob ich zurückkommen werde, ist zweifelhaft so ohne technische Hilfe. Ich glaube, ich würde lieber hier in der Hitze verglühen, statt in der Kälte umherzutreiben.

Schwere

Ich war mir nicht sicher, ob ich mich freuen sollte, noch etwas von der Mousse au Chocolat im Kühlschrank gefunden zu haben oder nicht doch traurig sein sollte, weil sie jetzt doch schon einen Tag alt war und somit bei weitem nicht mehr so luftig und lecker, wie man es kennt. Ich griff mir die Schüssel und verzog mich mit der Süßigkeit aufs Sofa. Es war ein schönes Kateressen. Gut: Gegen kalte Pizza hätte ich auch nichts einzuwenden gehabt, aber man muss ja da anfangen, wo man momentan steht und da ist Mousse nun wirklich kein schlechter Start. Es schmeckte ganz vorzüglich, lediglich die harten Krusten umschiffte ich mit dem Löffel, die waren nicht mehr zu retten. Im Zimmer über mir hämmerte jemand irgendwas in die Wand und aus der Küche dröhnte die Waschmaschine auf Hochtouren, doch es war mir egal. Das ist wohl das Schöne an einem Kater, dass einem die Welt egal ist. Vielleicht tranken unsere Politiker unentwegt und deswegen sahen wir zu, wie Menschen starben und die Welt jeden Tag aufs Neue gefickt wurde. Ich nickte bei dem Gedanken, dass das innere Meckern auch nichts änderte. Das ist wohl die Krux, dass es jeder von uns schon nicht gut genug macht und in der Summe ist es dann ein riesiger Müllhaufen, der sich zusammenträgt. Mir war nicht nach tiefen Gedanken. Nicht am Sonntag. Nicht am Katertag. Die Schüssel stellte ich beiseite, machte mich lang und griff nach einem Buch. Nach fünf Seiten wusste ich nicht, was ich gelesen hatte und meine Augen befanden sich in einer Dauerschleife bei der Suche nach dem letzten Satz, den ich zwar gelesen hatte, jedoch bei zufallenden Augen nicht mehr wirklich wahrnahm. Ich gab es auf, legte das Buch auf den Holzboden und schlief wieder ein.

Nimm’s locker

Die zwei Ruder hingen ins Wasser, waren aber am Boot befestigt, so dass sie nicht verloren gehen konnten. Ich hatte mich lang gemacht und ließ mich von der Sonne wärmen. Wie ein Teelicht in einer Wasserschale kam ich mir vor.

Ich war am See auf einem Spaziergang entlanggekommen und hatte den Bootsverleih gesehen. Die ganze Zeit schon ging mir diese Sache durch den Kopf und ich wurde die Gedanken nicht los. Also beschloss ich, ein Boot zu mieten und auf den See zu rudern. Ich hatte die beiden Ruder in die Hand genommen, mich nochmal umgeblickt und die vollkommen leere Wasseroberfläche hinter mir inspiziert. Ich war allein hier und konnte drauf los rudern und das tat ich. Die Blätter tauchten ins Wasser ein, ich legte mich nach hinten und zog an den Griffen, dann drückte ich sie runter, damit die Blätter in der Luft zurück zu dem Punkt gelangten, an dem sie eintauchten und wieder das Wasser wegdrückten. Anfangs nahm ich mir Zeit, die Bewegung möglichst weit und perfekt auszuführen, doch mit der Zeit wurde ich schneller. Ich wollte vorankommen, ganz ohne Ziel. Und so schaufelte ich das Wasser umher und spürte, wie sich Schweiß auf der Stirn sammelte. Dann sah ich einen Tropfen vor meinen Augen gen Boden fallen und ich fragte mich, ob man das Wasser mit dem eigenen Schweiß bis zur Kante füllen konnte. Ich wünschte es mir sogar, damit ich rudernd untergehen konnte. Es wäre mir egal gewesen. Nein, es wäre mir ganz recht gewesen. Und dann merkte ich, wie mir die Puste ausging. Meine Arme brannten schon längst, aber jetzt kam auch mein Atem nicht mehr nach.

Ich löste meine Hände von den Griffen und legte mich hin. Anfangs hörte ich nur meinen lauten Atem und spürte die Arme und den Rücken. Dann aber bemerkte ich den wolkenlosen, blauen Himmel und die Sonne, die auf mich schien. Ich musste loslachen. Ich lachte über den Mann, der ich noch eine Stunde zuvor war. Vollkommen missmutig. Mies gelaunt raunte ich Leute an, die mir im Wege standen. Immer mehr fraß sich diese Wut auf jeden und alles in mich und ich kam da nicht heraus. Jetzt im Boot merkte ich erst, wie lächerlich all das war und ich wünschte mir, schon früher so über mich gelacht zu haben, denn wie viele Leute hatte ich wohl angesteckt. Mir blieb das Grinsen im Gesicht. Es brachte nichts, sich schuldig zu fühlen. Es war besser, über sich selbst zu lachen.

Weg vom Fenster

Der Himmel war grau und es war nicht zu erkennen, wo eine Wolke anfing und eine andere aufhörte. Ich beschloss, drinnen zu bleiben und sah aus dem Fenster meiner Hochhauswohnung. Ich blickte auf das ebenso hohe Haus gegenüber. Dort bemerkte ich in zwei Fenstern das Brennen der Lichter. Denen war es wohl einfach zu düster, aber eigentlich wäre es nicht nötig, dachte ich mir. Ich suchte die Fenster nach einer Bewegung ab, fand jedoch keine und war schon gewillt, aufzugeben, als ich beim Wegdrehen meines Kopfes zwei Augen ausmachte. Ich drehte den Kopf zurück und suchte die zwei Augen und den Körper dazu. In den unteren drei Etagen fand ich nichts, aber im vierten, also auf gleicher Höhe wie ich, entdeckte ich das Augenpaar. Es muss ein kleiner Mensch sein, denn die Augen kamen gerade so über die untere Kante des Fensters. Es war nur ein wenig Haut vom Gesicht zu erkennen, aber kaum weitere Konturen. Ich bildete mir ein, dass die zwei Augen zu mir herüberblickten. Mich überkam das peinliche Gefühl, beim Spannen erwischt worden zu sein und ich wollte verschwinden. Auf der anderen Seite jedoch spannten die zwei Augen selbst. Wir hatten nichts Verbotenes getan, außer ein klein wenig in die Privatsphäre unserer Nachbarn einzudringen, aber auch nur soweit sie es zuließen. Ich entschied mich, meine Hand zu heben und langsam zu winken. Die zwei Augen schlossen sich und verschwanden. Ich hatte sie verscheucht. So blieb ich noch einen Moment stehen, doch sie kamen nicht zurück. Als ich mich wegdrehte, nahm ich eine Bewegung wahr. Ich sah zum Fenster hinüber und tatsächlich, da war das Augenpaar, welches direkt wieder verschwand. Ich verstand das Spiel und machte mit, indem ich ebenfalls kurz vom Fenster verschwand und dann vorsichtig und langsam auftauchte. Dann verharrten wir einige Sekunden, bis ich oder die Augen sich wieder versteckten. Es war ein kindlicher Spaß, den wir uns einige Minuten gönnten. Plötzlich einigten wir uns darauf, uns wieder anzuschauen. Ich winkte nochmal hinüber und dieses Mal sah ich auch im Fenster gegenüber eine Hand, die mich grüßte. Mir hüpfte das Herz vor Freude. Es ging das Licht im Zimmer an und für den Moment konnte ich die Umrisse meines Gegenübers erkennen. Es war ein großer Lockenkopf mit dunklen Haaren. Ein kleines Mädchen, vermutete ich, welches sich umdrehte und von mir wegsah. Vielleicht redete sie mit der Person, die das Licht angemacht hatte. Mit einem Mal verschwand sie vom Fenster und das Licht wurde gelöscht. Sie wurde wohl in den Kindergarten oder die Schule gebracht, dachte ich mir. Ich drehte mich um und spürte die Wärme einer tiefen Freude in mir. Es war, als hätten wir eine kleine Freundschaft geschlossen. Das hatte ich mit meinen siebenundachtzig Jahren nicht mehr erwartet.

Brei

Ich war in der Stadt angekommen. Ich weiß nicht mehr, in welcher eigentlich, dafür sahen sie alle zu gleich aus. Gut, eine größere Stadt hat höhere Gebäude, an den Fassaden kleben dennoch die gleichen Namen und Bilder. Es interessierte mich nicht. Was mich interessierte, war der Standort der nächsten Toilette. Mir wurde aber schnell klar, dass selbst wenn es eine örtliche Einrichtung gäbe und man Schilder dafür aufgestellt hätte, würde ich diese niemals finden: Zu viele Informationen prasselten auf mich ein und versperrten mir den Blick. Ein kurzer Gedanke überkam mich, dass man womöglich irgendwo privat klingeln und fragen könnte, doch ich machte mir klar, dass die Innenstädte schon längst nicht mehr dazu dienten, Menschen ein Heim zu bieten. Und jene, die es sich leisten könnten, hier zu wohnen, würden mich mit den Löchern im Pullover und in der Jeans nur mit einem bösen Blick im Gesicht vor ihrer Tür stehen lassen. Da machte ich mir nichts vor. Ich ging in eine Boutique und fragte die Verkäuferin, ob es eine Toilette gäbe. Sie erklärte, dass diese nur für Kunden sei. Ich sah mich um und sah keine Kunden. Allerdings war mir auch nicht danach, mich mit einem Kleid oder einem Rock einzukleiden. Ich gab nicht auf: „Okay, ich kann ihnen gern einen Euro geben, wenn ich dafür die Toilette nutzen dürfte oder gibt es hier nur eine für Frauen?“ Die Verkäuferin überlegte, schüttelte dann aber den Kopf: „Es tut mir leid, die Nutzung ist nur für unsere Kunden gestattet.“ Es stimmte mich traurig, dass die Menschen hier problemlos durch Roboter ersetzt werden könnten und es niemandem auffallen dürfte. Aber gut, das war für die Frau vermutlich auch nur ein seelenloser Job, um sich die Miete leisten zu können, in diesen Läden arbeiteten die meisten Menschen nicht, weil es ihr Herzenswunsch war. Ich fragte: „Was ist denn der günstigste Artikel, den sie haben?“ Die Verkäuferin stutzte. Ich blickte nach rechts und sah eingeschweißten Schmuck. Da gab es ein paar Ohrringe für 49 Cent. Eigentlich ein Verbrechen, so etwas zu kaufen, dachte ich mir, aber außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliches Handeln. Ich griff die Packung, legte sie auf den Tresen und sagte: „Die zahle ich gleich, ich würde nur kurz noch die Toilette aufsuchen.“ Die Verkäuferin wollte das Spiel aber noch ein wenig weitertreiben und erwiderte: „Ist das für sie oder eine Freundin?“ Ich entgegnete nur: „Für meine Freundin und ich überlege, ob sie es mir einpacken können.“ Langsam wurde es lästig, aber anscheinend ging es der Verkäuferin ebenso. Sie wies mir dir Richtung. Ich legte 50 Cent auf den Tresen und ging kopfschüttelnd in Richtung der Toiletten. Als ich zurückkam, stand die Frau noch immer hinter der Kasse. Die Ohrringe hatte sie mit einem Kassenzettel und einem Cent garniert. Ich griff die Ohrringe: „Den Kassenzettel benötige ich nicht und der Rest ist Trinkgeld.“ Beim Verlassen des Ladens ließ ich die eingeschweißten Ohrringe fallen und suchte meinen Weg aus diesem bedrückenden, grauen Einheitsbrei, durch den in den nächsten Stunden die Menschenmassen ziehen würden. Ich gehörte hier nicht hin.

Brücken

Wenn Städte zum Großteil ganz natürlich an Flüssen entstanden, dann ist es nur logisch, dass wir Menschen schnell lernen mussten, Brücken zu bauen.

Wenn wir auf die Welt kommen, gibt es eine Verbindung zwischen uns und unserer Mutter. Die Nabelschnur war der direkte Draht, doch auch nach seiner Durchtrennung bleibt eine Verbindung erhalten. In Zeiten, in denen wir alle Daten durch die Luft schicken können, sollte uns das nicht verwundern.

Die kleine Hand greift sich einen Finger, als wäre es der stärkste Ast des größten Baumes. Gebettet im Arm gehalten, beschützt vor allem, was um uns passiert. Das Leben hat keinen großen Plan, es hat nur Leben. Den ganz eigenen Rhythmus, der mal schneller und mal langsamer pocht und für jedes Wesen in der höchst eigenen Weise. Um das Leben zu messen, braucht es weder Uhr noch Geld, dies sind die falschen Instrumente, doch sie sind laut. Sie hämmern gleich einem Presslufthammer auf jede lebende Faser ein und versuchen sie anzugleichen und bewertbar zu machen.

Eine Träne bildet sich im Augenlid. Sie wurde aus Trauer oder aus Freude gezeugt. Sie schmeckt salzig und kitzelt die Haut, während sie an ihr hinabgleitet. Sie ist ein unverkennbares Zeichen unserer Emotionen. Ich mag sie gern, die Tränen. Sie sind ehrlich. Und sie bilden eine Brücke, selbst wenn sie nicht in Flüssen fließen.

Schwerpunkt

Ein eigenartiges Gefühl überkam mich, als ich des nachts die Straße in Richtung meiner Wohnung entlanglief. Mir wurde schwindelig und ich spürte, dass es mir schwerfiel, einen klaren Gedanken zu fassen. Es kam mir vor, als wäre ich von einem Moment auf den anderen alkoholisiert worden, aber in der schwersten Art und Weise. Mir wurde schlecht. Es war nur noch eine Ecke und dann etwa dreihundert Meter, bis ich die Haustür erreicht hatte. Beim Abbiegen um die Ecke, sah ich in wenigen Metern ein Pärchen, welches von einer Bank aufstand. Sie liefen einige Meter vor mir in die gleiche Richtung, dann blieben sie stehen und drehten sich um. Ich nahm das alles wahr, doch keinerlei Reflex ging durch meinen Körper und ich wäre fast gegen die Frau gelaufen, die mich vollkommen entsetzt und erschrocken ansah. Die Tür bekam ich auf und aus dem Briefkasten stach ein Umschlag hervor, den ich herauszog. Es war eine Rechnung, die ich drinnen auf dem Küchentisch ablegen wollte. Ich öffnete die Wohnungstür und schlürfte in die Küche. Als ich mir Wasser in ein Glas füllen wollte, nervte es mich, dass ich keine Hand frei hatte. In einer war der Schlüssel, in der anderen der Brief. Beides schleppte ich gedankenlos mit mir herum, dann legte ich es auf dem Tisch ab. Das kühle Wasser würde helfen, redete ich mir ein. Ich trank das Glas zur Hälfte leer, doch nichts passierte. Ich füllte es wieder auf und ließ mich auf der Couch nieder. Den Kopf überstreckte ich in den Nacken, da das Sofa nicht hoch genug war, um meinen Kopf anlehnen können. So legte ich ihn nach hinten ab. Der ganze Körper zog schwer an mir. Mit jedem Atemzug drückte ich dieses Gewicht einen Moment lang weg. Die Schwere wollte jedoch nicht von mir abrücken. Ich schloss meine Augen und ließ sie gewähren.

Verbrannt

Es war schön am Feuer. Die warmen Sommernächte lagen bereits hinter uns, doch die Flammen sollten uns vorgaukeln, dass es noch ein paar Tage mehr Sommer gab. Neben mir saß eine blonde Frau. Ich hatte ihre linke Hand wahrgenommen, während sie verträumt ins Feuer blickte. Es war ein Rätsel, denn ihrem Gesicht nach war sie höchstens Anfang 30, doch ihre Hand sah viel älter aus. Plötzlich zog sie sie weg, ich erschrak und blickte in ihr Gesicht, und sie in meins. Ich ärgerte mich, dass ich so auf ihre Hand gestarrt hatte, also versuchte ich die Situation zu retten: „Entschuldigung, ich wollte da gar nicht so hinstarren.“ Warum genau ich diese Worte so gewählt hatte, wusste ich nicht. Es ärgerte mich und ich wünschte mir, einfach geschwiegen zu haben, denn sie reagierte nicht, sondern senkte nur ihren Blick. Mir sank der Kopf ebenfalls und ich schaute in die Flammen. Dann plötzlich spürte ich ihre Nähe und sie flüsterte mir ins Ohr: „Das ist eine Erinnerung aus längst vergangenen Tagen.“ Ich sah ihr in die Augen, die feucht glänzten. „Was ist dir passiert?“, fragte ich, ohne zu überlegen, ob diese Frage angebracht war. Sie senkte wieder den Blick. Ich sah noch einen Moment zu ihr rüber und widmete mich wieder dem Feuertanz vor mir. Abermals überraschte sie mich, als sie mir näherkam und erklärte: „Ich habe als Kind unser Haus angezündet.“ „Wie alt warst du damals?“, fragte ich. Sie erklärte wortkarg: „Acht und elf Jahre.“ „Zweimal“, schoss es mir durch den Kopf. Wie früh kann man sich Schuld aufladen, um damit durchs Leben gehen zu müssen. Ich blickte zu ihr herüber, sie sah wieder ins Feuer, doch eine Träne lief ihr über die Wange. Ich war über mich selbst erstaunt, als ich meine Hand auf die ihrige legte, die sie unter einem Ärmel verborgen hatte. Es schien, dass mein Gehirn immer einen Moment später erst mitbekam, was ich eigentlich tat. Für einen Moment fühlte ich mich verloren, bis ich zu ihr sagte: „Hallo, ich bin Ben.“ Sie blickte mich an und erwiderte: „Hallo, ich heiße Rahel.“ Ganz leicht nickten wir einander zu, dann schauten wir wieder ins Feuer. Sie ließ meine Hand auf der ihren liegen.

Freiheit fliegt

Mein Herz pochte wild und ich spürte, dass ich nicht mehr lang in dieser Geschwindigkeit laufen könnte, doch ich verlangsamte nicht. Ich rannte weiter drauflos. Ich war ans Meer gefahren, um die trüben Gedanken von der frischen Luft davonblasen zu lassen. Ob es wirkte, konnte ich nicht sicher sagen, aber ich spürte einen Drang mich zu bewegen und anzupacken. Dieser Lauf hatte kein Ziel, außer mir selbst zu beweisen, dass ich eine gute Weile verdammt schnell laufen könnte. Und ich bewies es mir. Doch als hätten das Land und mein Körper sich abgesprochen, sollte eine Klippe meinen Lauf beenden. Ich hielt am Vorsprung an und bewegte mich noch einige Schritte. Mein Atem ging schnell und er kam mir laut vor. Lauter als die Wellen, die weiter unten gegen die Brandung klatschten. Der Blick hinab ließ mich ehrfürchtig fragen, wie viele Menschen sich schon getraut haben, die Arme auszubreiten und den Schritt ins Nichts zu wagen. Viele waren es vermutlich nicht, aber womöglich gab es eine Person unter ihnen, die einfach davonflog. Mit ausgebreiteten Armen segelte sie durch die Luft, während die Haare wild umherflogen. Ein schöner Gedanke. Mir selbst war nicht danach, meine Flugkünste zu testen, wenngleich es nicht an der Geschwindigkeit scheitern dürfte. Ich drehte mich um und machte mich auf den Rückweg.