Im Bett mit mir

„Was hast du den Tag über so gemacht?“, fragte mich die gelockte Frau. Ich entgegnete: „Ich habe geschlafen. Dann bin ich sieben Uhr aufgewacht, bin aufs Klo gegangen, habe mir ein paar Mohrrüben aus dem Kühlschrank genommen und sie gegessen. Ja, und da es noch früh am Morgen war und ich nichts zu tun hatte, legte ich mich wieder hin und schlief ein. Dann wachte ich wieder auf, drehte mich um und schlief weiter. Ich hatte einen Traum von einer Feier und von einer Frau, die eine Affaire zerstückelt hatte und irgendwer fand einen Kopf und einen Arm von ihm. Und eine andere Frau hatte ebenfalls ihren Liebhaber umgebracht, aber es störte sich niemand wirklich daran. Stattdessen erklärte mir ein Freund nur, dass die erste Frau es nur getan hatte, weil sie gerade so im Stress sei. Ich kehrte derweil die Straßenkurve mit einem kleinen Jungen zusammen. Es war verdammt rutschig und jederzeit drohte ein Auto um die Kurve zu schießen, so dass ich neben dem Fegen immer wieder auf den Jungen aufpassen musste. Dann wachte ich auf. Ja, und jetzt stehe ich hier neben dir.“

„Äh, was meinst du hat der Traum zu bedeuten?“, erkundigte sie die gelockte Frau. Ich überlegte und antwortete: „Also eigentlich bin ich kein Fan von Traumdeutungen. Aber die zwei Frauen, die ihre Liebhaber töteten, könnten für die Frauen in meinem Leben stehen. Also vielleicht manche als Racheengel für jene Liebesgeschichten, in denen ich ein Arsch war. Oder sie stehen für die Frauen, die mir das Herz aus der Brust gerissen haben. Oder sie stehen für die Frauen, die über mir standen und Druck auf mich ausübten. Vielleicht waren es aber auch einfach nur Frauen, die mit ihrem Schicksal unzufrieden waren und es selbst in die Hand nahmen. Bei dem Jungen und dem Fegen ist es einfacher. Das Fegen sind meine alltäglichen Aufgaben, da ich denen nicht immer nachkomme, rutsche ich aus. Nebenher muss ich den Jungen im Auge behalten, er steht für die Verantwortung gegenüber Projekten und meinem eigenen Leben.“

„Hm, du bist schon der Typ <auf den letzten Drücker> oder?“ fragte mich die gelockte Frau, während wir nebeneinander an der Anrichte standen und uns um unser Essen kümmerten. „Absolut“, gab ich wortkarg zu. Ich tendiere zur Einsilbigkeit, das ist nicht böse gemeint. „Es ist nicht so, dass ich mich vor der Arbeit drücke. In meinem letzten Bewerbungsgespräch wurde ich gefragt, ob mir Büroarbeit schwerfallen würde. Ich erklärte, dass man mich in ein Büro setzen muss und dann arbeite ich. Was mir jedoch schwer fällt, ist die Arbeit bei freier Zeiteinteilung. Also setzte man mich in ein Büro, erklärte mir meine Arbeit und ich schuftete viereinhalb Jahre jeden Tag meine acht Stunden und zudem so einige Überstunden. Ich riss das runter und erledigte den Job von drei Leuten auch immer mal wieder allein. Ich scheue mich nicht vor der Arbeit, aber wenn ich es mir frei einteilen kann, dann schiebe ich es vor mir her. So wie mit dem 50-seitigen Aufsatz, den ich bis morgen noch gelesen haben muss.“

„Du weißt schon, dass du das ganze letzte Woche hättest machen können?“, kam die Frage von der gelockten Frau. „Ja, gerade deswegen habe ich es nicht gemacht“, erklärte ich. Wenn ich so viel Zeit habe, warte ich gern ein wenig ab. Und dann nochmal ein wenig und irgendwann hacke ich die Arbeit einfach runter, so wie ich es in den viereinhalb Jahren gemacht habe. Ich schlafe dann nicht, ich esse nicht, und das stört mich auch nicht.

„Also…Ich könnte das nicht, dieses kurz vor knapp“, erklärte die gelockte Frau. Ich gab nur ein kurzes Hmmm von mir. Denn ich weiß auch nicht, ob ich das kann.  Aber nichts löst so viele Gedankenblitze aus, wie eine direkt bevorstehende Aufgabe: Ich sollte jetzt einkaufen gehen, doch stattdessen habe ich gerade den Namen für den Pflanzen-Instagram-Account einer Freundin erfunden und schreibe jetzt diesen Text. Doch die Zeit rennt, denn die Geschäfte schließen bald. Dass ich den ganzen Tag für den Einkauf Zeit gehabt hätte, ich ihn – also den Tag – stattdessen verschlafen und vertrödelt habe, nervt mich, ist aber einfach ein Teil von mir. Womöglich wäre mir der Titel des Instagram-Accounts nicht eingefallen und ich hätte davon geschrieben, wie ich seit acht Uhr morgens am Schaffen bin. Nein, ich hätte gar nichts geschrieben, denn ich hätte dafür keine Zeit.

Fernbedienung

Ein Knopfdruck und schon ging der Fernseher in der anderen Ecke des Zimmers an. Verrückt, dass die Menschen früher zum Anstellen und zum Wechseln der wenigen Sender jedes Mal aufstehen mussten. Absolut verrückt. Ich verstand erst später, dass die eigentliche Fernbedienung der Fernseher war, der mich aus der Ferne bediente. Er bediente mich mit Bildern und er bediente mich mit Gedanken. Und wie es so ist, wenn man bedient wird, da passiert nur noch sehr wenig im Kopf, denn man wird träge. Und so starrte ich ins Bunte und starrte ins Leere.

Aus der Ferne bedient werden, das ist auch eine Flucht. Eine Flucht vor den eigenen Gedanken, die einem unbequeme Wahrheiten lauthals ins Ohr flüstern. Aus der Ferne bedient werden, das ist eine virtuelle Berührung, die so wenig menschlich ist und doch so reizvoll. Aus der Ferne bedient werden, das ist das Verlangen nach den schönen Augenblicken, die ausblenden, dass das Leben nie perfekt ist.

Bedienungsfern. Das ist das neue Maß der Dinge. Selbst den Hintern hochbekommen und selbst machen, aber nicht bedienen. Es tut gut, selbst zu erschaffen, was man sonst nur sah. Die Welt selbst erleben, statt nur durchs Glasauge.

Und nun raus in die Sonne mit euch!

Ein kleiner Engel

Es war ein kleiner Engel, der da vor mir herum tapste. Goldene Locken und eine Windel, doch ansonsten nichts weiter. Seine Mutter und ich sprachen über die Vertrauensseligkeit, denn der Engel entschied sich, mir zu folgen, obgleich seine Mutter den Weg in die andere Richtung eingeschlagen hatte. Wir kannten uns nicht und doch sprach und gluckste der Engel mich an und zeigte mit seinem Finger, wo was zu finden oder zu erledigen sei. Ich war mir da nicht sicher. Ich schlug vor, dass ich in meiner Richtung schauen würde und der Engel sollte in seiner Richtung schauen, aber da habe ich zu sehr genuschelt, denn der Engel folgte mir und blieb dann unschlüssig vor einem mit Holz vertäfelten Garagentor stehen.

Es ist schon spannend zu sehen, wie der Mensch sein könnte, wenn er noch relativ frei ist von den antrainierten sozialen Verhaltensregeln und -normen. Dieses Vertrauen in eine fremde Person birgt eine Gefahr, aber wie schön wäre es, wenn es nicht so wäre. Wie schön wäre die Welt, wenn wir jedem anderen Menschen vertrauen könnten und wir mit jedem Menschen unseren Weg gemeinsam beschreiten und dadurch immer wieder auf neuen Pfaden wandeln würden. Wenn wir kein „Die da“ kennen würden. Ich schimpfe nicht auf die Welt oder meckere. Ich träume nur zu gern davon, dass wir alle solche Engel geblieben wären. Das ist ein schöner Traum.

Die große Maschine

Das Klackern und das Rasseln hat etwas beruhigendes. Ich kenne das Geräusch von jeher und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es wohl ohne sein müsste. Es gibt diesen steten Grundtakt, der mich des Abends in den Schlaf wiegt und des Tags bei Laune hält. Es gibt die Prophezeiung, dass eines Tages die Menschen diese Maschine zerstören werden, aber das erscheint mir doch wilde Phantasterei und entbehrt jeglicher Grundlage, ist es doch diese Maschine, die uns so gut leben lässt.

Die Einfachheit des Lebens ist der Luxus, von dem die Menschen vor hunderten Jahren noch nicht einmal zu träumen wagten. Was auch immer man braucht, es bedarf nur des ausgesprochenen Wunschs und schon bekommt man es. Früher mussten Menschen jagen und hungern. Warum sollten wir uns dieser Erfindung entledigen?

Armer Tropf

Es klopfte unaufhörlich aus dem Nebenzimmer. Die veraltete Armatur war inkontinent, sie verschloss nicht mehr richtig. In dieser schwülen Nacht, die Schlaf von sich aus schwer machte, war dieses dumpfe Tropfen die Tortur schlechthin, denn ich wusste, dass es nicht aufhören würde. Die Decke konnte ich mir nicht über den Kopf ziehen, dafür war es zu heiß, dennoch dreht ich mich von jener Wand weg, hinter der der defekte Wasserhahn sein Spiel mit mir trieb. Ich hatte es tatsächlich geschafft, mich von dem Geräusch zu lösen, das wurde mir schlagartig bewusst, als ich das hohe Fiepsen vernahm, das sich dicht an mein Ohr heranschlich. Ich schlug mit der Hand in die Dunkelheit und erwischte es nicht, ich hörte es allzu deutlich. Es kam wieder verdammt nah und nochmal schnappte ich mit der Hand danach. Dieses Mal hörte ich es nicht. Ich rieb meine Handflächen und spürte nichts. Also wieder ein Fehlschlag, doch ich vernahm das Summen nicht mehr. Ich beruhigte mich und spürte die Schwere, die mich überkam. Und wieder riss mich das hohe Summen aus dem Schlaf und dieses Mal gab ich auf. Ich stand auf, schloss das Fenster und schaltete das Licht an. Ich sah die Mücke an der Wand sitzen. Zweimal verfehlte ich sie, aber nicht beim dritten Mal. Ich wusch mir die Hände im Raum nebenan, ging zurück, schaltete das Licht aus und legte mich ins Bett. Die Hitze erdrückte mich. Ich hatte vergessen, das Fenster wieder zu öffnen, doch ich beschloss, es noch einen Moment hinauszuzögern, damit die wartenden Blutsauger sich wieder dem Straßenlicht widmen konnten. Ich schlief ein, bevor ich mein Vorhaben umsetzen konnte und erwachte mitten in der Nacht. Mein Hals war ausgetrocknet und ich schwitzte. Also aufstehen, die Fenster öffnen und ein Glas Wasser holen. Erschöpft von der unterbrochenen Erholung, fiel ich wieder ins Bett. Ich schloss die Augen und vernahm abermals das Tropfen. Ich musste lachen. Warum hatte ich nicht einfach einen Schwamm oder ein Tuch in die Spüle gelegt?

Nachttraum

Der leise Flügelschlag erschreckte mich. Es war schon dunkel, doch ein wenig erhellt war die Linie des Horizonts zu erkennen und in diesem Lichtschimmer erkannte ich die drei kleinen Wesen, die so gar nicht wie Vögel flogen. Drei Blutsauger tanzten am Himmel. Kunstvoll zogen sie ihre Kreise. Ob sie sich stritten, wer von ihnen sich verwandeln würde, um mich zu betören und mir das Blut aus dem Hals zu saugen. Ich war mir nicht sicher. Es sah nicht nach einem Streit aus, sondern eher nach einem lustvollen Tanz. Womöglich verabredeten sie sich, gemeinsam auf einer Feier aufzutauchen. Die drei Begehrten, nach denen sich jeder Mensch umdrehen und sich verzehren würde. Die Feiernden werden ihnen hinterherlaufen und der Speichel wird ihnen aus ihren Mündern tropfen, bis sie sich freiwillig hingeben. Die Hitze der Nacht würde über sie kommen. Ein Tanz aus Lust und Begierde würde in einem Bad aus Blut enden. Ich blickte wieder in den Himmel und suchte die drei Tänzer. Sie waren verschwunden.

Wegradiert

Es waren nur wenige Worte, doch sie trafen nicht den Kern der Gedanken. Einige Male hatte ich den weißen Radiergummi über das Blatt gerubbelt und das Grafit löste sich. Dennoch waren die tiefen Spuren zu erkennen. Es fehlte ihnen nur an Farbe. Sie waren tief ins Blatt gefurcht, wie ein Tal in ein Gebirge. Selbst auf den folgenden vier Blättern ließ sich erkennen, was ich geschrieben hatte, doch es war nicht richtig, ich wollte nicht, dass es irgendwer einmal lesen könnte. Die Worte stimmten so nicht, sie verfälschten den Ur-Gedanken. Wie kann es sein, dass ich etwas denken kann, dieses aber nur unzureichend formuliere? Es müsste sich doch alles genauso schreiben lassen, wie ich es denke. Oder zeichnen, warum kann ich den Gedanken nicht zeichnen? Ich begann das Papier zu zerknüllen. Jede der fünf Seiten und ich ließ mir Zeit dabei. Immer wieder knetete ich sie neu durch und das Papier wurde weich. Es war, als würde ich ein dünnes Trockentuch in den Händen halten. Die tiefen Spuren waren nicht mehr auszumachen. Alles war nun wild durchfurcht und gleichzeitig weich. Ein Urzustand, so schien es mir. Ein Zustand ohne gebügelte Ordnung und ohne Strich und Punkt. Das waren meine vier Meisterstücke, die ich mir an die Wand hing, denn sie enthielten meine Gedanken. Weiß auf weiß.

Die Schnittmenge

Ein Bündel Haare hatte sie zusammengekehrt. Ich fragte mich, wie viele Müllsäcke voller Haare so ein Friseur in der Woche zusammenbekommt und ob man sich in die Haare legen könnte. Ja, sie sind pieksig, aber dennoch auch flauschig. Ich würde mich gern einmal hineinlegen und die Gedanken hören aus den Köpfen, die sie vor Kurzem noch bewohnten. Die Sorgen der alten Frau und das frohe Gemüt des kleinen Mädchens. Das liebende Paar, welches einen Termin für beide vereinbart hatte. Der alte Griesgram, der ja doch eine ganz weiche Seele besaß und all die anderen Menschen mit ihren Sorgen- und Lachfalten.  Wenn man seinen Kopf in eine Mülltüte voller Haare steckt, dann hört man diese Gedanken, dazu bedarf es nur der Ruhe. Die Haare sind wild durcheinandergemischt. Hier gibt es kein besser und kein schlechter, nur ein riesiges Knäuel.

Wie du willst

„Wie nah willst du der Erde eigentlich noch kommen?“, fragte mich Paula und schon beim Drehen meines Kopfes merkte ich, worauf sie hinauswollte. Nach den zwanzig Kilometern und den unzähligen Kilos auf meinem Rücken lief ich weit vornübergebeugt. Meinen Kopf drehte ich daher nicht zur Seite, sondern eher wie eine Schildkröte, die sich bedächtig umschaut. Ich straffte meine Haltung und ermahnte mich, gerade zu gehen. Mir taten die Beine weh und ich sehnte mich nach einem Platz im Schatten mit einem kühlen Getränk. Seit einiger Zeit nahm ich die Umgebung kaum noch wahr. Paula hingegen zeigte immer wieder auf diese oder jene Attraktion, mir waren sie egal geworden, ich wollte nur noch ankommen. Ich stieß einen Kieselstein vor mir her und ärgerte mich über die verschwendete Energie.

„Schau mal da“, sie zeigte auf eine Pflanze mit einer fliederfarbenen Blüte. Ich nickte still. „Du bist fertig, oder?“, fragte sie. Ich nickte abermals und sie fragte weiter: „Magst du eine Pause machen?“ Ich wusste es nicht. Ja, natürlich wollte ich pausieren, aber es brachte ja nichts, schlussendlich würde ich den Rucksack wieder aufsetzen müssen. Er würde sich an meinen durchgeschwitzten Rücken pressen und mich würde dieser kalte Schweiß schaudern lassen. Die Muskeln würden jammern. Nein, ich wollte nur noch ankommen, mich duschen, in frische Klamotten schlüpfen und sitzen oder liegen. Ich schwieg. Grummelte vor mich hin. Paula wurde still. Wenn Paula still wurde, ging es mir nicht gut, denn dann war was nicht in Ordnung und ich wusste genau, was bzw. wer gerade nicht in Ordnung war. Ich bekam den Mund auf: „Ich bin erschöpft und ich möchte nur noch ankommen. Ich kann nicht mehr klar denken. Irgendwie ist mir das alles zu viel. Und es macht mich traurig, dass ich dir die Freude raube.“ Paula sagte nichts und lief neben mir her. Ich ließ den Kopf hängen. Plötzlich schubste sie mich von der Seite: „Hey, Kopf hoch.“ Sie grinste mich wieder an. Und ich konnte und wollte mir ein Schmunzeln über mich selbst nicht verkneifen. So wurde der Weg ein wenig erträglicher.