Revolution

Es war ein ungewöhnlicher Besuch an jenem Abend. Thomas, ein Mittdreißiger, der Inhaber eines Buchladens war. Aber er war mehr als das. Er hatte mir eines Abends bei einem Raubüberfall in einer Tankstelle das Leben gerettet und danach jede Form von Entlohnung als Dank abgelehnt. Wir tauschten stattdessen Nummern aus und er hatte sich bei mir gemeldet, weil er sich mit mir unterhalten wollte. Ich hatte dafür gesorgt, dass er ins Hochhaus kam und nach einem Hinweis aus der Lobby, dass Besuch für mich da sei, ließ man ihn in den Lift und er fuhr zu mir hinauf.

Ich finde es immer wieder spannend, was eine Umgebung mit Menschen anstellt und so war es auch bei Thomas, er sah aus, als würde er sich nicht wohl fühlen, als ich ihn hereinbat und ihm zeigte, wo er seine Jacke und seine Schuhe ablegen konnte. Er ging kurz ins Bad, um sich frisch zu machen und folgte mir dann ins Wohnzimmer, in dem er über die Aussicht staunte: „Wow, man kann die ganze Stadt sehen.“ Ich nickte und gestand: „Es ist ein erhabener Anblick, aber man gewöhnt sich daran und es verliert seine Wirkung. Kann ich dir etwas anbieten?“ Wir hatten uns recht früh auf das „Du“ geeinigt, denn wir waren im gleichen Alter und es schien mir, dass wir uns gegenseitig im höchsten Maße respektierten. Er fragte: „Ich würde gern etwas trinken und wenn es nicht zu vermessen ist, vielleicht ein Glas Rum.“ Ich nickte ihm zu, nahm eine angebrochene Flasche aus der Bar und goss uns beiden etwas ein. Ich prostete ihm zu: „Auf Lebensretter.“ Er erwiderte: „Auf das Leben.“ „Ich bin neugierig, warum besuchst du mich?“, fragte ich und er antwortete: „Es sind eigenartige Zeiten. Mein Buchladen ist neulich abgebrannt und mit ihm auch meine Wohnung, die direkt über ihm war…“ „und jetzt möchtest du, dass ich dir aushelfe.“ Unterbrach ich ihn, doch er schüttelte mit dem Kopf: „Es war mir in den Sinn gekommen, aber wahrscheinlich wird die Versicherung dafür aufkommen, ich bin gegen Vandalismus versichert und ich denke, dass man das, was da draußen gerade passiert nicht anders als Vandalismus bezeichnen kann.“ Ich war ein wenig traurig, weil es mir ein Anliegen gewesen wäre, die eine Schuld zu begleichen und zugleich war ich auch froh, denn ich mochte Bittsteller nicht. Da gab man einmal was und das war nie genug. Sie hatten mich hart werden lassen, doch bei Thomas wäre es etwas vollkommen anderes gewesen. Ich bohrte nach: „Also gut, dann brauchst du wohl eine Unterkunft, bis du wieder was eigenes hast?“ Er schüttelte abermals mit dem Kopf: „Nicht wirklich. Ein Freund hat mich aufgenommen, allerdings hätte ich tatsächlich nichts dagegen, wenn ich eine Nacht hier schlafen könnte. Die letzten Nächte mit dem Lärm eingeschlagener Fenster und den Feuerwehr- und Polizeisirenen, lassen mich nicht wirklich gut schlafen. Alles wirkt so unreal von hier oben. Hier sehe ich die Feuer und die Blaulichter, ja sogar die Hubschrauber scheinen unterhalb deiner Wohnung zu fliegen.“ „Du darfst hier gern übernachten, ich habe ein Gästezimmer mit eigenem Bad. Wenn dir danach ist, darfst du auch gern ein paar weitere Tage bleiben.“ „Vielleicht. Ich kann es nicht sagen. Ich möchte nicht unfreundlich erscheinen, aber ich finde es ein wenig kalt bei dir.“ „Meinst du die Heizung? Ich kann es gern wärmer machen.“ „Nein, ich meine die Wohnung. Alles wirkt so steril und perfekt. Es gibt hier kaum etwas mit Persönlichkeit.“ Ich schmunzelte, denn ich mochte es spartanisch. Er ergänzte: „Vielleicht ist das einfach so bei den reichen Menschen.“ Ich sah ihn einen Augenblick lang an und widersprach: „Ich kenne die fehlende Wärme auch aus den Wohnungen armer Menschen, die sich alles mit Kitsch zukleistern.“ Wir schwiegen und blickten aus den zimmerhohen Fenstern vor dem Balkon.

Thomas holte Luft und sagte: „Hast du Angst, dass der Pöbel kommt, um dich zu holen?“ Ich erwiderte: „Absolut nicht. Ich bin sicher in dem Haus und es gibt sogar eine kleine Privatarmee, die aktuell in den unteren Etagen einquartiert wurde.“ „Aber was, wenn die Krawalle größer werden und sich immer mehr Menschen anschließen, ja vielleicht sogar die Leute der Privatarmee?“, fragte er mich. Ich dachte kurz nach: „Es macht mir alles keine Angst. Die Menschen dort unten, gehen aufeinander los. Sie haben deine Buchhandlung und deine Wohnung zerstört, vielleicht weil sie glauben, dass du an ihrer Armut schuld bist. Oder vielleicht wegen deiner politischen Einstellung oder irgendeiner Aussage. Marx‘ Idee vom Klassenkampf scheitert daran, dass die unterdrückte Klasse gegeneinander kämpft.“ Thomas sah mich verwundert an und ich erklärte: „Ja, ich habe Marx und Engels gelesen. Aber auch Orwell und Huxley. Die Realität sieht doch so aus: Es kämpfen die Linken gegen die Rechten; die Gebildeten gegen die Verschwörungsgläubigen; die Armen gegen die Mittelständler; eine Hautfarbe gegen eine andere; eine Religion gegen eine andere. Sie zeigen dann noch auf die Politiker und wollen sie stürzen. Dabei schwimmen die auch nur gegen die gleichen Fluten an.“ Er nickte und fragte: „Und du, siehst du dich als Teil des Bösen?“ Ich fragte gegen: „Hältst du mich für böse?“ „Nein, eigentlich nicht. Aber wie geht es dir mit dem Reichtum und dem Wissen, dass Menschen Hunger leiden und in Armut sterben?“ „Ich habe verstanden, dass es einfach so ist. Ich könnte all mein Geld verteilen und es würde sich nichts ändern.“ „Ja, das mag sein, aber du könntest stattdessen auf Gewinne verzichten und den Menschen dafür bessere Gehälter zahlen.“ „Ja, könnte ich machen, dann verlieren nur meine Aktien an Wert, weil die Anleger ja hohe Gewinne haben wollen.“ „Okay, ich seh‘ schon. Anleger wie ich, deren Lebens- und Rentenversicherung von den Gewinnen der Aktien abhängig ist.“ „Das ist doch der Witz und der klappt in ganz klein und in ganz groß: Jeder einzelne Mensch hat die Chance in seinem Leben glücklich zu sein. Nun gut, zumindest in unserer Gesellschaft.“ „Und was ist mit den Ärmsten?“ Ich nickte und verschwieg meine eigene soziale Herkunft. Ich wollte meinen Punkt erklären: „Dann sagen wir, dass ein nicht geringer Teil der Menschen die Möglichkeit hat, sich selbst zu verwirklichen, manche mit gewissen Einschränkungen, aber die Option besteht. Doch stattdessen stellen sie die meisten in ein Hamsterrad und rennen jeden Tag aufs Neue ohne Ziel. Und so läuft es auch in der Welt. Wir könnten alle daran arbeiten, dass es uns gut geht, doch wir halten uns mit Grabenkämpfen auf. Sollte man mich eines Tages in die Guillotine einspannen und köpfen, wird die Revolution nach mir nichts ändern.“ Ich betrachtete Thomas und er sah traurig nach draußen, dann setzte er an: „Also die Menschheit könnte gemeinsam an einer besseren Welt arbeiten, aber sie wird es niemals tun. So siehst du es, oder?“ „Hm…ich weiß nicht, was einmal passieren wird. Aber aktuell ist es so. Die Leute, die die Scheiben deines Ladens eingeworfen haben und ihn anzündeten. Die wollen schlussendlich auch nur, dass sie mehr Geld haben und wenn sie es haben, dann ist es ihnen egal, wie es den anderen Menschen geht. Wenn es anders wäre, hätten sie deinen Laden nicht angezündet. Aber unsere Geschichte kennt auch andere Beispiele. Martin Luther King und Mahatma Ghandi verstanden und lebten ihren friedlichen Protest und sie erreichten damit etwas, sie verstanden, dass es etwas Größeres und Wichtigeres als sie selbst gab und dafür kämpften sie, wobei das Wort „Kampf“ hier unangebracht erscheint. Aber wir Menschen, wir nehmen uns selbst als zu wichtig. Und daran scheitern die Revolutionen, selbst wenn sie gelingen.“

Zug um Zug

Die Sinnlosigkeit des Seins machte mir keine Angst, sie nervte mich allerdings. Mir war nach einem tiefen Zug einer Zigarette. Ich hätte sie nicht einmal selbst rauchen wollen, der Passivzug würde mir genügen. Am besten in einer ranzigen Kneipe, in der der Fußboden ebenso klebte wie die Ärsche der fünf Stammgäste auf ihren Hockern. Aber solche Kneipen gab es nicht mehr, sie mussten rauchfrei sein. Verdammt traurig, selbst für einen Nichtraucher wie mich. Kaum deutlicher als hier erkannte man den fehlenden Sinn in allem, was wir Menschen zu tun und zu erfinden glaubten. Jede geniale Idee, die einem klugen Kopf jemals kam, wäre hier unbedeutend und gerade das war doch das Schöne an diesen Hinterhöfen der glitzernden Gesellschaft, die stetig am Aufstieg arbeitete. Jeden Tag vor sich hin schuftete, damit…ja…damit…eben, damit gar nichts. Damit man in zehn Jahren sagen konnte, dass es den Menschen niemals zuvor so gut ging. Das war eben die Parole, damit man sich am nächsten Morgen wieder im Stau anstellte, um einem armen Schwein irgendwelchen Mist anzudrehen, den es nicht brauchte. In der Spelunke interessierte sich niemand dafür. Da gab es Altherrengeschwätz, das auch keine bessere Parole bereithielt, aber das war auch nicht der Grund, um dorthin zu gehen. Man ging hin, um Rauchschwaden einzuatmen und abgestandenes Bier herunterzuwürgen. Das Klo wäre auch blind zu finden gewesen, einfach dem stechenden Geruch folgen. Der Begriff „Vanitas“ kommt mir in den Sinn und passt zugleich so gar nicht in dieses Bild, kein Kneipengespräch setzt sich mit der künstlerischen Betrachtung von Vergänglichkeit auseinander. Wozu auch, man weiß, dass man vergeht, mit jedem Zug.

Einsamkeit

Ich betrachtete das Glas mit der bräunlichen Flüssigkeit und den darin schwimmenden Eiswürfeln. Um mich herum war es ohrenbetäubend laut, wie man es von einem Club erwarten würde. Die Menschen tranken und feierten, während ich in der Ecke saß und vor mich hinstarrte. Ich war nicht anwesend, meine Gedanken waren nicht greifbar, es war nur das Gefühl von Einsamkeit mitten im belebtesten Ort der Stadt. Vielleicht fühlt man sich nirgends so allein, wie in einer vollen Menge Menschen, weil die Verbindung plötzlich fehlt, weil alles sich fremd anfühlt und doch war ich gelähmt und unfähig aufzustehen und zu gehen.

Irgendwer setzte sich neben mich und fragte mich, ob es mir gut gehen würde und nicht Lust hätte zu tanzen. Ich kannte die Person nicht und mir war auch nicht danach. Ich sah ihr in die Augen und hielt den Blick. Ich weiß nicht, ob mein Gegenüber mir in die Seele blicken konnte, doch es wurde verstanden, genickt und weggegangen. Vermutlich haben schon viele Menschen hier gesessen und sich einsam gefühlt. Schade, eigentlich habe ich mich besonders gefühlt. Aber das war ich nicht. Das versuchte ich mir nur einzureden, damit das schnöde Leben ein wenig mehr Wert hatte, aber es stimmte nicht.

Ob ich am nächsten Montag zu Arbeit erscheine oder nicht, war vollkommen irrelevant. Die Maschine lief auch ohne mich weiter. Die Eiswürfel schmolzen im Glas und es schien, als wäre die bräunliche Flüssigkeit weiter oben heller. Das kalte Wasser sinkt ab, erinnerte ich mich an meinen Physikunterricht aus der Schule. Ich sank abwärts und mir wurde kalt. Also stürzte ich den Inhalt des Glases herunter und raffte mich auf. Es gab ein klares Ziel: Die Garderobe. Auf dem Weg dahin musste ich durch das bunte Lichtgewirr und die lauten Bässe. Ich gewann den Kampf gegen Lichtstrahlen und Schallwellen. Die Jacke wärmte mich und ich begab mich auf den Weg ins warme Bett.

Aufgetankt

Es war eine dumme Idee gewesen, in der Sonne liegend einzuschlafen, obgleich es gar nicht meine Idee gewesen war. Es passierte einfach und ich war zu müde, dagegen anzukämpfen. Es war einer der ersten warmen Tage des Jahres und nachdem ich den halben Tag lang Sachen für meinen Umzug geschleppt hatte, wollte ich zwar eigentlich ein wenig auf- und einräumen, doch die Lust darauf, die neuen Orte in dieser mir kaum bekannten Stadt zu erkunden, war viel zu groß. Ich regelte das mit dem üblichen „mache ich später“ mit meinem Gewissen und packte einen Rucksack mit einem Handtuch und einem Buch. Der Gedanke an Wasser kam mir, doch ich konnte die Flasche nicht finden.

Beim Aufwachen verspürte ich eine Dürre in meinem Mund. Ich hatte den ganzen Tag kaum etwas getrunken und gegessen hatte ich auch noch nicht. Also beschloss ich zurück zu meiner Wohnung zu gehen. Der Hinweg hatte vielleicht eine Viertelstunde gedauert, somit sollte mir recht schnell geholfen sein, dachte ich und machte mich in die Richtung auf, aus der ich gekommen war. Ich fühlte mich halb verbrannt, als hätte man mich auf einen Drehspieß gesteckt. Doch man hatte vergessen, den Drehspieß zu drehen, denn die Hitze spürte ich nur auf einigen Stellen meiner Haut. Ich schlürfte vor mich hin, blieb an einem aufgeplatzten Stück Asphalt hängen und stolperte einige Schritte. Ich war stumpfsinnig die Straße hinaufgelaufen, doch als ich mich nach dem Stolpern umblickte, erkannte ich rein gar nichts wieder. Auch meldete sich mittlerweile meine Blase und innerlich kotzte ich, weil ich auch mein Handy nicht eingesteckt hatte. Das wohl elementarste Etwas der heutigen Zeit hing an der Steckdose. Gut, würde es da nicht hängen, dann wäre der Akku eh leer und ich hätte auch nichts davon gehabt. Mir blieb nichts weiter übrig, als mich umzuschauen und irgendwas noch so Kleines zu erkennen, das ich bereits gesehen hatte, als ich die Wohnung besichtigt hatte bzw. als ich heute Morgen hinfuhr.

Da gab es einen Bäcker und ich erinnerte mich daran, dass es gleich um die Ecke bei meiner Wohnung einen gab: Ich suchte die anliegenden Ecken erfolglos ab. Dann erspähte ich eine Tankstelle und ja, das machte mir Hoffnung, denn die sind üblicherweise nicht so häufig vorhanden und ganz am Anfang meiner Straße gab es eine Tankstelle. Zudem konnte ich drinnen einfach nachfragen, denn im Gegensatz zum Bäcker haben Tankstellen durchweg geöffnet. Ich erkannte die Straße nicht und verzweifelte ein wenig. Ich bat den Kassierer um den Schlüssel zur Toilette, den er mir direkt gab. Es gibt wohl kaum ein erlösenderes Gefühl, als nach langer Zeit seine Notdurft loszuwerden. Dass die Toilette abgeranzt war und wohl seltener gereinigt wird, als ich mein Auto in die Waschstraße stecke, war mir in dem Moment egal. Es würde sich eben kein Frischegefühl einstellen, aber damit würde ich leben können. Bei der Rückgabe des Schlüssels fragte ich den Angestellten, ob er zufällig wüsste, wo meine Straße sei. Er entgegnete: „Also eigentlich tankt man hier oder man kauft ein.“ Ich nickte: „Ja, und wenn ich Geld hätte, würde ich ihnen sofort ne Limo abkaufen. Aber die Sache ist die: Ich bin hier frisch hergezogen, habe außer einer Decke und einem Buch nichts in meinem Rucksack und lag gerade ne halbe Ewigkeit in der Sonne. Ich will nur noch nach Hause.“ Bei diesen Worten schnürte sich mir die Kehle zu und ich war selbst überrascht, wie es mich fast überrannte. Der Angestellte schmunzelte: „Die Straße, die du suchst, ist gleich nach der Tankstelle links.“ Er zeigte in die Richtung. Ich bedankte mich und ging in die besagte Straße. Ich musste loslachen, denn es war nur ein Häuserblock bis zu meiner Wohnung. Mir stiegen Tränen in die Augen. Gleich bin ich wieder in meinen vier Wänden. Ein tiefes, wohliges Gefühl breitete sich in mir aus.

Ausflug

Sie hatten mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zur Sonne zu fliegen. Es schien mir eine große Ehre zu sein. Immerhin gab es allerhand interessierte Menschen, die Interviews und Autogramme von mir wollten. Es gab auch Live-Übertragungen aus dem Raumschiff, welches mich beherbergte. Ich hatte mir das alles nicht so ganz überlegt, aber es war immer mein größter Traum gewesen, die Erde vom Weltall aus zu betrachten. Und da dachte ich mir, dass ich nachdem dieser Traum erfüllt wäre, ja eh schon mein Highlight im Leben hatte, ich auch nicht mehr so daran hängen müsste. Zudem wurde mir versichert, dass dieses Schiff sicher sei: Konstruiert nach neuestem Wissen und ausgestattet mit der besten Technik. Ich glaube, dass waren auch die Worte, mit der man die Titanic in ihre Jungfernfahrt verabschiedet hatte.

Alles ging so furchtbar schnell. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen und mir war, als wäre es alles an einem Tag passiert. Dann der Flug heraus aus der Erdatmosphäre. Ich kreiste einige Minuten um unseren blauen Planeten, bis es weiter zum Mittelpunkt unseres Sonnensystems ging. Der Anblick auf die Erde war unbeschreiblich, aber viel zu kurz. Und seither saß ich in diesem riesigen Etwas. Ich sollte Daten und Bilder von der Sonne sammeln, danach ging es wieder zurück zur Erde. Die ersten Jahre waren eine Mischung aus Langeweile, Einsamkeit und der ewigen Frage nach dem Sinn des Lebens. Mittlerweile bin ich in die Korona eingetaucht. Die Fenster haben eine spezielle Folie, welche das Licht filtert und dennoch schwitze ich im Cockpit, weil es nur noch die Sonne zu sehen gibt. Das Weltall kann man hier nicht mal mehr erahnen, weder das endlos tiefe Schwarz noch die eisige Kälte.

Heute Morgen hatte der Computer gepiept und mir mitgeteilt, dass etwas mit dem Druck nicht stimmte. Ein wenig später fiel der Computer dann aus. Ich treibe seither auf dem festgelegten Kurs und entweder wird die Schiffshülle halten oder eben nicht. Ob ich zurückkommen werde, ist zweifelhaft so ohne technische Hilfe. Ich glaube, ich würde lieber hier in der Hitze verglühen, statt in der Kälte umherzutreiben.

Schwere

Ich war mir nicht sicher, ob ich mich freuen sollte, noch etwas von der Mousse au Chocolat im Kühlschrank gefunden zu haben oder nicht doch traurig sein sollte, weil sie jetzt doch schon einen Tag alt war und somit bei weitem nicht mehr so luftig und lecker, wie man es kennt. Ich griff mir die Schüssel und verzog mich mit der Süßigkeit aufs Sofa. Es war ein schönes Kateressen. Gut: Gegen kalte Pizza hätte ich auch nichts einzuwenden gehabt, aber man muss ja da anfangen, wo man momentan steht und da ist Mousse nun wirklich kein schlechter Start. Es schmeckte ganz vorzüglich, lediglich die harten Krusten umschiffte ich mit dem Löffel, die waren nicht mehr zu retten. Im Zimmer über mir hämmerte jemand irgendwas in die Wand und aus der Küche dröhnte die Waschmaschine auf Hochtouren, doch es war mir egal. Das ist wohl das Schöne an einem Kater, dass einem die Welt egal ist. Vielleicht tranken unsere Politiker unentwegt und deswegen sahen wir zu, wie Menschen starben und die Welt jeden Tag aufs Neue gefickt wurde. Ich nickte bei dem Gedanken, dass das innere Meckern auch nichts änderte. Das ist wohl die Krux, dass es jeder von uns schon nicht gut genug macht und in der Summe ist es dann ein riesiger Müllhaufen, der sich zusammenträgt. Mir war nicht nach tiefen Gedanken. Nicht am Sonntag. Nicht am Katertag. Die Schüssel stellte ich beiseite, machte mich lang und griff nach einem Buch. Nach fünf Seiten wusste ich nicht, was ich gelesen hatte und meine Augen befanden sich in einer Dauerschleife bei der Suche nach dem letzten Satz, den ich zwar gelesen hatte, jedoch bei zufallenden Augen nicht mehr wirklich wahrnahm. Ich gab es auf, legte das Buch auf den Holzboden und schlief wieder ein.

Nimm’s locker

Die zwei Ruder hingen ins Wasser, waren aber am Boot befestigt, so dass sie nicht verloren gehen konnten. Ich hatte mich lang gemacht und ließ mich von der Sonne wärmen. Wie ein Teelicht in einer Wasserschale kam ich mir vor.

Ich war am See auf einem Spaziergang entlanggekommen und hatte den Bootsverleih gesehen. Die ganze Zeit schon ging mir diese Sache durch den Kopf und ich wurde die Gedanken nicht los. Also beschloss ich, ein Boot zu mieten und auf den See zu rudern. Ich hatte die beiden Ruder in die Hand genommen, mich nochmal umgeblickt und die vollkommen leere Wasseroberfläche hinter mir inspiziert. Ich war allein hier und konnte drauf los rudern und das tat ich. Die Blätter tauchten ins Wasser ein, ich legte mich nach hinten und zog an den Griffen, dann drückte ich sie runter, damit die Blätter in der Luft zurück zu dem Punkt gelangten, an dem sie eintauchten und wieder das Wasser wegdrückten. Anfangs nahm ich mir Zeit, die Bewegung möglichst weit und perfekt auszuführen, doch mit der Zeit wurde ich schneller. Ich wollte vorankommen, ganz ohne Ziel. Und so schaufelte ich das Wasser umher und spürte, wie sich Schweiß auf der Stirn sammelte. Dann sah ich einen Tropfen vor meinen Augen gen Boden fallen und ich fragte mich, ob man das Wasser mit dem eigenen Schweiß bis zur Kante füllen konnte. Ich wünschte es mir sogar, damit ich rudernd untergehen konnte. Es wäre mir egal gewesen. Nein, es wäre mir ganz recht gewesen. Und dann merkte ich, wie mir die Puste ausging. Meine Arme brannten schon längst, aber jetzt kam auch mein Atem nicht mehr nach.

Ich löste meine Hände von den Griffen und legte mich hin. Anfangs hörte ich nur meinen lauten Atem und spürte die Arme und den Rücken. Dann aber bemerkte ich den wolkenlosen, blauen Himmel und die Sonne, die auf mich schien. Ich musste loslachen. Ich lachte über den Mann, der ich noch eine Stunde zuvor war. Vollkommen missmutig. Mies gelaunt raunte ich Leute an, die mir im Wege standen. Immer mehr fraß sich diese Wut auf jeden und alles in mich und ich kam da nicht heraus. Jetzt im Boot merkte ich erst, wie lächerlich all das war und ich wünschte mir, schon früher so über mich gelacht zu haben, denn wie viele Leute hatte ich wohl angesteckt. Mir blieb das Grinsen im Gesicht. Es brachte nichts, sich schuldig zu fühlen. Es war besser, über sich selbst zu lachen.

Weg vom Fenster

Der Himmel war grau und es war nicht zu erkennen, wo eine Wolke anfing und eine andere aufhörte. Ich beschloss, drinnen zu bleiben und sah aus dem Fenster meiner Hochhauswohnung. Ich blickte auf das ebenso hohe Haus gegenüber. Dort bemerkte ich in zwei Fenstern das Brennen der Lichter. Denen war es wohl einfach zu düster, aber eigentlich wäre es nicht nötig, dachte ich mir. Ich suchte die Fenster nach einer Bewegung ab, fand jedoch keine und war schon gewillt, aufzugeben, als ich beim Wegdrehen meines Kopfes zwei Augen ausmachte. Ich drehte den Kopf zurück und suchte die zwei Augen und den Körper dazu. In den unteren drei Etagen fand ich nichts, aber im vierten, also auf gleicher Höhe wie ich, entdeckte ich das Augenpaar. Es muss ein kleiner Mensch sein, denn die Augen kamen gerade so über die untere Kante des Fensters. Es war nur ein wenig Haut vom Gesicht zu erkennen, aber kaum weitere Konturen. Ich bildete mir ein, dass die zwei Augen zu mir herüberblickten. Mich überkam das peinliche Gefühl, beim Spannen erwischt worden zu sein und ich wollte verschwinden. Auf der anderen Seite jedoch spannten die zwei Augen selbst. Wir hatten nichts Verbotenes getan, außer ein klein wenig in die Privatsphäre unserer Nachbarn einzudringen, aber auch nur soweit sie es zuließen. Ich entschied mich, meine Hand zu heben und langsam zu winken. Die zwei Augen schlossen sich und verschwanden. Ich hatte sie verscheucht. So blieb ich noch einen Moment stehen, doch sie kamen nicht zurück. Als ich mich wegdrehte, nahm ich eine Bewegung wahr. Ich sah zum Fenster hinüber und tatsächlich, da war das Augenpaar, welches direkt wieder verschwand. Ich verstand das Spiel und machte mit, indem ich ebenfalls kurz vom Fenster verschwand und dann vorsichtig und langsam auftauchte. Dann verharrten wir einige Sekunden, bis ich oder die Augen sich wieder versteckten. Es war ein kindlicher Spaß, den wir uns einige Minuten gönnten. Plötzlich einigten wir uns darauf, uns wieder anzuschauen. Ich winkte nochmal hinüber und dieses Mal sah ich auch im Fenster gegenüber eine Hand, die mich grüßte. Mir hüpfte das Herz vor Freude. Es ging das Licht im Zimmer an und für den Moment konnte ich die Umrisse meines Gegenübers erkennen. Es war ein großer Lockenkopf mit dunklen Haaren. Ein kleines Mädchen, vermutete ich, welches sich umdrehte und von mir wegsah. Vielleicht redete sie mit der Person, die das Licht angemacht hatte. Mit einem Mal verschwand sie vom Fenster und das Licht wurde gelöscht. Sie wurde wohl in den Kindergarten oder die Schule gebracht, dachte ich mir. Ich drehte mich um und spürte die Wärme einer tiefen Freude in mir. Es war, als hätten wir eine kleine Freundschaft geschlossen. Das hatte ich mit meinen siebenundachtzig Jahren nicht mehr erwartet.

Brei

Ich war in der Stadt angekommen. Ich weiß nicht mehr, in welcher eigentlich, dafür sahen sie alle zu gleich aus. Gut, eine größere Stadt hat höhere Gebäude, an den Fassaden kleben dennoch die gleichen Namen und Bilder. Es interessierte mich nicht. Was mich interessierte, war der Standort der nächsten Toilette. Mir wurde aber schnell klar, dass selbst wenn es eine örtliche Einrichtung gäbe und man Schilder dafür aufgestellt hätte, würde ich diese niemals finden: Zu viele Informationen prasselten auf mich ein und versperrten mir den Blick. Ein kurzer Gedanke überkam mich, dass man womöglich irgendwo privat klingeln und fragen könnte, doch ich machte mir klar, dass die Innenstädte schon längst nicht mehr dazu dienten, Menschen ein Heim zu bieten. Und jene, die es sich leisten könnten, hier zu wohnen, würden mich mit den Löchern im Pullover und in der Jeans nur mit einem bösen Blick im Gesicht vor ihrer Tür stehen lassen. Da machte ich mir nichts vor. Ich ging in eine Boutique und fragte die Verkäuferin, ob es eine Toilette gäbe. Sie erklärte, dass diese nur für Kunden sei. Ich sah mich um und sah keine Kunden. Allerdings war mir auch nicht danach, mich mit einem Kleid oder einem Rock einzukleiden. Ich gab nicht auf: „Okay, ich kann ihnen gern einen Euro geben, wenn ich dafür die Toilette nutzen dürfte oder gibt es hier nur eine für Frauen?“ Die Verkäuferin überlegte, schüttelte dann aber den Kopf: „Es tut mir leid, die Nutzung ist nur für unsere Kunden gestattet.“ Es stimmte mich traurig, dass die Menschen hier problemlos durch Roboter ersetzt werden könnten und es niemandem auffallen dürfte. Aber gut, das war für die Frau vermutlich auch nur ein seelenloser Job, um sich die Miete leisten zu können, in diesen Läden arbeiteten die meisten Menschen nicht, weil es ihr Herzenswunsch war. Ich fragte: „Was ist denn der günstigste Artikel, den sie haben?“ Die Verkäuferin stutzte. Ich blickte nach rechts und sah eingeschweißten Schmuck. Da gab es ein paar Ohrringe für 49 Cent. Eigentlich ein Verbrechen, so etwas zu kaufen, dachte ich mir, aber außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliches Handeln. Ich griff die Packung, legte sie auf den Tresen und sagte: „Die zahle ich gleich, ich würde nur kurz noch die Toilette aufsuchen.“ Die Verkäuferin wollte das Spiel aber noch ein wenig weitertreiben und erwiderte: „Ist das für sie oder eine Freundin?“ Ich entgegnete nur: „Für meine Freundin und ich überlege, ob sie es mir einpacken können.“ Langsam wurde es lästig, aber anscheinend ging es der Verkäuferin ebenso. Sie wies mir dir Richtung. Ich legte 50 Cent auf den Tresen und ging kopfschüttelnd in Richtung der Toiletten. Als ich zurückkam, stand die Frau noch immer hinter der Kasse. Die Ohrringe hatte sie mit einem Kassenzettel und einem Cent garniert. Ich griff die Ohrringe: „Den Kassenzettel benötige ich nicht und der Rest ist Trinkgeld.“ Beim Verlassen des Ladens ließ ich die eingeschweißten Ohrringe fallen und suchte meinen Weg aus diesem bedrückenden, grauen Einheitsbrei, durch den in den nächsten Stunden die Menschenmassen ziehen würden. Ich gehörte hier nicht hin.

Brücken

Wenn Städte zum Großteil ganz natürlich an Flüssen entstanden, dann ist es nur logisch, dass wir Menschen schnell lernen mussten, Brücken zu bauen.

Wenn wir auf die Welt kommen, gibt es eine Verbindung zwischen uns und unserer Mutter. Die Nabelschnur war der direkte Draht, doch auch nach seiner Durchtrennung bleibt eine Verbindung erhalten. In Zeiten, in denen wir alle Daten durch die Luft schicken können, sollte uns das nicht verwundern.

Die kleine Hand greift sich einen Finger, als wäre es der stärkste Ast des größten Baumes. Gebettet im Arm gehalten, beschützt vor allem, was um uns passiert. Das Leben hat keinen großen Plan, es hat nur Leben. Den ganz eigenen Rhythmus, der mal schneller und mal langsamer pocht und für jedes Wesen in der höchst eigenen Weise. Um das Leben zu messen, braucht es weder Uhr noch Geld, dies sind die falschen Instrumente, doch sie sind laut. Sie hämmern gleich einem Presslufthammer auf jede lebende Faser ein und versuchen sie anzugleichen und bewertbar zu machen.

Eine Träne bildet sich im Augenlid. Sie wurde aus Trauer oder aus Freude gezeugt. Sie schmeckt salzig und kitzelt die Haut, während sie an ihr hinabgleitet. Sie ist ein unverkennbares Zeichen unserer Emotionen. Ich mag sie gern, die Tränen. Sie sind ehrlich. Und sie bilden eine Brücke, selbst wenn sie nicht in Flüssen fließen.