Die Nacht

Die Augenlider bekommt sie nur schwer geöffnet und in ihrem Kopf ist sie schon längst im Bett, auch wenn sie noch zwei Stunden arbeiten muss und den teils angetrunkenen Gästen freundlich gegenübertreten wird. Sie zaubert mir in Windeseile mein Essen zu und freut sich über das Trinkgeld, das zu dieser Uhrzeit eigentlich jedem Besucher automatisch aus dem Portemonnaie rollen sollte. Aber so ist die Welt nicht. Der Junge hinter mir hat riesigen Hunger und das Geld reicht nur geradeso für jene warmduftende Köstlichkeit. Ich verurteile ihn nicht, denn sein Hungergefühl brachte ihn hierher, es führte nicht dazu, dass das eigene Handeln hinterfragt wird. Der Laden ist gemütlich und der Chef ein unheimlich liebenswerter Kerl und so gehe ich mit dem Gefühl, dass die gute Frau zwischen Theke und Kochfläche gut entlohnt wird. Wissen tue ich es nicht.

Das Bier wird heute wieder gezapft und getrunken, so dass gefeiert werden kann, denn danach dürstet es uns alle, die wir mehr Leben spüren wollen. Und dann wird aufgeräumt. Nicht wie damals im Kinderzimmer, als ich es selbst machen musste, sondern von den guten Menschen, die jede Toilette auf ein Niveau putzen, als würde die Kanzlerin höchstpersönlich vorbeischauen. Ein paar Wesen mit Blaulicht retten einen betrunkenen Radfahrer vor sich selbst und die Leute aus dem Krankenwagen kümmern sich um die arme Gestalt, die eine Parkbank bei Temperaturen um den Gefrierpunkt als Schlafstätte erwählt hatte.

Ich bekomme von all dem nichts mit, denn ich liege in meinem Bett und träume davon zu fliegen. Ein schöner Traum. Kein Mensch leidet in diesem Traum und ich genieße meine Freiheit in der Luft und sehe, wie die Welt unter mir kleiner wird, während ich meine Kreise ziehe. Es ist angenehm warm und die Sonne lacht mich an. Es ist schön hier oben, weit weg von all den Dingen, die mich nach unten ziehen, denke ich und spüre, wie ein Betonklotz an meinen Füßen mich eines Besseren belehrt. Ich schließe die Augen, atme tief ein und als ich die Augen wieder öffne, finde ich mich in meinem Bett wieder. Ein Krampf fährt durch die Wade meines linken Beines und ich trete gegen die Wand, um den Schmerz zu mindern.

Nebenan erschreckt sich die junge Frau, die gerade von ihrer Nachschicht heimgekehrt ist. Sie hat ihren Kunden leckeres Essen zubereitet in einem kleinen Laden, dessen Chef ein liebenswerter Kerl ist und nicht das dickste Gehalt zahlen kann, aber dafür jederzeit ein offenes Ohr hat und so sehr hilft, wie er kann. Sie hat heute ein nettes Trinkgeld erhalten und fragt sich, welcher Idiot mitten in der Nacht gegen ihre Wand hauen muss.

Alkohol

Das hier ist ein Lobgesang auf etwas, das ich nicht lobpreisen möchte und was deswegen schon viel zu lang in meinem Leben präsent ist, ohne ehrlich erwähnt zu werden. Alkohol ist nichts, was gefeiert werden müsste, denn zu viele Menschen leiden unter dir. Aber darum geht es nicht. Es geht darum was du mit den Köpfen jener machst, die dich hin und wieder genießen, während jene Köpfe sonst der Vernunft angehören.

Vorhin ging ich an Kotze vorbei. Sie roch nicht mehr und sie war wohl längst fest. Ich erblickte sie und versuchte für einen Moment etwas in ihr zu erkennen. Ein Muster oder gar ein Bild. Es war mein betrunkener Rorschachtest und ich muss gestehen, dass ich zu betrunken war, um etwas zu erkennen. Aber ich war fasziniert. Und ich möchte ehrlich sein: Wäre ich nüchtern an diesem Auswurf vorbeigegangen, so wäre ich erst verwundert gewesen, weil ich nicht gewusst hätte, was da vor mir liegt. Ich hätte einen Moment lang gegrübelt, dann wäre mir ein Licht aufgegangen, und dann hätte ich mit dem Ekel des zivilisierten Menschen gezeigt, dass ich über jenem stehe, der zuvor nicht mehr fähig war, seine Grenzen zu kennen und mitten auf dem Gehweg sein ehemals Gegessenes ausstülpte.

Und hier ist eben der Punkt. Alkohol ist nicht gut oder schlecht. Wäre ich rechts, so könnte ich Parolen gegen Ausländer und Linke grölen und wäre ich links, so könnte ich Parolen gegen das System und Rechte grölen. Aber stattdessen dachte ich über ein festgefrorenes Stück Erbrochenes nach. Oder vielmehr darüber, was wir Menschen bei Verstand für eine irrsinnig hohe Vielzahl an Gedanken nutzen, die der betrunkene Geist auf einen einzigen beschränkt. Dieser Geist wurde leider schon beeinflusst und deswegen grölt er gegen dies oder gegen das. Und vielleicht ist dies die Erkenntnis, nämlich dass der offene Geist für etwas grölen würde ohne dabei etwas ausschließen zu wollen. Aber wie sollten wir das jemals herausfinden, denn einen offenen und unbeeinflussten Geist gibt es nicht. Unsere Geiste prosten einem Staat zu oder einer Revolution.

Vielleicht sollten wir uns mehr mit dem Stück Kotze beschäftigen. Ganz ohne Ekel und ohne Sitte. Nur das Bild, das es uns malt und vielleicht würden wir damit tausendmal mehr zu uns selbst finden, als wir es mit Meditation oder Selbsterkenntnisbüchern oder Lehren jemals schaffen würden. Es bräuchte dafür keinen Alkohol, denn die Begrenzung setzen wir uns selbst. Auf euer aller Wohl und auf all unsere Gedanken, die leider gar nicht so frei sind, wie wir es glauben.

In Plastik verpackter Tod – Literallypeace.com

Ein weiterer Eintrag auf Literallypeace, bei dem ich mich mit dem Thema Tod beschäftige. Interessant hierzu sind dann natürlich die Einträge von der syrischen Seite, denn der Blick unterscheidet sich seit einigen Jahren gravierend von unserem.

Klick hier zum Beitrag

Ich wünsche euch einen schönen Sonntag.

Ich machte es, wie es in den Büchern stand, aber es funktionierte einfach nicht

Da stand ich nackt in der Dunkelheit und wusste nicht wohin. Immer wieder hatte ich mir all die Weisheiten eingebläut, die mir erklärten, wie ich als Mann zu sein hätte. Ich verstand, dass ich hart sein musste. Ich verstand, dass ich weich sein musste. Und doch blieb mir der Erfolg verwehrt. Ich machte es, wie es in den Büchern stand, aber es funktionierte einfach nicht.

Dann verstand ich den eigentlichen Fehler: Ich versuchte immer zu sein, wie ich sein könnte und nicht, wie ich war.

Und nun weiß ich nicht mehr, wer ich bin. Nun bleib mir nur mein eigenes Buch zu schreiben.

— — — — — —

Dies ist mein Beitrag zum 9+1-Schreibprojekt von Blaubeermuffins machen glücklich

Der aktuelle Satz lautet: Ich machte es, wie es in den Büchern stand, aber es funktionierte einfach nicht.

Nimm’s bitte nicht persönlich

„Dass du das für mich tun würdest, hätte ich nie gedacht. Ich war mir so sicher, dass du mich nicht leiden könntest und jetzt opferst du dich für mich? Wie kann ich das jemals wiedergutmachen?“

„Es gibt nichts, was du tun könntest. Und du hattest vollkommen recht, ich kann dich nicht leiden. Ich opfere mein Leben nicht für dich, sondern weil ich die Hoffnung aufgegeben habe. Diese Welt ist am Ende. Ich bin am Ende. Das hier ist der beste Abschied. Nimm’s bitte nicht persönlich.“

— — — — — —

Dies ist mein Beitrag zum 9+1-Schreibprojekt von Blaubeermuffins machen glücklich

Der aktuelle Satz lautet: Nimm’s bitte nicht persönlich.

Entwurzelte Blumen

„Kommt mich doch mal besuchen“, sagte sie und ließ uns in der Küche zurück. Wie hätte ich dieser Einladung widerstehen können? Diese ersten warmen Tage im Jahr, sie sind so besonders, weil selbst nach einem langen Arbeitstag noch die Sonne scheint. Mit einem warmen Gefühl im Gesicht radelte ich den Berg zu jenem Haus hinauf, in dessen Garten sie wohl sein musste. Ob sie wirklich da war, konnte ich nur hoffen. Sie wohnte aber gar nicht mehr im Haus, sondern im Baum dahinter, in ihren eigenen vier Wänden, die von Freundes Händen gebaut wurden. Ich war schon länger kein Gast mehr in dem großen Haus gewesen und als ich ankam und nach hinten in den Garten wollte, begegnete ich einem unbekannten Gesicht. „Hallo, was machst du hier?“, fragte es. „Ich möchte Lívia in ihrem Baumhaus besuchen“, erwiderte ich. „Du meinst Janine“, meinte es. Ich nickte und widersprach doch stillschweigend, denn offensichtlich kannte das Gesicht ihren zweiten Namen nicht, wie so viele ihrer Freunde. Das Gesicht nickte mir zu und ich ging in den Garten zum Baumhaus.

Es war noch nicht ganz fertig, aber gerade dadurch konnte ich sie sofort darin liegen sehen. Ich erklomm die Treppe, die meisterlich hingesetzt wurde und musste mich ducken, um nicht an der Decke anzustoßen. Lívia sah mich verwundet an: „Hey, das ist ja ne Überraschung.“ „Ja, du hattest doch gestern eine Einladung ausgesprochen, wie hätte ich da Nein sagen können?“, meinte ich zu ihr. Sie umarmte mich und ließ sich danach wieder nieder. Ich kam auf ihre Ebene, denn so gebeugt war es anstrengend zu stehen. „Das ist es also“, entfuhr es mir und sie gab zur Bestätigung nur ein Mhm von sich und schloss die Augen. Ich bewunderte sie und ihr glückliches Gesicht, welches in orange-roten Sonnenstrahlen glänzte. Offensichtlich tat ich dies so lang, dass sie mich verwundert anschaute und fragte, warum ich sie so anschauen würde. „Du bist wunderschön in diesem Moment, als wärst du vollkommen eins mit dir selbst und der Welt“, gab ich zur Antwort. Sie grinste vor sich hin und hielt abrupt inne: „Du weißt, dass ich einen Freund habe.“ Ich nickte ihr zu und fragte: „Sagst du das gerade mir oder dir selbst?“ „Warum sollte ich es mir selbst sagen?“ „Weil man sich manchmal selbst ermahnen muss, keine Dummheit zu begehen“, erklärte ich und ergänzte einen Moment später: „Als ich vorhin auf mein Fahrrad stieg, sah ich auf dem Feld neben mir eine wunderschöne Blume. Ich hätte sie zu gern an mich genommen und für mich behalten. Aber so darf es nicht sein. Die schöne Blume wäre für meinen Egoismus gestorben und hätte ihre Schönheit verwirkt. Ich muss keine Blume mehr herausreißen, um ihre Schönheit zu bewundern.“ Ich schloss für einen Moment meine Augen und wurde mir bewusst, wie gefährlich der Moment war. Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich die erregte Spannung in Lívias Körper, schüttelte für mich selbst meinen Kopf und verließ sie. Zu vielen Blumen hatte ich schon entwurzelt. Diese nicht.

Würfel

Ich mag Würfel, die fühlen sich gut an und sind in der Regel vollkommen unparteiisch. Irgendwie sind sie auch fair, wollte ich gerade schreiben, doch dann kam mir der Gedanke, dass das nicht stimmt. Ich habe vor meiner Geburt nämlich einige Sechser geworfen. Der erste legte Europa fest, der zweite die DDR – na gut, das war kein Sechser – aber den hatte ich dafür bei meinen Eltern und einer Gesellschaft, die den schlechten Wurf korrigierten.

So viel Wurfglück ist nicht selbstverständlich und fairer wäre es, wenn wir alle nur eine Drei würfeln könnten, denn eigentlich sollte niemand eine Eins würfeln müssen, aber so ist das. Die Sache ergibt nur Sinn, wenn die Eins vorhanden ist. Das Premiumwasser in der Plastikflasche gibt es nur, wenn andere im Müll verrecken und dreckige Brühe als Lebensgrundlage vorgesetzt bekommen. Sind diese Schicksalswürfel nicht erbärmlich gezinkt?