Verregnete Tage (2)

Wie wohltuend eine warme Dusche sein kann, dachte sich Ben, der den Schweiß und die Klammheit des Regens abwusch. Er freute sich, so gut aufgehoben zu sein. Ja, er war ein Glückspilz und in seinem Kopf ratterten die Gedanken, ob Lena einfach nur ein sehr entspannter und offener Mensch sei oder ob sie mit ihren Reizen spielte. Er fühlte sich einfach wohl bei ihr. Nach dem Duschen rubbelte er sich trocken, zog sich frische Klamotten an und begab sich ins Lenas Zimmer, in dem er von Räucherstäbchengeruch empfangen wurde. Sie saß in Pullover und Sportleggings auf einem Kissen vor dem Tisch und nippte an einem Becher. Ben gesellte sich zu ihr: „Vielen Dank für die Dusche, ich habe erst währenddessen gemerkt, wie sehr ich das gerade gebraucht habe“, erklärte sich Ben. Lena erwiderte: „Das ist doch selbstverständlich. Und es freut mich, dass es dir gutgetan hat.“ Sie nahm einen weiteren Schluck und Ben griff ebenfalls zu seinem Becher. Er sah sich um und schwieg, doch auch Lena sagte nichts. So ging es einige Sekunden, die immer schwerer wogen. „Was ich fragen…“, Ben stockte. Er wusste nicht, warum er den Satz so angefangen hatte und Lena sah ihn neugierig an. Sie hoffte darauf, dass er ein wenig aufgetaut wäre. Er begann von vorn: „Was ich fragen wollte…nein.“ Er holte tief Luft und setzte nochmal an: „Okay, also es beschäftigt mich: Du hast mich einfach so mitgenommen und lässt mich hier duschen. Aber zudem stehst du plötzlich nur mit dem Handtuch bedeckt in deinem Zimmer…“ Er dachte kurz nach und es fehlte ihm der Mut, also beendete er: „Hast du da gar keine Sorge, dass ich dir was Böses tun könnte?“ Lena fragte gegen: „Ist das tatsächlich deine Frage?“ Sein Herz schlug wild, denn sie zwang ihn, ehrlich zu sein. Er überlegte, ob er sich herausreden sollte, doch er entschied sich für den tapferen Weg: „Okay, also um ganz ehrlich zu sein: Ich mag dich, was komisch ist, weil wir uns kaum kennen. Aber irgendwie vertraue ich dir. Und ich finde dich wahnsinnig anziehend. Vielleicht war es nur ein Wunsch, aber mir schien, als ginge es dir auch so. Also standest du nur so im Handtuch herum oder standest du nur so im Handtuch herum?“ Er grinste bei der Frage und sie lächelte fröhlich, als sie erwiderte: „Ich lerne in meinem Job viele Menschen kennen und ich bilde mir ein, sie recht schnell einschätzen zu können. Und mir scheint, dass ich richtig bei dir liege. Denn ich mag dich auch und ich fühle mich ebenso wohl bei dir. Ich habe dich mitgenommen, weil ich dich kennenlernen wollte. Auf welche Weise auch immer. Die Sache mit dem Handtuch habe ich gemacht, um zu sehen, wie du reagierst. Ich finde es süß, wie schüchtern du bist.“ Ben ahnte in diesem Moment noch nicht, wie sehr diese Person seine Sicht auf sein Leben und die Welt wandeln würde.

Teil 1

Teil 3

Nimm’s locker

Die zwei Ruder hingen ins Wasser, waren aber am Boot befestigt, so dass sie nicht verloren gehen konnten. Ich hatte mich lang gemacht und ließ mich von der Sonne wärmen. Wie ein Teelicht in einer Wasserschale kam ich mir vor.

Ich war am See auf einem Spaziergang entlanggekommen und hatte den Bootsverleih gesehen. Die ganze Zeit schon ging mir diese Sache durch den Kopf und ich wurde die Gedanken nicht los. Also beschloss ich, ein Boot zu mieten und auf den See zu rudern. Ich hatte die beiden Ruder in die Hand genommen, mich nochmal umgeblickt und die vollkommen leere Wasseroberfläche hinter mir inspiziert. Ich war allein hier und konnte drauf los rudern und das tat ich. Die Blätter tauchten ins Wasser ein, ich legte mich nach hinten und zog an den Griffen, dann drückte ich sie runter, damit die Blätter in der Luft zurück zu dem Punkt gelangten, an dem sie eintauchten und wieder das Wasser wegdrückten. Anfangs nahm ich mir Zeit, die Bewegung möglichst weit und perfekt auszuführen, doch mit der Zeit wurde ich schneller. Ich wollte vorankommen, ganz ohne Ziel. Und so schaufelte ich das Wasser umher und spürte, wie sich Schweiß auf der Stirn sammelte. Dann sah ich einen Tropfen vor meinen Augen gen Boden fallen und ich fragte mich, ob man das Wasser mit dem eigenen Schweiß bis zur Kante füllen konnte. Ich wünschte es mir sogar, damit ich rudernd untergehen konnte. Es wäre mir egal gewesen. Nein, es wäre mir ganz recht gewesen. Und dann merkte ich, wie mir die Puste ausging. Meine Arme brannten schon längst, aber jetzt kam auch mein Atem nicht mehr nach.

Ich löste meine Hände von den Griffen und legte mich hin. Anfangs hörte ich nur meinen lauten Atem und spürte die Arme und den Rücken. Dann aber bemerkte ich den wolkenlosen, blauen Himmel und die Sonne, die auf mich schien. Ich musste loslachen. Ich lachte über den Mann, der ich noch eine Stunde zuvor war. Vollkommen missmutig. Mies gelaunt raunte ich Leute an, die mir im Wege standen. Immer mehr fraß sich diese Wut auf jeden und alles in mich und ich kam da nicht heraus. Jetzt im Boot merkte ich erst, wie lächerlich all das war und ich wünschte mir, schon früher so über mich gelacht zu haben, denn wie viele Leute hatte ich wohl angesteckt. Mir blieb das Grinsen im Gesicht. Es brachte nichts, sich schuldig zu fühlen. Es war besser, über sich selbst zu lachen.

Verregnete Tage

Draußen regnete es seit einigen Stunden und so war Ben der Einladung gefolgt, noch auf einen Tee mit rein zu kommen. Im Zimmer lagen überall kleine und große Kissen verstreut und er suchte sich eines dieser Kissen, welches in der Nähe einer Wand lag, um sich darauf zu setzen. Von hier aus inspizierte er das Zimmer. Es gab einen kleinen Schreibtisch, der mit einigem Papier beladen war und an der Wand dahinter hingen Fotos von der Bewohnerin und ihren Freundinnen und Freunden. Das Bett war mit bunter Bettwäsche in Naturfarben bezogen und überall fanden sich kleine Schätze. Hier mal eine Kette, da mal ein Ring. In Reichweite seines Kissenplatzes stand ein wadenhoher Tisch, auf dem allerlei Krempel zu finden war, doch er wagte nicht, ihn anzurühren, stattdessen wartete Ben brav darauf, dass Lena mit dem Tee aus der Küche auftauchen würde. Es rannen einige Tropfen vom Kopf übers Gesicht und die Klamotten fühlten sich schwer und kühl an, aber er wollte sich nicht beschweren, immerhin musste er in einer fremden Stadt nicht im Regen stehen. Er hatte seinen Reiserucksack im Flur abgestellt und die trockenen Klamotten warteten somit nur auf ihn. Er beschloss, sich nach der Toilette zu erkundigen und sich umzuziehen, sobald Lena zu ihm kam. Bis dahin wartete er in ihrem Zimmer, wie sie es ihm geheißen hatte. Sie wohnte in einer WG, so viel war klar.

Lena hatte er in einem Café kennengelernt. Er hatte sich dort vor dem Regen versteckt und zwei große Becher heiße Schokolade getrunken. Als er gefragt wurde, ob er noch etwas haben wollte, hatte er den Fehler begangen, dies zu verneinen. Die Bedienung war sehr freundlich, wies ihn aber darauf hin, dass doch einige Gäste auf einen freien Platz warten würden. Er erklärte, dass er nur mit Rucksack unterwegs sei und nicht wüsste, wo er bei dem Wetter hingehen sollte. Die Bedienung stellte sich als Lena vor und meinte, dass er bei ihr unterkommen könnte, sie hätte demnächst Schichtende. Sie liefen eine Viertelstunde durch den Regen, bis sie bei ihr angekommen waren, doch diese wenigen Minuten reichten, um ihn komplett zu durchnässen.

Endlich ging die Tür auf und Lena stand mit einem Tablett, auf dem eine Teekanne und zwei Tassen standen, im Zimmer. Sie trug statt der durchnässten Sachen aber nur ein Handtuch. Offensichtlich hatte sie sich geduscht. Ben traute nicht, sie direkt anzuschauen, überlegte einen Moment und meinte: „Wo ist denn das Bad, dann kann ich mich schnell umziehen.“ Auf die Weise könnte auch Lena sich ungestört etwas anziehen, dachte er sich. Sie führte ihn ins Bad und griff nach einem Handtuch: „Hier, dusch‘ dich ruhig ordentlich warm, bevor du dich erkältest.“ Ben freute sich über die Einladung und nahm mit einem Kopfnicken das Angebot an. Er holte sich noch trockene Wäsche aus dem Rucksack und verschwand unter der Dusche.

Teil 2

Sei kein Frosch

Letzte Nacht begegnete ich nach einem Strandspaziergang einem kleinen Frosch, der todesmutig die Straße überquerte, aber auch anständig still hielt, um fotografiert zu werden.

Er erinnerte mich daran, dass ich selbst so eine Straße überquert hatte und mich in eine Unterwassergondel begeben hatte.

Hier sieht man sie gerade unter Wasser.

Im Innern sah man dabei zu, wie das Wasser am Glas entlangschwappte und man immer tiefer eintauchte.

Allerdings waren die Quallen die einzigen Wasserwesen, die sich zeigten und auch den Meeresboden konnte ich nicht erkennen, dafür war der Sand vermutlich zu aufgewirbelt und es fehlte ja auch so ein Meter bis zum Grund.

Nach gefühlt zehn Minuten ging es bereits wieder aufwärts (in Wahrheit waren es 35 Minuten Tauchzeit).

Ich hatte vor diesem Ausflug keine Angst. Zudem wurde man als Fahrgast darauf aufmerksam gemacht, dass es einen Notausstieg oberhalb der Kuppel gibt und man ohne nass zu werden wieder nach oben kommt. Ich muss gestehen, dass ich mir mehr von der „Fahrt“ erhofft hatte, doch ich war auch nicht enttäuscht, da ich bestens vom „Moderator“ unterhalten wurde. Ein kleines zusätzliches Highlight eines Urlaubs, der voll von diesen wunderbaren Momenten ist, die ich einfach nur als wertvoll betrachte. Für die Fans der literarischen Einträge gibt es hier eine Entwarnung, die kommen jetzt auch wieder, aber es war mir danach, ein wenig aus meinem wahren Leben zu berichten.

Weg vom Fenster

Der Himmel war grau und es war nicht zu erkennen, wo eine Wolke anfing und eine andere aufhörte. Ich beschloss, drinnen zu bleiben und sah aus dem Fenster meiner Hochhauswohnung. Ich blickte auf das ebenso hohe Haus gegenüber. Dort bemerkte ich in zwei Fenstern das Brennen der Lichter. Denen war es wohl einfach zu düster, aber eigentlich wäre es nicht nötig, dachte ich mir. Ich suchte die Fenster nach einer Bewegung ab, fand jedoch keine und war schon gewillt, aufzugeben, als ich beim Wegdrehen meines Kopfes zwei Augen ausmachte. Ich drehte den Kopf zurück und suchte die zwei Augen und den Körper dazu. In den unteren drei Etagen fand ich nichts, aber im vierten, also auf gleicher Höhe wie ich, entdeckte ich das Augenpaar. Es muss ein kleiner Mensch sein, denn die Augen kamen gerade so über die untere Kante des Fensters. Es war nur ein wenig Haut vom Gesicht zu erkennen, aber kaum weitere Konturen. Ich bildete mir ein, dass die zwei Augen zu mir herüberblickten. Mich überkam das peinliche Gefühl, beim Spannen erwischt worden zu sein und ich wollte verschwinden. Auf der anderen Seite jedoch spannten die zwei Augen selbst. Wir hatten nichts Verbotenes getan, außer ein klein wenig in die Privatsphäre unserer Nachbarn einzudringen, aber auch nur soweit sie es zuließen. Ich entschied mich, meine Hand zu heben und langsam zu winken. Die zwei Augen schlossen sich und verschwanden. Ich hatte sie verscheucht. So blieb ich noch einen Moment stehen, doch sie kamen nicht zurück. Als ich mich wegdrehte, nahm ich eine Bewegung wahr. Ich sah zum Fenster hinüber und tatsächlich, da war das Augenpaar, welches direkt wieder verschwand. Ich verstand das Spiel und machte mit, indem ich ebenfalls kurz vom Fenster verschwand und dann vorsichtig und langsam auftauchte. Dann verharrten wir einige Sekunden, bis ich oder die Augen sich wieder versteckten. Es war ein kindlicher Spaß, den wir uns einige Minuten gönnten. Plötzlich einigten wir uns darauf, uns wieder anzuschauen. Ich winkte nochmal hinüber und dieses Mal sah ich auch im Fenster gegenüber eine Hand, die mich grüßte. Mir hüpfte das Herz vor Freude. Es ging das Licht im Zimmer an und für den Moment konnte ich die Umrisse meines Gegenübers erkennen. Es war ein großer Lockenkopf mit dunklen Haaren. Ein kleines Mädchen, vermutete ich, welches sich umdrehte und von mir wegsah. Vielleicht redete sie mit der Person, die das Licht angemacht hatte. Mit einem Mal verschwand sie vom Fenster und das Licht wurde gelöscht. Sie wurde wohl in den Kindergarten oder die Schule gebracht, dachte ich mir. Ich drehte mich um und spürte die Wärme einer tiefen Freude in mir. Es war, als hätten wir eine kleine Freundschaft geschlossen. Das hatte ich mit meinen siebenundachtzig Jahren nicht mehr erwartet.

Käseglocke

Es war schön, ins Meer zu gehen und den Kopf unterzutauchen. Es ist wie eine Decke aus Wasser, die ich mir über den Kopf ziehe, doch zugleich steigt jede Millisekunde unter Wasser mein Puls und ich verspüre eine Panik. Es ist die Angst, keine Luft zu bekommen, die mir sehr schnell wieder auftauchen lässt. Kaum etwas ängstigt mich mehr, als eine Person, die andeutet, mich unter Wasser drücken zu wollen. Da verstehe ich tatsächlich keinen Spaß. Es wäre wohl ganz anders, wenn ich frühzeitig das Schwimmen und das Tauchen erlernt hätte, aber das habe ich nicht und eine der wenigen Erinnerungen aus meiner Kindheit ist es, wie mir tagsüber die Luft wegblieb und ich zu ersticken drohte. Es ist wohl so eine Art Urangst für mich geworden, was sehr schade ist, weil mich die Welt unter Wasser so fasziniert. Das ist so eine Art Weltraum, nur in greifbar. Und nun plane ich, mich in eine übergroße Käseglocke zu setzen und unter Wasser zu gehen. Ich erhoffe mir eine tiefe Ruhe dort unten, ja ich freue mich darauf. In solchen Situationen bleibe ich ruhig und entspannt, obgleich ich mich frage, warum ich gerade da nicht in eine sehr berechtigte Panik ausbreche, wer ist schon so verrückt, sich unter eine Käseglocke zu setzen und unter Wasser zu gehen? Ich werde so verrückt sein und ich freue mich darauf.

About Yin and Yang and gender restrictions — Luna La Loba

Yin and Yang. Female and male energy. I used to use these terms quite often in order to describe my perception of gender. To describe that for most of my life, even though I felt like a woman, my energy was „male“. Till I was 18, I rejected my femininity in order to protect myself. […]

About Yin and Yang and gender restrictions — Luna La Loba

Das Gefühl, einer Rolle entsprechen zu müssen, die nichts mit mir zu tun hat, hat mich jahrelang begleitet und passiert mir manchmal noch heute. Ich wünsche mir eine Veränderung. In diesem Text sieht man, wie wichtig diese Veränderung unseres Denkens ist. Vielen Dank für deine ehrlichen Worte, Luna.

Brei

Ich war in der Stadt angekommen. Ich weiß nicht mehr, in welcher eigentlich, dafür sahen sie alle zu gleich aus. Gut, eine größere Stadt hat höhere Gebäude, an den Fassaden kleben dennoch die gleichen Namen und Bilder. Es interessierte mich nicht. Was mich interessierte, war der Standort der nächsten Toilette. Mir wurde aber schnell klar, dass selbst wenn es eine örtliche Einrichtung gäbe und man Schilder dafür aufgestellt hätte, würde ich diese niemals finden: Zu viele Informationen prasselten auf mich ein und versperrten mir den Blick. Ein kurzer Gedanke überkam mich, dass man womöglich irgendwo privat klingeln und fragen könnte, doch ich machte mir klar, dass die Innenstädte schon längst nicht mehr dazu dienten, Menschen ein Heim zu bieten. Und jene, die es sich leisten könnten, hier zu wohnen, würden mich mit den Löchern im Pullover und in der Jeans nur mit einem bösen Blick im Gesicht vor ihrer Tür stehen lassen. Da machte ich mir nichts vor. Ich ging in eine Boutique und fragte die Verkäuferin, ob es eine Toilette gäbe. Sie erklärte, dass diese nur für Kunden sei. Ich sah mich um und sah keine Kunden. Allerdings war mir auch nicht danach, mich mit einem Kleid oder einem Rock einzukleiden. Ich gab nicht auf: „Okay, ich kann ihnen gern einen Euro geben, wenn ich dafür die Toilette nutzen dürfte oder gibt es hier nur eine für Frauen?“ Die Verkäuferin überlegte, schüttelte dann aber den Kopf: „Es tut mir leid, die Nutzung ist nur für unsere Kunden gestattet.“ Es stimmte mich traurig, dass die Menschen hier problemlos durch Roboter ersetzt werden könnten und es niemandem auffallen dürfte. Aber gut, das war für die Frau vermutlich auch nur ein seelenloser Job, um sich die Miete leisten zu können, in diesen Läden arbeiteten die meisten Menschen nicht, weil es ihr Herzenswunsch war. Ich fragte: „Was ist denn der günstigste Artikel, den sie haben?“ Die Verkäuferin stutzte. Ich blickte nach rechts und sah eingeschweißten Schmuck. Da gab es ein paar Ohrringe für 49 Cent. Eigentlich ein Verbrechen, so etwas zu kaufen, dachte ich mir, aber außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliches Handeln. Ich griff die Packung, legte sie auf den Tresen und sagte: „Die zahle ich gleich, ich würde nur kurz noch die Toilette aufsuchen.“ Die Verkäuferin wollte das Spiel aber noch ein wenig weitertreiben und erwiderte: „Ist das für sie oder eine Freundin?“ Ich entgegnete nur: „Für meine Freundin und ich überlege, ob sie es mir einpacken können.“ Langsam wurde es lästig, aber anscheinend ging es der Verkäuferin ebenso. Sie wies mir dir Richtung. Ich legte 50 Cent auf den Tresen und ging kopfschüttelnd in Richtung der Toiletten. Als ich zurückkam, stand die Frau noch immer hinter der Kasse. Die Ohrringe hatte sie mit einem Kassenzettel und einem Cent garniert. Ich griff die Ohrringe: „Den Kassenzettel benötige ich nicht und der Rest ist Trinkgeld.“ Beim Verlassen des Ladens ließ ich die eingeschweißten Ohrringe fallen und suchte meinen Weg aus diesem bedrückenden, grauen Einheitsbrei, durch den in den nächsten Stunden die Menschenmassen ziehen würden. Ich gehörte hier nicht hin.

Brücken

Wenn Städte zum Großteil ganz natürlich an Flüssen entstanden, dann ist es nur logisch, dass wir Menschen schnell lernen mussten, Brücken zu bauen.

Wenn wir auf die Welt kommen, gibt es eine Verbindung zwischen uns und unserer Mutter. Die Nabelschnur war der direkte Draht, doch auch nach seiner Durchtrennung bleibt eine Verbindung erhalten. In Zeiten, in denen wir alle Daten durch die Luft schicken können, sollte uns das nicht verwundern.

Die kleine Hand greift sich einen Finger, als wäre es der stärkste Ast des größten Baumes. Gebettet im Arm gehalten, beschützt vor allem, was um uns passiert. Das Leben hat keinen großen Plan, es hat nur Leben. Den ganz eigenen Rhythmus, der mal schneller und mal langsamer pocht und für jedes Wesen in der höchst eigenen Weise. Um das Leben zu messen, braucht es weder Uhr noch Geld, dies sind die falschen Instrumente, doch sie sind laut. Sie hämmern gleich einem Presslufthammer auf jede lebende Faser ein und versuchen sie anzugleichen und bewertbar zu machen.

Eine Träne bildet sich im Augenlid. Sie wurde aus Trauer oder aus Freude gezeugt. Sie schmeckt salzig und kitzelt die Haut, während sie an ihr hinabgleitet. Sie ist ein unverkennbares Zeichen unserer Emotionen. Ich mag sie gern, die Tränen. Sie sind ehrlich. Und sie bilden eine Brücke, selbst wenn sie nicht in Flüssen fließen.

Schwerpunkt

Ein eigenartiges Gefühl überkam mich, als ich des nachts die Straße in Richtung meiner Wohnung entlanglief. Mir wurde schwindelig und ich spürte, dass es mir schwerfiel, einen klaren Gedanken zu fassen. Es kam mir vor, als wäre ich von einem Moment auf den anderen alkoholisiert worden, aber in der schwersten Art und Weise. Mir wurde schlecht. Es war nur noch eine Ecke und dann etwa dreihundert Meter, bis ich die Haustür erreicht hatte. Beim Abbiegen um die Ecke, sah ich in wenigen Metern ein Pärchen, welches von einer Bank aufstand. Sie liefen einige Meter vor mir in die gleiche Richtung, dann blieben sie stehen und drehten sich um. Ich nahm das alles wahr, doch keinerlei Reflex ging durch meinen Körper und ich wäre fast gegen die Frau gelaufen, die mich vollkommen entsetzt und erschrocken ansah. Die Tür bekam ich auf und aus dem Briefkasten stach ein Umschlag hervor, den ich herauszog. Es war eine Rechnung, die ich drinnen auf dem Küchentisch ablegen wollte. Ich öffnete die Wohnungstür und schlürfte in die Küche. Als ich mir Wasser in ein Glas füllen wollte, nervte es mich, dass ich keine Hand frei hatte. In einer war der Schlüssel, in der anderen der Brief. Beides schleppte ich gedankenlos mit mir herum, dann legte ich es auf dem Tisch ab. Das kühle Wasser würde helfen, redete ich mir ein. Ich trank das Glas zur Hälfte leer, doch nichts passierte. Ich füllte es wieder auf und ließ mich auf der Couch nieder. Den Kopf überstreckte ich in den Nacken, da das Sofa nicht hoch genug war, um meinen Kopf anlehnen können. So legte ich ihn nach hinten ab. Der ganze Körper zog schwer an mir. Mit jedem Atemzug drückte ich dieses Gewicht einen Moment lang weg. Die Schwere wollte jedoch nicht von mir abrücken. Ich schloss meine Augen und ließ sie gewähren.