Fernbedienung

Ein Knopfdruck und schon ging der Fernseher in der anderen Ecke des Zimmers an. Verrückt, dass die Menschen früher zum Anstellen und zum Wechseln der wenigen Sender jedes Mal aufstehen mussten. Absolut verrückt. Ich verstand erst später, dass die eigentliche Fernbedienung der Fernseher war, der mich aus der Ferne bediente. Er bediente mich mit Bildern und er bediente mich mit Gedanken. Und wie es so ist, wenn man bedient wird, da passiert nur noch sehr wenig im Kopf, denn man wird träge. Und so starrte ich ins Bunte und starrte ins Leere.

Aus der Ferne bedient werden, das ist auch eine Flucht. Eine Flucht vor den eigenen Gedanken, die einem unbequeme Wahrheiten lauthals ins Ohr flüstern. Aus der Ferne bedient werden, das ist eine virtuelle Berührung, die so wenig menschlich ist und doch so reizvoll. Aus der Ferne bedient werden, das ist das Verlangen nach den schönen Augenblicken, die ausblenden, dass das Leben nie perfekt ist.

Bedienungsfern. Das ist das neue Maß der Dinge. Selbst den Hintern hochbekommen und selbst machen, aber nicht bedienen. Es tut gut, selbst zu erschaffen, was man sonst nur sah. Die Welt selbst erleben, statt nur durchs Glasauge.

Und nun raus in die Sonne mit euch!

Ein kleiner Engel

Es war ein kleiner Engel, der da vor mir herum tapste. Goldene Locken und eine Windel, doch ansonsten nichts weiter. Seine Mutter und ich sprachen über die Vertrauensseligkeit, denn der Engel entschied sich, mir zu folgen, obgleich seine Mutter den Weg in die andere Richtung eingeschlagen hatte. Wir kannten uns nicht und doch sprach und gluckste der Engel mich an und zeigte mit seinem Finger, wo was zu finden oder zu erledigen sei. Ich war mir da nicht sicher. Ich schlug vor, dass ich in meiner Richtung schauen würde und der Engel sollte in seiner Richtung schauen, aber da habe ich zu sehr genuschelt, denn der Engel folgte mir und blieb dann unschlüssig vor einem mit Holz vertäfelten Garagentor stehen.

Es ist schon spannend zu sehen, wie der Mensch sein könnte, wenn er noch relativ frei ist von den antrainierten sozialen Verhaltensregeln und -normen. Dieses Vertrauen in eine fremde Person birgt eine Gefahr, aber wie schön wäre es, wenn es nicht so wäre. Wie schön wäre die Welt, wenn wir jedem anderen Menschen vertrauen könnten und wir mit jedem Menschen unseren Weg gemeinsam beschreiten und dadurch immer wieder auf neuen Pfaden wandeln würden. Wenn wir kein „Die da“ kennen würden. Ich schimpfe nicht auf die Welt oder meckere. Ich träume nur zu gern davon, dass wir alle solche Engel geblieben wären. Das ist ein schöner Traum.

Die große Maschine

Das Klackern und das Rasseln hat etwas beruhigendes. Ich kenne das Geräusch von jeher und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es wohl ohne sein müsste. Es gibt diesen steten Grundtakt, der mich des Abends in den Schlaf wiegt und des Tags bei Laune hält. Es gibt die Prophezeiung, dass eines Tages die Menschen diese Maschine zerstören werden, aber das erscheint mir doch wilde Phantasterei und entbehrt jeglicher Grundlage, ist es doch diese Maschine, die uns so gut leben lässt.

Die Einfachheit des Lebens ist der Luxus, von dem die Menschen vor hunderten Jahren noch nicht einmal zu träumen wagten. Was auch immer man braucht, es bedarf nur des ausgesprochenen Wunschs und schon bekommt man es. Früher mussten Menschen jagen und hungern. Warum sollten wir uns dieser Erfindung entledigen?

Armer Tropf

Es klopfte unaufhörlich aus dem Nebenzimmer. Die veraltete Armatur war inkontinent, sie verschloss nicht mehr richtig. In dieser schwülen Nacht, die Schlaf von sich aus schwer machte, war dieses dumpfe Tropfen die Tortur schlechthin, denn ich wusste, dass es nicht aufhören würde. Die Decke konnte ich mir nicht über den Kopf ziehen, dafür war es zu heiß, dennoch dreht ich mich von jener Wand weg, hinter der der defekte Wasserhahn sein Spiel mit mir trieb. Ich hatte es tatsächlich geschafft, mich von dem Geräusch zu lösen, das wurde mir schlagartig bewusst, als ich das hohe Fiepsen vernahm, das sich dicht an mein Ohr heranschlich. Ich schlug mit der Hand in die Dunkelheit und erwischte es nicht, ich hörte es allzu deutlich. Es kam wieder verdammt nah und nochmal schnappte ich mit der Hand danach. Dieses Mal hörte ich es nicht. Ich rieb meine Handflächen und spürte nichts. Also wieder ein Fehlschlag, doch ich vernahm das Summen nicht mehr. Ich beruhigte mich und spürte die Schwere, die mich überkam. Und wieder riss mich das hohe Summen aus dem Schlaf und dieses Mal gab ich auf. Ich stand auf, schloss das Fenster und schaltete das Licht an. Ich sah die Mücke an der Wand sitzen. Zweimal verfehlte ich sie, aber nicht beim dritten Mal. Ich wusch mir die Hände im Raum nebenan, ging zurück, schaltete das Licht aus und legte mich ins Bett. Die Hitze erdrückte mich. Ich hatte vergessen, das Fenster wieder zu öffnen, doch ich beschloss, es noch einen Moment hinauszuzögern, damit die wartenden Blutsauger sich wieder dem Straßenlicht widmen konnten. Ich schlief ein, bevor ich mein Vorhaben umsetzen konnte und erwachte mitten in der Nacht. Mein Hals war ausgetrocknet und ich schwitzte. Also aufstehen, die Fenster öffnen und ein Glas Wasser holen. Erschöpft von der unterbrochenen Erholung, fiel ich wieder ins Bett. Ich schloss die Augen und vernahm abermals das Tropfen. Ich musste lachen. Warum hatte ich nicht einfach einen Schwamm oder ein Tuch in die Spüle gelegt?

Nachttraum

Der leise Flügelschlag erschreckte mich. Es war schon dunkel, doch ein wenig erhellt war die Linie des Horizonts zu erkennen und in diesem Lichtschimmer erkannte ich die drei kleinen Wesen, die so gar nicht wie Vögel flogen. Drei Blutsauger tanzten am Himmel. Kunstvoll zogen sie ihre Kreise. Ob sie sich stritten, wer von ihnen sich verwandeln würde, um mich zu betören und mir das Blut aus dem Hals zu saugen. Ich war mir nicht sicher. Es sah nicht nach einem Streit aus, sondern eher nach einem lustvollen Tanz. Womöglich verabredeten sie sich, gemeinsam auf einer Feier aufzutauchen. Die drei Begehrten, nach denen sich jeder Mensch umdrehen und sich verzehren würde. Die Feiernden werden ihnen hinterherlaufen und der Speichel wird ihnen aus ihren Mündern tropfen, bis sie sich freiwillig hingeben. Die Hitze der Nacht würde über sie kommen. Ein Tanz aus Lust und Begierde würde in einem Bad aus Blut enden. Ich blickte wieder in den Himmel und suchte die drei Tänzer. Sie waren verschwunden.

Kommen und gehen

Und alles lief davon. Kein Grashalm drehte sich um, kein Baum verabschiedete sich. Alles flog vorbei und hatte es enorm eilig, um hinfort zu ziehen. Der Wind strich über die Gräser, als würde er sanft über die Haare auf dem Kopf eines kleinen Kindes streichen. Behütend. Doch mir blieb nur der Abschied, während ich im Zug saß. Leb wohl, grünes Gras! Leb wohl, Baum! Leb wohl, Feld! Leb wohl, Bahnhof! Leb wohl, Bahnübergang! Leb wohl, Schranke! Leb wohl, all ihr Menschen dort draußen! Ich sagte „leb wohl“ und nicht „auf wiedersehen“. Ich bin da ehrlich, denn wer weiß, ob wir uns nochmal wiedersehen werden. Oder pessimistisch, ich gehe immer davon aus, dass man nicht nochmal das Glück hat, sich ein weiteres Mal zu begegnen. Zu viele Menschen kamen und gingen und kamen nicht wieder. Das ist in Ordnung so. Wir Menschen sind so. Wir haben einen Moment, in dem wir uns begegnen. Manchmal sind es nur einige Minuten. Manchmal Tage oder Wochen und manchmal Jahre. Aber irgendwann geht jeder wieder seines Weges. Es hat etwas beruhigendes. Es ist die Gewissheit, dass das Leben so ist.

Eine kleine Reise

Es ist nur eine kleine Reise in die Heimat. Der Besuch des Vaters und doch merke ich die Anspannung, und die Gedanken kreisen um den Grund meiner Heimreise. Wir verabschieden uns von meinem Opa. Wir haben nie wirklich eine Verbindung gehabt und ich wollte darüber auch nicht schreiben, denn ich möchte keine wohlwollende Reaktion erzeugen. Ich weiß, dass ihr Leser:innen mir wohlgesonnen seid und mir euer Beileid aussprechen mögt, dies dürft ihr gern machen, aber das ist nicht der Grund für diesen Eintrag.

Es ist merkwürdig, dass ich nicht greifen kann, was mich nicht loslässt. Etwas arbeitet in mir und ich schaffe es heute nicht, einen Text aus dem Nichts zu erschaffen. Heute blockiert mein Kopf und so schreibe ich ganz ehrlich und persönlich und ohne jede Poetik.

Ich fühle mich unwohl. Ein Leben endete und das ist in Ordnung. Es kam nicht überraschend und ich bin mir sicher, dass diese Ruhe gut ist. Was könnte ich von ihm erzählen? Nichts. Womöglich ist es das. Womöglich erschreckt mich, dass ein mir so nahes Familienmitglied mir so fern sein konnte.

Dafür werden wir zusammenkommen. Die Familie meines Vaters wird sich treffen. Wir werden gemeinsam trauern und vermutlich am Abend ein klein wenig feiern. Das wäre zumindest ganz im Sinne meines Opas. Vielleicht wird es auch ein ruhiger Abend werden. Vielleicht werde ich diese Tage brauchen, um zu erkennen, was mich umtreibt.

Wegradiert

Es waren nur wenige Worte, doch sie trafen nicht den Kern der Gedanken. Einige Male hatte ich den weißen Radiergummi über das Blatt gerubbelt und das Grafit löste sich. Dennoch waren die tiefen Spuren zu erkennen. Es fehlte ihnen nur an Farbe. Sie waren tief ins Blatt gefurcht, wie ein Tal in ein Gebirge. Selbst auf den folgenden vier Blättern ließ sich erkennen, was ich geschrieben hatte, doch es war nicht richtig, ich wollte nicht, dass es irgendwer einmal lesen könnte. Die Worte stimmten so nicht, sie verfälschten den Ur-Gedanken. Wie kann es sein, dass ich etwas denken kann, dieses aber nur unzureichend formuliere? Es müsste sich doch alles genauso schreiben lassen, wie ich es denke. Oder zeichnen, warum kann ich den Gedanken nicht zeichnen? Ich begann das Papier zu zerknüllen. Jede der fünf Seiten und ich ließ mir Zeit dabei. Immer wieder knetete ich sie neu durch und das Papier wurde weich. Es war, als würde ich ein dünnes Trockentuch in den Händen halten. Die tiefen Spuren waren nicht mehr auszumachen. Alles war nun wild durchfurcht und gleichzeitig weich. Ein Urzustand, so schien es mir. Ein Zustand ohne gebügelte Ordnung und ohne Strich und Punkt. Das waren meine vier Meisterstücke, die ich mir an die Wand hing, denn sie enthielten meine Gedanken. Weiß auf weiß.

Die Schnittmenge

Ein Bündel Haare hatte sie zusammengekehrt. Ich fragte mich, wie viele Müllsäcke voller Haare so ein Friseur in der Woche zusammenbekommt und ob man sich in die Haare legen könnte. Ja, sie sind pieksig, aber dennoch auch flauschig. Ich würde mich gern einmal hineinlegen und die Gedanken hören aus den Köpfen, die sie vor Kurzem noch bewohnten. Die Sorgen der alten Frau und das frohe Gemüt des kleinen Mädchens. Das liebende Paar, welches einen Termin für beide vereinbart hatte. Der alte Griesgram, der ja doch eine ganz weiche Seele besaß und all die anderen Menschen mit ihren Sorgen- und Lachfalten.  Wenn man seinen Kopf in eine Mülltüte voller Haare steckt, dann hört man diese Gedanken, dazu bedarf es nur der Ruhe. Die Haare sind wild durcheinandergemischt. Hier gibt es kein besser und kein schlechter, nur ein riesiges Knäuel.