Am Fluss

„Wie selten an solchen wunderschönen Tagen solche Plätze doch sind“, schoss es mir durch den Kopf, als ich neben dir lag und wir auf den ruhigen Fluss blickten. Eher zufällig entdeckten wir diese Stelle. Du hieltst mit dem Rad an und das laute Quietschen deiner alten Bremsen ließ mich zurückblicken und zu dir zurückkommen. Du schobst dein Fahrrad durch die Bäume und das Dickicht und nach einigen Metern hatten wir diesen abgelegenen Platz gefunden, der unser Platz werden könnte; der es in diesem Augenblick war. Schnell hatten wir uns der Kleider entledigt und waren in Badeklamotten ins kühle Wasser gesprungen. Nun lagen wir auf unseren Badetüchern und wärmten uns in der Sonne. Du weißt, wie sehr es mir gefällt, wenn ich dich necke und du dich für den Moment unerreichbar gibst, so wie eben, als ich die Schleife deines Oberteils öffnen wollte und du mich mit bösem Blick daran hindertest. Ich war überrascht und hielt entschuldigend die Hände vor mich, dann lachtest du los, denn du fandst es  putzig. Ein kurzer Kampf zwischen uns und ich lag auf dir und küsste dich. Wieder zog ich an der Schleife hinter deinem Kopf. Dieses Mal schütteltest du leicht beim Küssen den Kopf und ich spürte dein Grinsen auf meinen Lippen…

Nüchterne Betrachtung einer trunkenen Gesellschaft

Ein bisschen gepöbelt,
Ein bisschen vermöbelt,
Ein bisschen gevögelt,
Damit man sich ein wenig menschlicher fühlt,
Und ein Stückchen Zeit vertrödelt.

p.s. Dieses Gedicht ist mittlerweile zwei Jahre alt und noch immer frage ich mich, ob ich in der letzten Zeile wirklich das Wort „Stückchen“ nehme oder doch wie in den ersten dreien lieber „bisschen“…wie soll man da nur jemals mit seinen Texten zufrieden sein… Hach.

Dunkle Wolken (6)

Am nächsten Morgen wurde er von der scheußlich brummenden Klingel seiner Wohnung geweckt. Er stapfte verschlafen zur Gegensprechanlage und krächzte ein „Ja?“ in den Hörer. Die Antwort kam jedoch direkt von hinter der Tür. „Hallo Nachbar, hier roch es letzte Nacht so süßlich und ich habe mich gefragt, ob du mich hintergehst.“ Es war seine Nachbarin Sabine. Sie war gut zwanzig Jahre älter als er und lud ihn hin und wieder zu sich in die Wohnung ein. Sie redeten dann über Gott und die Welt und sie bot ihrem Gast dabei meist irgendwann einen Joint an, das gehört einfach dazu. „Einen Moment.“ Rief Sebastian durch die Tür und langte nach dem Bademantel, den er sich überzog, denn nackt wollte er die Tür nicht öffnen. „Ich habe dir was gegen die kalte Zugluft mitgebracht…oder gegen den Duft von drinnen.“, antwortete ihm Sabine. Als Sebastian die Tür öffnete wedelte seine Nachbarin mit einem Luftzugstopper grinsend vor seiner Nase, doch ihr Grinsen wich einer überraschten Miene: „Was ist denn mit deinem schönen Gesicht passiert? Und was mit deinen Armen? Und deinen Beinen?“ Die Ärmel des Bademantels gingen Sebastian bis knapp über die Ellbogen und seine Beine waren unterhalb der Knie vor Blicken ungeschützt. Eben jene Stellen, die vor zwei Tagen so heftig in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Sie legte ihre Hand zärtlich auf sein Gesicht und streichelte sanft darüber. „Sag nichts. Komm doch einfach in ein paar Minuten zu mir rüber. Ich mache Tee, Ei und Speck und dann kannst du mir erzählen, was dir passiert ist. Wär das was?“, fragte sie und lächelte ihn freundlich an. Er druckste ein wenig, doch sie schickte sofort ein „Komm schon“ hinterher und er nickte zustimmend. „Ich dusche mich noch fix und zieh mir was an, dann komme ich rüber…“, antwortete er und nahm das Geschenk an, welches ihm Sabine entgegen streckte.

Dunkle Wolken (5)

Sebastian kämpfte unermüdlich, schrammte sich mehrmals die Beine und Arme am scharfkantigen Boden auf. Immer wieder fand er kurz Halt und verlor ihn sofort. Diesen Kampf wollte er nicht verloren geben. Immer wieder stach ein Krampf in seinem rechten Bein und er kämpfte mit den Momenten, in denen sein ganzer Körper vor Erschöpfung aufzugeben drohte. Plötzlich schrammte er über eine eiserne Kette, an der er sich noch geradeso festhalten konnte. An ihr zog er sich Stück für Stück ans Land und trat vollkommen durchnässt und durchfroren den Heimweg an.

Zuhause angekommen, entledigte er sich seiner nassen Klamotten und stellte sich unter die Dusche, doch brannten die warmen Wasserstrahlen in seinen Wunden und so drehte er das Wasser ein wenig kälter. Sebastian fühlte sich ausgebrannt und leer, aber so geschafft von den Erlebnissen und Kämpfen der letzten Tage, dass er in sein Bett fiel und sofort einschlief.

Sein Handy weckte ihn pünktlich an diesem Montagmorgen. Als er sein Bein auf den Boden stellte, spürte er sofort die Schmerzen der Wunden und des Muskelkaters, doch er biss die Zähne zusammen und machte sich fertig, um zur Arbeit zu gehen.

Sein Chef sah ihn mit großen Augen an, denn so hatte er Sebastian noch nicht gesehen. Er kam ins Büro gehumpelt. Das Gesicht war leicht geschwollen und mit Blutergüsse gespickt. Die beiden Männer verstanden sich sehr gut und so war es nicht verwunderlich, dass Karl, so der Name des Chefs, ihn aufmunternd aber mit der nötigen Distanz umarmte. Er spürte die Hitze von Sebastians Kopf, legte seine Hand darauf und machte ihm klar, dass er sich für die nächsten Tage krankschreiben lassen sollte. Sebastian stand einen Moment still da, schien selbst zu überlegen, wie es ihm ging und drehte sich dann um. Sein Arzt war ein merkwürdiger Mensch, der wohl in der falschen Gesellschaft lebte, aber bei den Indianern ein hervorragender Schamane gewesen wäre, denn er war mehr ein Freund alternativer Behandlungsmethoden und so gab er Sebastian ein kleines Tütchen, dessen Inhalt bei anhaltenden Schmerzen geraucht werden sollte.

Sebastian schaffte seinen schwachen Körper nach Hause, legte sich auf seine Couch und deckte sich mit einer dünnen Decke zu. Immer wieder wachte er auf, verschwitzt, drehte sich um und versuchte wieder in den Schlaf zu finden. Als die Nacht anbrach, erwachte er und das Weiterschlafen wollte ihm nicht gelingen. Er wärmte sich etwas Essen auf und bereitete sich einen Tee zu. Beim Blick auf die Kräuter dachte er wieder an das Tütchen, das ihm sein Arzt mitgegeben hatte. Die Schmerzen hielten sich zwar in Grenzen, aber dennoch verspürte er Lust auf einen beruhigenden Zug und so schmunzelte er, als ihm seine Mixtur durch den Kopf schoss: Gratin, Grüner Tee und Gras, welch Alliteration. In Gedanken überlegte er, welcher Musiker ihm dazu einfallen würde, doch außer Al Green klingelte nichts, aber der würde das Gr-Trio zu einem Quartett machen und so empfand Sebastian die Nacht entspannend und schlief zu den Klängen von „Love and Happiness“ ein.

Wenn es draußen kalt ist…

Die filigranen, goldenen Zeiger bewegten sich langsam, geradezu schwerfällig. Die alte hölzerne Uhr stand auf dem Kaminsims und scherte sich dabei nicht darum, dass ihr Uhrwerk laut werkelte. Der Teppich auf dem Boden davor beherbergte zwei nackte Körper, die sich aneinander schmiegten. Die kleinere Person mit den langen Haaren, war ein wenig eingerollt. Hinter ihr lag der andere Körper, dessen Hand sie streichelte und den Hals küsste. Sie lauschten dem Knacken des brennenden Holzes und spürten die gegenseitige Wärme. Es wirkte fast so, als dass sie jemanden wecken könnten, denn sie flüsterten einander leise ins Ohr. Tuschelten Wünsche, Gedanken und Geschichten, bis ihnen die Augen zufielen und sie aneinander gekuschelt einschliefen.

Dunkle Wolken (1-4)

Teil 1

Den ganzen Tag war es bereits verhangen. Tiefdunkle Wolken schoben sich massiv über den Himmel und bei der Wärme des Tages kündigte sich auf diese Weise ein heftiges Unwetter an. Sebastian bekam von all dem nichts mit. Er lag in seinem Bett und schlief selbst am Nachmittag noch tief und fest. Er war erst spät nach Hause gekommen, nachdem er die Nacht bei Julié verbracht hatte und kurz vor dem Morgengrauen den Heimweg antrat. Sie wollte nicht wieder die grinsenden Blicke ihrer Mitbewohner beim Frühstück auf sich ruhen spüren, weil mal wieder ein Mann bei ihr übernachtet hatte. Sebastian träumte den Weg bis zu seiner Wohnung nur vor sich hin, brauchte wohl doppelt so lang für den Weg als sonst und fiel mit gemischten Gefühlen in sein Bett. Das Klingeln seines Handys weckte ihn aus seinem traumlosen Zustand. Es war Juliés Nummer und Sebastian überlegte, ob er rangehen sollte. Er räusperte sich, um zu überprüfen, ob er überhaupt genügend Stimme hätte, um verstanden zu werden und in der Tat war es eher ein Krächzen, was seinen Hals verließ. Des Weiteren fühlte er sich ein wenig gekränkt, ja fast schon billig behandelt. Er hatte die Nacht und die Zuneigung genossen, ebenso wie sie, doch wie ein räudiger Hund auf die Straße gesetzt zu werden, hatte ihm gar nicht geschmeckt, denn immerhin kannten sich die Beiden nun schon längere Zeit. Jene Nacht hatte sich schon länger angebahnt, doch eigentlich lag seine Hoffnung viel eher darin, dass er häufiger am Morgen mit ihren Locken spielen konnte und sie sich nach dem Aufwachen verliebt in die Augen sehen würden. Dieser Wunsch schien nach der letzten Nacht plötzlich unerreichbar fern.

Er nahm das Gespräch an und quälte seine Stimmbänder zu einem halbwegs stimmhaften „Hallo“. Am anderen Ende der Leitung war nur ein Schluchzen zu hören. Es war Julié, die einen Schwall von Wörtern durch das Telefon jagte, doch Sebastian hörte das wirklich Wichtige heraus. Sie waren letzte Nacht zu dritt gewesen, die Mitbewohnerin Juliés, Evi, war nicht in ihrem Zimmer und wohl gar nicht erst nach Hause gekommen. Sie hatten sich verloren, als Sebastian Julié unvermittelt weggezogen hatte, um sie in einer dunkleren Ecke zu küssen. Als wieder zurück zur Tanzfläche gingen, war Evi bereits verschwunden und auch der Typ, mit dem sich Evi kurz zuvor unterhalten hatte. Julié hatte erst jetzt ihr Handy wieder eingeschaltet, nachdem es in der letzten Nacht aufgrund des leeren Akkus nur unnötiger Ballast gewesen war. Sie sah auf dem Display fünf unbeantwortete Anrufe und eine Nachricht von Evi, sie fragte wo wir wären und dass sie bald heim wollte. Danach kam keine Nachricht mehr, nur die fünf Anrufe. Evis Handy war seither nicht mehr erreichbar. Es sah ihr nicht ähnlich, mit einem fremden Kerl mitzugehen und noch weniger, sich nicht zu melden. Doch schon seit einer Woche verhielt sie sich anders. Schien ruhiger und mehr in sich gekehrt.

Sebastian versprach Julié, sofort zu ihr zu kommen, damit sie gemeinsam nach Evi suchen könnten. Er schlüpfte schnell in die stinkenden Klamotten von letzter Nacht, griff nach der Packung Kaugummis, die ihm ansatzweise ein Gefühl von Frische vermitteln sollten und schloss die Tür hinter sich. Auf halbem Weg spürte er erste Tropfen auf seinem Gesicht, die der heftige Wind sofort wieder wegblies. Er war froh, instinktiv nach seiner Regenjacke gegriffen zu haben und erst jetzt bemerkte er das unheilvolle Dunkel des Himmels. Er hatte bisher versucht, die letzte Nacht zu rekapitulieren, überlegte, ob er jenen Typ später noch gesehen hatte und ob er ihn nicht womöglich über einen Freund kannte, doch es kam ihm kein Gedanke, der die Sorgen linderte. Mittlerweile regnete es ordentlich und Sebastian rannte durch die menschenleeren Straßen. Der Weg war bereits nass und jeder Schritt klatschte laut hörbar. Als er endlich das Haus erreicht hatte, in dem Julié wohnte, war seine Jeans bereits vollkommen durchnässt. Er schüttelte sich, nachdem er in den Flur getreten war und wie sonst auch, war seine Regenjacke sofort wieder trocken, nur die Jeans klebte an seiner Haut.

Schnelle Schritte waren zu hören und durch die milchig weißen Scheiben der Wohnungstür erkannte Sebastian eine Person, die ihm öffnete. Es war Julié. Sie war bereits angezogen und ihr Gesicht sah aus, als wär sie bereits mit ihm zusammen durch den Regen gelaufen. Er war verwirrt, wollte die nächsten Schritte abklären, doch Julié zog ihn bereits hinter sich her. Nach einigen hundert Metern stoppt Sebastian dann abrupt und hielt Julié fest. Er sah sie streng und fragend an, als es plötzlich aus ihr herausbrach. Jener Typ von letzter Nacht, sie kannte ihn. Sie hatte ihn in ihrer ersten Nacht hier kennengelernt und war mit ihm mitgegangen. Sie hatten damals Sex, obwohl sie nicht wirklich wollte, doch sie sah die Schuld immer bei sich, weil sie nicht energisch genug widersprochen hatte. Letzte Nacht  hatte sie Evi bereits gesagt, dass sie sich von Alex fernhalten sollte, er sei ein Arsch und Evi hatte ihr dies auch versprochen. Nun befürchtete Julié, dass sich Evi womöglich doch von ihm hat einwickeln lassen. Sie wusste noch, wo er wohnte, dort wollte sie nun hin. Immer mehr Tränen flossen aus Juliés Augen, so dass Sebastian sie instinktiv in den Arm nehmen wollte, doch sie riss sich aus seiner Umarmung, schüttelte den Kopf und zog ihn wieder hinter sich her. Sie wollte keine Zeit mehr verlieren.

Teil 2

Es war ein altes Haus und die Tür stand offen. In jeder Etage sah Julié sich die Namensschilder und die Tür genau an, bis sie in der dritten Etage kurz innehielt und in Richtung der grün gestrichenen Tür nickte. Sebastian klingelte und wartete, dann vernahm er Schritte und hörte, wie jemand etwas in die Gegensprechanlage sagte. Er klopfte heftig gegen die Tür und fragte direkt nach Eva, die er sonst immer nur liebevoll Evi nannte. Aus der Wohnung war plötzlich kein Laut mehr zu vernehmen. Wieder klopfte Sebastian heftig und sprach mit lauter und aggressiver Stimme, dass aufgemacht werden sollte. Doch weiterhin war kein Geräusch zu vernehmen. Kurz blickte Sebastian Julié an, der in dem Moment wieder Tränen über die Wangen liefen, sie sah hilflos und verzweifelt aus und Sebastian handelte ohne nachzudenken. Die Tür war alt und er trat mit voller Wucht gegen die Stelle, an der der Türknauf saß. Die Tür wackelte heftig, blieb aber zu und so folgte ein zweiter Tritt, auf den ein lautes Knacken zu hören war. Der dritte Tritt ließ die altersschwache Tür nachgeben und vor den zwei Freunden stand der Typ von letzter Nacht in Unterwäsche. Er bewegte sich nicht und Sebastian ging auf ihn zu, griff seinen Hals und drückte ihn gegen die Wand. Julié rannte an den zwei Männern vorbei in die Wohnung. „Wo ist sie?“ herrschte Sebastian der wortkargen Typen an, der schwieg weiterhin und versuchte sich aus dem Griff zu befreien, doch es gelang ihm nicht recht. Die Tritte und Schläge ließen Sebastian nicht abbringen. Erst als Julié laut nach ihm rief, ließ Sebastian von dem Kerl ab und folgte der Stimme seiner Freundin. Im Schlafzimmer saß Julié neben Eva, welche apathisch vor sich hinblickte. Sie reagierte kaum auf die Worte ihrer Freundin, nickte nur oder schüttelte den Kopf. „Was hast du ihr gegeben?“ wieder griff Sebastian nach dem Hals des anderen Manns. Dieser fummelte suchend nach einer Medikamentenpackung neben sich und hielt sie dem Wütenden entgegen. Sebastian tickte nur vollkommen aus. Er schlug auf den Typen ein, bis Julié ihn anschrie aufzuhören. Sebastian stoppte abrupt und sah zu Evi herüber. Er griff die Packung Medikamente, schnappte sich eine Decke, die er um Evi legte und hob sie auf seine Arme. „Ins Krankenhaus“ rief er zu Julié, die bereits auf dem Weg nach draußen war.

Sebastian und Julié saßen nebeneinander im Wartesaal, ihm fiel erst jetzt auf, dass seine Hände zerkratzt waren und auch sein Gesicht schien nicht unverletzt. Alex hatte sich doch mehr gewehrt, als es Sebastian bewusst geworden war und der Arzt, bei dem er Eva abgegeben hatte, frage ihn noch, ob er Hilfe bräuchte, doch er lehnte ab und machte klar, dass man sich um Eva kümmern sollte. Hier auf der Wartebank fand er langsam wieder zu sich. Er sah Julié an, die ebenfalls gefasster erschien, wenngleich ihr immer wieder vereinzelt Tränen aus den Augen kamen. Wortlos stand Sebastian auf um die Toilette aufzusuchen und sich zu waschen. Im Spiegel sah er eine dünne Blutspur, die von seiner Nase herabgelaufen war, ebenso war seine Wange rot aufgekratzt. Das kalte Wasser brannte leicht auf den Wunden, aber er wollte den Menschen im Spiegel wieder erkennen können, suchte nach dem schönen Gesicht, das ihn sonst begrüßte und nach dem Waschen war er ganz zufrieden. Dann plötzlich wurde ihm wieder bewusst, was in den letzten Stunden passiert war. In ihm stieg Selbsthass hoch, wie er jetzt nur an sich und sein Aussehen denken könnte. Er durchlief noch einmal alles in Gedanken und ihm wurde übel. Nur drei Schritte und er hing über dem WC.

Als er in das Wartezimmer zurückkehrte, steckte er sich ein Kaugummi in den Mund und spürte die Frische in seinem Mund, die den ekelhaften Geschmack zu vertreiben suchte. Er setzte sich wieder neben Julié und legte seinen Arm um sie. Sie legte ihren Kopf auf seine Brust und fand endlich Ruhe in dieser Geborgenheit. Die behandelnde Ärztin kam zu den Beiden. Sie hatten ihr zuvor schon berichtet, was passiert war, nun nickte sie ihnen zu. Die Untersuchungen seien abgeschlossen und sie könnten nun kurz zu ihr, dann sollte man Eva Ruhe gönnen, sie müsste noch über Nacht bleiben, bis die Drogen ihre Wirkung verlören. Sebastian verstand, dass Julié nun allein mit Evi sein musste und dass er als Mann besser draußen warten würde. Morgen würde er sie wieder sehen, wenn er sie abholen würde. Als Julié etwas später aus Evis Zimmer kam, griff Sebastian ihre Hand und sie verließen das Krankenhaus.

Teil 3

Die Sonne war bereits wieder am Untergehen und schweigend gingen Julié und Sebastian zu ihr nach Hause. Er folgte ihr ins Zimmer, versuchte sie zu umarmen, doch sie blockte den Versuch ab. Er müsste nun gehen, sagte sie ihm und es traf ihn, doch er ging, wortlos. Es fröstelte ihn leicht, als er durch die dunklen Straßen zog, doch ihm war nicht danach, nach Hause zu gehen. Er fand eine Kneipe, die ihm zuvor noch nie aufgefallen war und bestellte sich dort einen Kurzen und ein Bier. Der Likör schmeckte ekelhaft, doch das Bier war bereits griffbereit und so spülte er den Ekel weg. Er blickte vor sich hin und versuchte die innere Ruhe zu finden, die ihm sonst so eigen war, aber er war aufgebracht, weil er nicht verstand, wie man mit ihm umging. Als er noch in der Schule war, hielt er sich in seiner Naivität für einen Frauenversteher, mittlerweile war ihm klar, dass er nicht einmal sich selbst verstand und andere Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, gaben ihm immer wieder Rätsel auf. Als das Bier zur Hälfte leer war, bestellte er sich einen weiteren Kurzen, kippte auch diesen hinunter, wobei der Ekel nicht geringer war, als beim ersten Mal und spülte den Geschmack schnell mit dem Rest des Bieres weg. Er spürte den Alkohol in seinem Blut, hatte er in den letzten vierundzwanzig Stunden nichts zu essen zu sich genommen. Er verließ jenen Laden und wanderte weiter durch die Stadt, noch immer aufgewühlt, aber auch etwas besänftigt.
Er hörte plötzlich ein „Der da drüben!“ und erkannte sehr schnell, dass er gemeint war. Ein Blick verriet ihm, dass er der Ausruf von Alex kam, dem Kerl, den er vor wenigen Stunden ordentlich zusammengeschlagen hatte. Doch dieser war nun nicht mehr allein in seiner Wohnung, sondern mit einigen Freunden unterwegs und Sebastian selbst war nicht in der Lage einen Kampf zu führen, besonders nicht gegen mehrere Leute. Sein Herz raste und seine Hände zitterten. Ihm war nach Weglaufen zumute, konnte er hier nur verlieren und so überlegte er nicht lange, drehte sich um und rannte in die nächstliegende Gasse und von dort aus weiter in die folgende. Er hörte die laufenden Schritte der Verfolger an den Wänden hallen. Sich umzudrehen, wagte er nicht. Nicht auf dem Kopfsteinpflaster und nicht in seinem Zustand. Er war überrascht, wie flink er in seinem Zustand war, dennoch musste er bald ein Versteck finden, bevor ihn seine Kräfte verließen.

Teil 4

Ohne es zu bemerken, war er mittlerweile ganz in der Nähe der Wohnung von Julié und so hatte er einen Unterschlupf gefunden. Das Ziel so klar vor Augen, legte er an Geschwindigkeit zu, nahm ein paar Ecken mehr mit, als nötig, um ungesehen im Hauseingang zu verschwinden. Ein Stockwerk höher atmete er schwer und klingelte mehrmals, als ihm eine verärgert schauende Mitbewohnerin Juliés die Tür öffnete. Sie erkannte jedoch sehr schnell, wer da vor der Tür stand und ließ den Keuchenden herein. „Willst du zu Julié?“ fragte sie und Sebastian nickte nur. Er ging zu ihrer Tür, klopfte an und trat ein. Sie schien nicht erfreut ihn zu sehen, erkannte aber auch, dass etwas vorgefallen sein musste, war es doch nicht seine Art, einfach so vorbeizuschauen. Er erklärte ihr, was geschehen war, worauf sie fragte, warum er denn überhaupt was trinken gewesen sei. Er erklärte, wie er sich gefühlt hatte und merkte dabei immer mehr, dass Julié nicht damit klar kam, doch er wollte sich nicht verstellen und ihr gestehen, dass er schon länger tiefe Gefühle für sie hegte. Als er fertig war, herrschte Stille im Zimmer. Sebastian blickte sie an, sie sah auf den mit Holzdielen verlegten Boden. Dann stammelte sie leise, dass sie ihn nicht liebte. Für Sebastian war das zu viel und da er weder seine Schuhe, noch seine Jacke abgelegt hatte, verschwand er, ohne ein weiteres Wort zu verlieren aus der Wohnung. Als er im Treppenhaus die Stufen herunter polterte, hörte er noch, wie Julié seinen Namen rief, doch er wollte nicht mehr zurück, wollte nur noch nach draußen an die frische Luft.
Sein Ziel war nun sein Zuhause. Seine Verfolger würde er kaum treffen und selbst wenn, so war seine Angst in diesem Moment vollkommen verpufft, er fühlte sich taub. Seine Gedanken rasten um den Gedanken, warum er nicht geliebt wurde, warum er immer wieder an eine Frau geriet, die seine Gefühle nicht teilte. Er überlegte, ob er zu farblos oder zu langweilig sei und konnte dies nicht feststellen. Er hielt sich auch nicht für eigenartig oder unnütz, stattdessen war auf ihn Verlass. Er überlegte, welche Menschen er nicht leiden konnte und warum dies so war, doch auch jene negativen Eigenschaften konnte er bei sich nicht entdecken. In der nähe des Flusses, der die Stadt teilte, stand ein blinkendes Warnschild, welches auf Überflutungen hinwies. Die Warnung stachelte ihn an, ans Ufer zu gehen und nicht die Brücke zu überqueren, wie er es hätte tun müssen, um nach Hause zu gelangen.
Der Fluss hatte in der Tat ein gutes Stück Land erobert und die Wurzeln der eh schon trostlos aussehenden Bäume standen komplett unter Wasser. Wie er so den Fluss beobachtete und die Lichter der Stadt darin erblickte, überlegte er, welchen Nutzen er erfüllte und ob er der Welt wirklich fehlen würde. Die Antwort machte ihn nicht glücklicher und so ging er ins Wasser. Es fühlte sich eiskalt an und sofort sogen sich seine Schuhe und auch seine Jeans voll und zerrten an ihm. Er ging noch tiefer, verlor den Halt und kämpfte kurz aus Reflex gegen die starke Strömung, dann beruhigte er sich und ließ sich vom Wasser wegdrücken. Er fror und er überlegte, wer ihn liebte und da endlich kam ihm die Antwort. Er selbst hasste sich. Mehr als jeden anderen Menschen hasste er sich selbst und das ganz ohne einen Grund. Wie nur sollte jemand einen Menschen lieben, der sich selbst so sehr hasste. Er spürte, dass er kein schlechter Mensch war. Sein Überlebenswille packte ihn und er begann mit all der Kraft, die er an diesem Abend noch hatte, gegen die Strömung zu kämpfen und das Ufer zu erreichen. Ein Kampf um Leben und gegen den Tod. Ein Kampf um die Liebe und gegen den Hass.

Leni und Valentin

Das Wochenende klang mit einem kalten Sonntag langsam aus und die Sonne war bereits untergegangen, da kam Valentin die Lust auf einen Spaziergang. Leni, die er erst kurz kannte, wollte ihn begleiten und so zogen die beiden los. Valentin wusste nichts zu sagen, doch dafür war Leni nicht zu stoppen, sie war von einem kurzen Besuch bei ihrer Familie heim gekehrt und berichtete in ihrer naiv kindlichen Art, die Valentin so liebte, davon. Nachdem sie den Stadtpark hinter sich gelassen hatten und am Fluss angekommen waren, beschlossen sie, ihren Spaziergang noch weiter auszudehnen und die nächste Brücke zu überqueren. Sie erzählte währenddessen, dass sie neue Objektive für ihre Kamera erstanden hätte und berichtete aufgeregt von all den Möglichkeiten und Filtern, die sie nun beim Fotografieren anwenden könnte. Sie könnte nun kleinste Steinchen scharf ablichten, könnte Seen und Fenster entspiegeln und somit das sichtbar machen, was man selbst mit dem Auge nicht sehen konnte oder weit entfernte Vögel so nah heran holen, dass man ihre Federn detailliert erkennen könnte. Er ging derweil neben ihr, nickte hin und wieder und warf hier und da ein „Aha“ oder ein „Schön“ ein, wenn sie eine kleine Pause machte, um sich umzusehen oder sich einen Stein aus dem Schuh zu holen, welche sie immer wieder aufzusammeln schien. Als sie das Ufer auf jener Seite des Flusses abgelaufen und zur nächsten Brücke gelangt waren, machten sie sich langsam wieder auf den Rückweg. Dabei fielen ihnen immer wieder die Gesichter der wenigen Passanten auf, die sie freundlich ansahen, wie der Bahnfahrer, den Valentin freundlich und eindeutig grüßte und der ihn daraufhin zurück grüßte. Das gesamte Wochenende hatte Valentin sich einsam gefühlt und nun genoss er jeden Moment mit dieser kleinen Dame, die unaufhörlich zu reden schien und die er so lieb gewonnen hatte. Ihm war seine Schweigsamkeit sogar etwas unangenehm, denn er befürchtete, dass Leni es auf irgendeine Art interpretieren könnte, doch es störte sie nicht im geringsten. Hier gingen zwei Menschen, die ein schönes Paar abgaben. Ein Paar in tiefer Freundschaft.