Triebe Suppe

Seine Ignoranz nervte mich und es war auch keine Schüchternheit, die ihn mich ausblenden ließ, sondern die simple Lust an meiner Begleitung. Wir waren zu dritt in die Bar gekommen: Luisa, Barbara und ich. Der Barkeeper kam extra für Luisa hinter dem Tresen hervor, begrüßte sie und unterhielt sich mit ihr. Nicht ein Blick fiel auf Barbara oder mich und an unsere Bestellungen dachte er erst, als Luisa auf der Toilette verschwunden war, ihr Getränk hatte er da bereits serviert.

Man könnte sagen, er hätte nur Augen für sie gehabt. Aber sollte das Interesse an Luisa so beschränkt sein, dass man ihre Freunde ignorierte? Sollten nicht gerade jene ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit bekommen, um zu wissen, was hinter Luisa steckt und um zu zeigen, dass die Belange anderer Menschen einem wichtig sind? Es war das zweite Aufeinandertreffe und ich fragte mich, wie viele Begegnungen es brauchte, bis er uns als etwas anderes als lästiges Beiwerk ansah, welches Luisas Aufmerksamkeit nur von ihm ablenkte. Ich ignorierte ihn bei seiner Frage, was wir gern hätten und wand mich seinem Kollegen zu, der mir zunickte. Meinen Respekt hatte der Trottel verloren.

Vernebelte Sinne

Die letzte Nacht endete vor drei Stunden in diesem meinem Bett und schon schlug ich die Augen wieder auf und fühlte das Verlangen, etwas zu tun. Oder die Augen wieder zu schließen. Die Vernunft gewann den Kampf, denn das sinnvollste nach einer durchmachten Nacht ist es, frühzeitig den Alkohol aus dem Körper zu spülen. Das erste Glas Wasser hatte ich intus, bevor ich das Bett verlassen hatte, ein zweites folgte nur wenige Minuten später. Einmal durch den Park laufen war der Plan, und eine neue Bestzeit kam dabei heraus, als ich wieder vor der Haustür stand. Ne sehr gute Minute schneller war ich und bestätigte mir damit mal wieder, dass so ein gewisses Maß an Restalkohol gar nicht so schlecht ist, wenn man Leistung erbringen will, einfach weil man noch zu benebelt ist, um den Druck zu spüren, der manche anspornen mag, mich jedoch ausbremst und zum Stolpern bringt.

Eine alte Dame meint im Vorbeigehen, dass man sich dehnen sollte, so lange es möglich sei. Sie sei früher um die Stadt gelaufen, bevor sie ihre Beine im Stich gelassen hätten. Ich atme noch schwer und bewundere sie für die Ausdauer, die gesamte Stadt zu umrunden, während ich schon nach dem Lauf durch den Park geschafft bin. Als sie weiterzieht und sich auf den Krückstock stützt, wird mir unwohl. Das muss ein beschissenes Gefühl sein, wenn man immer schnell unterwegs gewesen ist und sich plötzlich einschränken muss. Ihre fröhliche Art jedoch gibt mir Mut. Wir alle leben und werden dabei Leid erfahren. Das Lachen nicht zu verlieren ist die Kunst dabei, also bringe ich meine Dehnübungen zu Ende und stelle mich danach unter die warme Dusche.

Die meisten Menschen können nichts essen, wenn sie Sport getrieben haben. Ich kenne das zwar, aber sehr viel häufiger freue ich mich während des Laufens schon auf das Mahl danach und so ist es auch an diesem Morgen. Frische Brötchen tun ihr übriges. Die Erinnerung an die letzte Nacht lässt mich grinsen. Ich war als Beobachter unterwegs, nicht wie sonst als Beteiligter. Und die Rolle ist gar nicht so schlecht. Die Menschen wollen gesehen werden, manchmal auch nicht, aber mir entgehen die Szenen nicht. Nicht der vollkommen betrunkene Kerl, der nicht mehr so ganz Herr seiner Bewegungen ist und seinem auserwählten Schatz hinterherläuft, während diese nur die vornehme Flucht sucht. Dieses Spiel ist ungefährlich und gäbe es doch Grund zur Sorge, wäre der stämmige Kerl in dem schwarzen T-Shirt nur wenige Meter entfernt gewesen. Er ist immer da. Er feiert nie, aber er greift sofort ein, wenn gepöbelt wird oder der Unsinn gefährlich werden könnte. Er blickt immer düster drein, das muss bei Türstehern so sein. Doch ich danke ihm stillschweigend, denn er war es, der mal einem Typen einen Barhocker entriss, noch bevor er damit auf Leute losgehen konnte, über dem Kopf hatte dieser das Teil bereits und nur knapp zog er damit an mir vorbei. Ich bin nicht Whitney Houston und er nicht Kevin Costner, aber in der Situation war ich es nicht, der blutete, sondern er, mein Bodyguard. Es war nur eine Schramme und ich weiß gar nicht, wie er sich die geholt hatte, weil meine Augen geschlossen waren und jetzt in der Erinnerung fehlt mir die Möglichkeit, nach den Spuren dieses Kampfes zu suchen.

Es gab in der letzten Nacht keinen solchen Kampf, wenngleich mich irgendein Typ von hinten anschupste, so dass ich auf die zehn Zentimeter tiefere Tanzfläche stolperte. Ich blickte zurück und sah ihn grimmig schauen. In dem Moment stieg in mir ein Glücksgefühl auf und ich musste lachen. Der arme Kerl war offensichtlich frustriert, vielleicht sogar neidisch auf das Wohlgefühl, das mich mit meinen Freunden verband, während er allein neben der Tanzfläche stand und keine Beachtung fand. Ich tanzte ein wenig und suchte die Nähe des Mannes im schwarzen T-Shirt. Nur zur Sicherheit. Einige Meter weiter tanzte ein älterer Herr. Was hat es nur damit auf sich, dass das immer so merkwürdig aussieht? Mir gefällt seine Lust am Tanz oder an der Balz, wer weiß das schon so genau. Mir ist das lieber, als würde er allein in seinem Sessel sitzen und leise vor sich hin furzen. Ich verlor den Blick für ihn, denn mir wurde bewusst, dass ich inmitten von Frauen tanzte. War das meine Anziehung oder die Gegenwart des Bodyguards? Mir ist es egal, das Tanzen fetzte nun mehr denn je, bis…ja bis es zu einem „Kick“ kam. Der Kick, das ist der Moment, in dem der Rausch schlagartig abbricht und ich eine Welle von Realität verspüre. Dieses Mal wurde es vom DJ ausgelöst, der so mies mixt, dass es einem regelrecht den Tanzboden unter den Füßen wegzog. Aber es gibt dafür verschiedenste Gründe:

Neulich im Kino waren alle gefesselt. Mich riss eine Erinnerung aus dem Film. Ein Gemälde, welches ich erkannte und welches mich zwar weiter nach vorn starren ließ, mich aber in eine ganz andere Realität zog. Da kamen verdrängte Erinnerungen hoch, die sich nicht ausblenden lassen wollten. Und ich war gefangen in diesem Kino und musste mit den Gedanken kämpfen. So schlimm war es an dem Abend auf der Tanzfläche nicht, aber plötzlich fühlte ich mich deplatziert und so machte ich eine Pause mit dem Tanzen. Erst später als ich einen alten Freund entdeckte, fand ich mich im blitzenden Licht und auf dem klebrigen Boden wieder. Der gute Kerl gab mir ein Kompliment, dass er nicht glauben kann, dass ich jedes Mal so verdammt gut aussah. Der spätere Schmatzer auf die Wange war eine gute Bestätigung. Schon merkwürdig, dass Männer sich damit so schwer tun, denn es tut gut. Die Angst vor der Homosexualität dürfen die anderen verklemmten Idioten gern ausleben. Ich behalte mir meine Idiotie für andere Bereiche offen. Irgendeine Macke braucht ja schließlich jeder von uns oder nicht?

Zeig mal dein Handy

Das ist wieder so ein Abend, an dem mich nichts in den eigenen Wänden halten kann. Ich muss raus und genau dahin gehe ich auch. Das „Raus“ ist eine nette kleine Bar mit Weißleder-Möbeln und dezentem Neonlicht. Was ich da soll, weiß ich gar nicht und während ich in der Ecke sitze und die Leute beobachte, die sich unterhalten, komme ich mir plötzlich blöd vor. Hier allein zu sitzen, macht mich nervös. Irgendwas muss ich doch machen. Vielleicht sollte ich so aussehen, als würde ich auf jemanden warten, das ist weniger peinlich. Und so tippe ich auf meinem Handy herum. Auf der Getränkeliste stand ein Code fürs WLan und so logge ich mich ein und komme auf die verwegene Idee, mich auf einem Datingportal anzumelden. Ein paar Eckdaten und Gewohnheiten möchten sie von mir wissen und die gebe ich bereitwillig, vielleicht ein klein wenig unwahr, aber wer tut das nicht? Die Registrierung ist abgeschlossen und sofort werden mir nette Bekanntschaften aus der Umgebung angezeigt. Ich klicke mich durch und stoße auf kleine Vorschaubilder, die mir gefallen. Vergrößere ich sie, so zeigt sich das Problem an fitzelig kleinen Vorschaubildern. Hin und wieder sind auch schöne Gesichter dabei. Die Eigenschaften klingen gut. Sie reist gern. Ich auch. Ich mache es nur nicht. Sie verbringt gern viel Zeit mit Freunden. Ich auch. Nur eben gerade in diesem Moment nicht. Sie macht gern Sport. Ich auch. Na jetzt sitze ich ja in der Bar, aber ansonsten schon. Ich blicke auf und sehe an der Theke eine Frau sitzen. Sie starrt auf ihr Handy und tippt darauf herum. Ob sie wohl auch gerade nach einer Bekanntschaft sucht? Ich suche nach ihr auf meinem Handy. Doch ich finde sie nicht. Ich könnte sie ansprechen, aber womöglich wartet sie auf ihren Freund. Das rosa Neonschild „RAUS“ beginnt zu blinken. Es ist die letzte Runde eingeläutet und ich bestelle mir ein letztes Bier. Irgendwie schal. Auf dem Heimweg frage ich mich, ob ich jene Frau nicht hätte ansprechen sollen. Ob ich statt unzähliger unbekannter Gesichter in eines hätte blicken können, welches ich für eine kurze Zeit hätte kennenlernen dürfen und damit einem echten Menschen begegnet wäre. Vielleicht ist sie morgen wieder da. Ich auch. Ich werde sie wohl nur wieder nicht ansprechen.

Inspiriert von Hafensolo

Im Innern

Wohin gehen wir eigentlich, wenn wir einen kurzen Moment die Augen schließen, bevor wir mit etwas beginnen, das uns etwas besonders Wichtiges ist? So wie er, der da eben noch mitten zwischen uns saß. Mit uns lachte und redete. Keine Person, die man sofort wahrnehmen würde, weil er nicht der Typ ist, der in einen vollen Raum kommt und alle Menschen darin sofort gefangen nimmt. Die krause Frisur hat schon ein paar Lücken und der Bart ist auch kaum mehr als eine löchrige Hecke. Dann stand er auf, aufgefordert vom Freund, der die Feier schmeißt, und setzte sich ans Klavier. Seine Finger fühlten die Tasten und dann schloss er die Augen, nur um kurz darauf die ersten Noten aus dem großen Holzkasten erklingen zu lassen. Vollkommene Ruhe kehrt ein, als seine Stimme ertönte. Eine Stimme, die genau zu wissen scheint, wie jeder Mensch Freud und Leid empfindet und die noch unzählige andere Emotionen in uns hervorruft.

Ich schüttle mich ein wenig. Das habe ich manchmal, es passiert immer, wenn meine Gefühle so eingespannt werden. Es ist ein Schütteln, dass ich nicht kontrollieren kann. Ich spüre, wenn es ansetzt und ich kann es verzögern, so wie man ein Niesen herauszögert, aber ich komme schlussendlich nicht dagegen an und es ist ein wohliges Gefühl. Manchmal bemerkt es ein anderer Mensch und erkundigt sich, ob es mir gut geht. Oh ja, und wie gut es mir geht. So gut, dass auch ich die Augen schließen möchte und dorthin will, wo der Klavierspieler war, bevor er mit seinem Spiel begann.

Das gleiche Paar Schuhe

„Hey, dich kenn ich doch.“ rief ich dir hinterher, nachdem du an mir vorbei gegangen warst. Der Kerl neben dir könnte dein Freund sein, aber wenn nicht, dann wär ich auch nicht traurig und die Frau neben mir ist ja auch nicht meine Freundin. Du drehtest dich um und überlegtest. Du brauchtest Hilfe, aber dein freundlich fröhliches Gesicht hattest du bereits aufgesetzt, und ich mein grinsendes. Ich stellte meinen rechten Schuh neben deinen mit der Bemerkung: „Na gut, eine kleine Hilfe geb ich dir.“

Es war der gleiche Schuh. Deiner war schon ein wenig abgenutzter als meiner, aber das war er auch bei unserem letzten Treffen. Die Party war schon vorbei und erst da fand ich dich. Hätte man mir aber auch sagen können, dass ich dich hätte suchen sollen. Als wir gingen, hatte ich meine Schuhe schon an und du stelltest fest, dass wir Schuhpartner seien. Mir waren deine bereits bei meiner Ankunft aufgefallen und nun wusste ich, warum ich in dem Moment die Trägerin kennenlernen wollte.

Und so standen wir nun wieder nebeneinander und trugen das gleiche Paar Schuhe. Ich verabschiedete mich mit den Worten: „Dann sehen wir uns bald wieder auf der nächsten Feier.“ Vielleicht stellen wir unsere Schuhe dann nebeneinander und sitzen ebenso eng zusammen, um den Musikern zu lauschen. Und wer weiß, vielleicht gleichen sich unsere Herzen wie unsere Schuhe. Eines mag etwas lädierter sein und eines etwas kleiner. Aber ein schönes Paar geben sie sicherlich ab.

Die Frau im blauen Kleid

Da sitzt sie also. Das Licht aus dem Wohnzimmer fällt auf ihre rechte Seite. Ganz elegant ist sie. Nicht elegant im Sinne eines teuren Kostüms und feinsten Schmucks, dann würde sie wohl eher Cecilia oder Aurelie heißen. Ihr Kopf würde sonst auf einem dünnen Hals sitzen. Aber ihre Eleganz passt zu ihrem Namen – Lisa. Ihre nackten Füße schauen knapp unter dem blauen Kleid hervor. Sie lauscht gedankenversunken der Musik aus der gegenüberliegenden Wohnung. Und so hat man Angst, sie zu stören, will sie nicht herausreißen aus ihrem Traum, in den sie sich von den Klängen führen ließ.

Aussteigen bitte

Es war eine dieser Nächte, in denen man einfach nur glücklich ist, wenn man wieder in sein Bett fällt. Klar nimmt man den Flirt mit, aber belässt es dann dabei, weil die Müdigkeit so tief in einem steckt, dass man die Schwere kaum noch zu ertragen vermag. In diesem Zustand lehnte ich an einem Pfeiler der U-Bahn-Haltestelle. Es waren die üblichen blöden Sprüche darauf zu finden, ebenso hingekritzelte Penisse und Rauten. Keine Ahnung, welcher von diesen „Künstlern“ zuvor einer Frau begegnet war, aber sie besaßen eindeutig mehr Kunstfertigkeit im Zeichnen eines Männergliedes.

Zum Glück kam die Bahn recht schnell und ich nahm den erstbesten Platz. Ich schloss die Augen, doch nur Sekunden später wurde mir klar, dass ich dadurch das Schaukeln des Wagens nur umso stärker wahrnahm. Also wieder ein Blick in die grelle und miefige Welt. Rechts saß auf einem Vierersitz ein Punk, der bereits schlief. Mir gegenüber saß niemand und fast hätte ich geglaubt, mit dem Linken rechts von mir allein zu sein, bis mir der Typ zu meiner Linken bewusst wurde. Er saß mir ein Stück zu nah.

Ihr kennt das sicherlich, wenn ihr betrunken seid, da gibt es immer einen Typen, der dir schon fast einen Kuss ins Gesicht drückt, während er mit dir spricht und man auf dem eigenen Barhocker bereits ein  weites Hohlkreuz bildet und nach hinten umzukippen droht, weil man sich Stück für Stück zu entfernen suchte, doch immer verfolgt von der Fratze des unerträglichen Schwätzers. Ebenso unangenehm nah war mir dieser Typ.

Ich sah ihn nicht direkt an, vermutlich würde er mich sonst vollquatschen und darauf hatte ich absolut keine Lust, aber ich musterte ihn aus dem Augenwinkel. Wie er da saß, ein Wichtigtuer, das merkte ich sofort. Ganz bestimmt so eine dämliche Grinsefresse, die mir bei der kleinsten Regung in seine Richtung sofort was ganz besonders Tolles erzählen musste. Ich kann solche Leute einfach nicht ausstehen und verdammt, warum musste der sich nur so nah neben mich setzen, ich kann es nicht ausstehen.

Ich hatte mich ein wenig vorgebeugt und dieser Spinner wollte ganz offensichtlich mit mir Kontakt aufnehmen, denn auch er beugte sich vor, somit war mir der Weg zum Wiederaufrichten versperrt, denn dabei müsste ich ihn direkt anblicken. Ich hielt kurz inne und setzte das grimmigste Gesicht auf, meine Fäuste ballte ich. So angespannt würde mich doch niemals jemand ansprechen wollen, so glaubte ich.

Dann kam die Erlösung, denn der Lautsprecher verkündete mir meine Haltestelle. Ich stand auf und bemerkte, dass der Kerl neben mir sich ebenfalls aufgerichtet hatte, doch nun war es zu viel, ich drehte mich in seine Richtung, mein Blick war wutentbrannt. Bis ich bemerkte, dass ich in mein Spiegelbild blickte. Nein, dieser Kerl war keine geschwätziger Typ, sondern ein aggressiver Mensch, der Angst vor seinem Spiegelbild hatte.

Es wurde Zeit, diese Bahn zu verlassen.