Unterbewusstsein

Ich blickte den Wolkenkratzer hinab auf die Straße, auf der sich kleine Punkte bewegten. Gelbe und rote Lichter wanderten und die Anwesenheit meines Lehrers drückte mich an den vor mir liegenden Abgrund. Kein Geländer, das meinen Sturz hätte aufhalten können. Nur die kalte Luft und dieser Mann, der mich immer weiter an die Kante schob.

Als ich erwachte, hing mein Kopf bereits über der Bettkante und ein Teil meines Oberkörpers war ihm gefolgt. Ich drehte mich um und zwei schöne Augen blickten mich in der Dunkelheit an. „Ich brauche etwas mehr Platz, sonst falle ich gleich aus dem Bett“, flüsterte ich diesen zwei Augen zu. Noch bevor ich meinen Satz beendet hatte, schob sie ihren warmen Körper von mir weg und ich hatte genügend Platz für den weiteren Schlaf gefunden. „Entschuldige“, flüsterte sie zurück und ich erwiderte: „Alles gut.“ Sie hatte sich nicht absichtlich so viel Platz genommen, das war mir klar. Früher hatte mich das geärgert, wenn ich so an den Rand gedrängt wurde. Irgendwann ging mir auf, dass ich nie gedrängt wurde, sondern sich einfach so ergab in einem kleinen Bett, in dem zwei Menschen schlafen.

Diesen zwei Augen konnte ich nicht böse sein, und ich wollte es auch nicht. Meinen Schlaf hätte es nicht besser gemacht. Stattdessen schlang ich meinen Arm um ihren Körper und kuschelte mich an sie. Ihre Locken rauben mir dann immer wortwörtlich den Atem, weshalb sie sie neuerdings hochbindet oder seitlich an ihrem Hals entlangführt. Ein kleines Kunstwerk ist das, was sie da allabendlich kreiert, damit wir eng aneinander einschlafen können. Sie scheint sofort in den Schlaf zu fallen, wenn ich mich an ihren Rücken schmiege, gern folge ich ihr auf diese Weise oder ich drehe mich um und wärme ihren Po und meinen aneinander.

Ich weiß noch nicht, weshalb sie in meinem Traum als Lehrer erschien, vielleicht ging es auch nicht um sie, sondern um das Leben als Lehrmeister, das dich manchmal an den Abgrund treibt. Wer weiß schon so genau, was einem das Unterbewusstsein mitteilen möchte.

Über Kurt

Ein kurzes Klacken und dann brummt es wohlig vor sich hin. Nur einen kurzen Moment, bis die dünnen Finger über die Saiten streichen und das Brummen von klaren, knackigen Klängen verdrängt wird. Heute spielt er allein in einem schalldichten Raum, so dass niemand außer ihm selbst die Melodien zu hören vermag, die aus den Tiefen seiner Seele hinausströmen.

Er sei ein guter Kerl, sagen sie. Doch er weiß von dieser dunklen Seite. Jene Seite, die ihn manches Mal überkommt. Wenn die anderen Musiker feiern gehen und er sich zurück zieht. Zurück in eine andere Welt. Jene Welt nimmt ihn ein und lässt ihn nicht mehr los. Sie nahm ihn vor langer Zeit gefangen und wenn er in sie hinab taucht, findet er manche Perle, die er der Welt auf der Bühne präsentiert. Sie ahnen nicht, wie tief er dafür abtauchen muss und wie lang er die Luft anhält. Wenn er auftaucht, fühlt er sich mehr tot als lebendig und dreckig und doch freut er sich über den gefundenen Schatz. Doch statt sich der wenigen Schätze zu erfreuen, verlangt man immer neue Tauchgänge in immer tiefere Tiefen. Nur dort lassen sich die größten und reinsten Perlen entdecken.

Hier allein in diesem Raum taucht er nicht tief, die Melodien strömen natürlich und wirr aus ihm heraus. Sie werden keine strahlenden Perlen werden, vermutlich niemals gehört, außer von ihm. Und wenn er die letzte Note des Abends spielt, wird sie langsam ausklingen. Nur das Brummen und seine Atmung werden zu hören sein, bis ein Klacken alles beendet.

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