Echte Menschen

Das ist ein echter Mensch. So nannten wir jene, über die wir sonst immer so gern spotteten. Aber in dem Moment versuchten wir sie ernst zu nehmen. Wir wollten ihnen die Anerkennung dafür geben, dass sie so sind, wie wir es uns nie trauen würden. Sie, die sie durch ihre Zahnlücken lachen. Sie, die mit fettigen Haaren und im schief sitzenden, rosa T-Shirt einkaufen gehen. Sie, die wir als verblödete Fernsehschauer einzustufen glauben. Sie, die einfach leben.

So kommt es uns vor und so sehr wir sie höher schätzen wollen, indem wir sie „echt“ nennen, so sehr betrügen wir uns selbst. Wir kategorisieren sie und halten uns weiterhin für besser. Einzig beruhigend könnte sein, dass sie womöglich ebenso geringschätzig auf uns blicken. Diese „echten“ Menschen sind welche, denen ich hin und wieder begegne. Sie sind nicht echter oder weniger echt, als ich es bin. Sie sind auch nicht glücklicher oder unglücklicher. Sie sind anders – oder ich bin es, je nach Sichtweise. Und sie sind so gar nicht anders. Man müsste eben nur aus der eigenen Schublade heraus und sollte die anderen nicht in welche stecken.

Von Glühwürmchen und Fröschen

Als ich eben auf dem Heimweg überlegte, was ich der jüngsten Tochter meiner Mitbewohnerin zu ihrem vierten Geburtstag schenken könnte, kam mir die Idee einer Geschichte, die ich hier gern auch noch veröffentlichen werde. Es ging dabei um einen ganz besonderen Frosch, welcher ausgegrenzt wird, weil er eine besondere Eigenart hat. Jene Eigenart ist dann am Ende natürlich die Rettung für alle Frösche und so finden sie zusammen und lernen mit den Unterschieden und Besonderheiten umzugehen. Ich hatte die Geschichte fast fertig durchdacht, da quakte es neben mir, als wollten man mir zustimmen. Ich ließ meine Gedanken zu der Geschichte ruhen und ebenso mein Rad rollen, als mich von links zwei grüne Punkte anleuchteten. Glühwürmchen warteten dort auf mich, vollkommen ruhig und einfach nur leuchtend. Klar, dass die nun auch eine Rolle in der Geschichte bekommen werden. Es hat mir selbst mal wieder gezeigt, wie wichtig es ist, die Sinne schweifen zu lassen und die Natur wahrzunehmen. Diese kleinen Wunder und Schönheiten, die in jeder Sekunde Teil unseres Lebens sein könnten, wenn wir sie nicht verpassen würden, weil wir Terminen nachjagen oder auf unsere Handydisplays schauen. Ich habe mein Handy dann aber doch gezückt und die leuchtenden Wesen festgehalten. Wer weiß schon, wann ich wieder das Glück habe, ihnen begegnen zu dürfen.
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Freedom of Speech

Wer zehn Minuten Zeit hat, der kann sich gern mal folgendes Video anschauen, auf das ich stieß. Vielen Dank an Mary für diesen Eintrag, der mich dorthin führte, ich hoffe, es ist okay, dass ich Dich hier ungefragt verlinke.

Wem das zu lang ist, dem erkläre ich fix, was ich gesehen habe:

Dr. Reza Aslan (er ist Religionswissenschaftler) schrieb ein Buch über Jesus. Er selbst ist Muslim und deswegen sollte er auch nicht über Jesus schreibe, so die Meinung der Interviewerin.

Mir geht es weniger um die Dummheit, die in solch einem kategorisierenden Denken steckt, denn folgt man dieser Denke, dürfte ich nur mit Leuten sprechen, die genau meiner Meinung sind und das sind…Moment…oh…NULL MENSCHEN.

Es geht mir um die so hochgelobte Meinungsfreiheit, die uns gestattet, Karikaturen über den Propheten Mohammed zu drucken, die es aber einem Muslim verbietet, über Jesus zu schreiben und das in einer ernsthaften und wissenschaftlichen Form…man sollte sich nicht über das Interview aufregen, das ist unsinnig.Stattdessen sollte sich jeder Mensch fragen, wo die eigenen Grenzen sind. Finde ich es lustig, wenn jemand meine Mutter beleidigt? Aber wenn es doch nur Satire war?

Meinungs- und Pressefreiheit haben einen Zweck, nämlich gegen Missstände aufzuklären. Meist sind diese politischer Natur, aber sie können auch religiöser Natur sein. Ich könnte mich über einen Jesus amüsieren, der mit dem Kreuz auf dem Rücken über den mittleren Osten fliegt, eine Bombe abwirft und dann zu einer Taube „Peace“ zwitschert.

P.S. bevor das zu einer Diskussion über die Rechtmäßigkeit von Anschlägen usw. wird. Darum geht es mir nicht. Wer mich liest und kennt, weiß dass ich Gewalt verabscheue und sie niemals rechtfertige. Es geht mir allein darum, dass wir ganz ehrlich unsere eigene Einstellung überprüfen. Jeder von uns.

Folterbank 2.0

Es ist ja eigentlich schon zum Lachen, wenn es nicht so verdammt traurig wäre. Aber was sich mancherorts ausgedacht wird, um mit Obdachlosen umzugehen. Ich nehme an, dass der Grundgedanke dabei ist, dass Obdachlose nur deswegen vorhanden sind, weil wir ihnen den Platz zum Übernachten auf Parkbänken, in einer trockenen Bucht an einer Häuserfassade oder unter Unterführungen bieten.

Anders lässt sich zumindest nicht erklären, wie man sonst auf die Idee kommt, Sitzbänke zu umzäunen oder sie mit Stacheln zu versehen, die sich beim Einwurf von 50 Cent in einen Schlitz einziehen. Das sind wohl die neues Mittel aus Frankreich: #Angouleme und #SDF sind die nötigen Schlagworte, die die Bilder dazu zeigen. In London ist es gerade ein halbes Jahr her und das Echo hätte man auch in Frankreich vernehmen können.

Der wahre Grund für solche Aktionen ist natürlich, dass man die Obdachlosen aus dem Sichtfeld haben will. Erstrecht in Innenstädten, wo die Leute doch gut gelaunt ihr Geld für Einkäufe ausgeben soll, die sollen doch kein schlechtes Gewissen haben. Wenn man mal so schaut, dann packt man kranke und alte Menschen weg, man steckt Behinderte in Heime und Obdachlose soll auch niemand zu sehen bekommen, denn sonst glänzen die frisch gewaschenen Scheiben nur noch halb so schön in der Sonne und die Fassade der Perfektion bröckelt. Dabei täte uns eine gehörige Priese Realität gar nicht schlecht.

Ich versprach neulich dem Blogger DenkenderTraum, dass ich eine Videoerklärung über Autisten rebloggen würde und möchte dies nun untermalt von den Worten Richard von Weizsäckers auch tun, welcher sagte: „es ist normal, verschieden zu sein“:

Oder um mal Worte zu nutzen, die mir neulich schon in der Diskussion um die ausländerfeindlichen Demos durch den Kopf gingen:
Sind wir, was wir sehen? Sehen wir, was wir sind?

Mal wieder einen Trend verpasst…

Eigentlich wollte ich nichts zu den 15.000 Leuten schreiben, die sich in Dresden gefunden haben und sich für was besseres halten. Ich kenne meine Leser und halte sie für aufgeklärt genug, dass ich ihnen unterstelle meine Sichtweise zu teilen. Aber irgendwie ist mir jetzt doch danach.

Kommen wir zu dem Trend, nämlich der Islamisierung. Diesen Trend muss ich nämlich total verpasst haben. Ich suche in unserer weltoffenen Stadt nach Anzeichen von Islamisierung und finde allein eine Amerikanisierung, die vollkommen akzeptiert und toleriert wird. Nun denn, es mag der Preis der Freiheit sein. Ich suchte weiter und dann fand ich sie doch noch. Mir halfen andere Blogger, aber zuerst natürlich zum eigenen Geschichtswissen:

Wir Kinder Roms mussten mit arabischen Zahlen auskommen und die verfluchte Null hinnehmen. Wo war nur damals im Mittelalter die gute Pegida, die uns davor beschützt hätte? Wir hatten stattdessen wenige Schriftgelehrte und wenn ein armer Bauer mal einen Zettel mit diesen merkwürdigen Schriftzeichen fand, dann gab es für ihn bessere Nutzungsmöglichkeiten für das gute Papyrus, als das Wissen der Antike aufzubewahren. Leider kamen arabische Gelehrte über Spanien zu uns nach Europa und gaben uns einen großen Teil dessen zurück, worauf wir uns heute berufen, wenn wir von einer europäischen Geschichte sprechen. Hätte man uns nicht davor schützen können? Gäbe es dann eigentlich „patriotische Europäer“? Vielleicht haben die Leute aber auch Angst vor den ganzen Dönerläden. Die einzigen Orte, wo man des Nachts noch schnell ein Bier kaufen kann. Ach ne, das tun die ja ganz sicher nicht, weil die ja keinen Alkohol erlauben…oh wie, die tun das doch??? Nunja, aber gegen diese von vielen Ernährungswissenschaftlern einzig gesunde Fastfoodart sollte man sich auch stellen. Wir haben doch unseren ureuropäischen BigMac aus der Plastiktüte. Was bedeutet eigentlich Islamisierung, etwa dass wir hier eine neue Staatsreligion einführen? Sehe ich nicht. Etwa, dass wir von unseren christlichen Werten abrücken? Das darf jeder für sich tun und bei allem Respekt: Wo sind die christlichen Werte denn hin, wenn man Menschen, die in unser Land kommen, zeigt, dass sie nicht willkommen sind. Bat Jesus nicht darum auch die andere Wange hinzuhalten? Ich wurde nicht einmal auf die eine geschlagen und bin dennoch bereit, meine zweite hinzuhalten. So wie es wahrhaft große Menschen taten. Man mag mich Gutmensch nennen oder es Kuschelkurs schimpfen, das stört mich nicht im geringsten. Lieber Kuschel- als Konfrontationskurs. Außer gegenüber Intoleranz und die sehe ich momentan nur aus einem Lager und halte es mit Sir Karl Popper:

Im Namen der Toleranz sollten wir… das Recht beanspruchen, die Intoleranz nicht zu tolerieren.

Der Grund, warum mich das so aufregt ist das Verständnis eines Thomas de Maizière. Ich sehe keinen Demonstranten, der wirklich Ängste zum Ausdruck bringt. Also wirklich ernsthafte Ängste. Ich habe nur eine einzige Frage an die Demonstrierenden: Was genau glaubt ihr, ist Islamisierung und wo genau findet diese statt? Ich sehe es nicht. Ich erinnere mich nur daran, dass es vor nicht einmal hundert Jahren schon Akademiker und Leute aus der Mittelschicht gab, die sich in einer Masse fanden und für eine Partei und ein System waren, das viel eher zum Untergang des Abendlandes beigetragen hat, als es irgendeine Religion könnte. Ich habe für die damalige Bewegung kein Verständnis und ich habe es für die aktuelle erst recht nicht. Vielleicht sollten wir demnächst eine gelbe Sichel an alle Muslime in Deutschland ausgeben, die sie sich an die Jacke stecken…ich habe für mich vor ein paar Jahren bemerkt, dass ich zwei Arabern gegenüber meine an dem Tag vollkommen positive und offene Einstellung gegenüber verändert habe. Wo kam diese abweisende Haltung eigentlich her und wie soll sich hier jemand wohl fühlen und integrieren, wenn man sich vor ihm verschließt? Seither achte ich sehr genau darauf, wann mir welche Vorurteile begegnen und ich stelle mich ihnen entgegen, denn ich möchte niemals wieder einer Person unfreundlich begegnen, nur weil sie ein besonderes Aussehen hat oder einer speziellen Religion angehört. Ich will kein Nazi sein.

Last days

„Du Ben, ich würde gern durch die Alpen wandern“, sagte meine Mitbewohnerin Nara zu mir und meinte so viel mehr damit. Sie fragte mich nach Geld für den Ausflug, nicht um eine Leihgabe, das war mir klar. „Willst du allein gehen oder mit einer guten Freundin?“, war meine Antwort, in der ein Ja zum Geld beinhaltet war. Sie blickte gen Boden, vermutlich wusste sie das selbst noch nicht genau. Da war noch mehr in dieser Frage von ihr und ich tat mich schwer damit, anstelle ihrer nachzufragen: „Willst du…“, es brauchte einen Moment, bevor ich erneut ansetzte: „Ich weiß nicht, ob ich fragen sollte. Wirst du dort bleiben? Ich meine, willst du…“ Ihr Blick wanderte höher und für einen kurzen Moment sahen wir uns in die Augen, die sich daraufhin mit Tränen füllten. Ich hätte mir auch einen anderen Ort für meine letzten Tage gesucht, wenn ich das Datum kennen würde. Sie wusste es nicht genau, aber sie hatte bereits erklärt, nicht bis zum letzten Moment warten zu wollen. Ich stand auf und legte meine Arme um sie. Ein Kuss auf ihren Kopf war ein Abschied und ein deutliches Ja. Mehr gab es nicht zu sagen.