Besenstrich

Manchmal vermisse ich die freien Nachmittage, die ich in der Straßenreinigung hatte. Die frühe Arbeitszeit war zwar anstrengend, aber im Winter dann noch was vom Tag zu haben, das war schon besonders. Ich verstand Hannes, der immer als erster vom Wagen runter war und mit seiner Perfektion begann. Er brauchte am längsten, aber es war zu erkennen, wo er kehrte und wo wir anderen. Eddy war da ganz anders, er fuhr meistens den Wagen. Stoppte und sah mit dem Ausdruck von Gereiztheit Hannes hinterher. Er steckte sich noch in der Kabine eine Zigarette an und kramte ein Frühstücksbrot heraus. Anfangs dachte ich, er könnte mich nicht leiden, weil er immer so mürrisch war, aber er erklärte mir dann, dass er nicht so der Morgenmensch sei. Ich überlegte und musste lachen, weil der Job Morgenmenschen brauchte.

Allerdings hatte ich ein ähnliches Gespräch des Nachts mit Eddy: Wir saßen in einer Kneipe am Tresen und er trank sein Bier. Er blickte in die Leere und antwortete einsilbig. Als ich ihn fragte, ob alles okay sei, meinte er nur, dass er nicht so der Abendmensch sei. Ich erinnerte ihn daran, dass er das auch schon mal über sein morgendliches Ich meinte. Darauf grummelte er nur: „Na dann bin ich wohl nicht so der Tag-Mensch.“ Ich grunzte und traute mich kaum, ihn dabei anzuschauen. Sein Blick war hart und brach kurz auf. Er lachte mit mir, vielleicht nur aus Anstand, aber es tat gut.

Na zumindest saß Eddy noch in der Fahrerkabine, aß sein Brot und ließ dabei die frisch angezündete Kippe neben sich liegen. Ich hatte das nie ganz verstanden und fragte ihn einmal. Da meinte er zuerst, dass das seine Sache sei. Als ich entschuldigend nachhakte, meinte er nur, dass er lieber den Geruch der Zigarette an sich trüge als den Gestank des Mülls. Er gab mir noch den Tipp, dass ich mir ’ne Zigarette nebens Klo legen sollte, wenn ich mal die frische Kotze einer anderen Person beseitigen müsste. Ich war mir nicht sicher, ob ich das ausprobieren wollte, fragte ihn aber nicht, warum er mit dieser Expertise aufwarten konnte.

Wie wir so saßen und Hannes zusahen, spürte ich, dass mich diese Perfektion innerlich beruhigte. Es hatte etwas meditatives, wie Hannes fegte und seine Arbeit verrichtete. Er sah dabei zufrieden aus und beschwerte sich nie über etwas. Ich fragte ihn mal, ob ihm die Arbeit Spaß bereite und er meinte: „Es ist gar keine richtige Arbeit. Für mich ist das Kunst, wenn die Straße ohne einen Kiesel und sauber ist.“ „Aber das hält doch nicht lang, es braucht doch nur ein Auto zu kommen oder ein Fußgänger…“ „Ja, das ist doch nicht schlimm, dann darf ich eben wieder meine Kunst ausüben.“ Er lächelte und ich lächelte mit ihm.

Wenn Eddy aus dem Wagen stieg, begutachtete er die Schaufeln und Besen auf der Ablage. Sie brauchten keine Inspektion, aber er meinte, dass er da lieber auf Nummer sicher gehen wollte. Ich war mir sicher, dass er nur Zeit schindete. Eddy und ich sammelten schnell alle Äste und den Müll ein, fegten ein wenig der Ordnung halber und saßen wieder im Auto, um Hannes dabei zuzusehen, wie er den Rest seines Abschnitts fertig machte. Hannes mit Kippe im Mund und ich mit einem warmen Lächeln im Gesicht.

Hin und zurück

Der schwarze Belag ist weggekratzt, als hätte man ein übergroßes Messer über den butterigen Asphalt gezogen. Auf dem anthrazitfarbenen Überbleibsel steht ein orangenes Männchen und lässt seine Maschine auf die Flecken einhämmern, die nicht vom Messer erwischt wurden. Es klingt nach einem fernen Maschinengewehr, das seine Salven unaufhörlich abfeuert. Nach einigen Stunden kommen sie wieder und streichen mit einem stumpfen Messer einen schwarzen Brotaufstrich. Er ist perfekt. Das Maschinengewehrfeuer wird verloschen sein. Dafür rollen die Reifen darüber und Motoren und Hupen künden vom alltäglichen Wahnsinn. Es ist die Flut, die des Abends zur Ebbe wird. Ein Hin und ein Zurück ganz ohne Ziel. Jeden Tag hin und zurück. Und am Wochenende erneut hin und zurück, nur woanders. Hin und zurück, hin und zurück, hin und zurück…

Wege und Stege

Ich liebte den täglichen Weg über die Fußgängerbrücke. Es ist gar keine Brücke, es ist ein Steg, so steht es im Namen. Ich kannte Stege immer nur als diese Holzkonstruktion zwischen Boot und Ufer, aber man lernt ja nie aus. Dieser Steg war aber nicht aus Holz, sondern aus Beton gegossen und links und rechts gab es grünliche Geländer, auf die ich mich bequem lehnen konnte. Das wirkliche Highlight war aber, dass sie ein wenig schwang. Man bekam immer das Gefühl, als würde man auf einem Schiff stehen und es ist ja auch so ähnlich. Ein Boot fährt von einem Ufer zu einem anderen und dieser Steg führte von einem Ufer zum anderen.

Es springen von hier aus sogar Menschen in den Fluss. Ich habe es nie gesehen und wenn ich so ins Wasser hinabblickte, erschien es mir geradezu wahnsinnig, aber dennoch wurde es getan. Ein wenig Verrücktheit schadet wohl nicht. Man sagt ja sogar Genies nach, dass sie ein wenig verrückt seien. Ich kann es nicht beurteilen, ich kenne kein Genie. Oder doch?

Wann und wie
wird ein Mensch zum Genie?

Vielleicht ist es eben gerade das: Man geht über diesen Steg, doch statt stur geradeaus zu gehen, dreht man sich nach links, hievt sich auf die Brüstung und springt ins Wasser. Und dann kommt man irgendwoanders heraus. Ein Geniesprung. Hin und wieder sollte man diesen Sprung wagen, scheint es mir. Hin und wieder sollte man dem Kopf die Möglichkeit geben, dass 3 mal 3 gleich 6 gibt, Lady Langstrumpf würde mir zustimmen.

Traumtänzer

„Du tanzt überhaupt nicht mehr…oder zumindest nur noch schlecht“, hattest du gesagt und es traf mich. Der ganze Streit hätte mich wohl kalt gelassen, aber das traf mich tief. Als wir uns vor Jahren kennenlernten, war ich immer dein Traumtänzer. Unsere Freunde dachten meist, du nanntest mich so, weil ich so oft träumte, aber wir wussten, dass ich der Tänzer deiner Träume war. Das Träumen habe ich mittlerweile fast verlernt und das Tanzen anscheinend auch. Stehe ich jetzt etwa auch so stocksteif zwischen den blitzenden Lichtkegeln und bewege mich merkwürdig zu den tiefen Bässen, die mir früher durch den ganzen Körper fuhren und sich in extatischen Bewegungen entluden, mich gleich einem Seiltänzer durch die Mengen gleiten ließen? Wann habe ich aufgehört zu tanzen, war es der gleiche Tag, an dem ich meine Träumerei aufgab? War es der Tag, als ich im Anzug zur Arbeit ging und des Abends müde auf die Couch fiel? Es muss jene Zeit gewesen sein und es wird Zeit. Zeit, sich das dreckige Geschirr zu nehmen und es wegzuschmeißen. Zeit, die verstaubten Regale zu zersägen und vor die Tür zu legen. Zeit, die vergilbten Tapeten mitsamt den Mauern einzureißen. Zeit, den erschöpften Menschen vor die Tür zu setzen. Wenn wir uns noch einmal begegnen sollten, dann wirst du wieder dem Traumtänzer begegnen, doch nun muss ich los und schauen, wo ich die Tanzfläche finde, die mich wieder innerlich erzittern lässt.