Wo die Welt noch in Ordnung ist (1)

Kennt ihr diese Orte, die einen betrüben? Orte, die nachdenklich machen, weil sie zerfallen sind und kaum jemand sie bewohnt? So einen Ort fand ich, als ich mich mal wieder auf meinen inneren Kompass verließ und statt der Autobahn dieses kleine Kaff ansteuerte, welches früher mal ein gemütliches Touristendörfchen an der See gewesen sein mag, doch mittlerweile nur noch heruntergekommene und baufällige Häuser aufwies. Ein alter Mann blickte mich verkniffen an, er trug einen Blaumann und ein T-Shirt, welches womöglich mal weiß gewesen sein mag. Ich hielt an, um ihn nach dem Weg zu fragen: „Guten Tag, ich habe mich verfahren. Wie komme ich am schnellsten zur Autobahn?“, fragte ich ihn, doch er drehte sich nur wortlos um und ging über die Garageneinfahrt wieder in sein Haus. Ich blieb einen Moment an die Tür meines Autos gelehnt stehen und horchte in die Stille dieses Dorfes. Es war unheimlich ruhig. Ja, wirklich unheimlich. Ich schloss die Augen, um die Geräusche besser wahrzunehmen, doch statt einer inneren Ruhe stellte sich nur eine Paranoia ein, welche mir in den Kopf hämmerte, dass ich vermutlich gerade aus allen Häusern heraus angestarrt wurde und so setzte ich mich wieder in mein Auto und drehte den Autoschlüssel im Zündschloss herum. Das Brummen des Motors hatte mir noch nie so gut gefallen, wie in diesem Augenblick und ich folgte der Straße. Nach gut drei Kilometern fand ich einen verlassenen Freizeitpark. Es gab hier ein zerfallenes Riesenrad und ein paar kleine Häuschen. Diese Zuflucht lag direkt am Meer und nachdem ich meinen Wagen abgestellt hatte, zog es mich als erstes zum Steg hin, der noch immer ins Meer hinauszeigte. Er war aus Beton, seine Beine jedoch zeigten die rötlichen Rostspuren vom Metall. Endlich ein Geräusch, welches ich genießen konnte und so sog ich die frische Luft ein, um meine Nase und meine Lunge von dem ganzen Dreck zu reinigen, den ich tagtäglich einatme. Ich setzte mich ganz vorn an den Steg und schloss meine Augen. Dieses Mal mit dem Gefühl von Freiheit und Frieden. Ich legte mich auf den Rücken, während meine Beine vorn über dem Steg hingen. Das Gefühl für Zeit ging mir verloren, bis ich vom Knirschen der Kieselsteine geweckt wurde. Jemand näherte sich.

Ein Kutter aus Kalkutta. Teil 8 – Zwischen den Kontinenten. Inmitten der Kulturen

Zum Beginn der Geschichte

Die Stadt am Bosporus erschlug mich. Was für eine Masse an Stadt, Kultur und Menschen. Die Architektur erinnert mich an die Menschen in Hamburg. Der alte Ehrenwerte sitzt neben dem heruntergekommenen, schlaksigen und jungen Kerl in knallbunten Klamotten. Sie geben ein ungleiches Paar ab, aber sie sitzen friedlich beieinander und trinken ihr Bier oder ihren Tee, je nachdem ob man in Hamburg sitzt oder durch die Gassen Istanbuls zieht.

„Kennst du das, wenn du morgens aufwachst und dich fragst, in welchem Leben du eigentlich steckst?“, fragte ich Pete. „Nö. Für mich ist die Welt ein riesengroßer Spielplatz, auf dem ich ständig Neues erlebe und Menschen kennenlerne.“ „Mir geht es da gerade anders. Ich weiß gar nicht, zu wem das Leben bisher gehörte. Dieses hier fühlt sich nach mir an.“ „Dann lebe doch auf diese Weise. Hör auf darüber zu reden und nachzudenken und mach es einfach“, sagte Pete in einer sehr ruhigen Art. Er redete mir gut zu.

Istanbul wäre ein guter Anfang. Wie offen und liberal der Umgang hier war, das war es doch, wonach ich suchte. Oder Bulgarien, da hatte ich doch auch schon eine Heimat gefunden, aber statt zu bleiben, lief ich weiter. Die Reise sollte bis Indien gehen, das beschloss ich in dem Moment und dann würde ich weitersehen.

Teil 9